Bewährung beim großen Bruder

September 2010   —   Das ZDF-Hauptstadtstudio hat seit einigen Wochen zwei neue Gesichter. In der Nachfolge von Peter Hahne und dem geschmeidigen Peter Frey – der jüngst zum Chefredakteur aufrückte, um den politisch missliebigen Nikolaus Brender zu ersetzen – heißen die neuen Politik-Erklärer nun Bettina Schausten und Thomas Walde. In ihrer Sendung „Berlin direkt“ interpretieren die beiden abwechselnd jeden Sonntagabend in schneidigem Ton das aktuelle Hickhack zwischen Kanzleramt und Bundestag, dabei stets bemüht, sich den Anschein von unbestechlichem und kritischem Journalismus zu geben.

Schausten begann ihre Karriere als persönliche Referentin vom damaligen ZDF-Chefredakteur Klaus Bresser und lernte dort bereits früh die feinen Mechanismen von Medien und Macht kennen. Walde war von 2002 bis 2007 Washington-Korrespondent des Senders; ähnlich übrigens der ZDF-Ikone Claus Kleber, die vor ihrem Karrieresprung zum Leiter des „Heute-Journals“ viele Jahre in der amerikanischen Hauptstadt Dienst tat.

Bei näherer Betrachtung scheint der mehrjährige Aufenthalt in den USA interessanterweise eine Art Schlüsselqualifikation für Führungspositionen in den etablierten Medien zu sein. Neben Walde und Kleber vom ZDF passt auch der Chef des ARD-Pendants „Tagesthemen“ in dieses Raster. Tom Buhrow war unmittelbar vor seinem Aufstieg zum öffentlich-rechtlichen Deuter des Weltgeschehens von 2002 bis 2006 Leiter des Washingtoner Büros der ARD. Eine Art Bewährung beim großen Bruder?

Man ist geneigt, an vergangene Ostblockzeiten zu denken, als auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs ein Studium in Moskau Türöffner für Chefposten daheim war. Zumal das Muster sich bis in den Printbereich der deutschen Medien verfolgen lässt. „Spiegel“-Chef Georg Mascolo, der 2008 Stefan Aust beerbte, war von 2004 bis 2007 Korrespondent des Blattes in der US-Hauptstadt. Und auch Hans Werner Kilz von der – unter Journalisten noch renommierteren – „Süddeutschen Zeitung“ wirkte direkt vor seinem Sprung auf den Chefredakteursposten 1996 ein Jahr als Fellow am „Center for International Affairs“ der Harvard University. Jan-Eric Peters schließlich, seit 2010 Chef der „Welt“-Gruppe, kann ebenfalls auf offenbar notwendige Amerika-Erfahrungen verweisen – als Stipendiat des „German Marshall Fund Of The United States“, einer Lobby-Stiftung zur „Förderung der transatlantischen Beziehungen“. Ein weiterer Förderer dieser Beziehungen ist bekanntermaßen der „Zeit“-Chef Josef Joffe, der in den 60er Jahren sogar in den USA studierte und nun neben seiner publizistischen Führungsrolle in zahlreichen Ämtern glänzen kann, wie zum Beispiel im Aufsichtsrat der Goldman Sachs Foundation New York, oder als Kurator beim transatlantischen Aspen-Institute.

Die deutschen Leitmedien scheinen auf diese sanfte und zugleich sehr effektive Weise einer Linie verpflichtet, die man früher unter umgekehrten Vorzeichen vielleicht als „moskautreu“ bezeichnet hätte.

(Dieser Artikel wurde in Heft 19/2010 der Zeitschrift „Ossietzky“ veröffentlicht.)

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