Diplomat des Geldes

Zum Tod von Richard Holbrooke

15. Dezember 2010   —   Ein Riss in der Hauptschlagader beendete das Leben einer der schillerndsten Figuren in der amerikanischen Außenpolitik. Der Stress, unter dem Richard Holbrooke bis zuletzt stand, muss gewaltig gewesen sein. Als Sonderbeauftragter der US-Regierung für Afghanistan und Pakistan spielte der 69-Jährige eine Schlüsselrolle. Präsident Obama, der noch in dieser Woche dem Kongress eine lange angekündigte Bilanz zum Einsatz am Hindukusch vorlegen will, trifft die Todesnachricht damit zum denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Denn in den USA sinkt der öffentliche Rückhalt für den nach 9/11 begonnenen Krieg immer weiter.

Der Lebenslauf des Karrierediplomaten ist dabei auch ein Musterbeispiel für die Doppelbödigkeit amerikanischer Politik. Viele Nachrufe auf den am 13. Dezember Verstorbenen lassen solche mehrdeutigen Betrachtungen eher außen vor und pflegen stattdessen einen glorienvollen Ton. Die „Washington Post“ etwa lobte seinen „großzügigen Geist“ und seine „unermüdliche Arbeit für amerikanische Führung“. Präsident Obama bezeichnete Holbrooke in einer offiziellen Stellungnahme gar als „Giganten“, der Amerika stärker und sicherer gemacht habe. Rund um den Globus gäbe es Millionen von Menschen, deren Leben er gerettet und bereichert hätte. Große Worte. Da wollte wohl auch die „Süddeutsche Zeitung“ nicht nachstehen und titelte donnernd: „Tod eines Titanen“.

Holbrookes Leben ist allerdings spannend. 1941 geboren, startete er nach einem Geschichts- und Politikstudium im diplomatischen Dienst. Seine erste Station führte ihn dabei ab 1963 für mehrere Jahre nach Vietnam. Offiziell zuerst für die staatliche Entwicklungshilfeorganisation USAID (die im Ruf steht, zu dieser Zeit in vielen Ländern als Tarnorganisation der CIA gedient zu haben). Danach wurde Hoolbroke in Saigon zum Mitarbeiter der Botschafter Henry Cabot Lodge Jr. sowie Maxwell Taylor, zweier Männer, die damals zur obersten Elite der USA gehörten. Während der Zeit in Saigon teilte sich Holbrooke ein Zimmer mit dem etwa gleich alten John Negroponte, der später eine ganz ähnliche Karriere einschlagen sollte (und in den 80er Jahren unter anderem in die Iran-Contra-Affäre verwickelt war).

Bereits mit Mitte 20 arbeitete Holbrooke von 1966-68 für das Weiße Haus und schrieb unter anderem einen Band der „Pentagon Papers“, deren Enthüllung wenige Jahre später für eine nationale Krise sorgte. Anschließend war er für einige Zeit Mitglied der US-Delegation bei den Vietnam-Friedensverhandlungen in Paris. Dort fädelte Henry Kissinger ganz eigene Geschäfte ein und hintertrieb hinter den Kulissen einen raschen Friedensschluss. Enger Mitarbeiter Kissingers in Paris war dabei übrigens auch Holbrookes alter Zimmergenosse Negroponte. Mit knapp 30 waren die beiden jungen Männer damit im Zentrum der Macht angekommen und mit vielen schmutzigen Tricks bereits vertraut.

In den 70er Jahren folgte für Holbrooke ein Intermezzo bei den Medien, als Mitherausgeber der Zeitschriften „Foreign Policy“ und „Newsweek“. Sodann beriet er den Präsidentschaftskandidaten Jimmy Carter zum Thema Außenpolitik. Nach Carters Sieg wurde er rasch Abteilungsleiter im Außenministerium für Ostasien und den Pazifik, der Jüngste, der jemals diesen Posten innehatte. In dieser Funktion führte ihn 1977 auch ein Abstecher nach Indonesien, wo er mit Diktator Suharto, der während seiner Herrschaft hunderttausende umbringen ließ, Gespräche führte. Es galt dafür zu sorgen, dass die US-Militärunterstützung für Indonesien nicht durch aufflammende Menschenrechtsdiskussionen zu sehr in Gefahr geriet.

Das Management von außen- und sicherheitspolitischen Fragen für demokratische Präsidentschaftskandidaten sollte eine Konstante in Holbrookes Laufbahn werden. Spätere „Kunden“ waren Bill Clinton, Al Gore, John Kerry und Hillary Clinton, die ihn wahrscheinlich alle – im Falle des jeweiligen Wahlsieges – zum Außenminister gemacht hätten.

Zwischendurch aber, in den 80er Jahren, als die Republikaner das Weiße Haus besetzten, ging es erst einmal durch die berühmte Drehtür in die Wirtschaft – zum großen Geldverdienen. Holbrooke wurde 1981 Berater, und von 1985 bis 1993 sogar Chef einer der bekanntesten Investmentbanken: Lehman Brothers.

Als Banker und Privatbürger reiste er 1992 auch nach Bosnien und forderte eine härtere politische Gangart: „Bosnien wird ein wichtiger Test für die amerikanische Politik in Europa.“ Das war zwar auf die Frage der Flüchtlinge gemünzt, doch konnte man es auch anders interpretieren. Als 1993 mit Bill Clinton wieder ein Demokrat in Washington einzog, wanderte der schillernde Holbrooke jedenfalls zurück in die Politik – und für ein Jahr als Botschafter nach Deutschland. Von hier aus bereitete er die NATO-Osterweiterung vor und gestaltete die Jugoslawienpolitik – mit den bekannten Ergebnissen. 1995, als Abteilungsleiter Europa im US-Außenministerium, handelte er das Friedensabkommen von Dayton aus und wurde anschließend Clintons Sondergesandter für den Balkan. Dass er ein Jahr später in einer Geheimverhandlung dem Serbenführer Karadzic Immunität zugesichert haben soll, dementierte Holbrooke zwar, doch wäre ein derartiger Deal durchaus denkbar.

1997 ging es für den agilen Manager, neu verheiratet, dann wieder nach New York, abermals zum Geldverdienen, diesmal als Vizechef der Großbank Credit Suisse First Boston. Holbrooke war nun Ende 50, und versuchte die Ernte seines anstrengenden Lebens einzufahren. 2001 wechselte er zur Investmentbank Perseus, und in den Vorstand der AIG, jenes gigantischen Versicherungskonzerns, der Ende 2008 die Weltwirtschaft kurz vor den Kollaps brachte. Die US-Regierung musste AIG am Ende mit 150 Milliarden Dollar Steuergeldern verstaatlichen. Holbrooke war schon im Juli 2008 rechtzeitig aus dem Unternehmen ausgestiegen.

Doch bekam er Anfang 2009 schon den nächsten – und letzten – Job: „Sonderbeauftragter für Afghanistan und Pakistan“. Der Krieg dort verschlang schließlich noch weit größere Summen, als die AIG-Rettung. Letztlich war Holbrooke vielleicht vor allem in dieser Hinsicht der „Gigant“, als den Präsident Obama ihn zu verklären suchte. Ein Manager von Macht und Geld.

(Dieser Artikel wurde in der Online-Ausgabe der Zeitschrift „Hintergrund“ veröffentlicht.)

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