Geordneter Übergang

Auf dem Weg zur unbewussten Gesellschaft

Mai 2009   —   Es ist viel Aufregung in der Luft in diesen Monaten. Die Krise frisst sich langsam und unerbittlich durch die gesamte Wirtschaft. Medien und Politik wirken verunsichert. Einige warnen schon vor sozialen Unruhen, die Bilder hunderter brennender Autos in Pariser Vororten im Kopf. Doch schaltet man den Fernseher aus und klappt die Zeitung zu, ist von Unruhe nicht viel zu spüren. Die Leute gehen ihrer Arbeit nach, so sie denn welche haben, und werden der Politik gegenüber eher noch unbeteiligter. Dass die Oppositionsparteien im Bundestag sich mühsam geeinigt haben, einen Untersuchungsausschuss zur Hypo Real Estate einzurichten, ist in der Öffentlichkeit praktisch kein Thema. Ein paar Milliarden mehr oder weniger in den Sand gesetzt, was macht das schon, so die unausgesprochene Stimmung im Land. Der Widerspruch zwischen veröffentlichter Unruhe und realer Lethargie ist erklärungsbedürftig.

Doch erscheint dieses Paradox vielleicht weniger verwunderlich, wenn man es als simple Spiegelung anderer Widersprüche begreift, die längst klaglos akzeptiert werden. Beispiel Medienenthüllungen. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht fleißige und kompetente TV-Journalisten von „Frontal21“ bis „Monitor“ einen neuen Großskandal aufdecken. Pharmalobby, Korruption, Waffenhandel, Pflegenotstand … (Fast) alles wird investigativ durchleuchtet und öffentlich-rechtlich ausgestrahlt. Pressefreiheit eben. Merkwürdig nur, dass den Enthüllungen zumeist wenig reale Konsequenzen, juristische Aufarbeitungen oder gar Gesetzesänderungen folgen. Alles sumpft weiter vor sich hin. Jeder weiß es, die meisten akzeptieren es.

Die öffentlichen Foren von „Anne Will“ bis „Maybrit Illner“ legen zwar oft den Finger in die Wunde, doch immer öfter halten sie ihn vorher in den Wind. So koordinieren die Meinungsmacher eine Abfolge von Krisenhypes, deren Zuschauer am Ende der launigen Debatten selten klüger sind als zuvor. Der Ablauf ist bekannt. „Spiegel“ oder „Bild-Zeitung“ generieren ein Titelthema, die großen Talkshows steigen ein und zum Schluss füttert das TV-Feuilleton von „Kulturzeit“ bis „Zapp“ die Intellektuellen mit einer Art Meta-Kommentar: dem ironisch gebrochenen Bericht zum Bericht. Zurück bleibt Beliebigkeit. Im Ergebnis wird die freie Presse durch ihre gesellschaftliche Folgenlosigkeit mehr und mehr zur Alibi-Veranstaltung.

Wichtige Kennziffern der Gesellschaft bleiben in der polyphonen Aufregung des derzeitigen Vorwahlkampfs zudem seltsam unbeachtet. Der als „Mr. Dax“ durch viele Fernsehauftritte bekannte Börsenhändler Dirk Müller weist in seinem lesenswerten Buch „Crashkurs“ zum Beispiel nach, dass die reale Inflation in Deutschland schon 2007 bei atemberaubenden 9,8 Prozent lag. Was auch einer der Gründe für Ackermanns surreal hoch erscheinenden Renditeziele sei. Die Leute an der Spitze wüssten um diese Wahrheit, die dem Volk verborgen bleibe, und würden die Entwertung, die in Wahrheit eine gigantische Umverteilung ist, einfach „einpreisen“.

Der TV-Bericht zu dieser Enthüllung steht allerdings noch aus. Stattdessen beruhigt die Kanzlerin ihr Volk, wie zuletzt beim sogenannten „Townhall-Meeting“, einer Co-Produktion von RTL und „Spiegel“, bei der Bürger ihr direkte Fragen stellen konnten. Die Atmosphäre war seltsam brav, Merkel unterstrich ihre Glanzlosigkeit durch Ratschläge im Behördenjargon – und erhielt dafür Beifall. Botschaft: Die Kanzlerin schwebt über den Niederungen des Wahlkampfs, kümmert sich zugleich aber persönlich. Man kennt diesen Stil bereits von Berlusconi.

Parallel läuft mit großem Eifer eine geradezu grotesk anmutende Debatte zu einem vor 20 Jahren untergegangenen „Unrechtsstaat“. Wer hierin eine Ablenkung vermutet, handelt sich schnell den Vorwurf der Verschwörungstheorie ein. Doch allem Anschein nach ist die Themensetzung nichts weiter als dies: eine Ablenkung, Zerstreuung, Verschiebung der Aufmerksamkeit. Beim Übergang zur unbewussten Gesellschaft sind wir schon ein gutes Stück vorangekommen. Oder waren wir etwa nie woanders?

Gerade die in diesem Jahr vielbeschworene Erinnerung an 1989 und die lebendige Bürgerbewegung zeigt das ganze Ausmaß des derzeitigen Versagens. Die unbewusste Gesellschaft ist sich über die Ursachen ihrer Probleme nicht mehr im Klaren. Dies ist zum Teil sicher selbstverschuldet durch mangelndes Interesse des Einzelnen. Die Entwicklung wird aber natürlich begünstigt durch diejenigen, die vom Nichtwissen, Falschwissen und Desinteresse profitieren. Ein Zufall, dass einem da zuerst die Banken einfallen?

Börsenhändler Müller, der durch bodenständige Sachlichkeit auffällt und auch nicht im Verdacht steht, mit der Linkspartei zu sympathisieren, bezeichnet den zugehörigen Komplex in seinem Buch übrigens stets als „Finanz- und Machthydra“.

Die Feierlichkeiten zum Jahrestag der Staatsgründung verlaufen derweil geordnet und bieten wenige Gründe zum Jubel – umso mehr Anlass zur Rückbesinnung auf den Geist von 1989.

(Dieser Artikel wurde im Online-Journal „Telepolis“ veröffentlicht.)

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