Krieg oder Frieden

Die Bundeswehr verstrickt sich weiter am Hindukusch. Welche Ziele verfolgt die „internationale Gemeinschaft“?

Dezember 2008   —   Aktuellen Medienberichten zufolge plant die Nato, die Stärke der schnellen Eingreiftruppe (Quick Reaction Force) in Nordafghanistan zu verdreifachen. (1) Seit Juli stellt die Bundeswehr diese Eingreiftruppe, die ausdrücklich aktive Kampfoperationen ausführt. Zwar ist bisher noch offen, welches Land die zusätzlichen Soldaten stellt (das Verteidigungsministerium dementiert eine deutsche Aufstockung), doch die Richtung der Planungen stimmt bedenklich.

Immer mehr gerät dabei auch Pakistan ins Blickfeld westlicher Strategen. Nach den Anschlägen im indischen Bombay verstärkt sich der öffentliche Druck auf das Nachbarland. Exemplarisch betonte US-Außenministerin Rice vor wenigen Tagen bei einem Besuch der Region: „Pakistan spielt eine entscheidende Rolle dabei sicherzustellen, dass diese Terroristen nicht weiter operieren können.“ (2)

Doch was passiert wirklich in Pakistan? Vor Ort recherchiert hat Dexter Filkins, ein Journalist des „New York Times Magazine“, der in seinem aktuellen Buch „The forever war“ die Post-9/11-Krisenherde aus eigener Anschauung beschreibt. In einer in diesen Tagen in der „Geo“ erschienenen Reportage schildert er, warum der sogenannte „Antiterrorkampf“ in Pakistan nicht vorankommt. Von einem Gespräch mit einem Informanten, der verschiedene hohe Ämter in der pakistanischen Regierung bekleidet hat und nun im Ruhestand ist, berichtet Filkins:

„Die Taliban am Leben zu erhalten, sagt er, sei für Pakistan die sicherste Methode, weiterhin in den Genuss der Finanzzuschüsse aus den USA für den Antiterrorkampf zu kommen. Seit 2001 hat die amerikanische Regierung zehn Milliarden US Dollar an die Verbündeten in Islamabad überwiesen. `Ohne dieses Geld würde die pakistanische Wirtschaft zusammenbrechen´, sagt der ehemalige Beamte. `Wir können es uns schlicht nicht leisten, die Taliban endgültig zu besiegen.´“ (3)

Immerwährender Krieg als Finanzquelle? Stimmen im Westen fordern nun, mit Hilfe der Stammesführer einen Keil zwischen Bevölkerung und Extremisten zu treiben. Doch auch die Stammesführer sind wohl an vielen Stellen eher Teil des Problems. Denn die Kämpfe in der afghanisch-pakistanischen Grenzregion haben auch eine soziale Dimension. Filkins schreibt:

„Es ist den Islamisten vermutlich nicht allzu schwergefallen, die Maliks (Stammesführer) zu verdrängen. Viele Pakistani hegten längst einen tiefen Groll gegen das überkommene Malik-System mit seinen erblichen Privilegien. Die Taliban und ihre Kämpfer kommen dagegen meist aus dem einfachen Volk. (…) Überall in der FATA-Region (den Stammesgebieten) erzählen mir die Menschen Robin-Hood-Geschichten über die Taliban: Wie sie die Reichen und Mächtigen in einem Dorf vor ein `Laster-und-Tugend-Gericht´ gezerrt haben, damit sie den Armen geben, was ihnen zusteht. Unter der Herrschaft der Maliks gab es so etwas nicht. Den Aufstieg der Taliban nehmen viele Pakistani in der FATA nicht als Bedrohung durch Fanatiker wahr – sondern als eine soziale Revolution zugunsten der kleinen Leute.“

Darüber liest man hierzulande eher selten. Es sind Informationen, die schlecht ins Bild passen. Ohne diese zu berücksichtigen, dürfte es allerdings schwer werden, Extremisten langfristig erfolgreich das Wasser abzugraben. Doch wollen das die verantwortlichen Strategen im amerikanischen Sicherheitsapparat überhaupt? Einiges spricht dagegen. Zum Beispiel die Erkenntnisse eines anderen Kenners der Region: Christoph R. Hörstel. Der ehemalige ARD-Mitarbeiter bereist seit über 20 Jahren die Region und arbeitete zuletzt als Coach im Fach „Landeskunde Afghanistan“ für Führungskräfte der Bundeswehr-ISAF-Truppe. In seinem kürzlich erschienenen Buch „Brandherd Pakistan“ schreibt er:

„Wir müssen uns darüber klar sein, dass am Hindukusch, in Zentralasien, mitten zwischen Iran und China, die Feststellung `mission accomplished´ eine Art Horrorvorstellung für amerikanische Interessenvertreter darstellt: Denn in diesem Fall müssten die USA ihre Truppen zurückziehen. Und dann macht Asien sich sozusagen `selbständig´. Der Iran stellt seine Energierohstoffe chinesischen Abnehmern zur Verfügung, abgerechnet werden diese Lieferungen bereits heute nur noch zu 40% in US-Dollars – und dann haben die USA tatsächlich Macht und Einfluss verloren.“ (4)

Überlegungen, die in diametralem Widerspruch zur offiziell verlautbarten Position der USA stehen. Immerhin verkündete Barack Obama schon Monate vor seiner Wahl zum US-Präsidenten, dass er etwa 7000 zusätzliche Soldaten in die Region entsenden wolle – natürlich zur Terrorbekämpfung. O-Ton Obama: „Ich glaube, dass hier der Hauptfokus, die Hauptfront im Kampf gegen den Terrorismus sein muss.“ (5)

Bereits zu Beginn dieses Jahres legte zudem der regierungsnahe deutsche Think Tank „Stiftung Wissenschaft und Politik“ (SWP) in einer Studie nahe, Deutschland müsse „die Aufstandsbekämpfung als neue Einsatzrealität akzeptieren“. (6) Ein SWP-Mitarbeiter antwortete dem Autor dieses Artikels im persönlichen Gespräch auf die Frage, warum seiner Meinung nach die USA diesen Krieg eigentlich führen würden, schlicht: dafür werde er nicht bezahlt.

Die realen Kriegsgründe und einige unangenehme Wahrheiten hat nun Hörstel im Detail recherchiert. Er fasst zusammen: „Zur Legitimierung ihrer militärisch durchgesetzten strategischen Hegemonialinteressen in Asien lassen die USA heimlich über pakistanische Geheimdienste ihre Gegner hochpäppeln, die sie gleichzeitig durch gewaltsame Eingriffe zu steuern versuchen. Dieses Doppelspiel sichert den ständigen Zuwachs an eigenen und verbündeten Truppen in der Region, die dann dazu benutzt werden, weitergehende geschäftliche Ziele zu erreichen. (…) Im Juni 2008 sprach ich nach längerem Vorlauf am Telefon und über e-mails mit einem regelmäßigen Teilnehmer der wöchentlichen `Geheimdienst-Lage´ im Bundeskanzleramt. Dort berichten alle Dienste über ihre Erkenntnisse. Als ich fragte, ob denn der BND über diese Doppelpolitik der USA informiert sei, den Krieg am Hindukusch heimlich zu befördern, um ihn offen ausweiten zu können, senkte mein Gegenüber den Kopf, sah plötzlich sehr müde aus und gab völlig schnörkellos zu: `Ja, wir wissen das.´“ (4)

Die gute Informationslage der Bundesregierung verwundert kaum, ist doch der BND in Afghanistan traditionell sehr aktiv, „bis an die Grenzen des Verträglichen“, wie der „Spiegel“ im April 2008 schrieb und nebenbei enthüllte: „Als im November 2001 auf dem Petersberg bei Bonn 38 afghanische Politiker und Stammesvertreter unter Führung der Uno zusammenkamen, `wurde manchem von uns ganz flau im Magen´, erinnert sich ein Geheimer: Die Anzahl der BND-Zuträger bei der Tagung ging in den zweistelligen Bereich, mehrere der Minister aus Hamid Karzais Übergangsregierung führte der Dienst als V-Leute.“ (7)

Nicht nur Christoph Hörstel fragt sich angesichts all dessen: „Wie bekommen wir nur unsere Abgeordneten dazu, diesen Wahnsinn nicht mehr mitzumachen?“

(Dieser Artikel wurde in leicht aktualisierter Form auch in Ausgabe 01/09 der Zeitschrift „Ossietzky“ veröffentlicht.)

Anmerkungen:

(1) Tagesspiegel, 06.12.2008
(2) FAZ, 04.12.2008
(3) Geo, Dezember 2008, „Im Grenzland des Terrors“
(4) Christoph R. Hörstel, „Brandherd Pakistan“, 2008, S.191, 281f, 296
(5) Reuters, 21.07.2008
(6) SWP-Aktuell „Strategien zur Aufstandsbekämpfung“, Januar 2008
(7) Der Spiegel, 28.04.08, „Außer Kontrolle“

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