Und ewig streikt der Zünder

Nichtexplodierte Bomben am Times Square und anderswo

Mai 2010   —   Am 1. Mai war es wieder soweit: ein versuchter Terroranschlag in einer westlichen Metropole. Diesmal lag die selbstgebastelte Bombe in einem Auto am belebten New Yorker Times Square. Wurde ein Blutbad also erneut knapp verhindert? Bürgermeister Bloomberg betonte vor laufenden Kameras jedenfalls, man habe großes Glück gehabt. Denn der Geländewagen war gefüllt gewesen mit Propangasflaschen und Benzinkanistern. Die New York Times (1) berichtete einige Einzelheiten: So sei das Auto mit laufendem Motor und eingeschalteter Warnblinkanlage schräg auf dem Bordstein des von Touristen überlaufenen Times Square geparkt gewesen, dazu sei Rauch aus den Fenstern aufgestiegen. Dann habe man kleinere Kracher aus dem Wageninneren vernommen – entzündete Feuerwerkskörper, wie sich später herausstellte. Die Täter legten es rätselhafterweise also geradezu darauf an, dass ihr Auto vorzeitig bemerkt wurde. Und waren – wieder einmal – nicht in der Lage, ihr bedrohliches Gebräu tatsächlich zur Explosion zu bringen.

Das weckt Erinnerungen an eine ganze Reihe von gescheiterten Anschlägen der letzten paar Jahre, für die allesamt „Islamisten“ verantwortlich gemacht wurden. Im Juni 2006 zum Beispiel hatte ein Anschlagsversuch im kanadischen Toronto für ähnliche internationale Schlagzeilen gesorgt. (2) Den ersten Meldungen zufolge hatte die Polizei dort 17 Terroristen verhaftet, sowie drei Tonnen Ammoniumnitrat beschlagnahmt, aus denen eine Bombe gebaut werden sollte. Die Sicherheitskräfte wären gerade noch rechtzeitig eingeschritten, bevor die Gruppe ihre Pläne in die Tat habe umsetzen können, so der internationale Medientenor. Auf einer Pressekonferenz wurde erklärt, dass die Verdächtigen (allesamt Araber) Anschläge im Süden Kanadas geplant hätten, wenn auch keine konkreten Ziele genannt werden könnten. Auch könne nicht gesagt werden, für wann die Anschläge geplant gewesen seien.

Eine der größten kanadischen Zeitungen, der „Toronto Star“, brachte bald weitere überraschende Neuigkeiten. (3) Deren Recherchen zufolge war die Lieferung der drei Tonnen Ammoniumnitrat nämlich Teil einer Undercover-Operation der Polizei, von ihr komplett eingefädelt. Die Polizei hatte Verkauf und Transport des Bombenmaterials kontrolliert. Erst, als der Deal abgeschlossen war, schritt sie ein und verhaftete die Beteiligten. Auf der ursprünglichen Pressekonferenz war diese Information allerdings verheimlicht worden. Verständlich, denn so stellte sich die Angelegenheit doch in einem anderen Licht dar. Es drängte sich die Frage auf, inwieweit die komplette Gruppe von Geheimdienst und Polizei unterwandert und ferngelenkt worden war. Inwieweit man also gewissermaßen von „Phantom-Terroristen“ sprechen konnte, die für eigene Ziele benutzt wurden. Soweit der Fall in Toronto im Juni 2006.

Nur einen Monat später wurde Deutschland von den sogenannten „Kofferbombern“ heimgesucht. (4) Ganze Züge hätten sie sprengen wollen, doch auch hier: Zünderversagen. Im Sommer 2007 schließlich war der Flughafen von Glasgow Schauplatz nicht explodierter Autobomben. (5) Es folgte im September 2007 in Deutschland die Festnahme der „Sauerlandzelle“. Erneut ging es um große Zerstörungspläne, doch explodieren tat wieder mal nur eines – das Medienecho. Dumm nur, dass „Spiegel“ und „Stern“ ein Jahr später recherchierten dass die (funktionsunfähigen) Zünder von einem CIA-Spitzel geliefert worden waren … (6)

Schließlich im Dezember 2009, man erinnert sich, verbreitete der „Weihnachtsbomber“ Angst und Schrecken in den USA. Ein ganzes Flugzeug wollte er angeblich zum Absturz bringen und schaffte es doch nur, seine eigene Unterhose zu entzünden. Das entsprechende Foto gab immerhin einen spektakulären Aufmacher für einige Zeitungen her. Für eine Begründung des US-„Engagements“ im Jemen zur Jahreswende reichte es dann aber auch noch. (7)

Seltsam und überaus rätselhaft, dass dieselben Dschihadisten, die in Pakistan beinahe täglich gewaltige Autobomben zur Detonation bringen, in Europa und den USA immer dieses Problem mit den Zündern haben …

Zynisch betrachtet könnte man (ausgehend von der Hypothese einer geheimdienstlichen Co-Steuerung der Planungen bzw. einem Mitwissen daran) allerdings auch von einem zivilisatorischen Fortschritt sprechen. Wenigstens im Westen müssen für die Fortsetzung der alliierten Kriegspolitik keine Menschen mehr sterben – wie noch 2001 in New York, 2004 in Madrid und 2005 in London.

Oder ist der Fortschritt doch nur psychologischer Natur, und somit noch abgefeimter? Ist den Menschen hier durch reale Anschläge in New York, Madrid und London ein Pawlowscher Reflex antrainiert worden, der jetzt nur noch durch kurze Erinnerungen an die mögliche Gefahr abgerufen werden muss?

Der Times Square als Bühne eines großen Experimentes, das in endloser Wiederholung seit Jahren in den westlichen Metropolen zur Aufführung gebracht wird?

Dass die Bombe in New York eine reale Gefahr war, bezweifeln jedenfalls auch Experten. Die New York Times zitiert unter anderem den ehemaligen Chef des Bombenentschärfungsteams der New Yorker Polizei: Wenn die „Bombe“ funktioniert hätte, so Kevin B. Barry, „wäre es eher zu einem feuerähnlichen Ereignis gekommen“, als einer Explosion. (1) Und erstaunlicherweise gab einen Tag später sogar Bürgermeister Bloomberg vorsichtige Entwarnung: Al-Qaida stecke wohl eher nicht hinter dem Anschlagsversuch. (8)

(Dieser Artikel wurde in Heft 10/2010 der Zeitschrift „Ossietzky“ veröffentlicht.)

Anmerkungen:

(1) New York Times, 01.05.10
(2) CBC, 20.01.10
(3) Toronto Star, 04.06.06
(4) WDR, 15.04.08
(5) Stern, 30.06.07
(6) Telepolis, 13.03.10
(7) Focus, 30.12.09
(8) Reuters, 03.05.10

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