Cheneys Legenden

September 2011   —   Der ehemalige US-Vizepräsident Dick Cheney hat seine Autobiographie veröffentlicht – pünktlich zum zehnten Jahrestag von 9/11. Nachdem Bush mit seinen „Decision Points“ und Rumsfeld mit „Known and Unknown“ ihre Memoiren in den letzten Monaten bereits vorgelegt hatten, setzt Cheney als dritter im Bunde nun mit „In my Time“ seinen persönlichen Schlusspunkt.

Wenig überraschend beginnt er den Rückblick mit der Schilderung des 11. Septembers 2001, dem Datum, dass seinem Amt ein Gewicht verlieh, wie es kaum ein amerikanischer Vizepräsident je hatte. Erstaunlich allerdings: Cheney beginnt seinen Bericht mit einer nachweislichen Lüge. Erst um „kurz vor 10 Uhr“, so der Autor, habe er an jenem Morgen den Bunker unterhalb des Weißen Hauses betreten, mithin zum Ende der Anschlagsserie. (1)

Doch gerade diese Zeitangabe war und ist Gegenstand heftiger Kontroversen. So hatte der damals im Bunker anwesende Verkehrsminister Norman Mineta vor der „9/11 Commission“ eindeutig ausgesagt, dass Cheney sich bereits um 9.20 Uhr, also gut 40 Minuten eher, im Bunker befand. Minetas Erinnerung wird auf die Minute genau gestützt durch die mittlerweile öffentlichen Radardaten von Flug 77, auf dessen Anflug auf Washington sich der Verkehrsminister in seiner Aussage bezog. (2)

Die „9/11 Commission“ wusste sich mit Minetas gravierend abweichender Aussage nicht anders zu helfen, als sie aus ihrem Abschlussbericht zu streichen. Einzig im bis heute für jedermann abrufbaren 120 Seiten langen Transkript der 2. öffentlichen Anhörung der Kommission vom 23. Mai 2003 ist die delikate Zeitangabe noch dokumentiert – allerdings unbemerkt von den meisten Beobachtern. (3)

Cheney befand sich also eher im Bunker, viel eher, als er es auf den ersten Seiten seiner Memoiren glauben machen will. Er war dort als alleiniger Befehlshaber, während die Flüge 77 (Einschlag um 9.37 Uhr) und 93 (Absturz um 10.03) noch unterwegs zu ihren Zielen waren, zu einer Zeit, als die Abfangjäger vom Stützpunkt Langley noch nicht einmal ihre Startfreigabe bekommen hatten. Alle Macht – und alle eintreffenden Informationen – bündelten sich in diesen Minuten in seinen Händen. Bush war bekanntlich in Florida, Rumsfeld wiederum hatte seinen Posten verlassen und aus bis heute ungeklärten Gründen eine Krisenreaktion des Pentagons durch seine Abwesenheit bis nach 10.00 Uhr erschwert.

In die entscheidende halbe Stunde zwischen 9.30 Uhr und 10.00 Uhr, die Cheney in seinen Memoiren verschleiert, fiel auch eine weitere dramatische Entscheidung des Vizepräsidenten. Er startete das „Continuity of Government“-Programm, kurz COG. (4; 5) Ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der USA, der eigentlich einem Atomkrieg oder einer vollständigen Enthauptung der Regierung vorbehalten war. Der Start von COG führte zur Bildung einer Schattenregierung, über deren Existenz das Land monatelang im Dunkeln gelassen wurde. Erst im Frühjahr 2002 wurden der Notfallplan und seine andauernden Folgen öffentlich erwähnt, in einem Bericht der „Washington Post“ unter dem Titel: „Shadow government is at work in secret“. (6)

Zu all dem schweigt Cheney in seinen Memoiren, erwähnt lediglich, dass er im Kalten Krieg an COG-Planungen beteiligt war – was 2004 bereits durch den Journalisten James Mann öffentlich gemacht worden war. (7) Den Grund für diese Zurückhaltung kann man vielleicht einer anderen Aussage Cheneys nur ein paar Seiten weiter entnehmen: „Our commander in chief needed to be seen as in charge, strong and resolute -„, der Präsident hätte also als starker Mann „erscheinen müssen“. Cheney fügt zwar an: „- as George W. Bush was.“ (8) Doch eben das steht in Zweifel. Wie auch die Rolle des Vizepräsidenten an jenem Morgen.

(Dieser Artikel wurde in erweiterter Form im Juli 2012 im „Compact-Magazin“ veröffentlicht.)

Anmerkungen:

(1) Dick Cheney, „In my Time“, New York 2011, S. 2
(2) National Transportation Safety Board, 19.02.02, „Flight Path Study –
American Airlines Flight 77″

(3) 9/11 Commission, 2nd Public Hearing, 23.05.03, Transkript, S. 11
(4) 9/11 Commission Report, S. 38
(5) Brief Timeline of Day of 9/11 Events, drafted by White House
(6) Washington Post, 01.03.02, „Shadow Government Is at Work in Secret“, Barton Gellman und Susan Schmidt
(7) The Atlantic, März 2004, „The Armageddon Plan“, James Mann
(8) Dick Cheney, „In my Time“, New York 2011, S. 9

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