Die Welt der Vorstellungen

Dezember 2011   —   Vor 25 Jahren, am 29. Dezember 1986, starb einer der bedeutendsten russischen Filmregisseure des 20. Jahrhunderts – Andrej Tarkowskij. Sein Einfluss reicht dabei bis heute weit über sein Heimatland hinaus. Kollegen in vielen Teilen der Welt ließen sich von seiner Poesie und filmischen Vorstellungskraft anregen. Bekannt ist das Zitat von Ingmar Bergman, seinerseits ein gefeierter Erneuerer des europäischen Kinos, der voller Bewunderung bekannte, Tarkowskij habe sich völlig frei in einem Raum bewegt, in den er, Bergman, nur für kurze Momente habe hineinschlüpfen können.

Andrej Tarkowskij wurde 1932 als Sohn des populären russischen Dichters Arsenij Tarkowskij geboren, studierte in den 50er Jahren an der Moskauer Filmhochschule, und gewann gleich mit seinem Debüt „Iwans Kindheit“ den Goldenen Löwen bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig. Das Drama, in dem eindrucksvoll der Weg eines Kindes inmitten der Gewalt des Zweiten Weltkriegs nachgezeichnet wird, war noch weitgehend in einer traditionellen filmischen Dramaturgie erzählt, enthielt aber bereits die außergewöhnlich starken, oft traumähnlichen Bilder, für die Tarkowskij später berühmt wurde.

Doch schon mit seinem zweiten Film, der auf der Biographie eines russischen Ikonenmalers des 15. Jahrhunderts beruht, geriet er in heftigen Konflikt mit der sowjetischen Filmzensur. Dies wurde zur Kontinuität seines Schaffens in den 70er Jahren, also der Ära Breschnew. Egal, ob in dem erwähnten opulenten historischen Werk („Andrej Rubljow“), dem darauf folgenden Science-Fiction-Film „Solaris“ oder dem sich jedem Genre entziehenden „Spiegel“ – immer witterten die staatlichen Filmfunktionäre in Tarkowskijs Werken subversives Gedankengut, zögerten die Veröffentlichung hinaus und beschränkten den Vertrieb. Für die Zensoren war das oft ein Spagat, denn auf der anderen Seite wollte man sich mit dem preisgekrönten Regisseur international natürlich auch schmücken.

Tarkowskij, der in seine Filme regelmäßig die Gedichte seines Vaters einbaute, war jedoch an philosophischen und moralischen Fragen wesentlich stärker interessiert, als an Politik im Sinne von Herrschafts- und Karrierestreben. Als sein Hauptwerk gilt der 3-Stunden-Film „Stalker“ aus dem Jahr 1979, der Menschen auf der Suche beschreibt, allein in einer feindlichen, vergifteten, und mit Zäunen abgesperrten Umwelt, der sogenannten „Zone“ (die später manche als prophetische Vorwegnahme der Zone rund um Tschernobyl betrachteten). Wie auch immer, Tarkowskij griff, wie vielleicht jeder gute Künstler, den herrschenden Geist der Zeit auf, durchleuchtete ihn, verglich ihn mit den eigenen Maßstäben und verwandelte ihn in reduzierte Geschichten und Bilder, die sich dem Betrachter nachhaltig einprägen.

Sein Moralismus war dabei immer auch religiös gefärbt, was in der atheistischen Sowjetzeit zusätzlichen Sprengstoff bedeutete. Anfang der 80er Jahre reiste er nach Italien, wo er das in Teilen autobiographische Drama „Nostalghia“ drehte – mit Ingmar Bergmans Lieblingsschauspieler Erland Josephson in einer Hauptrolle. Tarkowskij blieb danach im Exil. Seiner Familie aber wurde die Ausreise aus der Sowjetunion verweigert. Nachdem er in Schweden schließlich seinen siebten Film „Opfer“ gedreht hatte, starb er im Dezember 1986, mit nur 54 Jahren, in einem Pariser Krankenhaus an Krebs.

Auch heute noch lesenswert und aufschlussreich sind seine Tagebücher, die unter dem selbstgewählten Titel „Martyrolog“ nach seinem Tod in zwei Bänden erschienen. Heute sind sie nur noch antiquarisch erhältlich. Sie zeigen einen Menschen, der versucht, zwischen Alltäglichem, wie Hausrenovierung, Ersatzteilbesorgung und immerwährendem Kampf mit der Bürokratie, seinen Lebensweg geradlining zu gehen. Und dem dabei sieben wunderbare Filme gelungen sind.

In seinem (einzigen) filmtheoretischen Buch „Die versiegelte Zeit“ schreibt er: „Das Wesen der Sache liegt darin, dass wir in einer Welt der Vorstellungen leben, die wir selber schaffen. Wir hängen von deren Unvollkommenheiten ab, aber wir könnten natürlich auch von ihren Vorzügen und Werten abhängen.“

(Dieser Artikel wurde in Heft 1/2012 des Magazins „Ossietzky“ veröffentlicht.)

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