Finale Seebestattung

Mai 2011   —   Nun ist er also tot. Und jeder fühlte sich anscheinend zu einem Kommentar verpflichtet. Kanzlerin Merkel bekannte, dass sie sich über die Ermordung freue. Auch Horst Seehofer freute sich. Einzig der Vatikan gab schon am Tag der Veröffentlichung den Spielverderber und mahnte, dass Christen beim Tod eines Menschen keine Freude empfinden sollten.

Man wusste tatsächlich nicht recht, was man von dem bizarren Theaterstück, das am 2. Mai 2011 auf den TV-Schirmen in aller Welt aufgeführt wurde, halten sollte. Amerikanische „Navy Seals“, so hieß es, hätten am Vorabend auf Anweisung ihres Präsidenten Osama Bin Laden zur Strecke gebracht – hingerichtet per Kopfschuss in seinem Haus in Pakistan. Sodann sei die Leiche des jahrelang als Phantom durch die Medien geisternden „Terrorfürsten“ blitzschnell auf den US-Flugzeugträger „Carl Vinson“ geflogen worden. Dort hätte man sie „nach islamischem Brauch“ gewaschen, in eine mit Gewichten beschwerte Tasche gesteckt und ins Arabische Meer plumsen lassen.

Wirklich erstaunlich. Da gelang es der US-Regierung nach zehn Jahren vergeblicher Suche, ihren ärgsten Feind endlich aufzuspüren – und dann fand man vor der Bestattung noch nicht einmal Zeit für einen Fototermin?

Das Weiße Haus bemühte sich bald um eine Klarstellung. Zwar gebe es Bilder, doch seien diese einfach zu schrecklich und abstoßend, um sie öffentlich zu machen. Die Erklärung verwundert. Denn offenbar wurde ja die gesamte Operation von den Spezialkräften selbst gefilmt und live zum Präsidenten übertragen. Somit müsste es auch Bilder geben, die Osama unmittelbar vor der Tötung zeigen. Warum aber werden selbst diese nicht veröffentlicht? Es bleibt Spekulation, doch die einzig denkbare Erklärung lautet: der Gesuchte hatte sich ergeben, hatte vielleicht sogar deutlich sichtbar die Hände gehoben. Solche Bilder müssten natürlich in jedem Fall zurückgehalten werden. Wer präsentiert schon selbst gern den Beweis, einen wehrlosen Menschen ermordet zu haben? Feierlichkeiten und Schulterklopfen ließen sich damit schwerlich rechtfertigen.

Das Fehlen von Bildern ist aber auch Wasser auf die Mühlen von anderen Skeptikern – wo doch schon seit Jahren das Gerücht kursierte, Bin Laden sei längst tot. Der amerikanische Autor David Ray Griffin etwa hatte 2009 sogar ein ganzes Buch mit dem Titel „Osama Bin Laden – dead or alive?“ veröffentlicht, in dem er die These aufstellte, der gesundheitlich angeschlagene Bin Laden sei bereits Ende 2001 ums Leben gekommen. Später in den Medien aufgetauchte Videobotschaften seien gefälscht worden. Nicht völlig unwahrscheinlich, weilte der schwer Nierenkranke, und auf Dialyse Angewiesene, doch Medienberichten zufolge bereits im Juli 2001 für zehn Tage in einem Krankenhaus in Dubai.

Doch wie dem auch sei, fest steht: Die Todesnachricht vom mythischen Bush-Antipoden kurz vor dem zehnten Jahrestag von 9/11 ist eine hochwillkommene Erfolgsmeldung für den US-Präsidenten. Barack Obama stand innenpolitisch zuletzt unter verbalem Dauerbeschuss. Regelmäßig wurde er verdächtigt, nicht amerikanisch genug zu sein. Die Hysterie ging vor kurzem sogar so weit, dass er sich gezwungen sah, seine Geburtsurkunde zu veröffentlichen, um ein für allemal die populäre These zu widerlegen, er sei eigentlich gar kein Amerikaner – und damit illegitim im Amt.

Ein toter Bin Laden kommt da in jedem Fall wie gerufen. Er bedient zuverlässig den 9/11-Reflex, der vielen Menschen in den USA und im Westen insgesamt über die Jahre antrainiert wurde. Folgerichtig wurde das Ende der Osama-Show zum filmreifen Showdown. Hubschrauberlandung, Schießerei und aus. Ein verzwickter Gerichtsprozess gegen den angeblichen Drahtzieher des 11. September hätte wohl nur gestört. Zumal juristisch belastbare Beweise für seine Verwicklung in 9/11 noch immer fehlen.

(Dieser Artikel wurde leicht gekürzt in Heft 10/2011 der Zeitschrift „Ossietzky“ veröffentlicht.)

Advertisements