Vertrauensfrage

September 2011   —   Viel ist in diesen Tagen von Vertrauen die Rede – sowie von „den Märkten“. Die Märkte, so heißt es, müssten wieder Vertrauen in die Politik gewinnen. Nur auf diesem Weg könnten der Euro und die Wirtschaft stabilisiert werden. So äußerte sich auch Bundeskanzlerin Merkel Ende August beim diesjährigen ZDF-Sommerinterview.

Die Rhetorik ist natürlich nicht neu. Unzählige Politiker bemühten in den vergangenen Jahren die Floskel vom „Vertrauen der Märkte“ – eine vornehme Umschreibung für das Wohlwollen der kapitalkräftigen Anleger, oder kurz: die Gunst der Reichen.

Neu allerdings ist, wie Merkel im gleichen Interview vorsichtigen Unmut artikulierte. „Die Märkte“, so die Kanzlerin, „wollen bestimmte Dinge erzwingen“ und würden „gegen uns spekulieren“.

Hier wird es nun interessant. Denn was bedeutet es eigentlich, wenn eine Regierungschefin eine Gruppe von Menschen, die sie offenbar als gefährliche Gegner wahrnimmt, um deren „Vertrauen“ bittet? Ist das nicht eigentlich ein absolutes Eingeständnis der eigenen Machtlosigkeit – beziehungsweise der Verweigerung jeder Konfrontation, an deren Ende die eigene Machtlosigkeit offen erkennbar würde?

Sollten, wenn überhaupt, nicht ganz im Gegenteil die milliardenschweren Spekulanten, welche die gesamte Krise verursacht haben, ihrerseits um das Vertrauen der Öffentlichkeit bitten? Was sie allerdings kaum mehr bekämen?

Hier offenbart sich die tiefe Schizophrenie der gegenwärtigen Debatte, die durch eine mutwillige Vernebelung der Sprache befördert wird. Denn genau so wenig, wie man die superreichen Kapitalbesitzer als „Märkte“ deklarieren kann (zu denen ja immer zwei Parteien gehören, nämlich Käufer und Verkäufer, im Falle von Staatsanleihen also Vermögende und Staaten), so wenig kann man beim gegenwärtigen Stand der Krise noch von „Vertrauen“ sprechen. Es geht längst um etwas anderes – die nackte Verfügungsgewalt über das Vermögen der Nationen und ihrer Bürger. Auch dafür gibt es bereits eine harmlos klingende Wortschöpfung: Eurobonds.

(Dieser Artikel wurde im Magazin „Ossietzky“ veröffentlicht.)

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