Auf Kriegsfuß mit den Lesern

15. April 2014   —   Die Leitmedien verlieren in der Russland-Berichterstattung den Kontakt zur Bevölkerung – und wundern sich nun darüber. Was steckt hinter dem seltsamen Bruch mit dem eigenen Publikum?

Zwei Machtblöcke prallen in der Ukraine derzeit aufeinander. Zugleich tobt in den deutschen Medien ein Kampf um die Deutung des Konflikts. Der Graben scheint dabei weniger zwischen einzelnen Zeitungen oder Sendern zu verlaufen, als vielmehr zwischen den Journalisten der Leitmedien insgesamt und ihren Lesern bzw. Zuschauern.

Bernd Ulrich, Stellvertretender Chefredakteur der ZEIT, diagnostizierte diese Situation in der vergangenen Woche in einem längeren Kommentar:

„Woran liegt es, dass so viele Bürger die Krimkrise ganz anders beurteilen als Politik und Medien? (…) Wenn die Umfragen nicht täuschen, dann stehen zurzeit zwei Drittel der Bürger, Wähler, Leser gegen vier Fünftel der politischen Klasse, also gegen die Regierung, gegen die überwältigende Mehrheit des Parlaments und gegen die meisten Zeitungen und Sender. Aber was heißt stehen? Viele laufen geradezu Sturm, bei den Leserbriefen scheint der Anteil der Kritiker noch deutlich höher zu sein als seinerzeit anlässlich von Sarrazins Buch.“

Der Vizechef der ZEIT ist dabei nicht allein mit seiner Irritation angesichts des offenbar als überraschend wahrgenommenen Gegenwinds von Seiten der eigenen Leser. Auch die FAZ konstatierte kürzlich:

„In den Kommentarspalten der Nachrichtenportale schlagen die Leser eine Schlacht um die Deutung der Krim-Krise (…) Auf den großen deutschen Nachrichtenseiten schreiben Leser – größtenteils unter Pseudonym – täglich Tausende Kommentare. Zumeist sind sie sehr kritisch. Aber noch nie war es so wild wie derzeit, berichten Mitarbeiter, die das sichten, was über die Kommentarfunktionen und auch über Facebook hereinschwappt. Sichten müssen.“

„Woher kommt die Empörung?“

Keine Frage, die gegensätzlichen Lesermeinungen werden im Mainstream als Bedrohung wahrgenommen. Es geht um Deutungshoheit, aber auch um Identität: Für wen arbeitet man als Journalist? Wessen Zeitungen sind das, die da offenbar so sehr an ihren Lesern vorbeischreiben? Die betroffenen Kollegen versuchen sich an Erklärungen, die ein erstaunliches Maß an Hilflosigkeit offenbaren. So schreibt die FAZ:

„Manch einer vermutet, dass zumindest ein Teil der Empörungswelle im deutschsprachigen Internet von Moskau organisiert sein könnte. Nachweisen lässt sich das nicht. Die IP-Adressen, von denen die Kommentare abgesandt wurden, stammen zum größten Teil aus Deutschland. (…) Woher kommt die Empörung? Vielleicht drückt sich in den Kommentaren tatsächlich ein Unmut gegenüber der Politik der Bundesregierung aus.“

Andere werden deutlicher. Christian Neef etwa, langjähriger Russland-Experte des SPIEGEL, forderte in der vergangenen Woche in der Printausgabe des Magazins unter der Überschrift „Schluss mit der Romantik“, dass die vermeintlichen Russland-Versteher in Deutschland endlich ihren verklärten Blick auf das Land korrigieren müssten:

„Aber Russland ist nicht Europa. Es wird auch nie Europa sein. Es hat nach dem Krieg und den seelischen Zerstörungen der Stalin-Zeit keine Phase der Aufklärung durchgemacht. (…) Putin setzt auf Macht und begründet sie mit einer konservativen, antiwestlichen Ideologie. Er spricht davon, dass ‚viele der euroatlantischen Länder moralische Prinzipien und alle traditionellen Identitäten verleugnen: nationale, kulturelle, religiöse und selbst sexuelle‘. Man müsse ‚eine Bewegung zurück und nach unten, in die chaotische Dunkelheit und zu primitiven Zuständen‘ verhindern. Russland müsse dabei vorangehen.“

Neef sieht in Russland starke reaktionäre Tendenzen, die von einigen im Westen (gemeint sind wohl auch die zahlreichen kritischen Leserkommentare) ausgeblendet würden.

Doch was wäre, wenn sowohl Neef als auch Putin Recht hätten? Wenn also Russland tatsächlich eine Phase der Aufklärung fehlt, zugleich aber der Westen aktuell eine Art „Aufklärung rückwärts“ vollzieht? Stichworte wie Guantánamo, Abu Ghraib, oder auch den mutwilligen Bruch von Völkerrecht bei den Kriegen gegen Jugoslawien, Afghanistan, Irak und Libyen, sowie schließlich die tausendfach tötenden Drohnen in Pakistan kann man ja tatsächlich kaum anders umschreiben, denn als „Rückfall in chaotische Dunkelheit und primitive Zustände“.

Die vor diesem Hintergrund behauptete moralische Überlegenheit des Westens stößt vielen Lesern mehr und mehr übel auf – was eigentlich niemanden verwundern dürfte. Weshalb also reagieren die etablierten Kommentatoren nun so überrascht? Und was ist eigentlich deren Weltsicht? Die Schärfe des derzeitigen Konfliktes führt jedenfalls dazu, dass eben dieses persönliche Koordinatensystem nun immer deutlicher artikuliert wird. So schreibt Bernd Ulrich in der ZEIT:

„Seit 9/11 hat der Westen Kriege geführt, die unter höchstem moralischen Aufwand begründet wurden und die am Ende doch vergeblich waren (Afghanistan) oder sich als reiner Betrug herausstellten (Irak). (…) Mit seinem Drohnenkrieg bewegt sich auch Barack Obama wieder in einer völkerrechtlichen Grauzone. (…) Die militärischen Interventionen des Westens in dieser Zeit sind für mich keineswegs Ausdruck einer imperialen Grundstimmung, die sich von Afghanistan bis Libyen jeweils andere Schauplätze gesucht hat. Ich deute sie ganz verschieden, mal als ideologisch motivierten Irrtum (Irak), mal als Tragödie (Afghanistan), mal als legitim (Libyen).“

Der Westen als Retter

Mit anderen Worten: Kritik im Kern ist fehl am Platze. Hinter einem „Irrtum“ oder einer „Tragödie“ stecken keine bösen Absichten, sondern im Gegenteil hehre Ziele, die allenfalls einmal verfehlt werden können. Ähnlichen Sinnes betont Christian Neef im SPIEGEL, man solle nicht vergessen, dass sich der Westen in den 90er Jahren für Russland „starkmachte“, damit IWF und Weltbank milliardenschwere Kredite ausreichten und das Land so vor einer Katastrophe bewahrten. Doch leider sei Gewalt weiterhin „ein probates Mittel russischer Politik geblieben“ und „eine Politik des politischen Kompromisses, wie sie der Westen pflegt“, würde als Schwäche ausgelegt.

Somit werden einige Elemente eines Weltbildes kenntlich: der Westen als Retter, immer wieder auf der Suche nach Kompromissen, der IWF als Hilfsfonds, bereit, anderen unter die Arme zu greifen, der Irak-Krieg ein bedauerlicher Irrtum. Oder mit anderen Worten: Wir sind die Guten, zumeist von edlen oder doch zumindest vernünftigen Motiven geleitet – mit Sicherheit jedoch keine Abgesandten eines Imperiums.

Damit einem diese ebenso sympathische wie vielleicht letztlich doch grundlose Annahme nicht wie Schnee in der Sonne schmilzt, bedarf es gedanklicher Schutzblenden, um so höher und dichter, je stärker das Licht der realen und ungefilterten Informationen darauf scheint. Es gilt, manches konsequent auszublenden. Und offenbar ist das derzeit mehr, als die übergroße Zahl der Leser noch zu tolerieren bereit ist.

Ein weiterer Kern des beschriebenen Weltbildes, so wie es nun in der Ukraine-Krise zutage tritt, scheint die Annahme zu sein, im Westen herrsche Demokratie. Seinen ungläubigen Lesern erklärt Bernd Ulrich dazu in der ZEIT, die „zeitweiligen Klüfte zwischen Regierungshandeln und Mehrheitsmeinung gehören natürlich zur Demokratie“. Der Kabarettist Volker Pispers hat diesen seltsamen Widerspruch vor einiger Zeit einmal so auf den Punkt gebracht: „Wir haben eine Demokratie. Und Sie kriegen in einer Demokratie keine Mehrheit für eine Politik, von der 90 Prozent der Bevölkerung profitieren würde.“

Abseits von Satire, aber inhaltlich sinnverwandt, zitierte der renommierte amerikanische Althistoriker Moses I. Finley (1912-1986) in einem seiner letzten Bücher Aristoteles:

„Tyrannis ist die Herrschaft eines Mannes zu seinem eigenen Nutzen, Oligarchie die Herrschaft zum Nutzen der Reichen, Demokratie die zum Nutzen der Armen.“ (1)

„Peinliche“ Fragen

Was vorrangig als Kommentar zur Gerechtigkeit in der Gesellschaft erscheint, lässt sich auch auf deren Außenpolitik ausweiten – die schließlich ebenso interessengeleitet ist. Natürlich geht es derzeit im Kern auch um die (exklusive) Bindung an die USA, die infrage zu stellen manchem „peinlich“ oder „lächerlich“ erscheint. Jasper von Altenbockum etwa, Innenpolitik-Chef der FAZ, kommentierte in der vergangenen Woche in Bezug auf das Gezerre um Snowden im NSA-Untersuchungsausschuss:

„Die Lächerlichkeit der Berliner Hysterie liegt auch daran, dass sich eine ganze Schar deutscher Politiker von den Mächten, die sie täglich ausspioniert, ausgerechnet die vorknöpft, von denen sie beschützt werden und deren Interessen sie deshalb teilen sollten.“

Die These, dass deutsche Politiker von den USA beschützt werden, ist vielleicht tatsächlich eine Debatte wert. Auch wenn sie in dieser Klarheit zunächst an das berühmte „Stockholm-Syndrom“ erinnert – die Solidarisierung von Opfern einer Geiselnahme mit ihren Entführern. Christian Neef merkt im SPIEGEL zum Thema an, dass von den hierzulande stationierten US-Militärs „gerade mal 43.000 geblieben“ seien, mithin keine ernste Bedrohung für irgendwen – ganz so, als sei die Anwesenheit einer ausländischen Militärmacht, in welcher Stärke auch immer, das Selbstverständlichste der Welt.

Bernd Ulrich konstatiert am Ende seines Kommentars immerhin wenigstens einen Punkt, über den Konsens herrscht: „So treffen in diesen Wochen Weltsichten aufeinander, die allem Anschein nach längere Zeit nicht miteinander ausgetauscht wurden.“ Und vielleicht ergibt sich am Ende ja doch noch eine produktive Debatte daraus. Denn alles psychologisieren um die „Russland-Versteher“ und deren historische „Schuldkomplexe“ kann auf Dauer nicht darüber hinwegtäuschen, dass Putin zumindest derzeit für viele praktisch und ganz konkret eine politisch glaubwürdigere Figur abgibt als mancher westliche Regierungschef. Um das wahrzunehmen, muss man sich keine russischen Verhältnisse wünschen. Man muss noch nicht einmal mit allen Entscheidungen des russischen Präsidenten einverstanden sein. Bei der Frage der Glaubwürdigkeit geht es weniger um Anhängerschaft, als um die innere Schlüssigkeit politischen Handelns, um die Akzeptanz bei der eigenen Bevölkerung, sowie die Autonomie von fremden Mächten.

Der Konflikt mit der Ukraine ist das Brennglas, in dem der Westen und insbesondere deutsche Politik ihre eigene Schwäche in diesen drei Punkten erkennen kann. Die tausenden harschen Leserkommentare, die den Medien nun hierzulande um die Ohren fliegen, sind ein Weckruf an manchen, das eigene Weltbild erneut mit der Realität abzugleichen. Als Journalist auf Kriegsfuß mit den eigenen Lesern zu stehen, mag Stoff für eine absurde Komödie sein, dauerhaft durchhalten lässt es sich nicht.

(Dieser Artikel wurde im Online-Magazin Telepolis veröffentlicht.)

Anmerkungen:

(1) zitiert nach: Moses I. Finley, „Das politische Leben in der antiken Welt“, München 1991, S. 11

Advertisements