Chaos bei Zeit Online: Mal gilt der Ethik-Kodex, mal gilt er nicht

Redaktion trennt sich von Autor, der für Russland Heute geschrieben hat – und misst mit zweierlei Maß

von Marcus Klöckner und Paul Schreyer

20. März 2014   —  Zeit Online misst offensichtlich mit zweierlei Maß. Der Chefredakteur des Onlinemediums hat am 8. März kurzen Prozess gemacht und die Zusammenarbeit mit einem freien Autor beendet. Grund: der ehemalige Russland-Korrespondent Moritz Gathmann, der für die Redaktion über die Ereignisse in der Ukraine berichtete, hatte auch für die vom Kreml finanzierte Publikation Russland Heute geschrieben. Zeit Online sah darin einen Interessenkonflikt und im Besonderen einen Verstoß gegen den hausinternen „Code of Ethics“. Das Problem ist, dass der Ethik-Kodex bei Zeit Online offenbar nur selektiv Anwendung findet. Beiträge von Autoren, die für die Printausgabe der Zeit arbeiten, aber bei Zeit Online erscheinen, fallen nicht unter den „Code of Ethics“, sagt der stellvertretende Chefredakteur des Onlinemediums Markus Horeld. Der Deutsche Journalisten Verband (DJV) kritisierte gegenüber Telepolis das Vorgehen des Chefredakteurs, der die Trennung von Gathmann per Twitter verkündet hatte.

„Es widerspricht unseren Grundsätzen, dass Autoren, die in dem Journalismus nahe stehenden, interessengesteuerten Bereichen arbeiten, für uns über dieselben Themenbereiche schreiben“, meinte jüngst Zeit Online Chefredakteur Jochen Wegner in einem Interview in Sachen Gathmann.

Doch bei genauerer Hinsicht wird deutlich: Dem journalistisch-ethischen Anspruch wird Zeit Online nicht in jedem Fall gerecht. So werden dort etwa auch Beiträge von reputierten Autoren aus der Printausgabe der Zeit veröffentlicht, bei denen ebenfalls Interessenkonflikte auszumachen sind – allerdings offenbar ohne Bedenken.

Die Begründung der Redaktionsleitung erstaunt: Autoren, die für die gedruckte Ausgabe der Zeit schreiben und nicht direkt für Zeit Online tätig sind, unterliegen demnach nicht dem Ethik-Kodex des Onlinemediums. In anderen Worten: Mit einem Artikel, der mit dem Code of Ethics von Zeit Online kollidiert, hat die Redaktion dann keine Probleme, wenn er auch in der gedruckten Ausgabe erscheint – selbst wenn der Artikel auch auf Zeit Online publiziert wird. Das verdeutlichte der stellvertretende Chefredakteur von Zeit Online in einem Telefonat mit Telepolis.

Mit den Artikeln aus der gedruckten Ausgabe habe man, so die lapidare Antwort, auch im Prinzip nichts zu tun, da diese einfach in einem „technischen Prozess“ einliefen. Darauf aufmerksam gemacht, dass die Verantwortlichen bei Zeit Online die Augen vor dem Problem verschließen, sagte Horeld, er könne in der veranschlagten Praxis keinen Konflikt erkennen. In einer Email schreibt er: „Ich kann keinen ‚double standard‘ erkennen. Wir reden über das Print-Archiv, das wir (also ZEIT ONLINE) nicht anfassen, denn es gehört Print.“

„Neue Macht – neue Verantwortung“

Um das Problem an einem konkreten Fall zu verdeutlichen: Als Anfang des Jahres weite Teile der politischen Elite des Landes von Frank-Walter Steinmeier (SPD) über Ursula von der Leyen (CDU) bis zu Joachim Gauck eine stärkere deutsche Verantwortung in der Welt anmahnten, stand dahinter ein Strategiepapier zweier Denkfabriken, das im Vorjahr von einer 50-köpfigen transatlantischen Studiengruppe erstellt worden war. Titel des Papiers: „Neue Macht – neue Verantwortung“. Zu den Teilnehmern der Gruppe gehörten neben Regierungs- und Konzernvertretern (Daimler, Bertelsmann, BDI) auch der Zeit-Journalist Jochen Bittner.

Der selbe Jochen Bittner verfasste dann Anfang Februar einen Artikel für die gedruckte Ausgabe der Zeit, der den angestrebten Wechsel in der deutschen Außenpolitik wohlwollend beschrieb. Um es noch einmal zu wiederholen: Ein Autor der Zeit hat an der Erstellung eines zentralen Papiers zweier Denkfabriken mitgearbeitet, schreibt für die Printausgabe der Zeit einen Artikel über genau dieses Thema, ohne dass seine eigene Beteiligung an der Arbeit der Lobbygruppen Erwähnung findet. Im Text wird lediglich die Verbindung zum Initiator des gesamten Projektes eingeräumt, Thomas Kleine-Brockhoff, damaliger Direktor des „German Marshall Fund of the United States“, früherer Zeit-Redakteur und jetziger Chef des Planungsstabes von Bundespräsident Gauck.

Offensichtlich ist die Redaktion im Nachgang auf „das Problem“ aufmerksam gemacht worden, so dass die Zeit später eine „Klarstellung“ veröffentlichte, auf die Horeld Telepolis nun hinwies. Dort heißt es:

„In dem Artikel Kurs auf die Welt (ZEIT Nr. 7/14) über die außenpolitische Neuorientierung Deutschlands erwähnten unsere Autoren unter anderem ein Studienprojekt der Stiftung Wissenschaft und Politik und des German Marshall Fund über die Bausteine einer deutschen Sicherheitsstrategie. Einer der Autoren des Artikels, Jochen Bittner, war Teilnehmer dieses Projekts. Die Gruppe setzte sich aus gut fünfzig Teilnehmern zusammen und erarbeitete im Laufe des vergangenen Jahres das Papier »Neue Macht, neue Verantwortung«.“

Derselbe Artikel ist dann auch bei Zeit Online erschienen – dort allerdings ohne „Klarstellung“, denn: Bittner ist nun mal kein direkter Autor von Zeit Online, also unterliegt er nicht deren Ethik-Kodex. Dass die Leser von Zeit Online hier nicht über die Hintergründe des Artikels informiert werden, spielt offenbar keine Rolle.

Ethik-Kodex mal zwei

Doch es kommt noch besser: In einer Email teilte Horeld Telepolis mit, dass es „seit sehr kurzer Zeit“ nun eine neue Regelung bei Zeit Online gibt. Demnach sollen mittlerweile zumindest „Korrekturen und Offenlegungen (der Printausgabe) sofort auch im Online-Archiv beim entsprechenden Beitrag publiziert werden. Der betreffende Text lag allerdings zeitlich vor dieser neuen Regelung.“ Horeld informierte auch darüber, dass die gedruckte Zeit einen eigenen Ethik-Kodex habe.

Doch was genau besagt der „Code of Ethics“ von Zeit Online? Unter anderem heißt es darin: „Wir legen offen, wenn ein Autor zu den in seinen Artikeln beschriebenen Personen oder Institutionen persönliche Beziehungen unterhält. Dies betrifft Mitgliedschaften bei Parteien und Verbänden, gegebenenfalls auch bei Kirchen, ebenso wie in Jurys oder ähnlichen Gremien.“

„Wenn das der Maßstab ist“, sagt Uwe Krüger vom Leipziger Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig, der im vergangenen Jahr eine Studie über die Berichterstattung deutscher Elite-Journalisten vorlegte, „dann muss aus meiner Sicht die Teilnahme an diesem Projekt, in dem ein Konsens über die künftige Ausrichtung der deutschen Außenpolitik ausgehandelt wurde, ebenfalls offengelegt werden.“

Das sei notwendig, da der Leser so „die wohlwollende Haltung des Artikels gegenüber den Aktivitäten der Bundesregierung, der Stiftung Wissenschaft und Politik, des German Marshall Fund und gegenüber diesem Paradigmenwechsel in der deutschen Außenpolitik besser einordnen“ könne.

Krüger kritisiert scharf die Verhältnisse bei Zeit und Zeit Online in Fragen der Einhaltung von Ehtik-Kodizes:

„Ich sehe hier eine Doppelmoral im Hamburger Verlagshaus: Einerseits wird ein freier Journalist wegen mutmaßlicher Befangenheit innerhalb von 2 Stunden gefeuert, andererseits sind festangestellte und leitende Redakteure der ZEIT in vertrauliche Politikplanungsprozesse eingebunden und schreiben dann über diese Politik, ohne dass das transparent gemacht wird.

Wir sehen hier ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Lesern. Immer wieder werden neue hausinterne Ethik-Kodizes aus dem Hut gezaubert, von denen kein Außenstehender zuvor etwas gewusst hat. Die werden nun immer dann zitiert, wenn es gilt, aktuellen Kritikpunkten etwas entgegenzusetzen“, sagt Krüger.

„Andere Medienhäuser wie Axel Springer und die WAZ„, so Krüger weiter, „haben ihre hausinternen Ethik-Kodizes publiziert, als sie verabschiedet wurden. Zum Teil natürlich wegen des Werbeeffekts, der damit verbunden ist, aber andererseits haben sie damit eine Kultur der Transparenz gelebt, die der Zeit- und der Zeit-Online-Mannschaft hier völlig abgeht.“

Auch die „Klarstellung“, die in der gedruckten Zeit (Nr. 8/2014) zu dem Artikel von Bittner veröffentlicht wurde, kritisiert Krüger.

„Schon der Titel ‚Klarstellung‘ und auch der Text sind verräterisch. Es ist keine Rede von einer Entschuldigung, dass man die Verflechtung des Redakteurs mit dem von ihm beschriebenen Geschehen verschwiegen hatte. Wenn die Zeit-Printredaktion einen eigenen Ethik-Kodex hat, dann möchte ich ihn gern lesen. Ich möchte wissen, ob eine ähnliche Regelung wie bei Zeit Online auch enthalten ist und, falls ja, wissen, warum man sich nicht daran hält. Selbst wenn es diesen Kodex gibt, scheint es in der Redaktion an dem Bewusstsein zu mangeln, dass man als Journalist kritische Distanz zum Geschehen zu bewahren hat.“

Doch, wie bereits erwähnt: Zeit Online sieht das anders.

„Märchen vom Coup d’État“

Als Kontrast nun ein Beispiel dafür, wie es aussieht, wenn die Chefredaktion ihren Ethik-Kodex konsequent anwendet:

„Offenlegung: Der Autor arbeitet für die vom russischen Staat mitfinanzierte Zeitungsbeilage Russland heute. Dies entspricht nicht unseren Grundsätzen. Wir entschuldigen uns dafür.“

Diese Zeilen stehen nun auf Geheiß des Chefredakteurs von Zeit Online unter Gathmanns Artikel. Ein kurzer Rückblick auf diesen Fall.

Moritz Gathmann, Jahrgang 1980, fiel in der Vergangenheit kaum durch besonders Putin-freundliche Zeilen auf. Der freie Journalist mit Schwerpunkt Osteuropa, tätig für große Häuser wie Frankfurter Allgemeine und Spiegel, hielt die Leser von Zeit Online im Februar als „unser Mann in der Ukraine“ über die turbulenten Ereignisse dort auf dem neuesten Stand, weitgehend sachlich und ohne größere persönliche Wertungen. Zugleich schrieb Gathmann auch für Russland Heute, ein vom Kreml finanziertes Blatt, das über Russland informiert und regelmäßig international renommierten Zeitungen, wie der Süddeutschen oder der Washington Post beiliegt – gegen Geld an jene Verlage, ganz so wie eine kommerzielle Zeitungsbeilage. Gathmanns Beiträge für Russland Heute waren dabei jedoch mitnichten Kreml-treue Propaganda. Durchaus kritisch widmete er sich dort auch der russischen Regierung.

Doch David Schraven, Jahrgang 1970, Leiter des Ressorts Recherche der Funke-Mediengruppe, dem drittgrößten Verlagshaus Deutschlands, war der junge Kollege dennoch negativ aufgefallen. Gegenüber dem Medienmagazin Newsroom bekannte Schraven:

„Dann habe ich gelesen, wie Moritz Gathmann auf Facebook dieses russische Propagandamärchen von dem Coup d’État auf dem Maidan verbreitet hat. Und dann habe ich gesagt, okay. Der Interessenkonflikt muss öffentlich gemacht werden. Die Transparenz muss sein, damit auch Leser die Berichte von Moritz Gathmann einordnen können, die nicht wissen, dass er für Putins Propagandaapparat arbeitet.“

Schnellgericht per Twitter

Und so kam es schließlich zur Twitter-Kommunikation zwischen Schraven und Wegner vom 8. März. Schraven schrieb dort um kurz nach 8 Uhr morgens an Jochen Wegner, den Chefredakteur von Zeit Online: „diverse Sichtweisen in der Zeit sind gut. Aber es wär besser zu sagen, dass Moritz Gathmann für Russlands Propagandadienst schafft“. Wegner, zu der Zeit gerade dienstlich in den USA, antwortete eine Stunde später: „Ja, wir diskutieren dies gerade (auch aus anderen Gründen). Ich melde mich in spätestens 2h.“

Der vielbeschäftigte Zeitungs-Manager hatte die Sache also zur Priorität erklärt. Und so konnte Wegner auch schon um kurz nach 10 Uhr vermelden: „Danke. Wir haben dies unter den Beiträgen kenntlich gemacht und die Zusammenarbeit beendet.“ Schraven antwortete mit einem wohlwollenden: „Danke“ und twitterte anschließend stolz: „Die Zeit macht unter Beiträgen von Moritz Gathmann deutlich, dass er für Putins Propaganda schafft und hat die Zusammenarbeit beendet. Gut!“

„Problem erkannt – Feind gebannt“, könnte man den Subtext dieses Austauschs zusammenfassen. Wachsame Kollegen helfen sich aus, warnen sich vor „gefährlichen“ Meinungsabweichlern in den eigenen Reihen. Doch einmal abgesehen davon, dass die Verbindung von Gathmann zu Russland Heute tatsächlich nicht unproblematisch war: Was ist davon zu halten, dass ein Chefredakteur schwierige Personalentscheidungen auf dem Marktplatz der Twitter-Öffentlichkeit kund tut? Warum lässt man sich überhaupt auf eine so öffentliche Kommunikation bei einer Personalfrage ein?

Ob der Chefredakteur von Zeit Online wohl darüber nachgedacht hat, warum Schraven ihn gerade per Twitter auf die Problematik mit dem freien Autor aufmerksam gemacht hat? Schraven, dass sollte nicht außer Acht gelassen werden, standen schließlich auch andere Kommunikationskanäle offen, um seinen Kollegen zu erreichen.

Telepolis bemühte sich um ein Telefonat mit Chefredakteur Wegner, um ihm Gelegenheit zu geben, zu dieser und anderen Fragen direkt Auskunft zu geben. Dazu kam es leider nicht. Per Email teilte Wegner mit, dass er aus terminlichen Gründen Dienstag und Mittwoch keine Zeit habe. Er bot ein Gespräch mit seinem Stellvertreter und die Korrespondenz über Email an.

Dass Schraven gerade die Kommunikation über Twitter gewählt hat, dürfte kein Zufall sein. Er wollte vermutlich eben gerade öffentlich (mit all den negativen Begleiterscheinungen für den Journalisten-Kollegen Gathmann) kommunizieren – weil das selbstverständlich den Druck erhöhte.

Der stellvertretende Chefredakteur von Zeit Online, Markus Horeld, rechtfertigte am Telefon gegenüber Telepolis die Kommunikation über Twitter. Man antworte immer auf dem Kanal, auf dem die Kommunikation beginne, in diesem Falle eben über Twitter. Horeld weiter: „Wenn ein Leser uns per Twitter auf einen Fehler im Artikel aufmerksam macht, antworten wir auch per Twitter zurück.“

Auf die Frage, ob er tatsächlich keinen Unterschied zwischen der Kommunikation einer Fehlermeldung und der Bekanntgabe der Trennung von einem Mitarbeiter sieht, wiegelte der stellvertretende Chefredakteur ab: Wenn man nicht sofort über Twitter reagiert hätte, wäre das auch beanstandet worden.

Kritik an diesem Vorgehen übt nun auch der Deutsche Journalisten Verband (DJV). „Ob ein Interessenkonflikt zwischen Zeit Online und dem freien Autor vorliegt, wissen wir nicht, aber wenn dieser vorliegt, dann hätte die Trennung auf einem anderen Weg erfolgen müssen“, sagt Hendrik Zörner, Pressesprecher des DJV.

Bei dem Journalistenverband habe der Vorfall „Befremden“ ausgelöst. Dass über die Trennung eines freien Mitarbeiters bei so einem Fall in der breiten Öffentlichkeit kommuniziert werde, sei nicht in Ordnung. Zörner sagte, man müsse sich vor Augen halten, was das Vorgehen von Chefredakteur Wegner bedeute: Die Gefahr bestehe, dass der freie Autor nun „verbrannt“ sei und Schwierigkeiten haben werde, an Aufträge zu kommen.

„Wofür genau entschuldigt sich Zeit Online?“

Der Journalist und Medienkritiker Stefan Niggemeier hatte sich auf seinem Blog ebenfalls kritisch zum Vorgehen von Wegner geäußert und hakte nach:

„Testfrage: Wofür genau entschuldigt sich Zeit Online?“

Chefredakteur Wegner, der mitlas, kommentierte unter Niggemeiers Blog-Beitrag vorsichtig:

„Ich bedauere sehr, dass wir den Interessenkonflikt nicht früher erkannt haben, sondern von außen darauf hingewiesen werden mussten. (…) Wir lernen daraus für die Zukunft, dass wir unsere neu gewonnenen Autorinnen und Autoren vor Beginn der Zusammenarbeit deutlich auf unsere Standards hinweisen müssen. (…) Ich persönlich glaube, dass es genau solche Prinzipien sind, die journalistische Medien ausmachen.“

Und David Schraven, der den Stein ins Rollen gebracht hatte, sekundierte andernorts:

„Es geht nicht um freie Journalisten oder freie Arbeit an sich. Es geht darum, dass man nicht in Zeiten eines Konfliktes für den Propagandaapparat eines aggressiven Staates und als unabhängiger Journalist arbeiten kann, ohne auf den Umstand hinzuweisen, dass man für ein Propagandaorgan schafft.“

Doch abgesehen von der Frage, warum solches wohl nur „in Zeiten eines Konfliktes“ gelte und nicht zu jeder Zeit, schließt sich natürlich ein viel gravierenderes Definitionsproblem an. Denn nach welchen sachlichen und objektiven Kriterien wird eigentlich entschieden, ob es sich beim jeweiligen Arbeitgeber um „den Propagandaapparat eines aggressiven Staates“ handelt?

Propaganda machen immer die Anderen

Hier landet bekanntlich mancher mit fataler Lichtgeschwindigkeit beim Zirkelschluss: „Der Feind ist schlecht, weil er der Feind ist“. Propaganda machen immer nur die Anderen, die Unfreien, die Autokraten. Der ganzen Argumentation liegt, so darf man es sehen, eine Entdifferenzierung der Realität zugrunde. Einer komplexen Welt, in der viele Seiten geostrategische Schachzüge vollziehen, Tiefenpolitik veranschlagen und Nebelkerzen aus allen möglichen Richtungen geworfen werden, kommt man natürlich bequemer bei, in dem man Komplexität reduziert.

Die Pointe dazu ist Schravens Hintergrund als Vorstandsmitglied im renommierten Journalistenverband „Netzwerk Recherche“, auf deren Webseite es heißt, man setze sich „für eine Verbesserung der Recherchekultur in Deutschland ein.“ Denn: „Recherche ist d a s Qualitätsscharnier für einen soliden Hintergrundjournalismus. Ohne kritische Analyse und unbequeme Wahrheiten erstickt die Demokratie im Allgemeinen und Ungefähren.“

Noch verblüffender ist Schravens persönliches Motto: „Journalismus ist, wenn man etwas druckt, was ein anderer lieber nicht gedruckt sehen will.“ Und auch Chefredakteur Wegner, der Schravens Twittermahnung Gewehr bei Fuß Folge leistete, hat klare Grundsätze, wenn auch anderer Art. „Journalisten müssen Unternehmer werden“, lautet zum Beispiel einer, formuliert im Jahr 2010, nach 12 Jahren beim Focus, im Rahmen seiner „23 Thesen zur Zukunft der Medien“.

Wenig überraschend, dass Wegner bei der Beobachtung von Kollegen wie Glenn Greenwald Verständnisprobleme bekommt. Dieser sei aber eigentlich auch gar kein Journalist, ließ Wegner seine Leser im Januar diesen Jahres wissen, sondern lediglich ein „Aktivist“.

Doch das Problem bei Zeit und Zeit Online geht über die beiden bis jetzt angesprochenen Fälle hinaus, wie Uwe Krüger ausführt. So fallen immer wieder Zeit-Autoren auf, die sich in Elitenkreisen bewegen und dann zu Themen publizieren, die mit den Inhalten, wie sie in den entsprechenden Think Tanks, Stiftungen und Organisationen auf der Agenda stehen, korrelieren – Artikel, die dann auch auf Zeit Online erscheinen.

Bilderberg und Atlantik-Brücke

Matthias Naß, Co-Autor des besagten Artikel zur neuen deutschen Außenpolitik von Jochen Bittner, war beispielsweise einflussreiches Mitglied einer aus demokratietheoretischer Sicht höchst fragwürdigen Organisation: der Bilderberg-Gruppe, die vermeintlich politisch neutral und rein privat zu einem jährlichen „Erfahrungsaustausch“ zusammenkommt.

Naß, internationaler Korrespondent der Zeit und bis 2010 ihr Vize-Chefredakteur, „nahm von 1997 bis 2012 an den Bilderberg-Konferenzen teil“, erläutert Uwe Krüger. „Außerdem war er Mitglied des Inner Circle von Bilderberg, dem so genannten Lenkungsausschuss. Dort hat er – zusammen mit Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann als zweitem Deutschen in diesem Kreis – regelmäßig mitentschieden, welche Teilnehmer eingeladen und welche Themen diskutiert werden“, erklärt Krüger weiter.

Hintergrund: Die Bilderberg-Konferenz existiert seit 1954. Zu der diskreten Konferenz kommen einmal im Jahr gut 140 führende Persönlichkeiten aus zentralen gesellschaftlichen Bereichen zusammen, wie Politik, Wirtschaft, Militär, Forschung und Geheimdiensten.

Gegenüber Telepolis führt Uwe Krüger noch weitere Zeit-Autoren mit persönlichen Verbindungen in Elite-Kreise und den sich daraus ergebenden Implikationen an.

„Marc Brost etwa, Leiter des Hauptstadtbüros der Zeit, ist der Atlantik-Brücke verbunden. Er war 2004 Young Leader und war auch als Alumni unterwegs auf Veranstaltungen des Vereins. Wenn transatlantisch orientierte Eliten aus diesen Zusammenhängen auch in seinen Artikeln auftauchten, hätte das Zeit Online laut Kodex seit dem Sommer 2012 transparent machen müssen.“

Schließlich Josef Joffe, Mit-Herausgeber der Zeit, der sich häufig zu Themen mit US-Bezug äußert. „Er kann auf eine beeindruckende Liste an Vereinsmitgliedschaften und Beirats- und Kuratoriumsmandaten schauen, mit denen er sich in der Nähe von Entscheidern aus den USA befindet. Zu nennen wären hier etwa das Aspen Institute Deutschland, das American Institute for Contemporary German Studies oder die American Academy in Berlin.“

Einen Eindruck über die Artikel der Zeit-Autoren Naß, Brost und Joffe erhält der Leser, wenn er der Verlinkung folgt.

Doch, auch das soll angesprochen werden, bei aller hier geäußerten Kritik: Der Chefredakteur von Zeit Online, vertritt, wie an anderer Stelle deutlich wird, eine Sicht, die so in jedem Seminar vor angehenden Journalisten diskutiert werden sollte. In einem Artikel auf Zeit Online schreibt er:

„Es ist für mich deshalb schwer vorstellbar, dass Journalisten Akteure eines Themas sind, dem sie sich professionell widmen. Sie können am Abend nicht Wahlkampf für eine Partei machen, deren Innenleben sie tagsüber im Fernsehen kommentieren. Sie können nicht aktives Mitglied eines Verbandes sein, über dessen Aktionsgebiet sie berichten – und sei es noch so verdienstvoll. Sie können keine Aktien empfehlen, die sie selbst besitzen. Sie können nicht Freunde oder Geldgeber zum Gegenstand ihrer Berichterstattung machen.“

In der Tat. Doch hat der Chefredakteur nun auch die Nerven, bei seinen gut vernetzten Kollegen mit gleichem Maß zu messen? Es ist wohl kaum anzunehmen, dass zukünftig, analog zum Fall Gathmann, unter den Berichten von Bittner, Naß, oder Joffe, auch wenn sie keine direkten Autoren für Zeit Online sind und ihre Beiträge „nur“ dort veröffentlicht werden, vermerkt wird:

„Offenlegung: Der Autor unterhält enge Verbindungen zu einer vom amerikanischen Staat mitfinanzierten Organisation bzw. einem transatlantischen Think Tank. Dies entspricht nicht unseren Grundsätzen. Wir entschuldigen uns dafür.“

(Dieser Artikel wurde im Online-Magazin Telepolis veröffentlicht.)

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