„Eine unglaubliche Verödung des öffentlichen Lebens“

Ein Gespräch mit dem Geschichtsphilosophen Hauke Ritz über den Westen, Russland und die unbewusste Präsenz des Religiösen in der Politik

17. September 2014   —   Hauke Ritz, Jahrgang 1975, ist Autor u.a. mehrerer Essays in den „Blättern für deutsche und internationale Politik“ und veröffentlichte zuletzt das Buch „Der Kampf um die Deutung der Neuzeit“.

Telepolis: Die Situation in der Ukraine spitzt sich weiter zu. Verschiedene Beteiligte scheinen Interesse an einer Eskalation zu haben. Wo liegen aus Ihrer Sicht die Wurzeln dieses Konflikts?

Hauke Ritz: Nach dem Fall der Mauer entstand in den USA und später auch in Westeuropa das falsche Selbstverständnis, der Westen habe den Kalten Krieg „gewonnen“. Dabei war das im Grunde genommen gar nicht der Fall. Die andere Seite ist lediglich freiwillig im Rahmen einer Friedensinitiative aus dem Kalten Krieg ausgestiegen. Das ist ein Unterschied. Die Sowjetunion hatte Ende der 80er Jahre trotz wirtschaftlicher Probleme durchaus noch die Möglichkeit, den Status Quo in Europa aufrecht zu erhalten. Doch das wurde nach 1991 nicht mehr gesehen. Die Siegermentalität, die aufgrund dieser falschen Lesart im Westen Fuß fasste, führte zu der Einschätzung, dass man sich selbst nicht ändern müsste. Ändern musste sich nach dieser Sichtweise nur der Osten, der angeblich den Kalten Krieg verloren hatte. Dabei kalkulierte man den Bruch der mit Gorbatschow getroffenen Vereinbarung bewusst mit ein. Und so wurde der Osten zum Objekt der Westausdehnung, wobei die EU- und NATO-Mitgliedschaft die Instrumente darstellten, mit denen die osteuropäischen Staaten in den Westen eingefügt wurden. Bei dieser Expansion des Westens wurde die Eigenständigkeit der osteuropäischen Kulturen nicht berücksichtigt.

Telepolis: Können Sie das näher erläutern?

Hauke Ritz: Traditionell gibt es drei Kulturkreise in Europa. Den katholischen, den protestantischen und den orthodoxen Kulturkreis. Im 19. Jahrhundert war man sich dessen auch bewusst und begegnete dem jeweiligen Gegenpol mit Neugier und Interesse. Doch der extreme Nationalismus im Ersten und Zweiten Weltkrieg und dann die 40 Jahre andauernde Blockkonfrontation haben diese Wahrnehmung der Kulturgrenzen Europas verwischt. Heute denkt man bei der Beschreibung verschiedener europäischer Kulturen nicht mehr an die Konfessionen, obwohl sie uns hinsichtlich unserer Mentalität bis heute prägen. Nach dem Ende des Kalten Krieges setzte sich stattdessen die Wahrnehmung durch, dass es in kultureller Hinsicht nur noch ein Europa gäbe, nämlich das Europa, das den Kalten Krieg „gewonnen“ hatte, also letztlich Zentraleuropa, das sich im Wesentlichen aus Deutschland, Großbritannien, Benelux und Teilen von Skandinavien zusammensetzt. Diese überwiegend protestantischen Länder wurden in gewisser Weise zum Maßstab, nach dem sich die anderen europäischen Länder ausrichten sollten. Es waren zugleich die Gesellschaften, die nach dem Ende des zweiten Weltkriegs am meisten amerikanisiert worden sind und die den Neoliberalismus der letzten 30 Jahre am stärksten verinnerlicht hatten. Und nach dem Mauerfall bemühte man sich nun darum, diese amerikanisch-protestantisch-neoliberale Interpretation Europas möglichst weit auszudehnen.

Telepolis: Recht erfolgreich, wie es scheint.

Hauke Ritz: Ja, aus Sicht der transatlantischen Eliten hat das ganz gut geklappt. Tatsächlich ist die Kultur und Wirtschaftsweise Zentraleuropas zur europäischen Leitkultur geworden. Das ehemals sozialistische und zuvor Jahrhunderte lang vom Katholizismus geprägte Osteuropa musste im Zuge der EU-Osterweiterung gewaltige Veränderungen, nämlich sogenannte Strukturanpassungsmaßnahmen über sich ergehen lassen. Und der überwiegend katholische Mittelmeerraum ist spätestens seit 2010 im Zuge der Eurokrise ebenfalls zum Objekt eines von außen auferlegten Umbaus der Gesellschaftsstruktur geworden. Das gleiche gilt natürlich auch für das orthodoxe Südosteuropa, also Rumänien, Bulgarien und Griechenland, wobei man an Griechenland geradezu ein Exempel statuiert hat.

Telepolis: Wie würden Sie die Ukraine und Russland in diesen Kontext einordnen?

Hauke Ritz: Rumänien, Bulgarien und Griechenland machen nur einen recht kleinen Teil des orthodoxen Kulturraums aus. Zum größten Teil entzieht er sich nämlich dem Einfluss der NATO und der EU. Einfach weil Russland als das wichtigste Land dieses Kulturkreises so groß und selbstständig ist. Man kann Russland nicht wie Bulgarien, Rumänien und Griechenland dominieren. Erschwerend kommt noch hinzu, dass Putin seit seiner Wiederwahl die Entstehung einer „Eurasischen Union“ vorantreibt. Hierbei handelt es sich weniger um eine Neuauflage der Sowjetunion, als vielmehr um eine Kopie der früheren „Europäischen Gemeinschaft“ (EG), also um den Versuch, im postsowjetischen Raum eine Wirtschaftsgemeinschaft zu gründen. Diese eurasische Wirtschaftsgemeinschaft, zu der Belarus und Kasachstan und wahrscheinlich auch Armenien und Kirgisien gehören werden, würde aber wahrscheinlich auch kulturelle und politische Standards entwickeln. Das klingt zunächst wenig dramatisch. Doch es würde praktisch bedeuten, dass Zentraleuropa aufhört die einzige verbindliche Interpretation Europas zu sein.

Telepolis: Dem Westen drohte eine Systemkonkurrenz?

Hauke Ritz: Zumindest gäbe es dann neben dem zentraleuropäischen auch ein östliches Europa und damit eine Vergleichbarkeit, die seit dem Fall der Berliner Mauer so nicht mehr existiert hat. Das macht vielen Transatlantikern und EU-Anhängern Angst. Sie würden diese Entwicklung gerne verhindern. Und da kommt natürlich der Ukraine eine Schlüsselrolle zu. Denn sie ist ja neben Belarus der einzige größere Staat im postsowjetischen Raum, mit dem Russland sowohl seine europäische Identität als auch seine Verankerung im orthodoxen Christentum teilt. Die Ukraine wäre somit der ideale Partner für Russland, um eine eigenständige und zweite Interpretation der europäischen Kultur zu entwickeln. Und deshalb sind die Vertreter einer starken EU so erpicht darauf, die Ukraine Russland wegzunehmen. Ihnen ist das so wichtig, dass sie dafür sogar mit ukrainischen Neonazis zusammenarbeiten und einen Bürgerkrieg in Kauf nehmen.

Telepolis: Wir beobachten also einen klassisch geopolitischen Ansatz, um den Aufstieg einer konkurrierenden Macht zu behindern?

Hauke Ritz: Natürlich. Interessanterweise kann die Westausrichtung der Ukraine nun aber nicht auf demokratischem Wege gewährleistet werden. Dazu sind die historischen, wirtschaftlichen, sprachlichen, konfessionellen und überhaupt kulturellen Bande zwischen der Ukraine und Russland einfach zu groß. Deshalb hat sich die transatlantische Elite des Westens stillschweigend darauf geeinigt, die Westanbindung der Ukraine mit den Mitteln der Diktatur sicher zu stellen. Heute ist es gefährlich in der Ukraine, die Politik der Regierung zu kritisieren. Die Kommunistische Partei soll verboten werden, Parlamentsabgeordnete, die den Kurs der Regierung in Frage stellen, werden mit Gewalt bedroht, während gleichzeitig im Osten des Landes eine ethnische Säuberung stattfindet. Die russischstämmige Bevölkerung wird durch willkürlichen Artilleriebeschuss einiger Städte regelrecht vertrieben.

Telepolis: In der Tat stellen sich ja viele die Frage, weshalb sich der Westen eigentlich seit vielen Jahren so massiv in der Ukraine einmischt und den Konflikt mit Russland dabei in Kauf nimmt. Warum wäre aus Ihrer Sicht die wirtschaftliche und politische Eigenständigkeit eines zweiten europäischen Kulturkreises so wichtig?

Hauke Ritz: Ich glaube, das ist von großer Bedeutung. Sehen Sie sich doch nur mal an, wie sich unsere europäische Zivilisation in den letzten 25 Jahren entwickelt hat. Seit dem Fall der Berliner Mauer wurde die EU mit Europa gleichgesetzt und beanspruchte ein Art Interpretationsmonopol für die europäische Zivilisation. Nun ist es vielleicht kein Zufall, dass wir just in der Zeit, in der die EU scheinbar Europa repräsentierte, eine enorme Erosion europäischer Werte erlebt haben. Der Sozialstaat wurde geschliffen, die Universitäten marktkonform umstrukturiert, die Gewerkschaften massiv geschwächt, die Kirchen aus dem öffentlichen Leben herausgedrängt und die Presse erneut an eine sehr, sehr enge Leine gelegt.

Telepolis: Das ist ein starker Vorwurf. Können Sie einige Argumente dafür nennen?

Hauke Ritz: Die Entwicklung der Presse in den letzten 25 Jahren ist das wohl drastischste und traurigste Beispiel der kulturellen Erosion, die Europa zu verzeichnen hat. Wenn es um Außenpolitik geht, werden die Menschen einfach nicht mehr über die simpelsten Fakten informiert. Die Presse scheint ihre Aufgabe zunehmend darin zu sehen, Feindbilder zu etablieren. Die Journalisten sammeln sich wie um eine Fahne, um die Interessen eines Lagers, meist der neokonservativen Fraktion im Westen, abzubilden und blenden dabei alle übrigen Fakten und Perspektiven aus, als ob sie nicht existieren würden. Eine Aufklärung über die Geschichte eines Konflikts, bestehende Interessensgegensätze, potentielle Gefahren et cetera findet nicht mehr statt. Selbst gestandene Politiker und Diplomaten, die noch während der Wiedervereinigung Strategien der Entspannungspolitik vertraten, haben heute Probleme, in der Presse zu Wort zu kommen.

Telepolis: Und da würde ein zweiter europäischer Kulturkreis helfen?

Hauke Ritz: Man kann zumindest sagen, dass jene 25 Jahre, in denen das westliche Zivilisationsmodell keinem Vergleich und keiner Konkurrenz mehr ausgesetzt war, ihm schlecht bekommen sind. Durch das Wegbrechen des kritischen Potentials der Universitäten, Kirchen, Gewerkschaften und der Presse ist zunehmend eine Gesellschaft entstanden, die nur noch Einheitsperspektiven zu allen möglichen Themen zulässt. Diese heute in der Presse vertretene Einheitsperspektive führt zu einer Einschüchterung des Denkens insgesamt und damit zu einer Abnahme der intellektuellen Freiheit. Man spürt das im Alltag, etwa im Zuge wissenschaftlicher Debatten, die heute an den Universitäten geführt werden. Es existiert eine Angst vor dem Überschreiten echter oder imaginärer roter Linien und dies führt letztlich zu einer verstärkten Selbstzensur. Dadurch ist es in den westlichen Staaten zu einer unglaublichen Verödung des kulturellen und öffentlichen Lebens gekommen, und parallel dazu zu einer unfassbaren Verflachung der Politik. In den Medien herrscht heute eine Haltung und Sprache der Ignoranz vor. Die neoliberal postmoderne Kultur des Westens ist zum einzigen relevanten Maßstab geworden. Das Existenzrecht anderer Kulturen wird gar nicht mehr wahrgenommen. Sollte jetzt in Gestalt der Eurasischen Union eine zweite Interpretation Europas entworfen werden, so wäre das eigentlich eine gute Nachricht auch für die EU. Es zwänge uns dazu, in den Spiegel zu blicken, uns erneut zu vergleichen und könnte somit Bewusstseinsprozesse und Veränderungen anstoßen, die ansonsten ausblieben. Diesen Effekt hätte ein solches Gegenmodell selbst dann, wenn es zunächst nicht besser ist als die EU. Dass es anders ist, reicht fürs erste völlig aus. Und ein Erfolg der Eurasischen Union hätte wahrscheinlich zur Folge, dass in anderen Kulturkreisen, etwa Lateinamerika oder auch der arabischen Welt ähnliche Strukturen entstehen. Damit wäre dann der Übergang von der unipolaren in die multipolare Welt vollzogen.

Telepolis: Die Themen, zu denen Sie in den vergangenen Jahren publizierten, haben einen ungewöhnlich breiten Fokus. Sie beschäftigen sich einerseits viel mit Geopolitik und der Rolle der USA, dann aber auch wieder mit Geschichtsphilosophie und dem Einfluss der Religion. Inwiefern verändert das den Blick auf aktuelle Politik?

Hauke Ritz: Ich habe Literaturwissenschaft studiert, weil ich meine eigenen Erfahrungen mit Literatur besser verstehen wollte. Damals nach dem Abitur stand mir jegliche Beschäftigung mit Politik zunächst sehr fern. Ich hatte nicht mal die Absicht, mich jemals intensiver mit Politik zu befassen. Mein Interesse galt ausschließlich der Kunst und ganz besonders der Literatur. Je länger ich mich jedoch mit Fragen der Ästhetik beschäftigte, desto deutlicher wurde für mich die Abhängigkeit jeglichen Kunstwerks von dem geschichtlichen Moment seiner Entstehung. Ich verstand immer mehr, dass die Erkenntniskraft, die Kunst besitzt, zwar einerseits innerhalb der Zeit Bestand haben kann, oft ganze Epochen überdauert, so dass wir uns auch heute noch von einem Theaterstück William Shakespeares oder den großen Tragödiendichtern des antiken Griechenlands angesprochen fühlen können. Dass aber andererseits diese Form von Wahrheit, die sich in der Kunst manifestiert, nichtsdestotrotz innerhalb der Geschichte und in gewisser Weise auch durch die Geschichte entsteht und ermöglicht wird.

Telepolis: Das klingt zunächst wie ein Widerspruch.

Hauke Ritz: Lassen Sie es mich genauer erklären. Damit ein Kunstwerk eine überhistorische Geltung erlangen kann, ist es notwendig, dass der Künstler oder Dichter bereits zu seiner Zeit die geistigen Grenzen dieser Zeit überschreitet. Und das kann er nur, wenn er die Widersprüche seiner Epoche in sich aufnimmt, an ihnen leidet, sie durchdenkt, sein Leben als Antwort auf sie konzipiert und so schließlich durch die Gestaltung seines Werks die Grenzen seiner Zeit bewusst oder auch intuitiv transzendiert. Auf diese Weise entsteht in der Geschichte und durch die Geschichte eine überhistorische Wahrheit, die sich im Kunstwerk verkörpern kann. Jedes Kunstwerk, das sich nicht dieser Anstrengung aussetzt, wird dementsprechend vom jeweiligen Zeitgeist beeinflusst und verliert dann auch mit dem Ende einer Epoche seine Geltung. Wenn aber der Wahrheitskern eines Kunstwerks auf die Weise, die ich gerade beschrieben habe, ein geschichtlicher ist, dann stellt sich natürlich die Frage, wie überhaupt Wahrheit und Geschichte aufeinander bezogen sind. Um dies genauer zu verstehen, begann ich mich mit Ideengeschichte und damit letztlich auch mit Geschichtsphilosophie zu beschäftigen.

Telepolis: Und die Religion?

Hauke Ritz: Von der Geschichtsphilosophie ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zur Theologie. Die Theologie hat durch ihren Bezug auf die Heilsgeschichte die Fragen und Probleme aufgeworfen, die dann die Geschichtsphilosophie mit den Mitteln der Vernunft zu beantworten versucht. Bereits beim bedeutendsten Geschichtsphilosophen der neueren Zeit, Hegel, wird der innere Zusammenhang zwischen Theologie und Geschichtsphilosophie ganz explizit ausgesprochen. Die Geschichtsphilosophie geht in Theologie über und die Theologie in Geschichtsphilosophie. Die Verknüpfung beider Disziplinen nennt man gewöhnlich Religionsphilosophie. Deshalb gehört auch unsere Fähigkeit, über die Geschichte philosophisch nachzudenken und sie nicht einfach als Fatum und Schicksal zu akzeptieren, zum christlichen Erbe unserer Kultur. Hat man sich dann aber eine Weile mit diesem Nexus von Geschichtsphilosophie, Theologie und der Erkenntnismacht der Kunst befasst, so steht einem irgendwann die theologische Dimension der Politik vor Augen.

Telepolis: Diese Aussage wird manchen befremden. Politik wird heute im Westen in der Regel als völlig getrennt von der Theologie betrachtet.

Hauke Ritz: Dem liegt aber ein falsches Verständnis der Religion zugrunde. Religion ist nicht etwas, das verschwindet, nur weil man bewusst aufhört an sie zu glauben. Eine religiöse Bewusstseinslage ist in jedem Menschen, in jeder Kultur und in jeder Zeit immer in der einen oder anderen Form präsent. Mal ist diese Religiosität bewusst und mal vollzieht sie sich unbewusst. Am Grunde aller Politik findet man deshalb immer theologische Positionen. Man könnte in Abwandlung eines berühmten Zitats sagen, Politik ist die Fortsetzung der Religion mit anderen Mitteln. Denn Politik ist das Ringen der Menschen um den Verlauf der Geschichte. Und der Verlauf der Geschichte kann nicht gedacht werden ohne heilsgeschichtliche Implikationen. Denn der Begriff der Geschichte umfasst alles, womit wir es im Leben, in der Politik und der Kultur zu tun haben. Die Geschichte kann nicht relativiert werden. In ihr ist das Absolute präsent, ob uns das gefällt oder nicht. Die Geschichte selbst verweist auf die letzten Fragen und diese können nur von der Religion beantwortet werden. Das ist die unumstößliche und bleibende Einsicht, die wir Carl Schmitt verdanken, so problematisch dieser Philosoph sonst auch eingestuft werden mag. Aber auch Jacob Taubes und Walter Benjamin haben in diesen Zusammenhängen gedacht. Das war der Ausgangspunkt, von dem aus ich mich irgendwann der Politik zuwendete. Ich wollte es eigentlich nicht. Aber es hat sich so ergeben.

Telepolis: Ihre ersten politischen Essays befassten sich dann mit dem auf den ersten Blick wenig philosophischen Thema Peak Oil. Wie kam es dazu?

Hauke Ritz: Ja das ist richtig. Um Ihnen zu erklären, wie auch das mit einem philosophischen Hintergrund zusammenhängt, muss ich ein wenig ausholen. Max Weber hatte mich nämlich dazu inspiriert. Am Ende der ‚Protestantischen Ethik‘ gibt es jene Passage, in der Weber sehr eindringlich vom „Stählernen Gehäuse“ spricht. Das Stählerne Gehäuse ist Webers Metapher für eine Welt, die in ihrer eigenen Immanenz gefangen ist, die also die Frage nach dem Sinn all ihrer Unternehmungen nicht mehr zu stellen vermag. Das Stählerne Gehäuse ist eine Metapher für eine Gesellschaft, die jeglichen Transzendenzbezug verloren hat. Die Gefangenschaft der modernen Gesellschaft in ihrer eigenen immanenten Logik ist für Weber das Resultat des Kapitalismus. Und diesen wiederum führt er auf die protestantische Ethik zurück.

Nun muss man aber wissen, dass die gesamte Geschichtsphilosophie des 20. Jahrhunderts letztlich dieses von Weber beschriebene Problem umkreist. Die Begriffe für eine gesellschaftliche Ordnung, die in ihrer eigenen immanenten Logik gefangen ist, verändern sich. Walter Benjamin spricht von einem „Traumschlaf“ in dem die moderne Gesellschaft mit dem Anbruch des Kapitalismus gefallen sei, Adorno spricht vom „Verblendungszusammenhang“ oder vom „Bann“ der über der modernen Gesellschaft läge. Kojève und später Taubes bezeichnen diese Situation schließlich als den Zustand des „Posthistoire“, also als das Ende der Geschichte, in dem die Transzendenz, für die die Geschichte als Horizont einsteht, endgültig verschwunden ist. Doch so verschieden die Begriffe auch sind, die dafür gewählt wurden, das Problem bleibt eigentlich das gleiche.

Nun wagt Max Weber allerdings auf den letzten Seitens seines berühmten Buches „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ eine Prognose darüber, auf welche Weise das Stählerne Gehäuse sein Ende finden könnte. Er schreibt: „Niemand weiß noch, wer künftig in jenem Gehäuse wohnen wird“. Und er nennt zwei Auswege. Zum einen den, „ob am Ende dieser ungeheuren Entwicklung ganz neue Propheten oder eine mächtige Wiedergeburt alter Gedanken und Ideale stehen wird.“ Das ist also die Möglichkeit eines geistigen Ausbruchsversuchs, ähnlich wie Moses sein Volk durch den Glauben an Gott aus der Versklavung in Ägypten herausgeführt hat. Oder aber, ob diese „Wirtschaftsordnung“ … die „heute den Lebensstil aller einzelnen, die in dies Triebwerk hineingeboren werden […] mit überwältigendem Zwang bestimmt und bestimmen wird“, fortdauert, „bis der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht ist.“ Hier ist somit die Idee einer materiellen Grenze formuliert.

Darüber dachte ich nach, als ich zufällig auf einen Artikel stieß, der sich mit dem Ende des Erdöls, also dem Phänomen Peak-Oil beschäftigte. Ich hatte bis dahin befürchtet, dass der von Weber, Benjamin und Adorno beschriebene Gesellschaftszustand noch Jahrhunderte fortdauern könnte. Und da wurde ich auf das Peak-Oil-Phänomen aufmerksam und dachte, wenn das stimmt, dann fährt das heute vorherrschende Prinzip der Vergesellschaftung gegen eine Wand. Dann werden wir schwere Erschütterungen erleben, die aber zugleich die Chance enthalten, die verschütteten Potentiale vergangener Kulturepochen erneut zu aktualisieren. Und so verbrachte ich einige Zeit damit, das Phänomen Peak Oil zu studieren. Ich habe dann eine ganze Reihe von Artikeln zum Thema geschrieben. Das war zwischen 2005 und 2007. Ich halte die Peak-Oil-Prognose auch heute noch für aktuell. Denn die Produktion von Biokraftstoffen und von Frackingöl hat das Problem nicht wirklich gelöst, sondern vielleicht nur um wenige Jahre aufgeschoben.

Telepolis: Die Berichte über Peak Oil vor einigen Jahren waren für viele ein Ausgangspunkt, über das ökonomische System als Ganzes nachzudenken. Welche Schlussfolgerungen folgten für Sie daraus?

Hauke Ritz: Das Ölthema machte mich in gewisser Weise auf benachbarte Themen aufmerksam, zum Beispiel wie das Öl mit den Finanzmärkten verflochten ist, also das sogenannte Petrodollarsystem. Und das wiederum richtete meine Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Kriege im Nahen Osten. Und so begann ich mich verstärkt mit den Grundlagen der Geopolitik zu beschäftigen. Im Verlauf meiner Recherchen ging es dann immer mehr um die Frage, wie eigentlich ein moderner Staat im 21. Jahrhundert arbeitet, wie sich zum Beispiel die Kriegsführung auf ehemals zivile Bereiche, wie Journalismus, Engagement für Menschenrechte, Stichwort NGO’s, Stichwort Informationskriegsführung und so weiter ausgedehnt hat. Langfristig möchte ich diese Themen, also Energiekrise, Finanzkrise, Geopolitik und die verdeckte Kriegsführung im 21. Jahrhundert gerne direkt in eine Beziehung zu meiner Beschäftigung mit Geschichtsphilosophie stellen. Das ist jedoch nicht so einfach. Aber das schwebt mir langfristig vor.

Telepolis: In ihrem kürzlich erschienenen Buch „Der Kampf um die Deutung der Neuzeit“ analysieren Sie die geschichtsphilosophische Debatte in Deutschland über den Zeitraum der letzten einhundert Jahre. Sie sagen, dass das eigentliche Thema in der deutschen Geschichtsphilosophie des 20. Jahrhunderts die ideengeschichtliche Deutung der Neuzeit war und erwähnen zunächst die bekannteren Positionen, etwa von Hegel, Weber, Nietzsche, Löwith und Arendt, um dann den Schwerpunkt auf einen weitgehend vergessenen Zweig der Debatte zu legen, für den die Namen der westdeutschen Nachkriegsphilosophen Klaus Heinrich (*1927), Georg Picht (1913-1982) und Jacob Taubes (1923-1987) stehen. Was ist das Besondere an diesen Dreien?

Hauke Ritz: Man kann dazu zweierlei Haltungen einnehmen. Entweder geht man davon aus, dass diese Philosophen nicht so bekannt sind, weil sie nicht so wichtig sind. Oder man stellt in Rechnung, dass die Kanonbildung fehlerhaft sein kann. Dass also die Debatte sich auf Werke bezieht, die eigentlich zweitrangig sind und die wirklich bedeutenden Erkenntnisfortschritte übersehen und in der Kanonbildung nicht berücksichtigt worden sind. Davon bin ich in gewisser Weise in meiner Arbeit ausgegangen. Deshalb stelle ich diese relativ unbekannten Philosophen in den Mittelpunkt. Ich denke, dass die von ihnen behandelten Fragestellungen, und die von ihnen aufgeworfenen Probleme es sind, an die die Philosophie auch im 21. Jahrhundert erneut anknüpfen müsste.

Ich habe relativ wenig Vertrauen in die Objektivität des Wissenschaftsbetriebes. Denn letztlich wird dieser auch von Moden bestimmt. Und in den letzten zwanzig bis dreißig Jahren waren Philosophen modern, die sich sehr auf Nietzsche bezogen und die ein postmodernes Programm hatten. Immer wenn sie nach einem Schuldigen in der Weltgeschichte suchten, stießen sie auf das Christentum und wiederholten damit die ideengeschichtlichen Zuordnungen Nietzsches bis zum Abwinken. Mir kam das sehr langweilig vor. Das kann es doch nicht sein. Meine Intuition leitete mich in eine andere Richtung. Wenn die Moderne ein atheistisches Zeitalter ist, dann kann die Lösung der Probleme, die mit der Moderne verbunden sind, doch nicht in noch mehr Atheismus liegen. Zudem erschien mir diese ständige Wiederholung nietzscheanischer Positionen recht billig. Das ist das gemeinsame Merkmal aller postmodernen Autoren, egal ob man Lyotard liest, Derrida, Foucault, Deleuze, Blumenberg, Löwith oder Marquard, immer stößt man am Ende auf nietzscheanische Theoreme und nietzscheanische Wertsetzungen. Die Frage, was die Neuzeit als die dritte Großepoche, die auf das Mittelalter und die Antike folgt, eigentlich ist, kann aber mit Nietzsches Philosophie höchstens gestellt, nicht aber beantwortet werden.

Und so muss man sich fragen, ob es eine Gegenposition gibt. Gibt es eine Gruppe von Philosophen, die einzeln oder gemeinsam einen anderen Weg eingeschlagen haben? Natürlich fallen einem da als erstes die Denker der Frankfurter Schule ein. Doch die schrieben vor der postmodernen Ära. Zudem gehen sie mit der Ausnahme Benjamins nicht weit genug in der Vergangenheit zurück. Adornos ideengeschichtliche Analysen beziehen sich meist nur auf Marx, Freud, Kant und Hegel. Alles was jenseits der Französischen Revolution liegt, wird nur noch beiläufig behandelt. Das ist die Schwäche von Adornos Geschichtsphilosophie, obwohl ich Adorno sonst sehr schätze. Und so stieß ich nach und nach auf die drei Philosophen, die ich in meinem Buch in den Mittelpunkt stelle, nämlich Klaus Heinrich, Georg Picht und Jacob Taubes. Jeder von ihnen hat große ideengeschichtliche Deutungsversuche unternommen. Jede dieser drei Geschichtsphilosophien kreist um das Problem der Neuzeit und versucht dieses Zeitalter zu verstehen und zwar indem es rückbezogen wird auf die Ideengeschichte der antiken Welt. Heinrich und Picht gehen dabei zurück bis zu den Vorsokratikern, während Taubes sich weniger auf die griechische Antike, dafür aber mehr auf das prophetische Judentum und die Begründung des Christentums bezieht und von dort aus die Ideengeschichte Europas bis in unsere Zeit rekonstruiert. Hier sind Geschichtsdeutungen entstanden, die so ehrgeizig sind und so viele wertvolle Einsichten enthalten, dass sie eine nähere Beachtung verdienen, zumal wir uns jetzt schon seit dreißig Jahren mit diesen „postmodernen“ Philosophen beschäftigen und eigentlich kaum eine Einsicht hinzugewonnen haben.

Telepolis: In ihrem Buch gibt es eine sehr eindringliche Passage, in der Sie am Beispiel von Pichts Philosophie den Geist des Nihilismus beschreiben. Worum geht es da?

Hauke Ritz: Picht zeigt auf, dass der Nihilismus der Moderne ein doppeltes Gesicht hat. Zum einen handelt es sich bei ihm um ein Zeitalter, in dem die Menschen nicht mehr wissen, was die klassischen Begriffe des Christentums, also Gott, Offenbarung und Auferstehung eigentlich bedeuten. In der nihilistischen Epoche weiß der Mensch nach Picht nicht mehr, was der Glaube eigentlich ist. Doch parallel dazu handelt es sich eben auch um eine Zeit, in der neben dem Glauben sich auch dessen Gegenpol, nämlich das Wissen, verändert hat. Zum vergessenen Wissen um den Glauben gesellt sich der nicht mehr vorhandene Glauben an das Wissen. Die Verdunkelung des einen hat das Verlöschen des anderen zur Folge.

Picht entwickelt aus dieser Vorstellung ein geschichtsphilosophisches Theorem, das, wie ich finde, unsere heutige Situation recht treffend beschreibt. Er widerlegt die Annahme, dass eine Abschaffung des Glaubens zu mehr Wissen führt. Für ihn sind stattdessen Wissen und Glauben auch in der Kulturgeschichte aufeinander bezogen. Wissen ist nach Picht dort wirkungsmächtig, wo der religiöse Glaube noch kulturell präsent ist und deshalb auch das Wissen noch geglaubt wird. Wo Wissen geglaubt wird, dort ist auch Skepsis eine kritische Kraft. Die Skepsis der ersten Wissenschaftler von der Renaissance bis zur Aufklärung konnte noch Konsequenzen zeitigen. Denn sie lebten in einer Epoche, in der der kulturelle Horizont des Christentums noch präsent war. In einer glaubenslosen Welt, wie der heutigen, verliert Skepsis dagegen ihre Einspruchskraft. Sie verwandelt sich in Zynismus und dient am Ende nur dazu, Kritik zu neutralisieren. Die Folge davon ist, dass das Wissen selbst sich verändert. Es verliert seine Klarheit, es wird nicht mehr geglaubt und zeitigt deshalb auch keine Konsequenzen mehr. Für den modernen Menschen ist es im Grunde genommen egal, was wahr ist. Der Begriff der Wahrheit gilt heute als totalitär. Also kümmert man sich nicht mehr um die Frage was wahr ist. Picht erklärt aus dieser Wechselbeziehung zwischen Glauben und Wissen den Geist des modernen Nihilismus. Er leitet aus ihm die Unfähigkeit moderner Gesellschaften ab, aus Einsichten Konsequenzen zu ziehen.

Telepolis: In ihrem Buch deuten Sie die Moderne als ein Zeitalter, „dessen Verhängnis darin besteht, dass es bewusst atheistisch und unbewusst religiös“ sei. Können Sie das erläutern? Sicher würden viele Menschen bestreiten, dass die Religion heute im Westen, insbesondere in der Politik, noch irgendeine entscheidende Rolle spielt.

Hauke Ritz: Im Grunde genommen ist dies eine Fragestellung, die die gesamte Neuzeitdebatte in der Philosophie des 20. Jahrhunderts durchzieht. Was ist die Neuzeit? Ist sie ein atheistisches Zeitalter? Oder ist die Neuzeit vielleicht nichts anderes als eine christliche Häresie und als solche wiederum religiös, wenn auch auf andere Weise als das Christentum? Oder ist sie die Konsequenz und das Resultat einer Verweltlichung des Christentums? Hat das Christentum durch bestimmte Theologumena, wie etwa die Gottesebenbildlichkeit des Menschen oder die Menschwerdung Gottes in der Gestalt Christi, selbst den Denk- und Vorstellungshorizont geschaffen, der schließlich zur wissenschaftlichen und industriellen Revolution und damit zur modernen Welt geführt hat? Eine Welt, in der der Mensch durch den technischen Fortschritt tatsächlich zum Inhaber einer Macht geworden ist, die – man denke z.B. an das apokalyptische Potential der Atombombe – mitunter tatsächliche göttliche Qualitäten aufweist. Oder verhält es sich genau anders herum? Ist das Christentum vielleicht doch der geheime Gegenspieler der modernen Welt? Das sind die Fragen, über die ich in meinem Buch die verschiedenen Philosophen miteinander streiten lasse. Und was sich schließlich herauskristallisiert, ist folgendes:

Natürlich haben bestimmte theologische Vorstellungen des Christentums die Entwicklung zur modernen Welt mit begünstigt. Das wird besonders deutlich an den Utopien, die sowohl die Aufklärung als auch die gesamte weitere Entwicklung der Moderne begleiten. Das gilt ganz besonders für den Marxismus, von dem Karl Löwith gesagt hat, es handele sich bei ihm eigentlich um Christentum im Vokabular der Nationalökonomie. In den geschichtlichen Erwartungen und den Utopien der modernen Welt säkularisiert sich die christliche Heilsgeschichte. Und doch gibt es daneben noch eine zweite Lesart, aus der schließlich hervorgeht, dass das Christentum am Ende doch der geheime Gegenspieler der Moderne ist, auch wenn es an der Entstehung der modernen Welt seinen Anteil hat. Und dass jene postmodernen Denker unrecht haben, die dem Christentum die ganze Last und Verantwortung für die Widersprüche der Moderne auferlegen wollen. Das Christentum ist nämlich nicht die einzige Religion, die sich in der Moderne säkularisiert hat. Daneben gibt es noch eine zweite Religion, die ebenfalls einen wichtigen Teil der abendländischen Tradition ausmacht, doch von der wir oft gar nicht wissen, dass es sich bei ihr im Grunde genommen um eine Religion handelt. Ich meine die griechische Philosophie, genauer die Logostheologie, die ihr zugrunde liegt. Man kann sie auch als den zweiten Monotheismus der abendländischen Kultur bezeichnen. Während jedoch im Zentrum des Christentums und auch des Judentums ein personaler Gott steht, ein Gott der zürnt und vergibt, der erwählt und verdammt, stellt der Gott der griechischen Philosophie eher ein logisches Prinzip dar. Der personale Gott des Christentums spielt heute in kultureller Hinsicht kaum noch eine Rolle, wohingegen der Gott der Logostheologie, wie Picht zeigt, immer noch der Bezugspunkt unserer Kultur ist, auch wenn uns das kaum bewusst ist.

Telepolis: Was hat es mit diesem Gott der griechischen Philosophie auf sich?

Hauke Ritz: Die von Klaus Heinrich und Georg Picht untersuchte Logostheologie verkörpert sich im Prinzip der Widerspruchsfreiheit. Picht spricht in diesem Zusammenhang sogar ausdrücklich vom „Gott der Philosophen“. Das Prinzip der Widerspruchsfreiheit ist die Identität, auf die sich Sokrates bezieht, wenn er seine Gesprächspartner in Widersprüche verwickelt, bis er selbst am Ende all diese Widersprüche auflöst und sie auf eines zurückführt. Es ist die Identität, auf die sich etwa ein Mathematiker bezieht, wenn er die zwei Seiten einer Gleichung auflöst und zeigt, dass beide Seiten doch miteinander identisch sind. Der Gott der Philosophen ist die Identität, die der Einheit der Welt und damit auch der uneingeschränkten Geltung der Naturgesetzte zugrunde liegt. Das nämlich im Grunde genommen alle Erscheinungen in unserer Welt auf ein Prinzip, auf eine der Welt selbst zugrunde liegenden Einheit bzw. Identität zurückgeführt werden können. Und dass diese Einheit bzw. Identität, die allem Einzelnen zugrunde liegen soll und die die griechische Philosophie durch das von ihr entdeckte Prinzip der Widerspruchsfreiheit denkbar gemacht hat, dass diese Identität letztlich eine Gottesvorstellung ist, eben der Gott der Philosophen. Doch dieser Gott der Philosophen ist ja auch heute noch der Bezugspunkt der modernen Naturwissenschaften. Jede mathematische Formel, jede technische Erfindung, jedes technische Gerät bezieht sich auf ihn. Er liegt bis heute dem naturwissenschaftlichen Objektivationsverfahren zugrunde. Nun mag man einwenden, dass die auf dieser Basis entstandenen technischen Geräte ja wirklich funktionieren. Ja, das ist richtig. Nur zeigt Picht, dass die Logostheologie, auch wenn sie praktisch mit vielen der heute bekannten Naturgesetze übereinstimmt, doch noch eine religiöse Dimension hat. Er führt aus, dass dieser Logostheologie eine bestimmte Zeitvorstellung zugrunde lag, eine Zeitvorstellung, die sich vom christlichen Zeitbegriff fundamental unterscheidet, weil sie nicht auf ein Jenseits und damit auf einen Austritt aus der Welt und damit auch der Zeit hin angelegt ist. Stattdessen bezieht sie sich auf eine ewige Gegenwart aller vergangenen und zukünftigen Zeiten, ein simultanes mystisches All-Jetzt.

Doch diese unendliche Verdichtung von Zeit und Raum, die in der griechischen Logostheologie mitgedacht wird, erkennen wir auch in unserer technologischen Welt wieder, in der mit jeder Maschine und mit jeder neuen Erfindung entweder die Zeit oder der Raum verdichtet wird. Picht folgert daraus, dass die Moderne, auch wenn sie bewusst atheistisch ist, sie doch unbewusst einen Gott anbetet, nämlich den Gott der Philosophen, den Gott der griechischen Metaphysik. Dieser Gott ist zwar einer und kann somit schon dem Monotheismus zugerechnet werden. Doch in Hinblick auf die durch ihn transportierten Raum- und Zeitvorstellungen ist er trotz allem mit den paganen Glaubensvorstellungen der griechischen Religion verbunden. Die Welt in der wir heute leben, ist eine Materialisierung dieses Glaubens und somit auch eine Verkörperung der mythischen Weltsicht, die er transportiert. Picht begreift deshalb die „gesamte Technik des 20. Jahrhunderts“ „als eine Art von Liturgie“ . Eine Liturgie, in der, ich zitiere, der „Glaube an die unumstößliche Wahrheit der Widerspruchsfreiheit, und das heißt, der sich selbst gleichen Einheit des Denkens und damit der Welt“ zelebriert wird. Und das eindrücklichste Symbol einer zunehmend sakralen Technik haben wir in den letzten Jahren in der globalen Überwachungsarchitektur der NSA kennengelernt. Dieser gigantische Überwachungsapparat ist die moderne Manifestation des allsehenden Auges Gottes, insofern er von jedem Bürger, der ein Handy oder ein Internetzugang besitzt, ein geistiges Profil erstellt. Sehen Sie, dass die Technik diesen Entwicklungspfad genommen hat, ist nicht zwangsläufig. Es ist das Resultat unbewusst wirkender religiöser Vorstellungen, die durchaus nicht immer christlicher Herkunft sind.

Telepolis: Sie erwähnen, dass die Wissenschaften sich vor einigen hundert Jahrenvor allem durch die Konkurrenz mit der Kirche, auf eine atheistische Position festgelegt haben. Im Folgenden sei den Wissenschaften dann Stück für Stück verloren gegangen, was neben den Glaubensinhalten auch noch in der Religion enthalten sei – nämlich das Wissen um die Stellung des Menschen in der Geschichte. Was meinen Sie damit und was bedeutet das Ihrer Ansicht nach konkret für unsere Zeit?

Hauke Ritz: Uns scheint es heute selbstverständlich zu sein, dass Wissenschaft atheistisch ist. Dabei ist das eine sehr fragwürdige Festlegung. Die atheistische Position lässt sich ja ebenso wenig beweisen wie der Glaube. Wenn überhaupt wäre Agnostizismus …

Telepolis: … also die Annahme, dass nicht zu klären sei, ob es einen Gott gibt oder nicht …

Hauke Ritz: … die wissenschaftliche Position. Doch die modernen Wissenschaften verstehen sich dennoch als atheistisch, weil, wie Sie bereits sagten, die frühen Naturwissenschaften spätestens seit der Aufklärung sich in Konkurrenz zur weltlichen und geistigen Macht der Kirche befanden und somit auf eine atheistische Position festgelegt haben. Doch durch diese atheistische Ausrichtung der Wissenschaften werden heute bestimmte Fragen gar nicht mehr gestellt. Die Religionen werden als irrationale Weltanschauungen verworfen. Die Frage, ob in ihnen auch so etwas wie Wissen enthalten sein könnte, kann gar nicht mehr gestellt werden. Darin drückt sich auch die in unserer Gegenwart leider weit verbreitete Vorstellung aus, die Menschen heute seien klüger als die Menschen vergangener Zeiten. Das ist natürlich nicht der Fall. Und deshalb müssen wir die Einsichten verstehen, die in die Religionen eingegangen sind. Auch innerhalb der Religionsgeschichte fand bereits etwas statt, das man Aufklärung nennen könnte. Der Übergang vom Poly- zum Monotheismus war eine solche frühe Form der Aufklärung. Rückblickend betrachtet stellte die Entstehung des Monotheismus einen gewaltigen Zivilisationssprung dar. Mit dem Monotheismus entdeckt der Mensch den Horizont der Geschichte und damit auch seine Verantwortung in der Geschichte. Es kommt zur Abschaffung des Opfers und damit zur Durchbrechung von sich perpetuierenden Schuldzusammenhängen. Die Vorstellung eines einzigen Gottes, dessen Macht grenzenlos ist, impliziert eine Machtkritik menschlichen Handelns, insofern der Mensch gegenüber Gott immer begrenzt ist und diese Begrenzung anerkennen muss. Der Monotheismus, auch wenn er heute oft anders verstanden wird, enthält somit in sich bereits eine Kritik totalitärer Machtanmaßung.

Zugleich wird aber durch das Theologumenon von der Ebenbildlichkeit des Menschen zu Gott die geistige Identität des Menschen und damit seine Unterschiedenheit von der Natur und vom Tierreich anerkannt, die ja nicht zufällig von vielen postmodernen Denkern erneut in Frage gestellt wird. Die Paradiesesgeschichte enthält eine Vielzahl an Lehren und Einsichten. Etwa eine Lehre über den ontologischen Status des Menschen. Das menschliche Sein ist nämlich nicht einheitlich, wie wir es bei Tieren oder auch bei Kindern beobachten. Das menschliche Sein ist gebrochen, insofern er bei allem, was er tut, immer mit einem Gegenteil konfrontiert ist. Der Mensch kann die Möglichkeit imaginieren, stößt aber in der Welt immer nur auf Wirklichkeit. Er kann sich die Freiheit vorstellen, während sich sein Leben unter Umständen, unter schicksalhaften Gegebenheiten realisiert. Das menschliche Sein ist von Negativität durchdrungen und der Mensch erfährt diese Negativität als etwas, das nicht sein sollte, als etwas Dämonisches, als Sünde. Die Religionen erfassen diesen Zustand mit äußerster Klarheit und lehren zugleich wie mit ihm umgegangen werden sollte. Parallel dazu enthält die Paradiesesgeschichte aber auch eine Lehre über die Stellung des Menschen in der Geschichte. Dass wir auf der einen Seite Verantwortung für ihren Verlauf tragen. Dass wir auf der anderen Seite aber durch unsere Stellung in der Geschichte selbst begrenzt und beirrt sind. Dass wir uns innerhalb der Geschichte, wie Taubes es ausdrückt, in einem „Sturmlauf“ von „Jetzt-Punkt zu Jetzt-Punkt“ befinden. Wir erhaschen immer nur ein momentanes Bild des Vergangenen das beim Erreichen des nächsten Jetzt-Punktes auch schon wieder verschwindet. Unser Blick auf die Geschichte ist durch die Geschichte ermöglicht und zugleich beirrt. Wir tragen die Verantwortung für etwas, das wir nur sehr unzureichend erkennen können. Das verschüttete Bild des Vergangenen „huscht vorbei“, wie Benjamin es nennt. Es blitzt „im Augenblick der Gefahr“ auf, um im nächsten Moment wieder zu verschwinden. Der Mensch ist deshalb wenn nicht auf Offenbarung, so doch zumindest auf Tradition angewiesen. Die Welt ist eben eine gefallene Welt, eine Welt nach dem Sündenfall, und alle Bemühungen des Menschen können sich somit in der Geschichte immer nur gebrochen realisieren.

Man kann somit sagen, dass die Religionen ein sehr realistisches Bild von der Stellung des Menschen im Kosmos und in der Geschichte entworfen hatten. Sie wussten um die Schwäche des Menschen, um seine Grenze, um seine Nähe aber auch um seine Unterschiedenheit zu Gott. Doch indem unser wissenschaftliches Zeitalter der Versuchung erlegen ist, die Religionen als bloß irrationale Glaubenssysteme zu betrachten und deshalb glaubt, ihre Lehren nicht mehr zur Kenntnis nehmen zu müssen, erheben wir uns über den schon einmal erreichten Kenntnisstand der Religionen und verlieren ihn erneut. Statt eine moderne Wissenschaft zu entwickeln, die in der Lage wäre, das Wissen der Religionen zu verstehen, in eine moderne Sprache zu übersetzen und so in sich aufzuheben, fallen wir in gewisser Weise hinter die Schwelle zurück, die der Monotheismus schon einmal überschritten hatte.

Auf der Speerspitze der Moderne, auf dem Gipfel des technologischen Fortschritts kommt es zur erneuten Aktualisierung einer mythischen Bewusstseinslage, zu einer Wiederkehr der mythischen Versuchung. Auf der einen Seite erhebt sich unsere Kultur über die Religion, während genau diese Kultur auf der anderen Seite Eliten hervorbringt, die von technologischen und geopolitischen Allmachtsphantasien beherrscht werden.

Telepolis: Womit wir wieder bei der kriegerischen Gegenwart wären.

Hauke Ritz: Ja, diese Eliten träumen von Raketenschilden, sie träumen von der Bewaffnung des Weltraums und von der Eroberung der Ukraine und haben dabei jeglichen Sinn für die begrenzten Möglichkeiten menschlichen Handelns verloren. Sie haben keinen Einblick in die menschliche Dimension des Krieges. Es hat den Anschein, als ob die Leugnung Gottes unweigerlich in den Gedanken einmündet, selbst Gott sein zu können. Die Bewusstseinsschwelle, die das Christentum markiert hat, könnte somit erneut überschritten werden, doch diesmal in entgegengesetzter Richtung. Schon kündigt sich eine Welt an, die der vorchristlichen Welt des römischen Imperiums in sehr vielem ähnlich sieht, in der zum Beispiel die Gleichheit aller Menschen vor Gott, die das Christentum etabliert hat, zurücktritt vor der natürlichen Rangordnung des Lebens, die die Antike kannte. Denn die Gesellschaft des Römischen Imperiums war ja eine, die auf Sklaverei beruhte und die eine Gleichheit der Menschen nicht einmal als Idee kannte. Während der Sklave nicht einmal als Mensch galt und von seinem Besitzer getötet werden durfte, wurde der Cäsar zum Gott erhoben. Vielleicht sind wir gar nicht mehr weit von dem Punkt entfernt, bei dem der Tod von Menschen wieder ein Gegenstand der Freude oder des Wettkampfs sein wird, wie einst im Colosseum in Rom. Bestimmte populäre Science-Fiction-Romane der letzten Zeit scheinen diesen Zustand bereits vorweg zu nehmen, man denke etwa an den Roman „The Hunger Games“. Als 2011 Gaddafi von einem Mob gelyncht wurde und dieser Lynchmord im westlichen Fernsehen übertragen wurde, war das vielleicht solch ein Moment, ein Moment, in dem wir uns dieser einst überwundenen zivilisatorischen Schwelle erneut angenähert haben. Und es ist vielleicht kein Zufall, dass die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton damals Worte wählte, die genau dies zu symbolisieren schienen. Sie kommentierte nämlich die Lynchjustiz an Gaddafi mit einem abgewandelten Zitat Julius Cäsars. Sie sagte: „We came, we saw, he died.“ Das habe ich jetzt etwas polemisch zugespitzt. In meinem Buch gibt es ein ganzes Kapitel, das sich mit den beängstigenden Parallelen zwischen der vorchristlichen Welt des römischen Imperiums und unserer heutigen Situation beschäftigt.

Wir können nur hoffen, dass es nicht das Schicksal der Neuzeit sein wird, die Antike zu wiederholen. Sie sehen an diesen Beispielen, dass man im Grunde genommen der Gravitationskraft der Religion nicht entkommen kann, egal wie sehr man sich darum bemüht. Am Ende fängt sie einen wieder ein. Und sei es auch in veränderter Gestalt, etwa als ein imperialer Polytheismus. Und deshalb bleibt uns nichts anderes übrig als ein Bewusstsein von diesen Zusammenhängen zu entwickeln, bevor es zu spät ist. Wir müssen verstehen, welche Kräfte wirklich in der Geschichte wirken.

(Das Interview führte Paul Schreyer. Es wurde im Online-Magazin Telepolis veröffentlicht.)

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