Neue Feindsender?

25. April 2014   —   Zeit Online misst bei seinem Ethik-Kodex offenbar weiterhin mit zweierlei Maß. Und auch andere Medien haben derzeit Probleme mit der Transparenz. Was ist los mit der Presse?

Die Irritationen um Zeit Online reißen nicht ab. Nun wurde ein weiterer Fall bekannt, der deutlich macht: Autoren, die auch für russische Medien arbeiten, sind unerwünscht, Amerika-Nähe aber ist kein Problem. Es scheint, als falle es mancher Redaktion dieser Tage schwer, noch zwischen vernünftig und unangemessen, zwischen ethisch und hysterisch zu unterscheiden. Während der Ansturm der kritischen Leserkommentare zur Russland-Berichterstattung der Leitmedien nicht abreißt, sorgt man sich dort verstärkt um politische Einflussnahme – allem Anschein nach jedoch recht einseitig.

Die freie Journalistin Alisa Bauchina, 26, hatte in der Vergangenheit bereits bei Zeit Online publiziert. Als sie der Redaktion nun kürzlich einen neuen Text anbot, lehnte man dankend ab. Der Artikel, in dem es um die politisch brisante Situation in Moldawien geht, dem Geburtsland der Autorin, das sie zur Recherche nun noch einmal bereist hatte, sei zwar „ziemlich spannend“, so Michael Schlieben, kommissarischer Ressortleiter Politik, Meinung und Gesellschaft von Zeit Online gegenüber der Journalistin. Allerdings habe man entdeckt, dass sie in der Vergangenheit für den russischen Auslandssender „Stimme Russlands“ gearbeitet habe. Daher müsse man leider absagen. Der eigene Ethik-Kodex verbiete in solchen Fällen eine Zusammenarbeit. Generell, so Schlieben gegenüber der freien Autorin, müsse man „künftig ziemlich vorsichtig sein“, was Interessenkonflikte angehe.

Auf Anfrage von Telepolis stellte sich die Chefredaktion von Zeit Online nun hinter die Entscheidung ihres Mitarbeiters. Markus Horeld, stellvertretender Chefredakteur des Online-Magazins, verwies dazu auf folgenden Abschnitt im hauseigenen „Code of Ethics“:

„Freie Mitarbeiter müssen Tätigkeiten in dem Journalismus nahen Bereichen – Marketing, PR – offen legen. Eine Tätigkeit in einem dieser Bereiche schließt in der Regel die redaktionelle Bearbeitung inhaltlich verwandter Themen bei ZEIT ONLINE für den Zeitraum eines Jahres nach Abschluss der jeweiligen Tätigkeit in Marketing und PR aus, wenn nicht in beiderseitigem Einvernehmen eine Regelung getroffen werden konnte, die eine Einflussnahme auf die Berichterstattung ausschließt.“

Auf den Einwand, dass es hier nicht um Marketing, sondern um regulären Journalismus für einen ausländischen Sender ginge, erwiderte Horeld:

„Die ‚Stimme Russlands‘ wird von der russischen Regierung finanziert und betreibt natürlich keinen ‚regulären Journalismus‘.“

Was hat das mit dem Ethik-Kodex zu tun?

Doch gehört die publizistische Arbeit für ein Medium, selbst wenn dieses politisch beeinflusst wird, wirklich in die gleiche Kategorie wie Marketing und PR – also bezahlte Werbung? Zwar ist die „Stimme Russlands“, gerade dieser Tage, sicherlich nicht in jedem Fall ein Musterbeispiel für ausgewogenen Journalismus. Doch könnte man diesen Vorwurf in verschiedener Ausprägung auch anderen Medien machen, nicht nur russischen. Was also hat eine solche Entscheidung wirklich mit dem „Ethik-Kodex“ zu tun?

Diese Frage stellt sich auch vor dem Hintergrund, dass hochrangige deutsche Politiker wie etwa Wolfgang Bosbach (CDU), Gernot Erler (SPD) oder Jürgen Trittin (Grüne) in den letzten Wochen unabhängig voneinander den Weg ins Berliner Studio der „Stimme Russlands“ fanden, um sich dort ausführlich interviewen zu lassen. Offenbar hatte keiner von Ihnen den Eindruck, dort einem Propaganda-Sender auf den Leim zu gehen, den man besser boykottieren sollte.

Die nun betroffene Journalistin, die seit sechs Jahren in Deutschland lebt und hier studiert hat, reagierte jedenfalls erstaunt auf die Absage von Zeit Online. Gegenüber Telepolis wies sie darauf hin, dass ihre 5-monatige freie Tätigkeit für die „Stimme Russlands“ bereits Anfang Februar diesen Jahres geendet habe, also mehr als zwei Monate vor der nun erfolgten Ablehnung ihres Textes. Ihren letzten Artikel hatte Zeit Online im Dezember 2013 veröffentlicht, als sie noch für den russischen Sender gearbeitet hatte – damals ohne Probleme.

Die Frage drängt sich auf: Hat der politische Konflikt mit Russland dazu geführt, dass hierzulande der Begriff des „Feindsenders“ wieder neu eingeführt wird? Definieren die Medien erneut Gegner, die man ausgrenzen und vor denen man das heimische Publikum schützen zu müssen glaubt?

Transparenter Journalismus geht anders

Auffällig ist zumindest, dass der sogenannte „Ethik-Kodex“ im Falle von Zeit Online offenbar nur dann ins Feld geführt wird, wenn es um potenziellen russischen Einfluss geht. Ähnliches konnte bereits kürzlich beim Rauswurf des Russland-Korrespondenten Moritz Gathmann beobachtet werden. Fragen zum traditionell großen amerikanischen Einfluss auf die Zeit-Redaktion weicht man dort hingegen konsequent aus.

So berichtete Telepolis bereits im März über den Zeit-Journalisten Jochen Bittner, der über ein Strategiepapier zur deutschen Außenpolitik berichtete, das er selbst mitverfasst hatte, ohne dass dieser Sachverhalt unter dem Text bei Zeit Online kenntlich gemacht wurde. Bis heute ist dort kein Hinweis, keine entsprechende Klarstellung oder ähnliches zu lesen. Warum nicht, mochte die Chefredaktion auch aktuell nicht beantworten.

Und zur Frage, ob man beabsichtige, den eigenen Ethik-Kodex nun dergestalt umzusetzen, dass auch die entsprechenden transatlantischen Verbindungen von prominenten Zeit-Journalisten wie Josef Joffe oder Matthias Naß künftig unter deren Artikeln offengelegt werden – und wenn nein, weshalb nicht -, verweigerte die Chefredaktion von Zeit Online jede Auskunft. Transparenter Journalismus geht sicher anders.

Zeit Online wollte auch nicht die Frage beantworten, weshalb der hauseigene Ethik-Kodex eigentlich bis heute nicht offiziell bekannt gemacht wurde. Bislang ist das Regelwerk lediglich über den privaten Blog des Journalisten Stefan Niggemeier zugänglich – ein seltsames Gebaren für ein „Qualitätsmedium“.

Probleme mit der Forenmoderation

Derweil lässt der Widerstand der Leser und Zuschauer gegen die gängige Russland-Berichterstattung der Leitmedien kaum nach. Tausende von kritischen Kommentaren häufen sich auf den Webseiten von Tagesschau, Spiegel, FAZ & Co. Der Gegenwind irritiert die Branche zwar, führt aber bislang offenbar nicht zu ernsthaftem Umdenken. Stattdessen diskutiert man ausführlich psychologische Erklärmodelle, um die vermeintlichen Motiven des kritischen Publikums zu begreifen. Favorisiert werden hierbei Antiamerikanismus, historische Schuldgefühle gegenüber Russland, eine irrationale Nostalgie Ostdeutscher, oder schlicht pubertäre Rebellion gegenüber der Schutzmacht USA. Der naheliegende Gedanke, dass sich der Protest des Publikums aus offenkundig einseitiger Berichterstattung speisen könnte, kommt anscheinend den wenigsten.

In jedem Fall werden die öffentlichen Diskussionsforen der großen Medien nun zu einer ernsten Bedrohung für deren Deutungshoheit. Kein Wunder, wenn sich Verantwortliche in den Redaktionen nun die Frage stellen sollten, inwieweit man da „moderierend“ eingreifen kann. Soll man von seinen technischen Möglichkeiten gar weitergehenden Gebrauch machen und die „aus dem Ruder laufenden“ Debatten zensieren? Viele Leser haben den Eindruck, dass genau das längst geschieht. Bei Spiegel Online etwa kam es offenbar zu einigen Unregelmäßigkeiten. Lesern zufolge wurden Kommentare dort in größerem Ausmaß gelöscht. Problem: die Spiegel Online-Redaktion „moderiert“, ohne Spuren zu hinterlassen. Ohne einen Screenshot des Kommentars, der später gelöscht wurde, lässt sich eine Zensur dort im Nachhinein kaum nachweisen.

Bei Zeit Online protokollieren die redaktionellen Moderatoren hingegen zumindest im Forum, was gelöscht wurde und warum. Auch wenn die Begründungen dort in Teilen hilflos verschwurbelt klingen, Zitat:

„Bitte hinterfragen Sie zukünftig die Bedeutung bestimmter historisch begründeter, emotional aufgeladener Begrifflichkeiten, bevor Sie diese in den aktuellen Kontext einbetten. Danke, die Redaktion“

Solchen „Rat“ möchte mancher vielleicht eher den Redaktionen selbst geben, die sich aber weiterhin in der Politikanalyse ganz selbstverständlich auf höherer Ebene wähnen. Dass die eigenen Leser den Redakteuren im inhaltlichen Verständnis voraus sein könnten, scheint vielen Verantwortlichen nur schwer vorstellbar.

Für Irritationen sorgte aktuell auch der Ausfall der Kommentarbewertungsfunktion bei FAZ.NET, dem Online-Portal der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Für mehrere Tage wurden dort jüngst die Leserbewertungen der Kommentare nicht mehr angezeigt, gerade als die Debatte im Netz sich intensivierte. Eine Orientierung der Leser über die Meinung des übrigen Publikums war somit erschwert. Auf Nachfrage von Telepolis teilte die FAZ-Redaktion jedoch mit, es handle sich lediglich um ein technisches Problem. Mittlerweile funktioniert die Anzeige der Kommentarbewertungen wieder.

Ausstieg bei Bilderberg

Mitte April gab es bei Zeit Online sogar einen kurzzeitigen Ausfall der kompletten Kommentarfunktion. Nach Auskunft der Redaktion handelte es sich allerdings auch dort um einen technischen Fehler. Was unter normalen Umständen kaum jemanden aufregen würde, führt in der jetzigen, hitzig geführten Russland-Debatte zu sofortigem Misstrauen unter den Lesern – Symptom auch für den Vertrauensverlust, den viele etablierte Medien mittlerweile erlitten haben.

Dieser hat sicher auch mit intransparenten Partnerschaften mancher Redaktionen zu tun. Die Zeit etwa steigt nun nach eigener Aussage bei den umstrittenen Bilderberg-Treffen aus, wo man jahrelang eine einflussreiche Rolle spielte. Auf Anfrage von Telepolis teilte eine Zeit-Sprecherin dazu jetzt mit:

„Als Matthias Naß 2012 sein Mandat bei der Bilderberg-Konferenz niedergelegt hat, hätte es auf Giovanni di Lorenzo übergehen können. Er hat dies aber nicht annehmen wollen.“

Warum di Lorenzo, medienpräsenter Chefredakteur der Printausgabe der Zeit, diesen renommierten Posten nicht übernehmen wollte, bleibt bis auf weiteres sein Geheimnis. Auf eine entsprechende Nachfrage hin hieß es nur, man wolle der Stellungnahme nichts hinzufügen. Es scheint fast, als sei der Ethik-Kodex des Hauses informell um eine branchenuntypische Regel ergänzt worden: „Schweigen ist Gold“.

(Dieser Artikel wurde im Online-Magazin Telepolis veröffentlicht.)

Advertisements