Verschwörungstheorie!

Wikipedia, 9/11 und das Problem mit dem Dissens – ein Selbstversuch

2. März 2014   —   Gibt man bei Google das Kürzel „9/11“ ein, taucht fast an erster Stelle der entsprechende Wikipedia-Artikel auf. Die Terroranschläge in den USA liegen zwar mehr als zwölf Jahre zurück, doch selbst die deutschsprachige Version dieser Seite wird weiterhin rege besucht. Laut Statistik informieren sich mehr als tausend Besucher pro Tag hier über Ablauf und Hintergründe des 11. September 2001 – mutmaßlich wohl vor allem Schüler, Studenten und andere Interessierte, die die Anschläge nicht bewusst erlebt haben. Der Wikipedia-Artikel zu 9/11 spielt ohne Frage eine wichtige Rolle für die öffentliche Information zu den Anschlägen.

Bemerkenswert an dem ebenso detailreichen wie gründlichen Text ist jedoch – neben dem Interesse, auf dass er weiterhin stößt – vor allem seine offenkundige Einseitigkeit. Der Text referiert die offizielle Sicht auf die Ereignisse ganz so, als handle es sich dabei um eine weithin unstrittige Wahrheit. Gegenpositionen kommen schlicht nicht vor. Einzige Ausnahme: ein fünfzeiliger Absatz mit der Überschrift „Verschwörungstheorien“. Dieser informiert knapp:

„Zu den Anschlägen vom 11. September haben sich viele Verschwörungstheorien entwickelt. Deren Vertreter gehen meist davon aus, dass die US-Regierung und/oder ihre Geheimdienste die Anschläge wissentlich zugelassen oder selbst durchgeführt haben. Sie bezweifeln die ermittelten Ursachen für die Anschlagsschäden und vermuten andere Ursachen, etwa eine kontrollierte Sprengung der WTC-Gebäude. Anhänger des so genannten „9-11-Truth-Movement“ fordern seit 2005 eine neue Untersuchung der Ereignisse. Ihren verschiedenen Thesen widersprechen neben den Experten der FEMA und des NIST auch unabhängige Wissenschaftler.“

Weitere Einzelheiten, Differenzierungen oder Argumente gibt es nicht. Dazu muss der interessierte Leser erst einen separat eingerichteten Artikel besuchen: „Verschwörungstheorien zum 11. September“. Schon die Trennung suggeriert, dass diese „Theorien“ eigentlich nichts mit den historischen Fakten zu den Anschlägen zu tun haben können.

Don Quichotte als Wiki-User

Doch Wikipedia ist ja bekanntlich eine offene Enzyklopädie. Jeder kann teilnehmen und sein Wissen einbringen. Warum also nicht auch ein Journalist, vielleicht sogar einer, der mehrere Sachbücher zum Thema veröffentlicht hat? Dachte ich. Doch Bekannte und Kollegen rieten mir ab. Ich solle bloß die Finger davon lassen. Aussichtslos! Ich würde enden wie Don Quichotte. Das Online-Lexikon wäre längst bekannt als „Church of Wikipedia“, Dissens, insbesondere bei 9/11, sei unerwünscht und würde umstandslos entfernt.

Durch diese Warnungen erst richtig neugierig geworden, begann ich am 7. Februar den Selbstversuch. Zunächst stellte ich mich freundlich auf der entsprechenden Wikipedia-Diskussionsseite vor, als Journalist und Autor, der gern seine Expertise bei der Verbesserung des 9/11-Artikels einbringen wolle. Keine zehn Minuten später hatte ich auch schon eine ebenso freundliche Antwort eines Wiki-Users. Ich könne einfach loslegen, der Artikel habe ja nur einen Halbschutz. Ich solle aber die Regeln für Belege beachten. Und so machte ich mich am Folgetag ans Werk.

Zunächst ergänzte ich den fünfzeiligen „Verschwörungstheorie“-Passus im Hauptartikel. Ich erwähnte die über 2.000 Architekten und Ingenieure von AE911Truth und die Tatsache der Folterverhöre von Hauptzeugen der 9/11-Planung. Als Beleg verlinkte ich den 9/11 Commission Report, Seite 146, der an dieser Stelle einräumt, dass die Commission selbst keinen direkten Zugang zu diesen Zeugen hatte. Zurückhaltend schloss ich: „Viele Skeptiker schließen daraus, dass die eigentliche Planung der Anschläge bis auf Weiteres als unaufgeklärt zu gelten habe. Sie fordern daher eine neue Untersuchung.“

Drei Minuten Ruhm

Meine Ergänzung war exakt drei Minuten lang online – von 11:26 Uhr bis 11:29 Uhr. Dann schritt der erste Wikipedianer beherzt ein und „reinigte“ die Seite wieder von meiner offenbar unwillkommenen Ergänzung. Das Tempo beeindruckte mich. Die Begründung weniger: „Verschwörungstheorie“.

Zurück auf der Diskussionsseite brachte ich meine Verwunderung zum Ausdruck. Und bekam daraufhin von einem anderen Wikipedianer eine Standpauke. Die 9/11 Commission brauchte gar keinen Zugang zu Zeugen, erfuhr ich nun, „weil ihr Auftrag nicht war, Tatbeteiligte zu verhören“. Ach so? Alles sei im Übrigen auch längst anderweitig belegt. Und dann, direkt gegen den Überbringer der unfrohen Botschaft vom 9/11-Zweifel:

„Auf eigene Faust absichtlich falsche Zusammenhänge zwischen Kommissionsbericht und Verschwörungstheorien herzustellen oder nahezulegen, und zwar in genau derselben Weise wie 9/11-Truther das tun, ist daher nicht nur keine Verbesserung, sondern auch regelwidriges POV-Pushing. Das kann im Wiederholungsfall zu deiner Sperre führen. Und falls du nochmals ‚vergisst‘, deinen Senf zu signieren, wird er diskussionslos abgeräumt.“

Alles klar. Danke für das herzliche Willkommen bei Wikipedia! Höflich verwies ich in meiner Antwort nun auf die Tatsache, dass die 9/11 Commission tatsächlich mehrfach dringlich versucht hatte, Zugang zu den Zeugen zu erhalten. Denn natürlich wollte die Commission sich selbst ein Bild machen von Khalid Scheich Mohammed, Ramzi Binalshibh und Abu Subaidah, den angeblichen Planern der Anschläge, die derweil in Geheimgefängnissen schmorten, ohne öffentliche Anhörung und ohne Prozess. Vizechef Lee Hamilton drang im Dezember 2003 sogar persönlich bis ins Büro von CIA-Chef George Tenet vor, um den Zugang zu diesen Männern einzufordern. Doch der ließ ihn einfach abblitzen (1):

„Lee, Du wirst keinen Zugang zu ihnen bekommen. Es wird nicht passieren. Nicht einmal der Präsident der Vereinigten Staaten weiß, wo diese Leute sind. Und er hat keinen Zugang zu ihnen. Und Du wirst keinen Zugang zu ihnen erhalten.“

Dass im Lichte des heutigen Wissens von den Folterungen der drei zum Zeitpunkt ihrer Aussagen das ganze Beweisgebäude zur Planung der Anschläge auf sehr wackligen Füßen steht, wollten die an der Diskussion beteiligten Wikipedia-User aber nicht gelten lassen. Daraufhin schaltete ich einen Gang höher und schrieb: „Wenn eine solche rein faktenbasierte und transparente Ergänzung des bisherigen in seiner Form sehr einseitigen Artikels hier unmöglich gemacht wird, werde ich die Diskussion dazu evtl. in ein größeres öffentliches Forum tragen, in dem dann auch die Arbeitsweise innerhalb von Wikipedia selbst Thema sein wird.“

Kritik-Management 2.0

Wenig später nahm der lauteste unter meinen Kritikern die Sache mit den Folterverhören still und leise in den Artikel mit auf. Allerdings nicht etwa in den 9/11-Hauptartikel mit den erwähnten über 1.000 Lesern pro Tag, sondern in den sehr viel seltener frequentieren Artikel zum 9/11 Commission Report, der im Durchschnitt von weniger als 20 (!) Interessierten täglich angeklickt wird. Ganz so, als hätten die in Zweifel stehenden Beweise für die Planung der Anschläge nicht wirklich direkt mit eben diesen Anschlägen zu tun – sondern nur mit dem Untersuchungsbericht dazu.

In diesem Sinne ergänzte er: „Thema dieses Artikels sind der Verlauf und die Folgen von 9/11. Um die Planung der Anschläge geht es nur am Rande.“ Ich hatte also das „Thema verfehlt“. Setzen, Sechs – sozusagen. Und überhaupt hätte ich „aus der Folterdebatte falsche unzulässige verschwörungstheoretische Schlüsse gezogen und diese versucht, mit unzulässigen Belegen in den Ereignisartikel zu drücken. Das geht natürlich nicht.“

Weitere Wikipedianer äußerten nun ihren Unmut über mich und fragten sich, „wieso man sich hier auf diesen Unfug überhaupt einlässt – woher kommt diese unnötige Milde auf einmal?“ Offenbar vermisste man die harte Hand eines Zensors, der nicht nur die Zweifel aus dem Artikel tilgte, wie bereits geschehen, sondern auch gleich die ganze Diskussion dazu. Kurze Zeit später tauchte dieser ersehnte Zensor dann auch auf und löschte kurzerhand anonym einen meiner Diskussionsbeiträge – wohlgemerkt: nicht im Artikel, sondern bereits auf der Diskussionsseite. Als ich meinen der Zensur zum Opfer gefallenen Beitrag daraufhin wieder neu eintrug, teilte man mir drohend mit, dies sei ein „unzulässiger Edit“, denn die Diskussion sei bereits beendet und archiviert. Kein Scherz. Kafka ließ grüßen.

Denn der Fehler lag selbstverständlich bei mir. Mein engagierter Mitdiskutant (sinnigerweise mit dem Nutzernamen „Kopilot“) hatte unsere noch laufende Debatte schließlich schon längst Wikipedia-regelkonform „archiviert“, so dass er statt mühevoller Argumente nun mit einem zeitsparenden Hinweis kontern konnte: „In Archiven wird nicht weiterdiskutiert“. Ende der Debatte also. Ronald Pofalla winkte von ferne.

Doch auch die größten Freunde der offiziellen Version hatten mittlerweile gemerkt, dass der Einwand bezüglich der Folterverhöre nicht so einfach von der Hand zu weisen war. Zumal ich im Laufe der Diskussion einen Mainstream-Artikel als Quelle ergänzt hatte. NBC News zufolge verwiesen nämlich „mehr als ein Viertel aller Fußnoten des 9/11 Reports auf CIA-Verhöre von Al Qaida-Mitgliedern, die den inzwischen strittigen Verhörmethoden ausgesetzt wurden. Tatsächlich basieren die entscheidendsten Kapitel des Reports, zur Planung und Ausführung der Anschläge, im Kern auf Informationen aus diesen Verhören“ – so wörtlich der amerikanische TV-Sender NBC im Jahr 2008.

Und so begann sich die Diskussion auf Wikipedia nun zu verlagern. Ja, es stimme zwar, entscheidende Zeugen für die Darstellung der Attentatsplanung seien gefoltert worden. Der Glaubwürdigkeit tue dies allerdings keinen Abbruch, denn diejenigen hätten ja schon vor ihrer Festnahme im Interview gegenüber einem Reporter von Al Jazeera alles zugegeben.

Interview mit zwei Phantomen

Es ging dabei um das bekannte Interview, das der Al-Jazeera-Journalist Yosri Fouda eigenen – und sich widersprechenden – Angaben zufolge entweder im April, im Mai oder im Juni 2002 angeblich mit Khalid Scheich Mohammed und Ramzi Binalshibh an einem geheimen Ort in Pakistan geführt hatte – und in dem die beiden die Planung der Anschläge gestanden hatten. So zumindest Fouda. Als Beweis konnte er jedoch lediglich eine Tonspur präsentieren.

Yosri Fouda hatte das Interview kurz vor dem ersten Jahrestag der Anschläge im September 2002 veröffentlicht – ein Scoop, der ihn weltberühmt machte. Die pakistanischen Behörden nahmen unmittelbar darauf, fast wie bestellt, genau zum Jahrestag Ramzi Binalshibh in Pakistan fest. Ein perfektes Timing – erst die Interview-Ausstrahlung, dann der Zugriff – beides worldwide breaking news.

Zum allgemeineren Hintergrund an dieser Stelle ein kurzer Rückblick: Unmittelbar nach 9/11 hatte es zunächst kein Bekennerschreiben gegeben. Niemand hatte sich der Tat bezichtigt. Bin Laden selbst hatte sogar explizit seine Verantwortung dementiert, wie CNN berichtete. US-Außenminister Colin Powell versprach dennoch, „der Welt und dem amerikanischen Volk einen überzeugenden Fall“ zu präsentieren, der Bin Ladens Verantwortung für die Anschläge zeigen werde. Doch, wie der renommierte amerikanische Enthüllungsjournalist Seymour Hersh bereits im Oktober 2001 mit Verweis auf einen Beamten des US-Justizministeriums schrieb, „das allgemein erwartete Papier konnte aus Mangel an harten Beweisen nicht veröffentlicht werden“. Und dabei blieb es. Ein Papier mit entsprechenden Belegen wurde nie publiziert.

Alles was seither an Beweisen in den Medien auftauchte, sind Videos oder Audiobotschaften dubiosen Ursprungs und zweifelhafter Übersetzung – beginnend mit der vom Pentagon im Dezember 2001 veröffentlichten angeblichen Selbstbezichtigung Bin Ladens, vom ARD-Magazin „Monitor“ unmittelbar darauf als Falschübersetzung entlarvt, bis hin zu dem angeblichen Interview des Journalisten Yosri Fouda mit den vermeintlichen Planern. Von denen man dann einen – Ramzi Binalshibh – just nach der Ausstrahlung festnahm. Im Grunde ein klassisches „too good to be true“.

Bei der Diskussion auf der Wikipedia-Seite setzte ich all das als bekanntes Wissen voraus und merkte nur an, dass es sich bei dem Interview um grundsätzlich nicht überprüfbares Hörensagen handle und dass es, aus diesem Umstand resultierend, kein juristisch verwertbares Beweismittel ist, was wohl auch der Grund dafür sei, dass es nicht Gegenstand der offiziellen Beweisführung ist. Der 9/11 Commission Report argumentiert nicht damit und erwähnt das Interview noch nicht einmal.

It´s crazy – but it works

Weiterhin wies ich auf die erheblichen Widersprüche hin, in die sich Fouda im Zusammenhang mit diesem Interview verstrickt hatte – vom Autor Chaim Kupferberg im Magazin „Global Research“ gründlich dokumentiert. Doch dazu wurde mir in der Folge nur beschieden, „Global Research“ scheide „als private Website“ generell als Quelle aus. Auf meinen Einspruch verlagerte sich die Argumentation wiederum und nun hieß es, der Autor Kupferberg sei „keine anerkannte Quelle“, da er in 9/11-Fachliteratur nicht zitiert werde. Weil das aber nicht stimmte und Kupferberg tatsächlich in einer ganzen Reihe von Sachbüchern zum Thema zitiert wird, kam das ultimative Argument: die Autoren der ihn zitierenden Bücher seien eben auch alles Verschwörungstheoretiker.

Da war er – der klassische Zirkelschluss. Der hermetische Ausschluss von jeder möglichen Kritik – der sonst gerne eben jenen „Verschwörungstheoretikern“ vorgeworfen wird. Was verboten ist, kann es nicht geben. Und wenn doch, dann ist es gelogen. Denn sonst wäre es ja erlaubt. Oder so ähnlich. Wer einen Verschwörungstheoretiker zitiert, muss selbst einer sein, per Definition. Denn sonst wäre der Zitierte ja keiner. Und das ist ja ausgeschlossen. Was zu beweisen war.

It´s crazy – but it works. Dabei erscheint das Wikipedia-Prinzip selbst zunächst so logisch wie schlüssig: Es werden nur Belege aus seriöser Quelle akzeptiert, keine Verschwörungstheoretiker. Was aber bezeichnet diese Kategorie „Verschwörungstheorie“ genau? Welches Buch gehört dazu, und welches nicht? Was sind die spezifischen Kriterien? Die Fakten in einem Artikel oder in einem Buch können stimmen oder sie können falsch sein. Wann aber sind sie „verschwörungstheoretisch“? Wenn sie zwar stimmen, aber zur falschen Schlussfolgerung führen? Was ist die „falsche“ Schlussfolgerung?

Grauzonen

Meine Frage an die selbsternannten Gralshüter der Wahrheit, nach welchen spezifischen Kriterien denn „verschwörungstheoretische“ Texte von solchen unterschieden würden, die man als Quelle bei Wikipedia akzeptiert, blieb unbeantwortet. Man sei nicht da, um Auskünfte zu erteilen, hieß es dazu nur knapp. Die gesuchten Kriterien solle ich „durch eigene Lektüre herausfinden“. Fazit: Der Entscheidungsprozess darüber, was „verschwörungstheoretisch“ und damit per se abzulehnen ist, verbleibt bei Wikipedia in einer Grauzone.

Man gewinnt den Eindruck, dass diese Grauzone so auch gewünscht ist. Ähnlich wie die gerichtliche Aufklärung der Anschläge dadurch behindert wird, dass man mutmaßliche Drahtzieher in das juristische Nirgendwo von Guantánamo und Co. abschiebt und ihnen einen transparenten Prozess verweigert, so dient die definitorische Grauzone des Begriffs „Verschwörungstheorie“ einer Behinderung der journalistischen Aufklärung. Mission accomplished also?

De facto wird der Begriff „Verschwörungstheorie“ heute vor allem benutzt, um Ansichten zu beschreiben, die nonkonform sind. Diese müssen dabei noch nicht einmal Theorien im eigentlichen Sinne sein. Es reicht der reine Dissens mit dem Mainstream. Wenn beispielsweise jemand sein Unverständnis über den Zusammenbruch der drei Türme am 11. September äußert, im Sinne von „keine Ahnung was da genau passiert ist, aber Hochhäuser aus Stahl kollabieren jedenfalls nicht einfach so zu Staub“, oder wenn etwa jemand argumentiert, er halte es für „schwer glaubhaft, dass die Geheimdienste von den Anschlägen wirklich überrascht wurden“, dann fällt das offiziell schon in die Schublade „Verschwörungstheorie“ – obwohl noch überhaupt keine Theorie geäußert wurde.

Das Wort wird somit in einer pauschalen Weise benutzt, die sich logisch oder vernünftig kaum mehr fassen lässt. Festes Kriterium scheint aber der nonkonforme Inhalt zu sein. Nonkonform wäre demnach „falsch“. Wird diese Gleichung zur Grundlage wissenschaftlichen Denkens, ist der Stillstand natürlich determiniert. Wird sie zur Grundlage der Führung einer Enzyklopädie, so entsteht Wissen, das auf politische Opportunität genormt ist.

Das Prinzip, nur „autorisierte“ oder „offizielle“ Quellen zu akzeptieren, scheitert selbstverständlich auch in dem Moment, wo die Autoritäten selbst, ob in der Regierung oder den Medien, zu lügen beginnen. Was ja letztlich die Kernannahme hinter den Zweifeln an 9/11 ist: Die Öffentlichkeit wird belogen, und zwar gedeckt von Regierungen UND etablierten Medien.

Insofern berühren sich hier zwei verschiedene Ebenen des Themas 9/11. Einmal das historische Ereignis als Stoff eines enzyklopädischen Artikels – und dann die Infragestellung des grundsätzlichen Prinzips zu akzeptierender Quellen. Wenn zur Beschreibung der Anschläge nur „autorisierte“ Quellen zugelassen werden, diese aber ihre Autorität letztlich von denjenigen erhalten, die keine weitere Aufklärung wünschen, dann ist das (mangelhafte) Ergebnis vorprogrammiert.

Im Schatten von Interessengruppen

Genau wie – leider – auch das Ende eines entspannten Umgangs miteinander bei Wikipedia. Die Verfechter der „reinen Lehre“ dort leisten der Online-Enzyklopädie letztlich einen Bärendienst, denn die Glaubwürdigkeit von Wikipedia insgesamt droht Schaden zu nehmen. Pavel Richter vom Vorstand der Wikimedia Deutschland wies in anderem Zusammenhang kürzlich auf ähnliche Gefahren von Seiten der PR-Industrie hin. Gegenüber dem ARD-Magazin „Monitor“ sagte er:

„Wikipedia ist mehr als eine Webseite, Wikipedia ist mittlerweile ja der Alltag für uns alle. Und umso mehr Wikipedia zum Alltag geworden ist, umso größer sind sicherlich auch die Versuche von Ideologen und PR-Agenturen, ihre Sichtweisen, ihre Ideologien in der Wikipedia unterzubringen.“

Es gebe, so der „Monitor“-Bericht, mittlerweile immer weniger ehrenamtliche Aktive und immer mehr bezahlte Schreiber, die für PR-Agenturen oder andere Interessengruppen arbeiteten – sogar direkt als einflussreiche Wikipedia-Administratoren.

Doch unabhängig davon, was die „Betreuer“ des 9/11-Wikipedia-Artikels nun motiviert – unterstellt sei einmal ehrliches Bemühen um Faktentreue – vom Ziel einer ausgewogenen und reflektierten Darstellung, sowie einem offenen und fairen Umgang mit Kritik ist man jedenfalls weit entfernt.

(Dieser Artikel wurde im Online-Magazin „Telepolis“ veröffentlicht.)

Anmerkungen:

(1) Philip Shenon, „The Commission“, New York, 2008, S. 181-182; Thomas Kean / Lee Hamilton, „Without Precedent“, New York, 2006, S. 120-124

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