Zwischen Lesern und Lobbynetzwerken

Wie die Süddeutsche Zeitung um Deutungshoheit kämpft

4. November 2014   —   Die Debatte um eine zu enge Verbindung von Journalisten deutscher Leitmedien mit transatlantischen Lobbynetzwerken reißt nicht ab. Detailliert äußert sich zu den Vorwürfen nun auch der Außenpolitikchef der Süddeutschen Zeitung, Stefan Kornelius. Stimmen aus der Medienwissenschaft kritisieren seine Stellungnahme. Auch die kürzlich erfolgte Umstellung der Leserforen bei der Süddeutschen sorgt für Kritik.

Seit die ZDF-Kabarettisten der „Anstalt“ im Frühjahr diesen Jahres die Verstrickungen führender Journalisten mit US-nahen Denkfabriken gegenüber einem Millionenpublikum aufdeckten, und seit zwei Autoren der ZEIT daraufhin gerichtlich gegen das ZDF vorgingen, zieht das Thema immer weitere Kreise. Am vergangenen Wochenende mischte sich nun auch erstmals kritisch eines der betroffenen Leitmedien in die Debatte ein. So veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung eine ganzseitige Analyse des ehemaligen SPIEGEL-Kolumnisten Stefan Niggemeier, in der es heißt:

„Manipulieren die Nachrichten die Nachrichten? Hetzt die Presse gegen Putin? Lassen sich Journalisten kaufen? Das Misstrauen wächst. Die Kritik an den Medien in Blogs und Büchern wird lauter und aggressiver. Aber sie nur als Verschwörungstheorie abzutun: So einfach ist es nicht. (…) Seit einiger Zeit dringen führende deutsche Medien und Politiker gleichermaßen und teilweise ge- meinsam darauf, dass Deutschland eine aktivere Rolle auch in kriegerischen Auseinandersetzungen übernehmen soll. Von vielen Kritikern werden die Journalisten dabei als Verbündete der Politik wahrgenommen, nicht als kritische und distanzierte Kontrolleure, und der Eindruck ist nicht abwegig. (…) Viele der seriösen Medien scheinen noch nicht zu ahnen, wie groß die Erosion des Vertrauens in ihre Arbeit ist und dass dieses Vertrauen die Grundlage für alles ist.“

Ein wesentlicher Stein des Anstoßes zur laufenden Debatte ist dabei die Forschungsarbeit „Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten – eine kritische Netzwerkanalyse“, die vom Medienforscher Uwe Krüger als Dissertation verfasst wurde und auf deren Ergebnisse sich auch das ZDF-Kabarett in seiner satirischen Darstellung berief.

Stefan Kornelius, seit dem Jahr 2000 Außenressortchef der Süddeutschen Zeitung, und eine der Hauptpersonen in Krügers Studie, wirft der Arbeit nun mangelnde Wissenschaftlichkeit vor. Sie sei „einseitig“ und „politisch motiviert“. Ein Interview für TELEPOLIS lehnte Kornelius zwar ab, will sich aber nach eigener Aussage einer Diskussion nicht generell verweigern. Er äußerte sich vorerst in einer ausführlichen Email zu seiner Sichtweise.

Kornelius kritisiert darin zunächst, dass Krüger ihm zwar vor Veröffentlichung der Studie angeboten habe, eine Stellungnahme abzugeben (was Kornelius ablehnte), diesen direkten Kontakt zu ihm aber erst gesucht habe, nachdem die Arbeit bereits abgeschlossen war. Dies sei „die falsche Reihenfolge“ und „in der Unverhältnismäßigkeit nicht in Ordnung“. Kornelius: „Man kann nicht Vorwürfe konstruieren, in die Welt setzen und dann erwarten, dass man sie nachträglich entkräftet. Diese Methode ist mir vor allem in der Wissenschaft noch nicht untergekommen.“

„Mich überrascht es, dass Herr Kornelius dies alles nicht weiß“

TELEPOLIS befragte dazu Prof. Michael Haller, Erstgutachter von Krügers Doktorarbeit, und bis 2010 Professor für Journalistik am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig. Haller, einer der namhaftesten Medienforscher Deutschlands, der selbst lange Jahre für den SPIEGEL und die ZEIT schrieb, bevor er zum Gründungsherausgeber der Journalismuszeitschrift MESSAGE wurde, sagt konkret zu Kornelius´ Vorwürfen:

„Ich habe den Eindruck, dass Herr Kornelius von wissenschaftlicher Forschung und Empirie nichts versteht. Netzwerkanalysen sind Strukturanalysen, d.h. zu Beginn der Untersuchung gibt es nur Gremien, Mitglieder und Netze. Erst gegen Schluss stellen sich die Verknotungen und Verdichtungen und dann die inhaltlichen Kontexte heraus. Erst dann kann man die Akteure identifizieren und – wenn sie willens sind – befragen. Merkwürdig ist die Äußerung von Herrn Kornelius auch aus einem andern Grund: Auch im Journalismus gehört zum „kleinen Einmaleins“ der Rechercheverfahren, bei kontroversen Themen „von außen nach innen“ vorzugehen, das heißt, die Hauptbeteiligten erst am Schluss zu befragen (also erst dann, wenn man weiß, was man fragen/herausfinden muss und auch genügend Fakten kennt, um die Antworten der Akteure einschätzen zu können). Mich überrascht es, dass Herr Kornelius dies alles nicht weiß.“

Auf Nachfrage von TELEPOLIS ergänzt Uwe Krüger:

„Als Wissenschaftler bin ich frei, was meine Methodik angeht und auch meine Forschungsfrage. Wenn ich sämtliche leitenden Redakteure aller deutschen Leitmedien auf Elitenkontakte untersuche und dann schälen sich im Laufe der Arbeit vier heraus, die besonders auffällige Netzwerke haben, dann sehe ich mich nicht verpflichtet, ab diesem Punkt die Studie in Zusammenarbeit mit den vier Personen zu machen. Dass man vor Veröffentlichung die vier mit der Kritik konfrontiert und ihnen Gelegenheit zur Stellungnahme gibt, halte ich für ein Gebot der Fairness. Aber es ist übertrieben zu sagen: Teil der Methode müssten jetzt Leitfadeninterviews mit den vieren sein. Meine Forschungsfrage war: Mit wem hat jemand informell Kontakte und stimmt die Argumentation im journalistischen Output in bestimmten Punkten mit diesem sozialen Umfeld überein? Diese Fragen habe ich mit Netzwerkanalyse und Inhaltsanalysen beantwortet.“

Stefan Kornelius zweifelt in seiner aktuellen Stellungnahme gegenüber TELEPOLIS weiterhin an, dass es sich bei den Denkfabriken, mit denen er verbunden ist oder war (Deutsche Atlantische Gesellschaft, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik, American Institute for Contemporary German Studies, Atlantikbrücke u.a.) überhaupt um Lobbygruppen handelt. Dem sei nicht so. Kornelius wörtlich: „Das sind doch keine Lobbyorganisationen.“

Dazu Uwe Krüger:

„Ich kann mich an keine Stelle erinnern, wo ich in dem Buch die Arbeit von Think Tanks explizit generell charakterisiere. Einzig die Deutsche Atlantische Gesellschaft, in der Herr Kornelius Beisitzer im Präsidium war, bezeichne ich im Buch als „Lobbyorganisation für die Nato“, denn sie sagt auf ihrer Website: ‚Die Deutsche Atlantische Gesellschaft hat sich zur Aufgabe gemacht, das Verständnis für die Ziele des Atlantischen Bündnisses zu vertiefen und über die Politik der NATO zu informieren.‘ Allerdings sehe ich schon, dass viele außenpolitische Think Tanks Lobbyarbeit für stärkere transatlantische Beziehungen machen. Interessant ist z.B. dass sogar die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V. (DGAP), qua mission statement kein transatlantischer Think Tank, wiederum Mitglied in der europäischen Transatlantiker-Dachorganisation Transatlantic Policy Network ist.“

Kornelius legt in diesem Zusammenhang Wert auf die Feststellung, dass er nicht nur mit Transatlantikern in Verbindung stehe, sondern beispielsweise auch Mitglied im Deutsch-Russischen Forum sei. Er gibt zu bedenken:

„Wieso soll ein amerikanischer Think Tank Einfluss auf meine Denke haben, das deutsch-russische Forum aber nicht?“

Diese Fragestellung geht gleichwohl am Kern des Disputs vorbei. Denn der Fakt, dass Kornelius in seinen Artikeln und Kommentaren in der Süddeutschen Zeitung dezidiert US-nah und Kreml-kritisch schreibt, lässt sich kaum ernsthaft in Frage stellen. Wieso die russische Sichtweise ihn also ganz offenkundig weniger beeinflusst als die amerikanische, kann nur er selbst beantworten. Ob ihn bei seiner Berichterstattung diejenigen transatlantischen Denkfabriken, denen er verbunden ist, beeinflusst haben, oder aber ob ihn diese Organisationen vielleicht erst einluden, nachdem er bereits zuvor ähnliche Anschauungen wie sie geäußert hatte, dies bleibt eine offene – aber letztlich vielleicht auch zweitrangige – Frage.

In diesem Sinne kommentiert auch Prof. Haller kurz und bündig, Kornelius´ Einwurf sei „logisch nicht nachvollziehbar“, denn: „Die Frage des ‚bias‘ (der inhaltlichen Schlagseite) ergibt sich aus den von Kornelius verfassten Texten in der Zeitung.“

„Absoluter Mainstream“

Krügers Arbeit zu den Alpha-Journalisten kommt zum Ergebnis, es gäbe einen außenpolitischen Konsens oder Gleichklang der deutschen Leitmedien in verschiedenen großen Fragen – etwa, dass Sicherheit breit definiert werden müsse, deutsche Interessen weltweit zu verteidigen seien, oder Deutschland sich stärker militärisch engagieren und dabei die Partnerschaft mit den USA pflegen solle. Doch auch an dieser Stelle meldet Kornelius in seiner aktuellen Stellungnahme Zweifel an:

„Meines Erachtens sind die von Krüger gewählten Suchbegriffe absoluter Mainstream der außenpolitischen Debatte in aller Welt und keine amerikanischen Erfindungen. Hier nimmt er eine politische Gewichtung vor, der ich widerspreche.“

Dazu Krüger:

„Genau, das ist absoluter Mainstream, der vermutlich aus den USA zu uns herübergekommen ist. Ich kritisiere genau dieses Schwimmen im Mainstream und im Elitendiskurs und das unkritische Übernehmen von interessengeleiteten Begriffsdefinitionen und Begriffsumdeutungen.“

Prof. Haller ergänzt gegenüber TELEPOLIS, es gehe „konkret um den ‚erweiterten Sicherheitsbegriff‘.“ Hier müsse Kornelius „die Belege und Argumente von Herrn Krüger (S. 152-163 der Studie) widerlegen“, was aber bislang nicht geschehen sei. Haller bemängelt auch, dass Kornelius seine Begriffe nicht klar definiere:

„Was ist für ihn Mainstream und wie entsteht dieser seiner Meinung nach? Tatsächlich liefern die Sozial- und die Medienwissenschaften zu diesem Komplex (Leitmedien, Mainstream, Eliten usw.) gut überprüfte Modelle und Theorien, die Krüger auch vorstellt und diskutiert (vgl. S. 88-104). Wenn Kornelius nur halbwegs seriös argumentieren würde, müsste er Krügers Ableitungen widerlegen. Tatsächlich benimmt sich Kornelius wie ein Kickboxer, der einen Schachspieler mattsetzen möchte, indem er das Schachbrett umkippt. Würde der Kickboxer die Schachregeln anwenden, würde er haushoch verlieren.“

Kornelius´ Stellungnahme gegenüber TELEPOLIS schließt mit dem kritischen Hinweis, er habe bisher „keine Anerkennung aus der Fachwelt“ für Krügers Studie ausmachen können. Doch dabei hat der Medienprofi offenbar sein eigenes Blatt ignoriert. Denn neben lobenden Besprechungen in Fachmagazinen wie „Medien & Kommunikationswissenschaft“ (Ausgabe 1/2014), hat die Süddeutsche Zeitung selbst in ihrer Ausgabe vom 31. Dezember 2013 Krügers Dissertation wohlwollend rezensiert.

Leserforen als Herausforderung

Ein weiteres Spannungsfeld für die Zeitung ergibt sich offenbar aus der wachsenden Kritik vieler Leser. Wie bei vielen anderen deutschen Leitmedien begegnete das Publikum auch der Süddeutschen Zeitung im Verlauf der Berichterstattung zur Ukraine-Krise 2014 mit massivem Widerspruch. Die Leserforen unter den entsprechenden Artikeln – auch denen von Stefan Kornelius – wurden regelmäßig „geflutet“ mit hunderten von kritischen bis ablehnenden Leserkommentaren. Manche Leser gaben dabei an, die eigentlichen Artikel selbst kaum noch vollständig zu lesen, sondern rasch zu ebenjenen Leserkommentaren zu springen, da dort oft die interessanteren Informationen zu finden seien – eine schallende Ohrfeige für eine Redaktion, und natürlich auf längere Sicht auch eine Bedrohung für das Image und die Deutungshoheit einer Zeitung.

Auf dem Höhepunkt der Krise im Sommer diesen Jahres beschloss man dann offenbar bei der SZ eine Umstrukturierung der Leserforen. Zum 1. September wurde diese öffentlich bekannt gegeben. Seitdem gibt es nicht mehr die Möglichkeit, direkt unter den Artikeln zu kommentieren. Stattdessen beschließt eine Abteilung „Leserdialog“ der Redaktion nun zwei bis drei Themen pro Tag, zu denen das Publikum losgelöst von konkreten Artikeln diskutieren soll. Begründung: in den Diskussionen zuvor sei „zu viel durcheinander“ gegangen.

TELEPOLIS befragte den verantwortlichen SZ-Redakteur für den Leserdialog, Daniel Wüllner, zu dieser Umstellung, die viele Leser kritisch sehen. Auf die Eingangsfrage, ob die Umstellung etwas mit dem Ansturm kritischer Leser zur Ukraine-Berichterstattung zu tun habe, verneinte die SZ zunächst. Die Umstrukturierung der Kommentarfunktion sei „unabhängig“ von der Ukraine-Debatte erfolgt. Auf neuerliche konkrete Nachfrage wurde dann aber doch eingeräumt:

„Sie haben nach dem speziellen Fall der Ukraine-Krise und den dazugehörigen Kommentaren gefragt. Die Umstellung hat nichts mit einem einzelnen Thema zu tun. Doch haben wir allgemein die Tendenz beobachtet, dass wir nicht mehr in dem Maße auf Lesermeinungen eingehen wollen, wie wir das möchten. Das hat natürlich auch mit der Massivität der Beiträge zu tun.“

Neben dem offenbar unfreiwilligen freudschen Versprecher (man „wolle“ nicht mehr auf Lesermeinungen eingehen – heißen sollte es wohl eigentlich, man „könne“ das nicht) stellt sich zu dieser Aussage die Frage nach den tiefer liegenden Gründen für die Umstrukturierung. Warum will bzw. kann man nicht mehr „in dem Maße auf Lesermeinungen eingehen“? Ist das Ziel eventuell ein simples Kosten senken in einer immer aufwändiger werdenden Forenmoderation?

Der Leserdialog-Beauftragte Wüllner verneint das. Finanzielle Erwägungen seien verlagsseitig nicht ausschlaggebend gewesen:

„Die Umstellung der Kommentarfunktion ist sicherlich keine Sparmaßnahme, da Süddeutsche.de den von mir besetzen Posten des Redakteurs für den Leserdialog geschaffen hat. Des Weiteren haben wir die Dienstzeiten des Leserdialog-Teams erweitert.“

Warum also dann die Beschränkung? Wüllner dazu:

„Um den sinnvollen und argumentativen Leserstimmen das entsprechende Gehör zu verschaffen, braucht es Zeit. Die alte Kommentarform kostete an vielen Stellen unnötig Zeit: Zu viele Diskussionen zu einem Thema fanden zeitgleich unter den unterschiedlichsten Artikeln statt. Diese Tatsache machte eine sinnvolle Diskussion unmöglich. Mit der Umstellung haben wir multiple Diskussionen eingeschränkt. Dafür haben wir eine Plattform geschaffen, auf der eine sachliche, argumentative Auseinandersetzung zwischen Lesern, Moderatoren und Autoren wieder Sinn macht.“

Diskussion auf „neuer Stufe“

Auf die Nachfrage, ob damit nicht zugleich unterstellt würde, dass auf vielen anderen großen News-Seiten, wie SPIEGEL Online, ZEIT Online oder FAZ.net, wo auch weiterhin direkt unter den Artikeln kommentiert werden kann, nunmehr eine „sinnvolle Diskussion unmöglich“ wäre, antwortete die SZ:

„Da wir sowohl vor als auch nach der Umstellung Vormoderation verwenden, bedarf die Freischaltung der Beiträge Zeit. Dazu gehört es auch, den Lesern mitzuteilen, warum wir ihre Beiträge nicht freischalten. Mit unserem neuen System nehmen wir uns bewusst die Zeit in Kontakt mit den Lesern zu treten, ihnen zu antworten und mit ihnen zu diskutieren. In der deutschen Medienlandschaft gibt es unterschiedliche Methoden mit Lesern in Kontakt zu treten, die ich an keiner Stelle negativ bewertet habe. Wir haben unsere Kommentarfunktion umgestellt, um die Diskussion mit dem Leser und die Wertigkeit der Kommentare auf eine neue Stufe zu stellen.“

Doch wie sieht diese „neue Stufe“ nun konkret aus? Eine persönliche Stichprobe am Dienstag, dem 28. Oktober gab dazu einen Einblick. Der Versuch begann mit der Lektüre eines der aktuellen SZ-Berichte zur Ukraine: „Russland will umstrittene Wahlen in Ostukraine anerkennen“. Ein Leserforum zu diesem Thema wurde von der SZ allerdings nicht angeboten, ein öffentlicher Kommentar war also unmöglich. Beim direkt zuvor erschienenen Ukraine-Artikel („Putin-Gegner Jazenjuk steigt zum zweiten starken Mann auf“) dann das gleiche Bild: kein Leserforum verfügbar. Und auch der dritte auffindbare aktuelle Beitrag zum Thema („Ja zu Europa, Nein zu Kompromissen gegenüber Putin“) enthielt keinen Verweis zu einem thematisch verwandten Diskussionsforum. Nicht einmal ein Hinweis darauf, dass es generell möglich ist, Artikel in irgendeiner Form zu kommentieren, war im Umfeld der drei Ukraine-Berichte sichtbar.

Daraufhin führte der nächste Versuch zurück auf die Startseite von Süddeutsche.de. Dort musste dann zunächst eine Weile heruntergescrollt werden, bevor schließlich das Logo des neuen Leserforums erschien, garniert mit der Aufforderung: „Diskutieren Sie mit uns – Ihre SZ“. Hier fand sich nun auch ein zwei Tage zuvor gestartetes Leserforum mit Ukraine-Bezug – wenn auch mit dem etwas anmaßenden Titel „Welches Wahlergebnis wünschen Sie der Ukraine?“. 28 Leserkommentare wurden dort angezeigt. Doch leider war das Forum durch die Redaktion schon wieder geschlossen worden. So blieb nur die Lektüre der wenigen Kommentare. Dort hieß es etwa:

„Ich wünsche der Ukraine eine Mehrheit von Parteien, die nicht mit Russland in Konfrontation gehen wollen, sondern eine für beide Seiten annehmbare Lösung finden.“

„Es steht uns Deutschen nicht wirklich zu, uns ein Wahlergebnis für ein anderes Land zu wünschen.“

„Der Unterschied des jetzigen und des vorherigen Präsidenten (Oligarchen) ist doch nur die Ausrichtung nach West oder Ost.“

Eine weitere Meinung zum Ukraine-Konflikt oder der Wahl dort öffentlich zu äußern, war auf Süddeutsche.de am 28. Oktober 2014, zwei Tage nach ebenjener Wahl leider nicht möglich.

Medienkritik „lässt sich nicht nachvollziehen“

Der aktuell häufig formulierte Vorwurf vieler Leser, den Leitmedien sei nicht mehr zu trauen, sie transportierten fehlerhafte und einseitige Informationen, schrieben an ihren Lesern vorbei und berichteten parteiisch insbesondere im Ukraine-Konflikt, schien zu dieser Stichprobe zu passen. Doch auf die Frage von TELEPOLIS, ob eben dieser massiv und wiederholt vorgebrachte Vorwurf vieler Leser innerhalb der Redaktion der Süddeutschen bislang überhaupt einmal debattiert worden sei und ob man auch Schlussfolgerungen daraus gezogen habe, reagierte der Leserdialog-Beauftragte mit Unverständnis:

„Eine allgemein formulierte Medienkritik, wir würden Informationen bewusst vorenthalten, lässt sich nicht nachvollziehen und deshalb nicht wirklich diskutieren. Wenn wirklich sachliche Kritik und argumentative Nachfragen zu einzelnen Artikeln eintreffen, diskutieren wir diese natürlich.“

Doch wie es aussieht, haben viele Leser bereits ihre eigenen Konsequenzen gezogen. Zumindest fällt auf, dass die Anzahl der Kommentare im neuen Forum der SZ sehr gering ist. Oft bewegt sie sich nur im unteren zweistelligen Bereich – ganz anders, als noch im Sommer diesen Jahres, wo regelmäßig viele hundert Wortmeldungen pro Artikel eingingen. Ob nun gewollt oder nicht, im Effekt wurde die Zahl der Leserwortmeldungen durch die Umstrukturierung offenbar massiv dezimiert. Dazu trägt vielleicht auch bei, dass nach Auskunft der Zeitung die Leserforen nun turnusmäßig nach 24 Stunden geschlossen werden. Nur in Ausnahmefällen werde diese Zeit verlängert.

Das räumt auch Daniel Wüllner vom SZ-Leserdialog so ein, erklärt dabei aber zugleich optimistisch: „Während die Kommentarzahlen zurückgehen, verzeichnen wir derzeit qualitative Verbesserung eben dieser Beiträge.“

Doch woran bemisst sich diese Qualität? Und wie definiert sich ein „sinnvolles“ Diskutieren, wie es die SZ nach eigener Aussage erreichen möchte? Erkennbar ist bislang allenfalls eine Art pädagogischer Ansatz. Es scheint, als solle das Publikum gewissermaßen „erzogen“ werden, sich „ordentlich“ zu benehmen. An dieser Versuchsanordnung aber, so sieht es aus, wollen sich nun nicht mehr allzu viele Leser beteiligen. Doch was nützt der SZ am Ende eine (behauptete) „qualitative Verbesserung“, wenn zugleich die Kommunikation quasi einschläft?

„Kein Abladeplatz für Troll-gesteuerte Propaganda-Ware“

Dazu befragt, widerspricht nicht nur Daniel Wüllner, sondern auch Stefan Kornelius. Seiner Meinung nach habe „der Leserdialog an Substanz und Tiefe gewonnen“. Wer „wirklich diskutieren will“, so der Außenressortchef der Süddeutschen, „der findet sein Forum auch auf der Seite der SZ“ – eine Annahme, die allerdings durch die oben geschilderten Stichprobe konterkariert wird. Kornelius ergänzt gegenüber TELEPOLIS, die Süddeutsche sei „außerdem kein Abladeplatz für Troll-gesteuerte Propaganda-Ware“.

Diese Aussage irritiert. Denn welcher Blick auf den kritischen Leser offenbart sich in einer solchen Formulierung? Sicher herrscht in Leserforen oft ein rauer und manchmal respektloser Ton. Auch gibt es immer wieder Störer, die Debatten gezielt erschweren. Wohin aber führt eine Gleichsetzung von scharfer, manchmal vielleicht auch nervtötender Kritik mit „gesteuerter Propaganda“, wie Kornelius es hier nahelegt? Wer Kritik aus der Leserschaft in dieser Pauschalität diffamiert, macht einen echten Dialog nahezu unmöglich.

Fragwürdig erscheint auch der Umgang mit den Lesern im direkten Zusammenhang mit der Forenumstellung vom 1. September. So weist die Redaktion zwar stolz darauf hin, dass man vor dem Umbau 50 „Intensiv-Beitragsschreiber“ um ihre Meinung zur Forenreform gebeten habe – und stellt deren Antworten auch ganz modern und transparent online. Doch wer diese in einer Excel-Tabelle gebündelten Antworten liest, der bemerkt, dass die Mehrzahl der befragten Leser ganz und gar nicht einverstanden war mit dieser Maßnahme. Hier einige Auszüge der Leser-Antworten an die SZ-Redaktion:

„was soll ich von DIESER Leserbefragung hier halten, die stattfindet, NACHDEM die Reduzierung auf nur drei Diskussionen täglich schon beschlossen ist? Das ist doch kein Dialog, wenn man per ordre mufti handelt und danach erst die Betroffenen fragt!“

„Auf KEINEN FALL eine Reduzierung auf nur 3 Diskussionen täglich! Das hat mit Interaktivität und Web 2.0 nichts mehr zu tun, ein völliger Rückschritt. Dann kann man’s auch gleich ganz sein lassen, da werden die meisten Foristen (und die sind auch Leser!) woandershin abwandern.“

„Ich kann mir sehr schwerlich vorstellen, dass n u r drei themenbezogene Diskussionen ausreichend sind, für mich sicherlich nicht. Gerade die ‚Debatte unter jedem Text’, empfand ich mehr als nützlich, da so auch Themen außerhalb des ‚Mainstreams’ ihr Berechtigung fanden. Die von Ihnen vorgeschlagene neue Form der Diskussion, hat ein ‚Gschmäckle’ von Bevormundung.“

„Dialog mit dem Leser => Das wäre eine gute Idee! Denn bisher kann von einem DIALOG keine Rede sein. (…) Ähnliches gilt für den direkten Kontakt mit SZ-Mitarbeitern per E-Mail: Aus jeder Korrespondenz trieft die Attitüde ‚Wir machen nichts falsch. Wenn sich Kritik häuft, kann mit den Lesern etwas nicht stimmen.‘ Mehr Reflexion der eigenen Arbeit, mehr Bereitschaft zur Selbstkritik wäre dringendst wünschenswert. Nur dann kann der ‚Dialog mit dem Leser‘ gelingen!“

SZ-Mann Wüllner sieht dennoch kein Problem und kontert diese Leseraussagen in gefälligem Marketingdeutsch:

„Wir hören den kritischen Stimmen unserer Leser sehr genau zu und werden gegebenenfalls Änderungen, wie eine Erhöhung der Anzahl der Themen und dem Wunsch nach mehr Dialogbereitschaft, bestmöglich entgegenkommen.“

Löschung „aus technischen Gründen“

Problematisch erscheint auch, dass zeitgleich mit der Forenumstellung sämtliche Leserkommentare unter älteren Artikeln gelöscht wurden. Schaut man sich heute SZ-Artikel etwa vom Sommer diesen Jahres an, so ist die Flut des Leserzorns in den Kommentaren dort nun lautlos abgeräumt, ganz so, als hätte es sie nie gegeben – im Grunde eine unerhörte Respektlosigkeit gegenüber den eigenen Lesern, die hier oft mit viel Zeit und Mühe Argumente formuliert haben.

Auf die Nachfrage von TELEPOLIS, ob diese gigantische Löschaktion auch wieder rückgängig gemacht werden könne, antwortet die SZ nun lapidar: „Dies ist aus technischen Gründen leider nicht möglich“ – eine Aussage, die so sicher zu hinterfragen ist. Dass man sämtliche – zum großen Teil kritischen – Kommentare der Vergangenheit kurzerhand „ausradierte“, wirft in jedem Fall kein gutes Licht auf den Willen und die Fähigkeit zum „Leserdialog“ bei der SZ. Wer dem immer wieder auftauchenden Zensurvorwurf ernsthaft begegnen will, sollte hier sicher nachbessern.

Prof. Michael Haller mahnt nun an die Adresse der Süddeutschen Zeitung:

„Man fragt sich, warum die Redaktion die Mühe scheut, die Kommentare zu sichten, auszusortieren und die Beiträge, die den Fairness-Regeln genügen, zu veröffentlichen. Es geht also um die Frage, wie ernst man diese partizipatorische Funktion, die Artikulationsmöglichkeiten der Leser nimmt.“

Und in der Tat scheint das ein Kern der Debatte zu sein: Wie ernst will man die Leser nehmen? Sind sie bloß Staffage zur Erhöhung der Klickzahl und Steigerung der Werbeumsätze? Sind sie „tumbes Volk“ dem man das Diskutieren erst beibringen muss? Oder sind die Leser nicht eigentlich wir, das Volk, der Souverän, der ganz selbstverständlich auch mehr Menschen und Milieus umfasst als das vergleichsweise enge soziale Raster, dem heute die Mehrzahl der Journalisten entstammt?

Wiederum geht es also auch um Eliten und ihre Netzwerke, es geht um Deutungshoheit sowie die Frage, wem das Land eigentlich gehört – und wer es informiert.

(Dieser Artikel wurde im Online-Magazin Telepolis veröffentlicht.)

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