Der Kampf um die Leserforen

6. Juli 2016   —   Einige Leitmedien haben bei Berichten zum Konflikt zwischen der Nato und Russland jüngst kaum noch Leserforen freigeschaltet. Nun äußern sich gegenüber Telepolis erstmals die Chefredakteure von Spiegel Online, FAZ.net und Süddeutsche.de zu den Hintergründen aus ihrer Sicht.

Die zunehmenden Spannungen zwischen der Nato und Russland sind weiterhin eines der großen und viel diskutierten Themen in der Öffentlichkeit – letztlich geht es um kaum weniger als Krieg und Frieden in Europa. Viele Menschen haben dazu eine Meinung, oft auch persönliche Erfahrungen, wollen sich äußern und diskutieren.

Eine Stichprobe bei Spiegel Online (SPON), sowie bei der Online-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ.net) ergab nun jedoch, dass für den Zeitraum vom 1. bis 19. Juni nur bei gut 10 Prozent der Artikel zu diesem Thema Leserforen freigeschaltet waren. Dieser Anteil lag bei SPON und FAZ.net etwa gleich hoch. Anders gesagt: Gut 90 Prozent aller Berichte und Analysen zum Konflikt zwischen der Nato und Russland konnten die Leser dort nicht diskutieren.

Aus den Erfahrungen mit Leserforen seit Ausbruch der Ukrainekrise ist bekannt, dass die Leser sehr oft konträr zum Tenor der Leitmedien argumentieren. Zweifellos geht es in diesem Zusammenhang auch um Deutungshoheit: Wer bestimmt das öffentliche Bild bei einem politischen Konflikt? Wenn ein maßgeblicher Anteil der Leser – eventuell sogar die Mehrheit – dauerhaft zu anderen Interpretationen gelangt, als Journalisten der führenden Medien, dann entsteht Erklärungsbedarf.

Sollen die Leser womöglich bei politisch brisanten Themen, bei denen ihre mehrheitlich abweichende Meinung bekannt ist, gar nicht mehr oder kaum noch zu Wort kommen? Oder ist eine solche These bloß eine unsinnige Unterstellung? Telepolis befragte dazu die zuständigen Chefredakteure. Erfreulicherweise ließen sich alle auf ein Gespräch ein.

Spiegel Online: 8 von 9 Artikeln lassen sich nicht kommentieren

Spiegel Online ist mit etwa 18 Millionen monatlichen Besuchern eine der meistfrequentierten News-Webseiten und ein Trendsetter in der Branche, auch was die Themensetzung und die Kommentierung angeht. Zwischen dem 1. und dem 19. Juni erschienen dort 9 Artikel zum Konflikt zwischen der Nato und Russland. Lediglich einer konnte von Lesern kommentiert werden. Bei allen anderen 8 Artikeln war kein Forum geschaltet. Hier die Überschriften der entsprechenden Texte in der Reihenfolge ihres Erscheinens:

  • Provokation über der Ostsee: Russische Maschine soll durch estnischen Luftraum geflogen sein (7. Juni)
  • Nato-Ministertreffen in Brüssel: Hart gegen Russland, Schleuser und den IS (14. Juni)
  • Ministertreffen in Brüssel: Nato erklärt Cyberraum zum Kriegsschauplatz (14. Juni)
  • Militärmanöver „Saber Strike“: Nato-Staaten beginnen Operation Abschreckung (14. Juni)
  • Konflikt mit der Nato: Putin lässt Einsatzbereitschaft der Armee prüfen (14. Juni)
  • Nato: Stoltenberg warnt vor russischen Expansionsplänen (16. Juni)
  • Steinmeier kritisiert Nato-Manöver: „Säbelrasseln und Kriegsgeheul“ (18. Juni)
  • Kritik an Nato-Militärmanöver: Steinmeier provoziert Koalitionskrach (19. Juni)

Am 20. Juni richtete ich eine Anfrage an Florian Harms, den Chefredakteur von Spiegel Online, in der ich um eine Erklärung für das Fehlen von Leserforen bei diesem Thema bat und mich erkundigte, nach welchen Kriterien bei SPON Leserforen geschaltet oder eben nicht geschaltet werden. Eine erste Anfrage einige Tage zuvor hatte Harms unbeantwortet gelassen. Eine Nachfrage über seine persönliche Assistentin führte schließlich zu einer Antwort, die zunächst aber eher unpräzise blieb:

„Beiträge zum außenpolitischen Konflikt zwischen Russland und dem Westen erfordern oft eine intensivere Moderation. Aber die leisten wir selbstverständlich, immer im Rahmen unserer personellen Möglichkeiten.“

Auf konkrete Nachfrage erklärte Harms, dass man derzeit personell nicht überlastet sei. Warum dann aber das Fehlen der Leserforen im konkreten Fall? Die Frage blieb offen. Der SPON-Chefredakteur erläuterte lediglich allgemein, dass sich seiner Ansicht nach nicht jedes Thema für ein Leserforum eigne. Ein Text benötige „eine echte, starke These, wenn er eine fruchtbare Debatte auslösen soll.“ Sonst bekäme man „keine Debatte und meinungsstarke Argumente, sondern lediglich einen Wust an Äußerungen“, so Harms.

Unmittelbar während dieser per Email geführten Korrespondenz mit dem Chefredakteur reagierte Spiegel Online und öffnete überraschend mehrere Leserforen zum Thema – bei Artikeln, die bereits einen bzw. vier Tage zuvor erschienen waren. Bei dem Text „Stoltenberg warnt vor russischen Expansionsplänen“ sowie beim Beitrag „Kritik an Nato-Militärmanöver: Steinmeier provoziert Koalitionskrach“ waren Leserdiskussionen nun plötzlich doch möglich. Diese spontane Öffnung der Leserforen hatte Harms mir gegenüber zunächst nicht erwähnt. Ich entdeckte sie zufällig. Darauf angesprochen erwiderte der SPON-Chef:

„Unter den von Ihnen genannten Artikeln haben wir nachträglich – nach Ihrem Hinweis – Foren geschaltet, weil sie sich gut für eine Debatte eignen.“

Schön! Doch bedurfte es für diese „Erkenntnis“ wirklich erst eines Hinweises von außen? Sollten die zuständigen Spiegel-Redakteure tatsächlich nicht selbst erkannt haben können, dass sich diese Texte „gut für eine Debatte eignen“? Das erschien wenig glaubhaft.

Nach einigem hin und her bot Harms ein persönliches Telefonat zur Klärung dieser Fragen an. Am Telefon machte der SPON-Chef noch einmal deutlich, dass es „keine Ansage, keine Anweisung“ seitens der Chefredaktion geben würde, zum genannten Thema keine Leserforen zu schalten. Im Redaktionsalltag müsse schnell entschieden werden, manche Themen kämen dabei gelegentlich zu kurz, auch bei den Foren, gerade in einer nachrichtenintensiven Zeit. Auf keinen Fall wäre Absicht im Spiel.

Nur bei ganz wenigen Themen, wie etwa Gewalttaten oder Kindesmissbrauch, entscheide die Redaktion absichtlich, keine Foren zuzulassen. Beim Thema Flüchtlingskrise seien die Foren 2015 zeitweise aufgrund der großen und von den Moderatoren der Foren nicht mehr zu verarbeitenden Menge der Leserbeiträge geschlossen worden. Hierbei handle es sich um Ausnahmen. Dass nun bei 90 Prozent der Artikel zum Thema Nato/Russland kein Leserforum geschaltet worden war, sei „mehr oder weniger ein Zufall“, so Harms.

Nachdenklich reagierte er gleichwohl auf den Hinweis, dass bei FAZ.net ein ähnlich hoher Anteil der Texte zum Thema nicht kommentiert werden könne.

Auf die Nachfrage, wer entscheide, ob es ein Leserforum zu einem Artikel gibt oder nicht, erklärte Harms, dies lege zunächst der Autor des Textes selbst fest. Dieser speise seinen Bericht direkt in das Computersystem von Spiegel Online ein, wo er per Klick auch über das Zulassen eines Forums entscheiden könne. Der Text gehe vor der Veröffentlichung allerdings noch durch zwei Instanzen, zum einen an das jeweilige Fachressort, zum anderen an den Newsdesk, wo jeweils, unabhängig von der Entscheidung des Autors, nachträglich noch ein Leserforum zum Text geschaltet werden könne, wenn man das dort für richtig halte.

Überraschender Kursschwenk bei Spiegel Online

Spiegel Online leitete in der Folge einen deutlichen Kursschwenk ein. In der Zeit vom 20. bis 30. Juni erschienen weitere 13 Artikel zum Konflikt zwischen der Nato und Russland. Die Überraschung: 12 davon ließen sich nun kommentieren. Die Quote der Nato/Russland-Artikel mit Leserforen war also nach dem kritischen Hinweis von 10 auf über 90 Prozent hochgeschnellt.

Interessant auch: Harms hatte erklärt, dass bei SPON in der Regel nur bei Meinungsbeiträgen ein Leserforum geschaltet würde, also bei Artikeln, die ein namentlich zeichnender Autor mehr oder weniger in persönlicher Auffassung schreibt. Kurze Texte auf Basis von Agenturmeldungen hingegen würden kein Leserforum bekommen. Denen fehle das für eine Debatte nötige „Narrativ“, die „These“. Die Logik dahinter lautet offenbar: Agenturmeldungen sind zu langweilig zum Diskutieren – eine Annahme, die fraglich erscheint. Doch wie auch immer man das bewerten mag, die Aussage von Harms wurde in jedem Fall durch die Realität widerlegt: Von den 12 kommentierbaren Artikeln, die zwischen dem 20. und 30. Juni zum Konflikt zwischen der Nato und Russland bei SPON erschienen, waren 6 keine Meinungsbeiträge, sondern eben kurze Meldungen ohne Autorennamen.

Es scheint so, als seien die von Harms genannten Kriterien eher eine Erklärung für die Öffentlichkeit. Man beschreibt Regeln, die einleuchtend klingen, an die man sich selbst aber gar nicht hält. Tatsächlich sieht es so aus, als ob die Entscheidung, ein Leserforum unter einem Artikel zu schalten oder nicht, in der Redaktion mehr oder weniger aus dem Bauch heraus getroffen wird, je nach politischer Lage und Stimmung des Autors. Wie gesehen, reicht sogar schon die kritische Nachfrage eines einzelnen Journalisten aus, um die beschriebenen „Kriterien“ über den Haufen zu werfen.

Natürlich ist es erfreulich, wenn Spiegel Online nun den Hinweis aufnimmt und mehr Leserdebatten zum Thema ermöglicht. Doch ohne nachvollziehbare und auch konsistent befolgte Kriterien bleibt das Freischalten von Leserforen eine willkürliche Entscheidung, was das Misstrauen vieler Leser gegenüber „parteiischen Medien“ kaum dämpfen dürfte.

Auf die abschließende Frage, warum man im SPON-Forum Leserkommentare nicht bewerten könne, wie das bei vielen Mitbewerbern möglich ist, räumte Harms ein, dass er selbst den technischen Zustand des von ihm verantworteten Forums als nicht mehr zeitgemäß ansieht. Für die Zukunft erwäge man auch die Möglichkeit der Bewertung von Leserkommentaren durch andere Leser. Das Forum solle insgesamt erheblich modernisiert werden. Einen konkreten Zeitrahmen dafür wollte der SPON-Chef allerdings nicht nennen. Wie es aussieht, hat das Vorhaben bislang keine hohe Priorität.

FAZ: 17 von 19 Artikeln nicht kommentierbar

Bei der Online-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, FAZ.net, gab es keine Kurskorrektur. Dort erschienen im gesamten Monat Juni 19 Artikel zum Konflikt zwischen der Nato und Russland, von denen lediglich 2 (!) durch Leser kommentiert werden konnten. Eine Anfrage an den Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron, wie er sich das nahezu vollständige Fehlen von Leserforen bei diesem brisanten Thema erkläre, erbrachte nur eine indirekt formulierte Antwort.

Zunächst erklärte Blumencron – der vor seinem Wechsel an die Spitze von FAZ.net Chef bei Spiegel Online gewesen war – ausführlich einige seiner Leitlinien. Der Leserdialog sei der Redaktion „sehr wichtig“. Deshalb halte man die Kommentarfunktion auch „grundsätzlich offen“ und habe „ein ganzes Team zur Betreuung der Kommentare im Netz und auf Facebook aufgebaut“. Die Kollegen seien kürzlich zur besseren Abstimmung in den Newsroom verlegt worden, was ein großer Fortschritt sei. Doch die konkrete Frage hatte ja gelautet, warum die Artikel zum Nato-Russland-Konflikt sich zu 90 Prozent nicht kommentieren ließen. Hierzu erläuterte Blumencron nur allgemein, nicht speziell auf das Thema bezogen, es gäbe „Grenzen des Machbaren“:

„Bei einigen Themen ist ein nicht unerheblicher Teil der Kommentierenden nicht an einem Austausch von Argumenten gelegen, sondern an einem Krieg mit Worten. Das kann andernorts geschehen, aber nicht auf unseren Seiten. Sie sind Räume der Diskussion, aber keine Schlachtfelder. Unter unseren Artikeln ist kein Raum für Propaganda, für Missachtung anderer, für Intoleranz, Verachtung und Hass.

Es sind übrigens ganz häufig gerade nicht die regelmäßigen Leser, die eine Debatte torpedieren, sondern Schwärme der Unvernunft, die sich rationaler Argumentation verschließen. Dies ist leider nichts Neues und gilt immer wieder für zwei Kernthemen der Politik: Nahost und Russland. Zuweilen allerdings versuchen wir auch bei diesen Themen eine Debatte aufrecht zu erhalten. Es bedarf dann mindestens der gleichen Energie auf Redaktionsseite, die in Recherche und Schreibe des eigentlichen Artikels geflossen sind. Das geht leider nur in unregelmäßigen Abständen.“

Soll also ein Übermaß unflätiger Kommentare die Erklärung für das weitgehende Fehlen der Leserforen sein? Können die Forenmoderatoren bei FAZ.net tatsächlich den Schwall von Beiträgen voller „Propaganda, Verachtung und Hass“ beim Thema Nato/Russland nicht mehr bändigen und werden daher die Leserforen dort vorsichtshalber gar nicht erst eingeschaltet?

„Grenzen des Machbaren“ oder unbequeme Auseinandersetzung?

Direkt sagte Blumencron das zwar nicht, doch er legte es nahe. Die Angaben sind schwer überprüfbar. Ist es der Forenmoderation bei diesem Thema wirklich kaum mehr möglich, einen halbwegs zivilisierten Diskurs zu ermöglichen? Handelt es sich tatsächlich um „Grenzen des Machbaren“? Oder ist die Auseinandersetzung mit all den laut und teilweise schrill widersprechenden Äußerungen der Leser für die Redaktion auf Dauer einfach nur unbequem, so dass man lieber von vornherein den „Ausschaltknopf“ drückt?

Auch anderes an der Argumentation erscheint fraglich. Die „Schwärme der Unvernunft“, die der FAZ.net-Chefredakteur in den Leserforen in Sachen Nato/Russland verortet, könnte man bei diesem Thema genauso gut in der Politik (und in den Medien) finden – sofern man offenen Auges danach suchte. Doch wer dreht Politikern deswegen das Mikro ab? Wer setzt Journalisten deswegen vor die Tür?

Es lässt sich kaum bestreiten, dass nicht nur in Leserforen bei diesem Thema „ein Krieg mit Worten“ stattfindet, sondern ganz real auf der großen politischen Bühne zwischen der Nato und Russland, sowie auch in den Leitartikeln und Kommentaren der Zeitungen. Warum aber sollen die – vergleichsweise machtlosen – Leser nun nicht das dürfen, was die Mächtigen auf der Hauptbühne längst vorexerzieren?

Blumencron ging auf dieses Argument nicht ein. Stattdessen wiederholte er, dass das Leserforum bei FAZ.net kein „Ventil der Wut und des Hasses“ sein solle. Man wolle „keine Schlachten mit Propagandisten in unseren Kommentarspalten“. Dieser Einwand klingt zunächst verständlich. Doch selbst wenn man dem zustimmt, wo zieht man dann die Grenze? Ab wann ist es keine heftige, vielleicht laute, ja sogar schrille Debatte mehr, die aber womöglich dennoch wichtig für den öffentlichen Diskurs und die Meinungsbildung ist? Ab wann handelt es sich um eine von Seiten der Redaktion präventiv zu unterbindende „Schlacht“?

Man stößt hier auf einen inneren Widerspruch, denn etwas, das von vornherein verhindert wird (sprich: kein Leserforum beim Artikel geschaltet), das kann natürlich auch nicht aus dem Ruder laufen. Der Unterschied ist vergleichbar einem Demonstrationsverbot gegenüber der Einschränkung einer Demonstration. Man könnte daher argumentieren, dass vor das präventive Abschalten von Leserforen eine weit höhere Hürde gelegt werden sollte, als vor das – auch nicht unproblematische – Löschen von Leserbeiträgen.

Wo aber liegt diese Hürde aktuell? Wenn nicht völlig willkürlich entschieden werden soll, nach Stimmung, Tageslage oder womöglich politischer Orientierung der Chefredaktion, dann braucht es dafür transparente Kriterien.

Oder aber, noch einfacher und transparenter: Man lässt das Abschalten der Foren gleich ganz und ermöglicht einen ständigen und offenen Austausch der Leser. Einige Medien, wie etwa Zeit Online (oder auch Telepolis) handhaben es bekanntlich seit Jahren so. Unmöglich ist das also nicht. Die Abschaltung von Foren bedarf einer überzeugenden (!) Begründung, umso mehr, wenn Mitbewerber offenbar ohne größere Probleme, auch bei brisanten Themen, mit den freigeschalteten Foren zurechtkommen.

Süddeutsche: 10 von 10 Artikeln nicht kommentierbar

Den Spitzenplatz in diesem Vergleich holt das Onlineportal der Süddeutschen Zeitung. Der Vergleich ist nicht ganz fair, denn Süddeutsche.de hat bereits 2014 die Leserkommentare unter Artikeln grundsätzlich abgeschafft. Dennoch gibt es dort weiterhin ein Leserforum, wo die Redaktion jeden Tag 1 bis 2 Themen auswählt, über die das Publikum diskutieren „darf“. Im Schnitt kamen die Themen dort im Juni auf jeweils 100 Kommentare – für ein Portal mit der Reichweite der Süddeutschen kaum nennenswert.

Im Juni erschienen bei Süddeutsche.de 10 Artikel zum Konflikt zwischen der Nato und Russland. Im Leserforum wurde das Thema im gesamten Monat jedoch nicht ein einziges Mal von der Redaktion als diskussionswürdig ausgewählt. Stattdessen gab es dort 7 (!) separate Leserforen zum Thema Brexit, immer noch 4 zur Fußball-EM sowie beispielsweise das wichtige Leserforum „Ihr Kondolenzbuch für Bud Spencer“.

Nato/Russland, wie gesagt: 0 Treffer. Zu unwichtig? Bloß ein Zufall? Oder wieder die Angst vor den schrillen „Wut und Hass“-Postings? Chefredakteur Stefan Plöchinger stand für Fragen offenherzig Rede und Antwort. Er wies zunächst darauf hin, dass der Komplex Nato/Russland zuletzt Anfang Mai Thema im Leserforum gewesen sei. Doch stets, so Plöchinger, würden sich bei diesem Thema die Argumente wiederholen:

„Das ist nicht schlimm, aber uns langweilen Redundanzen solcher Kalte-Krieg-Debatten eher, wie auch viele Leser, die sich in derlei Foren dann nur noch selten verirren. (Das war im Übrigen schon so, als man bei uns noch jeden Artikel kommentieren konnte: In diesen Themenbereichen tummelten sich immer nur die Gleichen, die sich sofort mit den immerselben Thesen an den Kragen gingen.)

Wir versuchen im Alltag des Foren-Teams am Newsdesk – wo die Entscheidung über die Debattenthemen des Tages getroffen wird – aus den leicht kalkulierbaren Polter-Pöbel-Schemata rauszukommen und Fragen zu stellen, die von vielen Diskutanten nicht schon x-mal auf dieselbe Weise durchgekaut wurden. Das Thema Russland/Nato ist einer der Klassiker der polarisierten In-Wahrheit-Nicht-Debatte geworden, das stellen wir immer wieder fest. Davon weniger und von Überraschend-Intelligentem mehr zu haben, ist unsere redaktionelle Leitlinie für Foren-Fragen.“

„X-mal durchgekaut“

Während Harms vom Spiegel also beim Fehlen der Foren noch mit „Zufall“ argumentiert hatte, Blumencron von der FAZ mit einem Übermaß an Pöbelei, überraschte Plöchinger von der Süddeutschen mit einer anderen Begründung: „Redundanzen“ – zu Deutsch: man langweilt sich bei den immer gleichen „schon x-mal durchgekauten“ Debatten, fühlt sich intellektuell unterfordert und vermisst „Überraschend-Intelligentes“.

Für ein Blatt, das, wie erwähnt, siebenmal in einem Monat von seinen Lesern den Brexit diskutieren lässt, ist das ein gewagtes Argument. Zudem wird auch hier wieder ein seltsam einseitiger Blick offenbar. Denn tatsächlich sind natürlich nicht bloß Leserkommentare auf Dauer „redundant“. Ganz im Gegenteil: Fast der gesamte mediale Politikdiskurs, beinahe alles, worüber Politiker, Journalisten und Leser reden, ist nicht neu, sondern, „x-mal durchgekaut“.

Man schaue sich die TV-Talkshows an, Plasberg, Will, Illner. Ständig wird dort mehr oder weniger über das Gleiche geredet, von denselben Personen mit den bekannten Argumenten. Nicht anders im Print: die Leitartikel, Aufmacher, Kommentare – immer wieder das selbe, die gleichen Gedanken, die bekannten Autoren – in Endlosschleife, insbesondere beim Thema Russland.

Nicht schön aber doch wahr: In diesem Umfeld findet Politik und Meinungsbildung nun einmal statt. Was mit der Forenumstellung bei Süddeutsche.de eigentlich durchgesetzt wurde, ist so auch weniger eine Veränderung des Diskurses hin zu einer frischeren, weniger redundanten Debatte, als vielmehr der stärkere Ausschluss der Bürger und Leser von eben dieser Debatte. Das sieht Stefan Plöchinger, Initiator der Umstellung, naturgemäß anders:

„Ich würde Ihnen widersprechen, dass wir einfache Bürger ausschließen von der Debatte – wir führen fokussiertere Debatten als andere, aber die einzigen, die wir bitten, sich an den vielen möglichen anderen Orten im Netz auszutauschen, sind jene, die sich nicht an Umgangsformen halten. (…) Wissen Sie, wir haben inzwischen 50.000 Leser, die für die digitalen Plattformen der SZ bezahlen, und deshalb teile ich Ihre Einschätzung nicht, dass wir an den Interessen „der Leute“ (die es nicht gibt, jeder Leser ist anders) vorbeischreiben. (…)

Ich will schon im Grundsatz dem Gedanken widersprechen, dass Journalisten auf neue Geschehnisse immer mit denselben Texten mit denselben Argumenten reagieren. Wenn man x-mal dasselbe schreibt, wird man irgendwann nicht mehr gelesen, weil man das Gegenteil von Neuigkeiten bietet.“

Der letzte Satz ist dabei vielleicht schon eine gute Beschreibung der Gegenwart, wo viele Leser sich in den letzten Monaten und Jahren ja tatsächlich von den etablierten Medien abgewendet haben, da sie nach eigener Aussage den Eindruck gewonnen haben, zu brisanten aktuellen Themen oft einseitige „Propaganda“ serviert zu bekommen.

Elitennähe und Einheitsmeinung

Erinnert sei an eine Aussage von Plöchingers Kollegen Stefan Kornelius, Außenpolitikchef der Süddeutschen Zeitung. Dieser hatte 2014 einem Leser, der sein Abo wegen der Ukraineberichterstattung des Blattes gekündigt hatte, geschrieben: „Die SZ ist stolz auf ihre Meinungsbreite“, nur drei Sätze später dann aber eingeräumt: „In der Ukraine-Krise werden Sie es schwer haben, unter den großen seriösen Medien des Landes eine andere Stimme zu finden.“

Mit anderen Worten: Einer der führenden außenpolitischen Kommentatoren Deutschlands ist stolz auf die Meinungsvielfalt, sagt dann aber, die allgemeine Einheitsmeinung beim Thema Ukraine bestätige ihn in der Richtigkeit seiner Analyse. Wie kann das sein? Wie erklärt sich ein so eklatanter Widerspruch, sowie die vielleicht noch erstaunlichere Tatsache, dass der äußernde Journalist diesen Widerspruch selbst offenbar nicht einmal bemerkt?

An dieser Stelle scheint ein wunder Punkt vieler Führungskräfte in den Leitmedien durch. Politische Deutungen der Eliten werden immer wieder weitgehend ungefiltert in der eigenen Berichterstattung und Kommentierung übernommen, und das nahezu flächendeckend im Mainstream, zuletzt gut zu beobachten beim medialen Einheitsbrei rund um die Kommentierung des Brexit, vorher bei Griechenland oder eben dem Konflikt mit Russland. Die jeweilige Sicht einer transatlantischen oder EU-nahen Elite findet sich häufig eins zu eins in den Kommentaren fast aller Leitmedien. Die verantwortlichen Journalisten aber fühlen sich durch diesen Einheitston erstaunlicherweise gar nicht irritiert, sondern sogar noch bestätigt.

Man könnte konstatieren: Durch eine zu enge gedankliche Nähe zu den Eliten wird das Urteilsvermögen vieler Journalisten nachhaltig beschädigt. Die eigene Einordnung in den Mainstream bleibt für die Akteure selbst dabei zugleich wie unsichtbar oder erscheint ihnen zumindest unproblematisch. Die extreme Wut vieler Leser können diese Journalisten dann nicht mehr logisch einordnen. Sie erscheint ihnen rätselhaft und irrational.

Und da schließt sich der Kreis zum Umgang mit den Leserforen. Sicher sind diese Foren eine Belastung für jede Redaktion, gerade in politisch aufgeheizten Zeiten, wo viel Frust abgelassen wird. Aber, und diese Frage sollte sich jeder Kollege vielleicht einmal in Ruhe stellen: Woher kommt der Frust? Wie entsteht er? Welche Art von Politik erzeugt ihn? Welche Art von Berichterstattung verstärkt ihn?

Zeit Online: Keine Sortierung nach Empfehlungen mehr möglich

Zeit Online verfolgt mit Blick auf die Leserforen eine eigene Linie. Fast alle Artikel können dort kommentiert werden, so auch die Texte zum Konflikt zwischen der Nato und Russland. Die Foren sind generell eingeschaltet. Sofern ein Leserkommentar dort gelöscht oder gekürzt wird, macht die Redaktion das kenntlich und begründet es kurz. Zwar wirken diese Begründungen immer wieder fraglich, doch ist man hier zumindest transparenter als bei der Konkurrenz.

Im Jahr 2010 führte Zeit Online die Funktion der Leser-Empfehlung für Kommentare ein. Euphorisch hieß es damals:

„Mit Begeisterung verfolgen wir die Leserdebatten, die sich täglich in den Kommentarbereichen zu unseren Artikeln entwickeln. Ihre vielfältigen Meinungen, aber auch Ihre Kritik und Ihre sachlichen Fehlerhinweise machen ZEIT ONLINE jeden Tag besser. Monatlich erscheinen auf ZEIT ONLINE über 50.000 Leserkommentare – Tendenz steigend. (…) Zukünftig haben auch angemeldete Leser die Möglichkeit, Kommentarempfehlungen auszusprechen. Über den neuen Filter ‚LESER-EMPFEHLUNGEN‘ können Sie sich ausschließlich die Kommentare anzeigen lassen, die von den Lesern ausgezeichnet wurden – sortiert nach der Anzahl der Empfehlungen.“

Eben diese Sortierung nach Anzahl der Leser-Empfehlungen wurde allerdings 2015 im Rahmen einer Neugestaltung der Webseite wieder abgeschafft. Was zunächst wie eine unbedeutende technische Anpassung klingen mag, ist tatsächlich von einiger Bedeutung: Für den Leser ist nun, anders als früher, nicht mehr auf einen Blick das Meinungsbild der übrigen Leser erkennbar. Nur durch aufwändiges Klicken durch sämtliche Kommentare ist es für den Leser jetzt noch möglich zu erkennen, ob die eigene Sicht auf den Artikel von der Mehrzahl der übrigen Leser geteilt wird oder nicht. Mit anderen Worten: Für den Leser bleibt zunächst unklar, ob er mit seiner eigenen Meinung allein steht oder eventuell eine Mehrheitsmeinung vertritt.

Auf Nachfrage konnte der geschäftsführende Redakteur Christoph Dowe zunächst keine Gründe für diese Änderung nennen. Der für die Leserforen zuständige „Leiter Community“ sei für einige Tage nicht im Hause und daher kurzfristig „nicht in der Lage, Ihre Fragen zu beantworten“, so Dowe. Diese Auskunft erhielt ich am 24. Juni. Bis zur Fertigstellung des Artikels am 2. Juli wurde keine Antwort nachgereicht. Auch zur Frage, ob es sich bei der Änderung quasi um ein Versehen im Rahmen der technischen Umstellung handle und die Sortierung nach Leser-Empfehlungen wieder eingeführt werden solle, war bei Zeit Online zunächst nichts in Erfahrung zu bringen.

Orientierung an „Besserverdienenden“

Ein strukturelles Problem vieler Leitmedien ist ganz allgemein die Orientierung an den Interessen der „Besserverdienenden“ und einer „kulturellen Elite“. Deutlich wurde dies unter anderem an einer großen Imagekampagne der Süddeutschen Zeitung, anlässlich der Einführung eines neuen digitalen Abomodells Anfang 2015.

In der Kampagne mit dem Slogan „Eine gute Zeitung erkennt man an ihren Lesern“ wurden von der Redaktion beispielhaft 8 Leser in großformatigen Fotos vorgestellt und zu ihren Erwartungen gegenüber der Zeitung befragt. Zu dieser Auswahl gehörten unter anderem ein bildender Künstler, eine Fernsehredakteurin, ein Unternehmensberater, ein Fotograf und ein Schauspieler. Der Soziologe Michael Walter kommentierte das so:

„Die Message, die die Motive vermitteln wollen, ist offensichtlich: Der typische SZ-Leser gehört vornehmlich der prestigeträchtigen Klasse der urbanen, flexiblen und mobilen ‚Creative Professionals‘ an. Es ist also vor allem die kulturelle Elite mit besonders hohem kulturellem Kapital, die die SZ liest. Mit Blick auf den zitierten Claim ist dieses Leserlob zugleich Selbstlob: Eine Zeitung, die solche Leser hat, kann nicht gar so schlecht sein.“

Dass die Süddeutsche in ihrer Werbekampagne keine Frau von der Supermarktkasse, keinen Fliesenleger oder Paketauslieferer als Leser porträtiert hat, ist dabei kaum ein Zufall, dient die Eigenwerbung doch immer auch der Gewinnung von Anzeigenkunden. Und diese interessieren sich eben am meisten für Blätter, die eine Leserschaft mit überdurchschnittlichem Einkommen vorweisen können.

Auch Spiegel Online weist in einer Präsentation für Anzeigenkunden stolz darauf hin, dass 46 Prozent der Leser über ein Netto-Haushaltseinkommen von 3000 Euro und mehr verfügen würden. Die eigene Leserschaft sei somit „führend in den bildungs- und einkommensstarken Zielgruppen“, so das Blatt.

Dass aus einer solchen wirtschaftlich getriebenen Fokussierung auf Gutbetuchte auch ein Problem für die inhaltliche Ausrichtung und letztlich die Glaubwürdigkeit der Leitmedien entsteht, scheint in der Branche kaum reflektiert zu sein.

Dabei ist gerade der verbreitete Eindruck, dass viele Zeitungen in ihrer Berichterstattung kaum die Interessen der Unterprivilegierten vertreten, sowie die schon erwähnte enge gedankliche Nähe von Leitartiklern zu Machteliten eine wesentliche Ursache des Unmuts und Zorns in den Leserforen. So wenig aber, wie ein Land und eine Gesellschaft insgesamt eine „Partei für Besserverdienende“ essentiell benötigen, so wenig werden für eine funktionierende Demokratie auch „Zeitungen für Besserverdienende“ gebraucht. Eher fehlt es am Gegenteil.

(Dieser Artikel wurde im Online-Magazin Telepolis in zwei Teilen am 4. und 6. Juli 2016 veröffentlicht: Teil 1Teil 2)

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