Die Sicht des Anderen verstehen

15. Juli 2016   —   Das kaum 50 Seiten starke Büchlein „Psychologisches Konfliktmanagement“ des erfahrenen Mediators Werner Schienle und des Psychologen Andreas Steinborn wendet sich laut Untertitel zwar vor allem an „Fach- und Führungskräfte“ in Unternehmen, doch im Grunde kann wohl jeder von dieser ebenso lesbar wie intelligent geschriebenen Anleitung profitieren. Vermeidbare Konflikte und Kommunikationsfallen lauern schließlich nicht nur in betrieblichen Streitgesprächen, sondern ebenso im Privaten, wie auch in der großen Politik.

Die von den Autoren kompakt und oft witzig präsentierten Lösungen sind meist simpel, werden aber dennoch erstaunlich selten beherzigt. Im Buch werden zunächst „Wahrheitsdenker“ (typische Aussagen von diesen lauten: „Das sehen Sie falsch“ oder „Da gebe ich Ihnen Recht“) den sogenannten „Landkartendenkern“ gegenübergestellt. Letztere seien sich grundsätzlich bewusst, dass ihre eigene „Landkarte“, sprich: Sichtweise, der strittigen Angelegenheit weder objektiv sei, noch jemals vollständig sein könne. Der Schlüssel liege daher darin, eine Kontroverse nicht im „Gefechtsmodus“ zu führen – also vor allem recht haben und gewinnen zu wollen -, sondern im „Erkundungsmodus“ – womit gemeint ist, durch häufige Nachfragen zu versuchen, das Gegenüber zunächst einmal besser zu verstehen. Erst ein „gemeinsam geteiltes Bild“ ermögliche die Lösung von Problemen.

Anmerkung am Rande: Eben daran scheint es insbesondere auch in der Politik zu mangeln – man betrachte nur den eskalierenden Konflikt zwischen der Nato und Russland, wo von beiden Seiten völlig gegensätzliche Beschreibungen der Realität behauptet werden, was eine Annäherung nahezu unmöglich macht.

Erwähnt wird im Buch das spannende Experiment eines Neurowissenschaftlers, bei dem zwei Versuchspersonen aufgefordert wurden, abwechselnd mehrmals nacheinander Druck auf den Zeigefinger des jeweils Anderen auszuüben. Dabei sollte jeder stets genauso stark drücken, wie er zuvor den Druck seines Gegenübers selbst empfunden hatte. Mittels einer Hebelmechanik wurde der Druck gemessen. Heraus kam dann, dass der Druck pro Durchgang um 40 Prozent angestiegen war, ohne dass die Probanden dies gemerkt hatten. Die Situation war also ohne Absicht eskaliert. Die Lösung des Rätsels beschreiben die Autoren so: „Menschen neigen dazu, ein (vermeintlich oder tatsächlich) gegen sie gerichtetes Verhalten anderer als wesentlich schwerwiegender wahrzunehmen, als ihr eigenes, völlig analoges Verhalten.“

Ausgehend von solchen Erkenntnissen benennen Schienle und Steinborn konkrete und leicht umsetzbare Tipps und Lösungsansätze, die das Zusammenleben und -arbeiten einfacher und friedlicher machen. Möge sich manches davon auch in der Politik herumsprechen – wo aber freilich auch handfeste Interessensgegensätze vorsätzlich mit Lügen kaschiert werden und Kriege sich nicht nur „aus Versehen“ ereignen. Dennoch bleibt die Beherrschung einer kooperativen und nicht konfrontativen Sprache eine Voraussetzung für stabile Lösungen – und das vorliegende Buch eine gewinnbringende Lektüre auf dem Weg dahin.

Werner Schienle / Andreas Steinborn, „Psychologisches Konfliktmanagement: Professionelles Handwerkszeug für Fach- und Führungskräfte“, Springer Fachmedien Wiesbaden 2016, 56 Seiten, 9,99 Euro

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