Facebook, „Fake News“ und die Privatisierung der Zensur

18. Januar 2017   —  Auf Druck der Politik will Facebook zukünftig Nachrichten auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen lassen und gegebenenfalls deren „Sichtbarkeit reduzieren“. Entsteht nun ein privates Wahrheitsministerium?

Nach der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA hat sich in Politik und Leitmedien der Blickwinkel verfestigt, „Fake News“, also Falschmeldungen, würden die Wahlentscheidung der Bürger massiv beeinflussen und seien daher zu bekämpfen. Problematisch daran ist vielerlei.

Zunächst ist der behauptete Zusammenhang zwischen Falschmeldungen und Wahlergebnissen nicht belegt. Zum Zweiten ist unklar, wie „Fake News“ in ihrer Definition abgegrenzt werden sollen von spekulativen und unbelegten Berichten, wie sie in den Leitmedien selbst häufig auftauchen. Schließlich und wohl am wichtigsten: Das zentrale Ausfiltern von Nachrichten auf einer quasi monopolistischen Plattform, die von einem Großteil der Bevölkerung genutzt wird, ist nichts anderes als Zensur.

Facebook selbst ist sich dessen offenbar bewusst. Die Unternehmenschefin Sheryl Sandberg meint aktuell: „Wir wollen nicht entscheiden, was die Wahrheit ist. Und ich glaube, niemand will, dass wir das tun. Also müssen wir mit Dritten zusammenarbeiten, die Experten sind.“

Am Sonntag hat Facebook nun verkündet, wen der Konzern als Wahrheits-„Experten“ in Deutschland ausgewählt hat: die Journalisten des Online-Portals Correctiv. Correctiv bezeichnet sich selbst als „gemeinnütziges Recherchezentrum“, „nicht gewinnorientiert“ und „unabhängig“. Doch schon hier beginnen viele Probleme.

Chef des 2014 gegründeten Portals und seiner etwa 20-köpfigen Redaktion ist David Schraven, zuvor ab 2010 Chef des Recherche-Ressorts der milliardenschweren WAZ-Mediengruppe, welche damals von Bodo Hombach geleitet wurde. Medienprofi Hombach ist auch bekannt als einflussreicher Wahlkampf-„Spin Doctor“ und Kanzleramtschef Gerhard Schröders. Die FAZ nannte ihn seinerzeit „den Kanzlerflüsterer“.

Seit 2011 ist Hombach Vizechef der finanzstarken Brost-Stiftung, die Correctiv mit einer Geldspritze überhaupt erst ermöglicht hat und weiterhin regelmäßig als größter Sponsor des Portals fungiert. Im letzten Jahr floss gut eine Million Euro. Weitere Sponsoren des „unabhängigen Recherchezentrums“ waren 2016 unter anderem (Zahlen gerundet): die Deutsche Bank (50.000 Euro), George Soros‘ Open Society Foundations (25.000 Euro), das deutsche Innenministerium über seine „Bundeszentrale für politische Bildung“ (20.000 Euro), das ZDF (5.000 Euro), die CDU-nahe Konrad Adenauer Stiftung (4.000 Euro) sowie RTL und Google (jeweils 10.000 Euro).

Wie unabhängig Journalisten sind, die solche Finanziers im Hintergrund haben, sei einmal dahingestellt. Als unstrittig darf sicher gelten, dass Correctiv in der Elite von Politik, Wirtschaft und Medien außergewöhnlich gut vernetzt ist.

Dieser Eindruck ist dem Image von kritischem Journalismus natürlich abträglich. In der Eigendarstellung gibt man sich als volksnah und kritisch gegenüber den Mächtigen. Immer wieder werden, trotz der bestehenden Millionenförderung durch reiche Sponsoren, für einzelne Recherchen zusätzlich Crowdfunding-Kampagnen gestartet und damit der Eindruck erweckt, es handle sich um ein bedrohtes Start-Up, einen Anwalt der „kleinen Leute“.

„Helft uns, über ein Crowdfunding unsere Anwaltskosten zu finanzieren“, heißt es etwa, ganz so, als sei das Portal auf zusätzliche Kleinspenden existenziell angewiesen.

Im Fahrwasser der Propaganda

Davon abgesehen: Was qualifiziert das personell ebenso kleine wie gut gepäppelte Portal nun eigentlich zum zentralen „Wahrheits-Checker“ der deutschen Facebook-Ausgabe? Wie korrekt arbeitet Correctiv und welche Themen standen bisher im Mittelpunkt?

Die Qualität der Beiträge, so zeigt eine Sichtung, ist recht unterschiedlich. Neben seriösen kritischen Reportagen zur Pharmabranche (die wohl vor allem auf die Initiative von Chefredakteur Markus Grill zurückgehen, der sich schon vor seiner Zeit bei Correctiv einen Namen als Pharmakritiker gemacht hat) stehen Enthüllungen zum „Olivenöl-Kartell“ oder „der Mafia in Afrika“ sowie politisch gefärbte Berichte zum „System Putin“.

Aktuelle Twitter-Mitteilungen der Redaktion verkünden Warnungen wie: „RT Deutsch hetzt deutsche Zuschauer mit russischer Propaganda auf. Ziel ist die Destabilisierung westl. Demokratien“ oder „Der Russian Hack Report zeigt, wie Putin-Leute die US-Wahl zu Trumps Gunsten manipulierten – Was steht uns bevor?“ Mit solchen Beiträgen bewegt sich Correctiv selbst im Fahrwasser der Propaganda und eben jener „Fake News“, die nun bekämpft werden sollen. Die Arbeitsweise und inhaltliche Ausrichtung illustriert auch folgender Auszug aus dem letzten Correctiv-Jahresbericht:

Ende 2014 haben wir die Mitglieder unserer Community gefragt, welche Themen besonders im Fokus unserer Recherchen stehen sollen. Wir versprachen, 100.000 Euro in das gewählte Thema im Jahr 2015 zu investieren. Unsere Communitymitglieder entschieden sich bei zehn angebotenen Themen für „Korruption und Machtmissbrauch“ mit 20%. Wir haben das Geld in zwei große Recherchen investiert: In „System Putin“ haben wir Putins Aufstieg an die Macht nachgezeichnet, und ein Schmiergeld-Deal von Hewlett Packard war ein Baustein daraus. Wir haben enthüllt, dass Putins Aufstieg zur Macht mit Hilfe von Korruption aus Deutschland ermöglicht wurde. In diese Recherchen haben wir im vergangenen Jahr rund 70.000 Euro investiert.

Die Leser von Correctiv wünschten sich also Berichte und Recherchen zum Thema „Korruption und Machtmissbrauch“ – und bekamen sie auch. Allerdings nicht etwa zu Machtmissbrauch in Deutschland, sondern in Russland. Missstände in jenem Land und Vorwürfe gegenüber Putin scheinen ein besonderer Schwerpunkt der Redaktion zu sein.

Die bislang aufwändigste und bekannteste Recherche von Correctiv ist die zum Absturz von MH17. Dafür gab es Preise, aber auch Widerspruch. Kürzlich veröffentlichte Correctiv eine Recherche zu den „Medien der Neuen Rechten“, worin alternative Medien wie KenFM oder der russische Sender RT Deutsch mit rechten Blättern wie der Jungen Freiheit oder Götz Kubitscheks Sezession vermischt werden. Das hat auch insofern einen Beigeschmack, als Correctiv hier offensiv – und mit schwachen Belegen – versucht, den Ruf von einigen (erfolgreicheren?) Mitbewerbern im Medienmarkt als „rechtsradikal“ zu schädigen.

Portalchef David Schraven selbst moderiert eine wöchentliche halbstündige Sendung mit dem Titel „Wir und heute“, die seit Bestehen konsequent Zuschauerzahlen im unteren dreistelligen Bereich aufweist – ohne jedoch eingestellt zu werden. Geld scheint offenbar keine Rolle zu spielen. Das Niveau der humorigen Beiträge dort ist oft am Rande der Seriosität.

Parallel zur Mitteilung, dass Correctiv nun mit Facebook zusammenarbeiten will, gab Schraven am Sonntag bekannt, eine „Reporterfabrik“ gegründet zu haben, wo er mit Hilfe von eigens zu produzierenden, kostenlos zur Verfügung stehenden Internet-Tutorials Hobbybloggern die Grundregeln des Journalismus vermitteln will. Das sei ein Versuch, „die aufklärerische, konstruktive, solidarische Vision des Netzes zu verteidigen gegen die dunkle Seite, gegen Hass, Fake-News, Desinformationen und Trash“, so Schraven.

Mit im Boot ist der langjährige Spiegel-Autor Cordt Schnibben, der schon einmal versucht hatte, Kritiker des Spiegel zum Dialog einzuladen, woraus dann aber eher eine Veranstaltung zur Selbstbeweihräucherung geworden war.

Im Kuratorium der neuen „Reporterfabrik“ – laut Correctiv einer „Journalistenschule für jeden“ – ist die Spitze der Leitmedien versammelt, unter anderem die Chefs von Zeit, Spiegel, Süddeutsche, FAZ.net sowie Claus Kleber. Mit anderen Worten: Die Etablierten erklären den unbedarften Laienschreibern im Internet jetzt mal, was Journalismus ist. Zielgruppe seien aber auch „Bürger, die sich besser ausdrücken wollen“.

Bezahlung: „Da haben wir gar nicht drüber geredet“

Befragt zur neuen Rolle als Facebook-Faktenchecker und wie man da konkret arbeiten und Lügen als solche bewerten wolle, meinte Schraven am Montag im ZDF-Morgenmagazin ausweichend, dies sei „relativ einfach zu sagen bei simplen Geschichten“, werde bei komplexeren Sachverhalten aber „kompliziert, wir müssen uns das anschauen, ich kann das im Moment nicht sagen“.

Noch erstaunlicher war seine Antwort auf die Frage, ob und wie Facebook die komplexe und aufwändige Dienstleistung bezahlen wolle: „Um ehrlich zu sein, haben wir da gar nicht drüber geredet.“

Einen seriösen Eindruck macht das nicht. Eher scheint es, dass ein von Eliten gefördertes Portal versucht, einen Fuß in die Tür eines zukünftigen Wachstumsmarktes zu bekommen und außerdem im Sinne seiner Sponsoren Deutungshoheit zu bewahren. Über kurz oder lang wird Correctiv von Facebook bezahlt werden müssen und ist dann wohl auch kaum mehr länger als „nicht gewinnorientiertes, gemeinnütziges“ Portal zu bezeichnen – womöglich einer der Gründe, weshalb Schraven sich zu diesem Thema so nebulös äußert.

Gegenüber dem WDR erklärte er am Montag, die Initiative zur Zusammenarbeit mit Facebook sei von ihm selbst ausgegangen: „Ich habe im Spätherbst mit Facebook Kontakt aufgenommen, weil ich gesehen habe: Die Verbreitung von Fakenews auf Facebook ist ein richtiges Problem. Ein Problem, das unsere aufgeklärte Demokratie in Europa bedroht. Nach mehreren Gesprächen hat Facebook dann gefragt, ob wir nicht bei dem Factchecking-Programm mitmachen wollen.“ Zum konkreten Arbeitsprozess meinte er:

Das ist eigentlich relativ einfach. Wir machen jetzt erst einmal einen Betatest und schauen dann, wie es weiterläuft. Bei Facebook gibt es einen Button für Fakenews. Den kann man auslösen, wenn man glaubt, dass man eine Falschmeldung oder eine Propaganda-Lüge entdeckt hat. Wenn eine relevante Zahl von Facebook-Nutzern einen Beitrag gemeldet hat – sagen wir 200 oder 300 – dann geht bei uns eine Meldung an. Und wir recherchieren dann: Stimmt, was da steht? Oder ist es eine Lüge. Wenn letzteres zutrifft, dann schreiben wir das rein. Und Facebook veröffentlicht zu dieser Fakenews eine Notiz mit dem Inhalt: Diese Nachricht wird von unabhängigen Factcheckern angezweifelt.

Facebook selbst stellt es so dar:

Wenn die Faktenprüfungsorganisationen Beiträge als gefälscht identifizieren, werden diese mit einem Warnhinweis versehen, der sie als unglaubwürdig einstuft. Der Warnhinweis enthält einen Link zu dem entsprechenden Artikel sowie eine Begründung dieser Entscheidung. Als unglaubwürdig eingestufte Meldungen erscheinen möglicherweise auch weiter unten im News Feed. Es wird weiterhin möglich sein, diese Beiträge zu teilen. Dabei wird jedoch eine Warnung angezeigt, dass der Wahrheitsgehalt des Beitrags angezweifelt wird. Sobald ein Beitrag mit einem Warnhinweis versehen wurde, kann er auch nicht mehr zu einer Werbeanzeige gemacht oder hervorgehoben werden.

Und der zuständige Facebook-Manager Guido Bülow ergänzt: „Es kann auch sein, dass wir bei unglaubwürdigen Artikeln die Sichtbarkeit reduzieren.“

Dass ein Unternehmen wie Correctiv, selbst Mitbewerber in der Medienbranche, dazu mit erkennbar politischer Ausrichtung, nun über die Glaubwürdigkeit von Artikeln und deren Sichtbarkeit für Millionen von Facebook-Nutzern entscheiden soll, ist in vielerlei Hinsicht so angreifbar und wenig durchdacht, dass man über diesen Deal nur staunen kann. Das grundlegende Misstrauen und die Ablehnung breiter Bevölkerungsschichten gegenüber der etablierten Politik wird sich zudem kaum durch eine restriktive Steuerung von strittigen Nachrichten verringern lassen – eher im Gegenteil.

Die Idee schließlich, „Falsches“ einfach aus dem Nachrichtenstrom aussortieren zu können, unterstellt, es gäbe nur eindeutig definiertes unstrittiges Wissen und eben keine brisanten Themen, bei denen die „offizielle Story“ fraglich ist. Es ist dies letztlich der Glaube an die Wahrheit der Regierung und der Autoritäten – eine eher vordemokratische Überzeugung.

(Dieser Artikel wurde im Online-Magazin Telepolis veröffentlicht.)

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