Facebook-„Wahrheitsprüfer“ Correctiv verstrickt sich in Widersprüche

24. Januar 2017   —   Die Faktenchecker von Correctiv können bislang nicht sagen, nach welchen Kriterien sie „Fake News“ auf Facebook kennzeichnen wollen. Offenbar erfüllen sie damit selbst nicht die Regeln für eine Zusammenarbeit mit Facebook.

David Schraven tanzt zur Zeit auf vielen Hochzeiten. Parallel zur Leitung seines Recherche-Portals Correctiv gründet er gerade eine Reporterfabrik und will nebenbei mit seinem gut 20-köpfigen Team nun auch noch für Facebook „Fake News“ kennzeichnen und gegebenenfalls nachrecherchieren. Die Fragen, die sich dazu stellen, sind zahlreich und auf die wenigsten hat Schraven bisher eine Antwort. Stattdessen verstrickt er sich schon vor Beginn seiner Arbeit für Facebook in Widersprüche.

Am vergangenen Freitag äußerte er sich auf der Webseite von Correctiv zu den „häufigsten Fragen“, die ihn zum Thema erreicht hätten. Zur Frage „Zensiert ihr Inhalte?“ heißt es dort:

Nein, das ist falsch. Zensur geht in der Regel von staatlichen Stellen aus. Wir sind uns der angesprochenen Problematik aber sehr bewusst. Wir sehen es als Gefahr, dass man Berichte, deren politische oder gesellschaftliche Haltung einem nicht passt, kritischer bewertet als andere. Aber erstens wählen wir die Artikel, die wir überprüfen, nicht beliebig aus (dies geschieht in der Testphase ausschließlich aufgrund von Meldungen von Facebook-Nutzer*innen, außerdem müssen die beanstandeten Posts eine gewisse Verbreitung erreicht haben). Zweitens, und das ist entscheidend, prüfen wir keine unliebsamen Meinungen, sondern Fakten oder Tatsachenbehauptungen.

Ich fragte daraufhin bei Schraven nach, nach welchen Kriterien Correctiv denn Meinungen von Tatsachenbehauptungen unterscheiden wolle. Die beiden Begriffe haben eine gemeinsame Schnittmenge und lassen sich nicht immer sauber trennen. Als Beispiel nannte ich Schraven einige denkbare Aussagen:

  • „Trump gefährdet die Demokratie.“
  • „Angela Merkel ist eine Marionette der USA.“
  • „Putin bedroht die Sicherheit Europas.“

Sind solche Aussagen nun Meinungen oder Tatsachenbehauptungen? Welche präzisen Kriterien will Correctiv zur Trennung der Begriffe anlegen? Wann ist eine Aussage ein Fall für den Faktencheck und wann nicht? Wenn man keine Meinungen zensieren will, muss das vorab geklärt werden.

Andere denkbare Aussagen sind fraglos Tatsachenbehauptungen, müssten demzufolge also – bei häufiger Meldung als „Fake News“ durch die Facebook-User – von Correctiv eindeutig als wahr oder falsch definiert werden, zum Beispiel:

  • „Russland hat die US-Wahlen manipuliert.“
  • „Die Anschläge von 9/11 waren ein Inside Job.“
  • „Assad hat Giftgas gegen sein eigenes Volk eingesetzt.“
  • „Den Bürgerkrieg in der Ostukraine hat nicht Moskau begonnen, sondern Kiew.“

Das Problem hier: All diese Tatsachenbehauptungen sind strittig. Es besteht kein öffentlicher Konsens über ihre Wahrheit. Und alle diese Aussagen sind politisch brisant. Wenn Correctiv hier über „wahr“ oder „gelogen“ entscheidet und der entsprechende Facebook-Eintrag dann gegebenenfalls in seiner „Sichtbarkeit reduziert“ wird, wie Facebook mitteilte, dann ist die Schwelle zur Zensur sicherlich überschritten.

Schraven schilderte ich diese Beispiele und fragte ihn, ob Correctiv tatsächlich alle Tatsachenbehauptungen checken wolle, sofern sie nur zahlreich als „Fake News“ gemeldet werden, oder ob man noch nach weiteren Kriterien aussieben werde?

Seine Antwort war kurz und bündig: Er habe „derzeit nicht mehr zu sagen“. Vielleicht später, „wenn wir soweit sind“, so der Correctiv-Chef. Und weiter: „Das Spekulieren über irgendwelche Aussagen, die möglicherweise kritisiert werden könnten, bringt wenig. Ich würde das lieber im Indikativ anschauen, statt im Konjunktiv zu rätseln.“

Somit scheint klar: Correctiv hat noch keinerlei konkrete Kriterien für die hochsensible Arbeit entwickelt. Doch ohne diese wird es nicht gehen. Die zuständigen Mitarbeiter brauchen schriftlich fixierte Anleitungen, wie sie beim Kennzeichnen von „Fake News“ vorgehen sollen. Entscheidend ist, wie diese Kriterien dann aussehen und – wohl am wichtigsten – ob sie transparent für die Öffentlichkeit sein werden. Dazu befragt kam von Schraven bis Montag keine weitere Antwort.

Ein ähnliches Problem stellt sich für Facebook, abseits der „Fake News“-Debatte, bei der routinemäßigen Löschung von solchen Text-, Bild-, oder Video-Beiträgen, die als unangemessen, gewalttätig oder „hate speech“ eingeordnet werden.

Die Süddeutsche Zeitung berichtete im Dezember 2016 erstmals exklusiv aus dem Inneren des damit beauftragten „Löschteams“. Gut 600 Mitarbeiter seien dafür in Berlin eingesetzt, nicht direkt bei Facebook, sondern ausgelagert auf die Bertelsmann-Tochter Arvato.

Interessant vor allem: Die Kriterien, nach denen entschieden wird, was gelöscht wird und was nicht, hält Facebook streng geheim. Der Süddeutschen Zeitung wurden einige Regeln zugespielt. Sie zitierte Insider mit der Aussage, die Vorschriften seien undurchsichtig und änderten sich oft. 2.000 Beiträge müsse jeder Mitarbeiter pro Tag prüfen. So hoch ist offenbar das Aufkommen, das durch Meldungen der Nutzer entsteht. Die Zeitung spricht von einer „firmenintern definierten Form der Meinungsfreiheit“.

Internationale Kampagne mit einflussreichen Finanziers

Auch bei der Kampagne gegen „Fake News“ sind die konkreten Kriterien der wunde Punkt, zu dem sich niemand klar äußern möchte. Die Kampagne läuft längst international.

In den USA federführend ist eine Journalistenschule aus Florida namens Poynter Institute. Von dort aus wird seit Ende 2015 das sogenannte „International Fact-Checking Network“ geleitet. Mit im Boot sind Branchenriesen wie die Nachrichtenagentur AP und der Sender ABC. Gesponsert wird das Poynter-Netzwerk eigenen Angaben zufolge unter anderem vom „National Endowment for Democracy“, einer „Demokratieförderstätte“, die ihrerseits von der US-Regierung finanziert wird, sowie der Gates-Stiftung, Google und George Soros‘ Open Society Foundations. Man ist beim Kampf gegen „Fake News“ also gut beschirmt von einflussreichen Eliten, sowie der US-Regierung.

Medien, die an der „Fact-Checking“-Kampagne teilnehmen wollen, können sich von Poynter als geprüfte Partner zertifizieren lassen. Facebook will für seine künftigen „Wahrheitsprüfungen“ nur Medien zulassen, die von Poynter akzeptiert sind. In einer Pressemitteilung von Facebook heißt es:

So haben wir ein Programm ins Leben gerufen, bei dem wir mit externen Faktenprüfern zusammenarbeiten. Diese Organisationen sind Unterzeichner des Poynter’s International Fact Checking Code of Principles. (…) Sobald sich eine Organisation für das Poynters Programm beworben hat und akzeptiert wurde, kommt diese als Faktenprüfer in Frage.

Auch Correctiv muss sich demnach von Poynter zertifizieren lassen. Doch da könnte es Schwierigkeiten geben. Denn Voraussetzung ist die Erfüllung einiger Kriterien, zu denen auch eine „klare und öffentlich einsehbare Erläuterung der Methoden des Fact-Checkings“ des jeweiligen Bewerbermediums gehört. Eben diese Methoden kann Correctiv bislang noch nicht nennen, kann demzufolge vom Poynter Institute auch noch nicht als Partner akzeptiert werden – und demnach auch nicht von Facebook.

Schraven selbst scheint das nicht klar zu sein. Befragt vom Medien-Portal Meedia, wie man denn „Fake News“ definieren wolle, lautet seine Antwort:

Es gibt eine unheimlich gute Definition dazu bei Poynter. Damit kann man relativ genau definieren, was Fake News sind. Klar bleiben auch dabei Ungenauigkeiten und Probleme. Im Kern geht es aber darum, dass wir nicht nach Meinungen suchen, sondern nach nachprüfbaren Fakten.

Doch die vermeintlich „unheimlich gute Definition“ sucht man bei Poynter vergebens. Genannt werden von dem Institut lediglich diejenigen Kriterien, welche Teilnehmer am Fact-Checking-Programm erfüllen müssen. Diese klingen auch ganz vernünftig: Unparteilichkeit, Transparenz bezüglich der Quellen, der Geldgeber und der Methoden, sowie die Korrektur eigener Fehler.

Leitmedien werden nicht geprüft

Solange sich alle – insbesondere die etablierten Zeitungen und Sender – an diese Grundsätze hielten, gäbe es sicher kaum eine mediale Vertrauenskrise. Die Leitmedien selbst will Correctiv nun aber gar nicht ins Visier nehmen. Auf die Frage, ob er gegebenenfalls auch Meldungen von etablierten Medien, wie beispielsweise Bild, SZ oder Zeit, bei Facebook als Fake-News kennzeichnen wolle, meinte Schraven am Montag:

Gute Frage. Ich glaube, das muss man sehen, wenn es soweit ist. Grundsätzlich kann alles geprüft werden. Gerade bei den klassischen Pressemedien haben wir aber schon eine ziemlich gut wirkende Selbstkontrolle. Da gibt es den Presserat, in den einzelnen Häusern gibt es Ombudsmänner, Leser-Beiräte und sonstige Sachen. Jeder macht mal einen Fehler. Da würde ich grundsätzlich darauf vertrauen, dass diese erprobten Instrumente der Selbstkontrolle funktionieren. Deswegen kann man sich die Arbeit an dieser Stelle wohl sparen. Wenn da einer großen Mist baut, landet das in der Regel beim Presserat.

Zu solchen Sichtweisen kommentierte Stefan Niggemeier schon vor einer Woche:

Wenn die etablierten Medien diesen Kampf nicht als einen Kampf gegen Desinformationen aller Art führen, sondern als einen Kampf Wir gegen Die; wenn sie den Eindruck erwecken, dass sich Kollegen untereinander nicht wehtun, aber keine Hemmungen gegenüber dubiosen amerikanischen Seiten, Anti-Mainstream-Medien und Einzelpersonen im Netz haben; wenn es scheint, als sei das Haupt-Problem von „Fake News“ womöglich gar nicht der Inhalt, sondern der Absender – dann haben sie keine Chance, diesen Kampf zu gewinnen.

Womöglich ist aber genau dieses „Wir gegen Die“ das eigentliche Wesen der aktuellen „Fake News“-Kampagne. Und Correctiv-Chef Schraven hat vielleicht genau das sehr gut verstanden.

(Dieser Artikel wurde im Online-Magazin Telepolis veröffentlicht.)

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