Sturmgeschütz der Demokratie will Trump „entfernen“

25. Mai 2017   —   Die Trump-Kritik scheint hierzulande besonders intensiv betrieben zu werden – sozusagen mit deutscher Gründlichkeit. Erst jüngst wurde bekannt, dass die ARD zu 98 Prozent negativ über den neuen Präsidenten berichtete und damit sogar die versierten Trump-Gegner von CNN mit 93 Prozent Negativschlagzeilen international auf den zweiten Platz verwies.

Der Chefredakteur des Spiegel, Klaus Brinkbäumer, steht da nicht nach. Vor wenigen Tagen schrieb er in einem Leitartikel unter der Überschrift „Wie werden wir Trump los?“:

„Donald Trump ist nicht dazu in der Lage, Präsident der USA zu sein. (…) und es zählt zur Aufgabe von Medien, nicht müde zu werden, sondern zu sagen, was ist: Trump muss aus dem Weißen Haus entfernt werden. Schnell. Er ist eine Gefahr für die Welt.“

Abgesehen von der Seltsamkeit, als Journalist die Absetzung eines gerade vom Volk gewählten Präsidenten zu fordern, äußert Brinkbäumer hier ganz offenkundig eine Elitenmeinung, die auch auf Konferenzen zirkuliert, an denen Alphajournalisten wie der Spiegel-Chef selbst teilnehmen. Im Leitartikel kommt das sogar kurz zur Sprache:

„Vor knapp zwei Wochen traf sich in Washington ein Kreis von Außenpolitikern und Beobachtern; die Münchner Sicherheitskonferenz hatte geladen. Wer sich in der Stadt umhörte, konnte nur die seltene Kombination von Chaos und Agonie diagnostizieren.“

Dieses Treffen, ein sogenanntes „Core Group Meeting“ der Münchner Sicherheitskonferenz, wurde Anfang Mai in Zusammenarbeit mit dem Atlantic Council, einer Nato-nahen Denkfabrik, in Washington abgehalten. Auch Brinkbäumer reiste an. Weitere Teilnehmer der Konferenz, im Artikel allerdings nicht extra erwähnt, waren neben Mitgliedern der Trump-Regierung unter anderem John McCain, Henry Kissinger, Zbigniew Brzezinski, Google-Chef Eric Schmidt, sowie aus Deutschland Norbert Röttgen (CDU), Niels Annen (SPD), Omid Nouripour (Grüne) und Ursula von der Leyens Parlamentarischer Staatssekretär Ralf Brauksiepe (CDU).

Die Sicherheitskonferenz findet seit einigen Jahren nicht mehr nur alljährlich im Januar in München statt, sondern die Organisatoren veranstalten in der Zwischenzeit weitere Tagungen in verschiedenen Metropolen der Welt – die internationalen Eliten bleiben im Gespräch.

Laut dem offiziellen Tagungsbericht kamen die Teilnehmer in Washington überein, dass sich nach einer Phase der Unsicherheit in den transatlantischen Beziehungen nun eine „Normalisierung“ einstelle, was die US-Außenpolitik angehe. Dies zeige sich an Trumps jüngsten Äußerungen nach seiner Bombardierung eines syrischen Stützpunktes, wie auch an seinem nun deutlich gewordenen „Bekenntnis zur Nato“.

In Brinkbäumers Artikel ist davon allerdings keine Rede. Den vom amerikanischen Volk gewählten Präsidenten bezeichnet der Spiegel-Chefredakteur am Endes seines Textes stattdessen als „unreifes Kind“ und meint:

„Darum dürfen sich die Eltern nicht wegducken, und sie dürfen auch nicht ermatten, nur weil der Bub halt so anstrengend ist. Sie müssen ihn endlich zum Aufräumen ins Kinderzimmer schicken und wieder Erwachsene sein.“

Das klingt, als sollten Wähler, die „kindisch“ gewählt hätten, nun wieder „erwachsen“ werden. Seltsam genug. Doch Brinkbäumer hat seinen Text auch ins Englische übersetzen lassen und hier, für das internationale und besonders das US-Publikum, klingt sein Schlusssatz irritierend anders:

„They ultimately have to send him to his room – and return power to the grownups.“ – „Sie müssen ihn endlich auf sein Zimmer schicken und die Macht den Erwachsenen zurückgeben.“

Wer, so möchte man den Spiegel fragen, sind in einer Demokratie eigentlich „die Erwachsenen“ oder „die Eltern“? Sollen das am Ende vielleicht doch bloß Leute wie die Teilnehmer der erwähnten Washingtoner Konferenz sein? (Hier ein Bild dieser „Erwachsenen“)

In jedem Fall hat der öffentliche Aufruf zum Sturz eines gewählten Präsidenten mit Demokratie denkbar wenig zu tun. Die verwendete Sprache („Trump muss entfernt werden“) entspringt zudem einem Geist, von dem man gehofft hatte, dass er in Deutschland überwunden sei. Man radikalisiert sich offenbar auf Augenhöhe im Wettstreit mit seinen Gegnern. Auch das ließe sich als „unreif“ bezeichnen.

Nachhaltig irritierend bleibt bei all dem, dass Journalisten wie Brinkbäumer ihre eigene massive Parteinahme als „Kampf für die Demokratie“ begreifen und offenbar unfähig sind, zu erkennen, dass ihre hitzige Agitationsarbeit mit nüchtern erklärendem und verschiedene Perspektiven abwägendem Journalismus fast nichts mehr zu tun hat. Die Verblendung, die man Trump attestiert, scheint lagerübergreifend.

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9 Gedanken zu „Sturmgeschütz der Demokratie will Trump „entfernen“

  1. hintermbusch

    Trump als Person muss weg, aber seine zwischenzeitlich gezeigte Politik erhält Unterstützung. Das wird besonders deutlich bei der Bestätigung der besonderen Beziehungen zu Saudi-Arabien. Nicht nur dass er inzwischen dort war und sich regelrecht mit dem dortigen Regime verbrüdert hat: Saudi-Arabien hat auch nie auf der Liste mit den Einreiseverboten gestanden.
    Hier besteht also beste Kontinuität. Und diese Kontinuität erhält auch Flankenschutz aus Deutschland, durch Politikerreisen und PR-Berichte in deutschen Medien:
    http://www.tagesschau.de/ausland/merkel-kommentar-103.html

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  2. marie

    als trump bombte – wurde er von den medien gelobt und geliebt …

    auch dies ist eine der unzählbaren varianten der gleichen geschichte – zu der menschen fähig sind: hexenverbrennung, vernichten der „rothäute“, kommunistenjagd … immer im „namen einer ideologisch-religiösen hygiene“, hinter der jedoch nur aggressive (und neurotischer) gier steckt, die unstillbar erscheint und sich ihren weg wie der wahnsinn persönlich bahnt und dabei völlig unfähig zur selbstreflektion ist – ja sich sogar oft als „stolzes bekenntnis zum sadismus“ öffentlich äußert … doch was wäre ein sadist ohne masochist???? beide scheinen sich „lustvoll“ in ihre rollen begeben zu haben …da wirkt wohl etwas, was stärker als der verstand ist … ich will damit nicht sagen, dass die indianer, hexen und kommunisten alles masochisten sind – nee, so einfach ist es nicht, aber WARUM sind die preiswürdigen world-press-fotos (fast) immer brutale kriegsfotos??? (echt jetzt: warum nicht andere?)

    z.zt. wird am begriff „demokratie“ herumgeschraubt – das grundgesetz und die „menschenrechte“ haben noch genau WELCHEN (praktischen) wert für unser zusammenleben?

    WAS??? sind (nichtmaterielle!!) WERTE??? >>> ordnung und erwachsensein??? etwa so, wie auf dem verlinkten foto zu sehen ist und an eine FEUDALE fortschreibung eines globalen „königstreffen“ erinnert? kämpfen diese „feudalherren“ heute nicht mehr gegen einander, sondern GEMEINSAM gegen die „hüttenbewohner“ der welt und darüber hinaus gegen alle anderen, die für ihre „bombengeschäfte“ nicht die gleiche leidenschaft empfinden, wie sie selbst?

    es ist nicht zu verstehen – es ist nur zu beschreiben und aufzudecken … alternativen zu leben und sich dabei auf viel gegenwind gefaßt zu machen – solange die masochisten in ihrer unterwürfigkeit „glücklich“ sind … oder ins lager der sadisten überlaufen >>> es sind ROLLEN, die auf die theaterbühne gehören und nicht als gesetze oder wertmaßstäbe in eine gesellschaft getragen werden dürfen … jonathan meese hat dies wie kaum ein anderer künstler verstanden, aber auch er wird medial klein gehalten und die volksbühne in berlin wird in ein „feudales“ affentheater verwandelt …

    „Der faustisch-europäische Tatmensch hat ausgedient, so sagen es Martin Wuttke und Castorf einmal mit Sartre: „Bisher waren wir die Subjekte der Geschichte, jetzt sind wir ihre Objekte.“
    >>> es ist das deutsche Intellektuellendrama als europäische Kolonialismus-Tragödie,

    sorry, ich komme von thema ab – oder wollte ich nur sagen „vor dem spiel ist nach dem spiel“ … überdenke und spiele jeder seine rolle darin … als mensch und nicht als marionette … denn nicht einmal ein eishockey-torwart kann immer nur STUMM den puck abwehren … er öffnet ihn als selbstbestimmtes SUBJEKT … ^^ da werden die medien gleich ganz doll böse – so als hätten SIE ganz allein die fanfaren der könige zu blasen – „demokratisch – aber strikt alternativlos“ …

    echt im kopp nicht auszuhalten … shakespeare wußte mit intrigen umzugehen = bei ihm immer wieder nachlesen und VERSUCHEN ihn zu überbieten – zumindest in die gegenwart zu transformieren :-))))

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  3. dildoldi

    Was mir besonders auffällt, ist dieser immer noch andauernde Anti Trump Sermon allenthalben. Ganz abgesehen davon, was es uns hier in Deutschland angeht, wer US Präsident ist, und was das deutsche Geschreibsel an dieser Tatsache denn ändern kann. Der Riss quer durch das amerikanische Machtzentrum ist offenbar immer noch nicht gekittet, und anstatt mal zu eruieren, woran das wohl liegen könnte, stellt sich die unsägliche und fachlich inkompetente SPEICHEL Journaille auf eine einzige Seite und hält sich offenbar selbst auch noch für investigativ, objektiv und kritisch. Ich hoffe ich erlebe es noch, dass sich Brinkbäumer beim Jobcenter melden muss und mit ihm solche Kracher wie Fleischhauer und Konsorten. Das wird aber wohl nur die subalternen Redaktionsmitglieder treffen, die Chefetage hat bestimmt schon lange ihre Schäflein im Trockenen….

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    1. Paul Schreyer Autor

      Selbst bei Berücksichtigung von Niggemeiers Korrektur (danke dafür) bleibt der Fakt, dass die ARD offenbar noch Trump-kritischer berichtet, als die größten Trump-Kritiker in den USA bei CNN, New York Times etc. Und diese besondere, auffällige Radikalität teilt auch der Spiegel.

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    2. marie

      ich habe den artikel nicht speziell NUR zur berichterstattung der ard gelesen (was korrekt „tagesthemen“ heißen müßte). und 98% negative berichte stimmen ja proportional als vergleich zu den anderen untersuchten fernsehrsendern. das nichterwähnen von „neutralen“ berichten über „negative tatsachen“ in der studie zeigt mir, dass sie nur ein VERSUCH der versachlichung sein kann.

      andersherum kann über jeden politiker 100% positiv berichtet werden, wen alle negativen tasachen, die durch ihn verursacht sind GAR NICHT erwähnt werden – denn die lücken in den berichten sind die lücken

      die medienwoche hat sich auch geäußert und verrät nix neues:
      „Trump ist ein Problem, aber die Berichterstattung über ihn ist ein grösseres Problem“

      http://medienwoche.ch/2017/05/26/trump-forscher-auf-duennem-eis/

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  4. hintermbusch

    Richtig ist, dass sich deutsche Medien schon während des Wahlkampfs besonders radikal und unsachlich gegen Trump positioniert haben. Daran ändert es nichts, dass die postulierten 98% negativer Berichterstattung bei der ARD unsinnig und willkürlich vergeben worden sind, worauf Stefan Niggemeier völlig zu Recht hingewiesen hat: pseudo-quantitativer Quatsch. Von Anfang an ist aber über Trump berichtet worden, als könnten die Deutschen mitwählen und müssten dringend vor Trump gewarnt werden, als ginge es um einen Wahlkampf für Deutschland. Nie ging es um eine Wahl in einem anderen Land und danach um die Frage, wie man mit dem Gewählten am Besten umgehen könnte.
    Die Frage ist doch, was hinter dieser offensichtlichen Merkwürdigkeit steckt. Die Antwort ist grundsätzlich gar nicht schwer: Erstens eine besonders große Abhängigkeit des kleineren Landes, also Deutschland. Zweitens ein tiefer Konflikt im größeren Land, also den USA, über die Frage, wie mit dem kleineren Land umzugehen ist, ob es ein guter Verbündeter oder ein Risiko ist.
    Zu diesem abstrakten Bild passt hervorragend diese 2,5 Jahre alte Analyse, auf die ich vor einigen Wochen gestoßen bin:
    https://hintermbusch.wordpress.com/2017/04/06/ein-deutsch-amerikanischer-konflikt/
    Trump ist offensichtlich aus deutscher Sicht der Bad Guy, der Deutschland als Risiko für die USA ansieht und es dort kräftig zurechtstutzen will, wo es von der Fraktion seiner Mentoren als Gefahr für das Imperium gesehen wird: seiner industriellen Stärke. Trump spricht das ja auch ganz offen aus, hat es gerade vorgestern wieder getan. Aber auch Obama hatte an dieser Stelle schon ansetzen lassen, nur diskreter, nämlich mit dem VW-Skandal. Trump Stils ist da deutlich brutaler. Er säuselt nicht auf dem Kirchentag.

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  5. Roster76

    Bei mir bleibt die Frage des Motivs. Wer profitiert von einem Ende der Präsidentschaft von Trump und wer nicht? Dazu fehlt mir der Einblick auf internationaler Ebene, national kann ich mir da schon ein besseres Bild machen. Eines mag ich der breiten Presse aber unterstellen, es wird immer an die Leser gedacht, besonders auf die Anzahl! Und wer die beste Vorhersage für Gewinner einer Wahl hatte ist auf der Seite der Gewinner, der Leser gewinnt den Wahlsieger der nicht glücklich macht und die Breite Presse Schlagzeilen der Selbstvermarktung. Das klingt wenig, aber schlechteres unterstellen mag ich nicht.

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    1. Paul Schreyer Autor

      Wer von einem Sturz Trumps profitiert und wer nicht, ist sicher eine gute Frage. Das hinge natürlich auch davon ab, wer Nachfolger würde. Zum Vize Mike Pence hatte ich kurz nach der Wahl letzten November folgendes notiert:

      Auch Trumps kommender Vizepräsident Mike Pence – der derzeit schon als Leiter des „Transition Teams“ maßgeblich über die Besetzung diverser Regierungsposten entscheidet – ist kein unbeschriebenes Blatt. Der langjährige konservative Abgeordnete gilt als streng religiös und begeisterter Anhänger der Tea-Party-Bewegung, die ihrerseits von Beginn an von den milliardenschweren Koch-Brüdern unterstützt und mit gesteuert wurde. Die Kochs gehören darüber hinaus ganz direkt zu den größten Sponsoren von Pence. Das politische Potenzial von Pence erkannte ebenso die Bradley Foundation, die ihn schon früh umwarb. Als Gast auf einer Konferenz der Stiftung äußerte er 2010, auf dem Höhepunkt der Tea-Party-Bewegung, diese gehe „zurück zu den Quellen unserer Größe, nämlich unserem Charakter, unserer Überzeugung und unserem Glauben an begrenzte Regierung“ („belief in limited government“). Für Pence und viele seiner Mitstreiter verschmilzt der urchristliche Glaube mit einer nicht minder strengen Marktgläubigkeit – ein in den USA verbreitetes Phänomen, das viel mit europäischen, calvinistischen Wurzeln zu tun hat. Reiche Geldgeber und Strippenzieher können dort bequem andocken und fördern solchen Extremismus gerne. Auf einer Veranstaltung der Koch-Brüder sprach Pence 2014 davon, wie einzelne Bundesstaaten (zu der Zeit war er Gouverneur von Indiana) als Labor dafür dienen könnten, Regierungsmacht zu minimieren, die Steuern zu senken und die Wirtschaft weiter zu deregulieren.
      https://paulschreyer.wordpress.com/2016/11/18/die-maenner-hinter-donald-trump/

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