Mein Vater

11. Juli 2017   —   Bisher habe ich in meinen Artikeln schon manches über Verstrickungen, Netzwerke und Einflussnahmen geschrieben, aber noch nie etwas über meine eigene Familie. 🙂 Das soll sich nun, zumindest teilweise, ändern, denn mein Vater wird in wenigen Monaten 90 Jahre alt – Zeit für einen Rückblick und eine Erinnerung an seine Arbeit, die mit meiner eigenen eng verknüpft ist.

Diejenigen Leser, die in der DDR aufgewachsen sind, kennen vielleicht noch den Namen Wolfgang Schreyer, der im Osten Deutschlands seit den 1950er Jahren für spannende und gesellschaftskritische Abenteuerliteratur stand, für einen Ausbruch aus dem DDR-Alltag aber auch für eine literarische Konfrontation mit realen Problemen. In der Anfangszeit wurden seine Bücher oft als „Tatsachenromane“ beworben, ein recht gut passendes Etikett. Eigentlich hatte er Journalismus studieren wollen, woraus in den Wirren der Nachkriegszeit (eine mehrwöchige Untersuchungshaft bei den sowjetischen Besatzern verhagelte ihm das Abitur) aber nichts wurde. Doch die journalistische Perspektive merkt man seinen Büchern deutlich an, auch wenn die freiere und kreativere Erzähllust ihn dann beruflich prägte.

In all den Jahrzehnten seiner Arbeit geriet er immer wieder in Konflikt mit der staatlichen Zensur und wurde ab Ende der 1950er Jahre von der Staatssicherheit überwacht. Schon in dieser Zeit setzte er sich öffentlich für ein Ende der Zensur im Literaturbetrieb ein. Wenn ich heute über neue und aktuelle Zensurgefahren schreibe, dann habe ich diese Familiengeschichte im Hinterkopf.

Dazu und über anderes sprach ich nun mit ihm und zeichnete unser Interview auch auf Video auf, so dass jeder, den es interessiert, sich ein eigenes Bild machen kann. Gleichzeitig geht eine neue Webseite online, mit einem ausführlichen Werkverzeichnis, das mein Vater dieser Tage noch mit eigenen Anmerkungen und Erinnerungen zu den einzelnen Büchern und deren Entstehungsgeschichte angereichert hat. Viel Vergnügen damit!

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4 Gedanken zu „Mein Vater

  1. marie

    ahrenshoop – ist ein duft – ein lebensgefühl … die perfekte ergänzung zum prenzlauer berg der ddr – wie die fhs „konrad wolf“ und babelsberg – das be und die volksbühne … und ach ja, die „große melodie“ und der treptower jazzkeller = ein wunderbares biotop für ein sinn- und hoffnungsvolles leben … mit den träumen von paris und venedig benebelt – die unser glück nicht so richtig schätzen liessen … und sich doch ganz anders erfüllten + uns „erwachsen“ machten …

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    1. hzb4711

      Also ick fand Dierhagen imma bessa als Ahrenshoop, weil man in den Dünen frei zelten konnte. Prenzlauer Berg? Heute warn ja alle da jewesen, nur: Der Kern war doch Helmi mit der Lette. Aba awachsen? Nee. Dett wird nüscht mehr; geht ooch so.

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  2. Richard Albrecht

    @Paul Schreyer, guten Tag:

    Wolfgang Schreyer, den DDR-Autor, hab ich in den 1970er Jahren als in der Alt-BRD aufgewachsener und politisch aktiver Westlinker gern gelesen. Und heute noch in guter Erinnerung. Sechs seiner in der DDR „Spannungsliteratur“ genannten Bücher stehn noch heute, nach vier Umzügen, bei mir im Bücherregel. Wolfgang Schreyers politikgeschichtliche Romane, etwa die Romanrilogie Dominikanische Tagögie“ (1971-1980) oder den Bestseller „Schwarzer September“ (3. Auflage 1977) halte ich auch heute noch für lesbar.

    Damals galt ich in der DDR-Literaturwissenschaft als „junger linksbürgerlicher Wissenschaftler“ (so in der Fachzeitschrift „Weimarer Beiträge“). Einen ein halbes Dutzend in BRD-Fachzeitschriften gedruckte Beiträge zusammenfassenden Aufsatz zum Autor Wolfgang Schreyer findet sich in meinem vor dreißig Jahren veröffentlichten Sammelband zur Unterhaltungsliteraur in der DDR („Das Bedürfnis nach echten Geschichten. Zur zeitgenössischen Unterhaltungsliteratur in der DDR“, Ffm. 1987 [= Forschungen zur Literatur- und Kulturgeschichte 15]). Im Anhang zum Aufsatz „Wolfgang Schreyers Abenteuerromane: Hinweise auf ambitionierte Unterhaltungsliteratur in der DDR“, dort S. 103-133, ist auch der kurze Briefwechsel mit dem Autor aus dem Jahr 1983 nachlesbar (S. 131-133).

    Ihre neue Netzseite mit (komplettem?) Werkverzeichnis finde ich nützlich.

    Mit freundlichem Gruß,

    Dr.rer.pol.habil. R. Albrecht, PhD.
    Bad Münstereifel, 13. 07. 2017
    http://wissenschaftsakademie.net

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  3. Gerhard Eichhorn

    Sehr geehrter Herr Dr. Albrecht,
    da kann ich Ihnen auch „Thunderstorm“ und seinen Karibik- 3er „Suche + Fund + Verlust“
    empfehlen. Sehr lesenswert.
    Mfg – Gerhard Eichhorn

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