Davos 2018: Wie sich der Medienmainstream gegen Kritik immunisiert

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Vorbemerkung: Dieser Text erschien heute als Gastbeitrag von mir auf dem Blog von Prof. Michael Meyen vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Uni München. Aufmerksame Leser werden bemerken, dass sich einige Passagen des Artikels bereits in meinem Text „Davos und die herrschende Leere“ vom Januar finden. Der Gedankengang ist nun erweitert und neu formuliert. Herzlichen Dank an Prof. Meyen für die Einladung, diesen Gastbeitrag beizusteuern. Ich kann seinen Blog allen empfehlen, die an der Debatte zur Rolle und Glaubwürdigkeit der Medien interessiert sind. Er gehört zu den Gründern des 2017 entstandenen „Netzwerks Kritische Kommunikationswissenschaft“, das Herrschaftskritik und Machtanalyse wieder verstärkt zum Gegenstand universitärer Forschung machen möchte.

14. Februar 2018   —   Der Kampf um die Deutungshoheit zwischen Leitmedien und Alternativkanälen wird am sichtbarsten beim Schlagabtausch zwischen dem russischen Sender RT und seinen westlichen Gegenparts. Das Programm von RT ist zweifellos ein Angriff auf die gängige Weltsicht, wie man sie bei der ARD, der BBC oder in der New York Times findet. Optisch und rhetorisch agiert man dabei längst auf Augenhöhe. Viele Sendungen der Russen werden von Amerikanern moderiert und haben den gleichen Sound und Look wie die westlichen Nachrichten.

Zwar ist RT, anders als mainstreamkritische Portale in den USA wie Counterpunch oder hierzulande die NachDenkSeiten, bei weitem kein idealistisches linkes Nischenmedium, sondern ein Sender, der mit Millionenbudget die Perspektive einer konkurrierenden Weltmacht präsentiert. Doch in Zeiten einer immer noch US-geführten (Militär-)Allianz mit gemeinsamer Ideologie von Washington bis Warschau ist jeder lautstarke Gegner von Nato und Co. per se ein Oppositioneller – und RT schenkt diesen Dissidenten des Westens gern sein Scheinwerferlicht und Sendezeit.

Dem Medienmainstream ist angesichts der Moskauer Konkurrenz mehr als unbehaglich, zumal RT immer populärer wird. Auf Youtube liegt der Sender mittlerweile mit 2,3 Mio. Abonnenten knapp hinter CNN (2,8 Mio.) und hat die BBC (2,0 Mio.) bereits überholt. Zum Vergleich: Die ARD hat auf Youtube 0,3 Mio. Abonnenten, das mainstreamkritische deutsche Portal KenFM liegt mit 0,2 Mio. auch nicht weit dahinter. Der wachsende Erfolg der Gegenseite hat längst zu einer Verhärtung der Fronten geführt.

Deutlich wurde das auch bei einer hochkarätig besetzten Gesprächsrunde zum Thema Fake News im Rahmen des Weltwirtschaftsforums in Davos. Anwesend waren dort neben der in England populären BBC-Moderatorin Zeinab Badawi der Managing Editor der New York Times, James Kahn, die Vizechefin von RT, Anna Belkina, der pakistanische Spitzenpolitiker Bilawal Bhutto Zardari sowie der Wikipedia-Gründer Jimmy Wales. Übertragen auf die Welt der Politik wäre das vom Rang her ein internationales Treffen auf Ministerebene.

Schon bei der Begrüßung der Gäste durch die BBC-Journalistin wurde der Rahmen von gut und böse deutlich abgesteckt. Die New York Times, so die Moderatorin, habe in ihrer Geschichte mehr als 120 Pulitzerpreise bekommen. Zu RT fiel ihr bloß ein, dass der Sender vom Kreml unterstützt werde. Der bekannte Vorwurf, die Russen würden vor allem Propaganda verbreiten, kam schon nach wenigen Minuten. Als Beweis wurde betont, dass „so viele Parteien“ diese Anschuldigung vorbringen würden. Auch Wikipedia-Gründer Jimmy Wales stimmte in diesen Chor ein: „Die Beweise kommen von so vielen Orten“, es sei einfach „überwältigend“, offene Fragen sehe er an dem Punkt nicht mehr.

Der Gedanke, dass Propaganda – laut Duden die „Verbreitung politischer Ideen mit dem Ziel, das allgemeine Bewusstsein zu beeinflussen“ – ihrem Wesen nach selbstverständlicher Bestandteil jeder Politik ist, kam manchen Anwesenden offenbar nicht.

Anders als die „Westler“ in der Runde, warf der pakistanische Panelgast – Sohn von Benazir Bhutto, der ermordeten Premierministerin seines Landes – einen nachdenklichen Blick auf die jüngere Geschichte. Er erinnerte an die amerikanischen Fake News von den Massenvernichtungswaffen im Irak – was man aber nicht gelten ließ. Das eine wäre mit dem anderen nicht zu vergleichen. Dass es die angeblichen Massenvernichtungswaffen tatsächlich gar nicht gab, sei zum Zeitpunkt der damaligen Medienberichterstattung ja nicht bekannt gewesen, so James Kahn von der New York Times mit ernster Miene: „Wenn wir um ihre Nichtexistenz gewusst hätten, dann hätten wir nicht von ihnen berichtet.“ RT kommentierte diese Aussage in einem Bericht zur Debatte mit sanftem Sarkasmus: „Es gilt offenbar als normal, der Regierung zu Diensten zu sein und ihre Motive und Argumente nicht kritisch zu hinterfragen.“

Tatsächlich lässt sich Kahns Argument so lesen, denn die New York Times hatte sich im Vorlauf des Irak-Krieges, namentlich in Gestalt der Reporterin Judith Miller, blind auf Regierungsquellen verlassen und diese eben nicht so angezweifelt, wie es schon damals jeder seriöse Journalist hätte tun können und auch sollen.

Solche höchst problematische und oft institutionelle Regierungsnähe (siehe die Arbeiten von Uwe Krüger) wurde in der Debatte in Davos allerdings zum simplen technischen „Fehler“ abqualifiziert. So meinte die BBC-Journalistin: „Wenn wir einen Fehler machen, dann räumen wir es ein“. Die BBC habe „unabhängige Prüfer“. Was aber, so darf man fragen, wenn der Fehler im System liegt? Was, wenn schon die Sozialisation und Auswahl der medialen Führungskräfte eine Regierungskritik so weit abschwächen, dass Nachrichten deformieren und zu einer bloß etwas bunteren Ausgabe der Verlautbarungen des Regierungssprechers verkrüppelt werden?

Anna Belkina von RT legte in Davos den Finger in die Wunde: Viele Mediennutzer im Westen hätten seit langem nicht mehr den Eindruck, vom Mainstream tatsächlich die Realität gezeigt zu bekommen. Die BBC-Moderatorin griff dieses Argument sogar auf, formulierte es aber – rhetorisch brilliant – um: Der Mainstream habe den Lesern offenbar „nicht das gegeben, was sie wollten“. Das klang so, als sei die Abbildung der Realität ein spezieller, fast schon außergewöhnlicher Wunsch. Dankbar stieg denn auch der Managing Editor der New York Times auf diese Wortakrobatik der BBC-Frau ein: Ja, dem sei so, ein großer Teil des Publikums wolle bloß das hören, was die eigenen Vorurteile bestätige. Genau dies würden New York Times und BBC aber eben nicht tun, da das kein Journalismus sei.

Oha. Die von Lesern beklagte Einseitigkeit und Loslösung von der Realität erhob der US-Journalist also noch zum besonderen Qualitätsmerkmal. Die vermisste andere Hälfte der Wirklichkeit sei bloß eine überflüssige Ansammlung von Vorurteilen, denen man sich mutig entgegenstemmt. Dieses Fazit schmeckt bitter: Die Immunisierung der Leitmedien gegen Kritik scheint mittlerweile so gut wie perfekt. Zugleich fällt es manchen Spitzen der Medienwelt, auch hierzulande, offenbar weiterhin schwer, die wichtigsten Vorwürfe der Kritiker überhaupt intellektuell zu durchdringen. Eine produktive Debatte kann so natürlich nicht entstehen – was für alle Beteiligten eine beunruhigende Perspektive sein sollte.

(Photo credit: Screenshot YouTube, World Economic Forum, 26. Januar 2018)

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3 Gedanken zu „Davos 2018: Wie sich der Medienmainstream gegen Kritik immunisiert

    1. SADOMA

      Hallo Herr Schreyer,

      danke für den Artikel und den Hinweis auf das „Netzwerk Kritische Kommunikationswissenschaft“. Aus meiner Sicht sind dies alles Begleiterscheinung eines vorrevolutionären Zeitgeistes. Der herrschende Neo-Finanz-Kapitalismus (oder wie immer Sie die herrschenden Wirtschaftsspielregeln bezeichnen wollen) ist am Ende seines Lebenszyklus angelangt. Jetzt beginnt die schmerzhafte Phase der Verteidigung nicht mehr haltbarer Privilegien durch die von den Spielregeln Privilegierten. Mal schauen wie lange das Revolutionsvorspiel noch dauert. Es wäre toll, wenn Sie sich als Buchautor dem Phänomen Vorrevolution und seinen soziologischen Merkmalen widmen könnten.

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  1. Tom Hess

    Von wegen, was die Menschen nicht hören wollen. Ich bin total begeistert, dass ich mich hinter Libyen, Irak oder Syrien stellen muss, Ich bin total begeistert, dass ich die USA, die mich vor einem Aufwachsen in einer Nazidiktatur bewahrt haben, heute als Kriegstreiber beschreiben muss. Ich bin total begeistert, dass ich keinen echten kritischen Blick zu echten nicht freiheitlichen Vorfällen bekommen kann, weil alles so von Propaganda getränkt ist. Ich bin echt begeistert, dass ich mich hier im Ausland (ich lebe in Asien) für mein Geburtsland schämen muss, obwohl ich dort freiheitlich aufwuchs. Ich bin echt begeistert, dass ich zu den Nationen der Kriegsverbrecher gehöre (UN-Charta zu Angriffskriegen). Ironie off

    Und ja, auch ich schaue RT (aber nur international). Auch dort gefällt mir nicht alles (deren Position – pro Palästina und kontra Israel – teile ich nicht, aber sie ist wenigstens ehrlich). Und ich schau auch Fox und chinesische englischsprachige Medien (Mainland Medien und Hong Kong). Aber ganz gewiss nicht CNN, NYT oder Washington Post (da waren so dreiste Lügen und Hetze dabei, es geht nicht mehr). Und bei den deutschen Medien sind die Mainstreammedien für mich schon seit Jahren passé.

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