Die „einfache Welt“ der Leitmedien

Hülsen

7. März 2018   —   Auch die Gebildeten wenden sich vom Mainstream ab, so ein neuer SPIEGEL-Bericht besorgt. Linke Medienkritik ignoriert das Magazin dabei in seiner Analyse.

Isabell Hülsen ist eine nüchterne Analytikerin. Seit über zehn Jahren arbeitet sie im Wirtschaftsressort des SPIEGEL und schreibt dort vor allem zu Medienthemen. Gern interviewt sie die Größen der Branche, von Claus Kleber bis zur Chefredaktion der New York Times. Sie kennt sich aus unter den Alpha-Journalisten des Westens, teilt deren Habitus, versteht sich aber zugleich als kritische Beobachterin der Szene. Nun ist ihr aufgefallen, dass auch die Gebildeten den Leitmedien immer weniger vertrauen. Im SPIEGEL veröffentlichte sie im Februar eine ausführliche Reportage, in der sie ihren Befund darlegt. In einem begleitenden Videointerview erklärt die Journalistin ihre Beweggründe:

„Der Ausgangspunkt der Recherche war, dass auch aus Gesprächen mit vielen Kollegen man den Eindruck hatte, dass dieses Misstrauen gegen die Medien in einem Milieu angekommen ist, was wir lange nicht wahrgenommen haben – also gut gebildete Leute, von denen man glaubt, die stehen gesellschaftlich – haben die es eigentlich geschafft. Und da ist trotzdem eine wahnsinnige Wut und auch ein Misstrauen auf Medien (…)“

Im Artikel selbst heißt es ähnlichen Sinnes:

„Das Lügenpresse-Gebrüll eines Marktplatz-Mobs, der keine Argumente kennt, nur Wut, ließe sich noch abtun. Doch die Verachtung von Bildungsbürgern nagt am Selbstbewusstsein (…) Was macht selbst Menschen, denen es nach objektiven Maßstäben in dieser Gesellschaft nicht schlecht geht, so wütend, dass sie derart drauflosschimpfen?“

Zwischen den Zeilen steckt hier einiges. So darf man fragen: Warum lässt sich laute Kritik von Menschen auf Marktplätzen leichter „abtun“, als Klagen von hochstehenden Personen? Sind Höherstehende, denen es gut geht, beachtenswerter als Leute, die es „nicht geschafft“ haben? Zu Ende gedacht scheint eine bösartige Logik auf: Der Anspruch auf politische Partizipation und Teilnahme an der öffentlichen Debatte bemisst sich am individuellen wirtschaftlichen Erfolg und gesellschaftlichen Ansehen.

Mancher mag schulterzuckend einwenden, dass dieser Satz doch bloß eine banale Wahrheit ausdrücke. Allerdings ist es eine Wahrheit, die offiziell aufs Schärfste bestritten wird, sowohl von der Regierung wie von den Leitmedien. Man lebe doch in einer Demokratie, heißt es dann, und alle, ob nun arm, reich, gebildet oder ungebildet, hätten darin die gleichen Rechte, allen würde Gehör geschenkt. Hört man allerdings Journalisten wie der SPIEGEL-Redakteurin zu, dann entsteht der Eindruck, dass deren Denken einer ganz anderen, wenig demokratischen Logik folgt.

Isabell Hülsen widerspricht auf Nachfrage energisch. Die Medienkritik anderer Milieus sei für sie keineswegs weniger relevant: „Sofern Sie hier irgendwelchen Dünkel wittern, muss ich Sie enttäuschen, er liegt mir fern.“ Doch wenn dem so ist, warum hat die Journalistin dann nicht schon längst einen Artikel verfasst, in dem sie Medienkritik von weniger privilegierten Bürgern ähnlich sachlich und besorgt unter die Lupe nimmt? Warum wird sie erst dann aktiv, wenn das eigene Milieu, die Bessergestellten „von der Fahne gehen“ (O-Ton Hülsen)? Haben die „Leute auf Marktplätzen“ wirklich so gar keine bedenkenswerten Argumente? Herrscht dort tatsächlich nur irrationale Wut ohne Verstand?

Dass die Leitmedien als abgekoppelt von der breiten Bevölkerung, als „Eliten-Lautsprecher“ wahrgenommen werden, und dass sich dieser Eindruck nicht einfach ignorieren lässt, ist der Autorin offenbar zumindest in Ansätzen klar. So regt sie im Interview zu Ihrem Artikel an, „dass wir aus der Position des Lesers vielleicht mehr kommen müssen, als stolz darauf zu sein, mit einer bestimmten Riege von Politikern zu reden oder Mächtigen in Kontakt zu treten, dass wir immer wieder die Position der Leser auch stärker noch einnehmen.“

Doch wie will man das schaffen, wenn ebenjene Leser zunächst einmal von oben herab eingeteilt werden in eine kleine Schicht ernstzunehmender „Erfolgreicher“ und einen großen zu ignorierenden „abgehängten Mob“? Deutlich wird: Diese Logik geht nicht auf. Die darin enthaltene Arroganz ist genau das Gegenteil von Respekt – was den meisten Lesern auch deutlich auffällt und zu weiterem Unmut führt. Unter dem Facebook-Eintrag des SPIEGEL zum Hülsen-Interview haben bezeichnenderweise folgende zwei Kommentare die meisten Likes von Lesern erhalten:

„Frau Hülsen … hören Sie sich mal Ihr arrogantes Gequatsche an, dann können Sie sich Ihre Fragen selbst beantworten. Als ob nur Rechtsanwälte und Lehrer die Gesellschaft spiegeln. Haltet euer Ohr mal wieder ans Volk da unten. Die entscheiden über eine Revolution.“

„Diese arrogante Tante, diese herablassenden Äußerungen über Menschen, die es ‚gesellschaftlich nicht geschafft haben‘. Entlarvend … sie gehört auch zu den Ahnungslosen, was hier abgeht. Die leben alle in ihrem eigenen Universum.“

Hülsens erstaunte Frage, was Menschen, „denen es nach objektiven Maßstäben in dieser Gesellschaft nicht schlecht geht“, so wütend auf die Medien mache, enthält eine weitere unausgesprochene Annahme: Wem es finanziell gut gehe, der habe doch eigentlich keinen Grund, das System in Frage zu stellen. Die Logik dahinter – Menschen scheren sich im Grunde nur um ihren persönlichen finanziellen Vorteil – gehört zur Glaubenslehre des Neoliberalismus, der nicht zufällig derzeit genauso ins Wanken gerät wie das Mediensystem. Dass in Wirklichkeit das Denken und Fühlen von Menschen weitaus komplexer motiviert ist, dass man sehr wohl das große Ganze erkennen und kritisieren kann, auch wenn man selbst vom System profitiert, sollte eigentlich kein Grund zum Staunen sein.

Ein Professor, drei Journalisten und ein Rentner aus dem Osten

Der SPIEGEL-Redakteurin ließ diese Frage dennoch keine Ruhe. Mit großer Ausdauer versuchte sie, ihrem Unbehagen über „die Wut der klugen Köpfe“ – so der Titel ihrer Reportage – auf den Grund zu gehen. Dazu reiste sie quer durch Deutschland und führte in einer Art soziologischer Stichprobe ausführliche Gespräche mit fünf Personen. Ihr Protagonist, der stellvertretend für die Medienkritik der Gebildeten steht, ist Junior-Professor an einer Universität, hat ein IT-Start-up geleitet und „besucht Konferenzen im Silicon Valley“, wie die Autorin respektvoll anmerkt. Somit befindet er sich weit genug entfernt vom vernachlässigbaren Straßenmob (O-Ton Hülsen: „gehört nicht zu denen, die sich auf Marktplätze stellen und Journalisten bepöbeln“).

Der Junior-Professor ist sozusagen der prototypische Wunsch-Leser der SPIEGEL-Redaktion und kommt genau aus dem Milieu, in dem man selbst sich heimisch fühlt. Zum Erstaunen des SPIEGEL meint aber selbst er: „Ich finde es widerlich, dass ich ständig belehrt werde, was ich zu denken habe“. Daher, so schildert es die Journalistin, lese der Professor nun häufiger rechtskonservative Blogs wie die „Achse des Guten“, „Tichys Einblick“ oder die konservative Schweizer Zeitung NZZ, die ein „Labsal“ für ihn seien.

Hülsen nimmt die Spur auf und interviewt als nächstes den NZZ-Chefredakteur, dann ZDF-Mann Claus Kleber, sowie eine Kollegin von einer bayerischen Regionalzeitung, wo man als Antwort auf die massive Leserkritik Unerhörtes wagte:

„In der Zeitung selbst hat sich ein neues Format etabliert: Ein Thema – zwei Meinungen. Das soll auch ein Signal in die Redaktion sein: Kollegen sollen den Mut haben zu sagen, dass sie anderer Meinung sind.“

Wow! Pro und kontra – und das in einer Zeitung! Wahrhaft mutig und revolutionär, möchte man sarkastisch anfügen. Im Grunde erscheint es eher abgrundtief peinlich und gemahnt an nordkoreanische Verhältnisse, eine solche journalistische Selbstverständlichkeit als „neues Format“ zu feiern.

Die SPIEGEL-Redakteurin besuchte aber nicht nur etablierte Kollegen, sondern auch einen – bei diesem Thema offenbar obligatorischen – Rentner aus der ostdeutschen Provinz:

„Er wohnt in einem gelb getünchten Einfamilienhaus in Sergen, einem Dorf mit 400 Einwohnern bei Cottbus. Hinter dem Grundstück geht es über den Acker in den Wald, am Horizont stehen die weißen Dampfwolken der Kohlekraftwerke.“

Das Framing sitzt: Da wohnt einer am Wald, unweit eines alten DDR-Kombinats, sozusagen hinter dem Mond. Doch der Ostrentner ist kein enttäuschter Arbeitsloser, sondern offenbar gutsituiert, war vor der Wende Betriebsleiter, danach Vertriebler für einen Pharmakonzern mit „gutem Job“, wie der Leser erfährt. Hülsen hört ihm aufmerksam zu, begegnet ihm fair und nimmt sein Argument, die Journalisten befänden sich oft in einer eigenen Welt, ernst, wenn sie zum Ergebnis kommt, die Kritik des Mannes „treffe“:

„Redaktionen sind heute überwiegend Akademikerterrain. Mehr als 73 Prozent der Politikjournalisten in Deutschland haben studiert. Der Blick der deutschen Leitmedien ist oft der einer urbanen Elite, die aus ihren Altbauwohnungen in Berlin, Hamburg oder München auf das Land schaut. Nicht die Leser haben sich also entfremdet, sondern umgekehrt, die Journalisten von den Lesern und ihrer Lebensrealität?“

Doch solche Erkenntnisse bleiben isoliert im Text, werden kaum zu größeren, umfassenderen Schlussfolgerungen verknüpft. Dabei hat Hülsen gerade an dieser Stelle eine ganz persönliche Erfahrung gemacht, die in ihrem Text leider nicht zur Sprache kommt. 2017 veröffentlichte sie eine bitterböse Reportage über die Stadt Gera in Thüringen, der es finanziell besonders schlecht geht und wo sich wenig zum Positiven bewegt. Ihr Urteil über die ostdeutsche Arbeiterstadt war vernichtend: „Wer hier etwas verändern will, verzweifelt. Und das liegt nicht nur am Mangel an Geld.“ Tenor des Berichts: Der Stadt fehle der Wille, etwas zu bewegen, die Einwohner seien lethargisch und chronisch negativ gestimmt. Selber schuld, sozusagen. Das bekannte Vorurteil, mit dem oft Hartz-IV-Empfänger abgestempelt werden, warf Hülsen mit voller Wucht einer ganzen Stadt entgegen.

Geraer Unternehmer, die sich über den abwertenden Bericht beschwerten, luden die Journalistin daraufhin ein, um sich ihrerseits der Kritik zu stellen. Hülsen kam und verteidigte vor einem kleinen Kreis von Krawattenträgern ihren Bericht: Sie würde ihn wieder so schreiben. Die gleiche Arroganz also auch an dieser Stelle. Als ein Geraer, der die Journalistin im Rahmen ihrer Recherche einen ganzen Tag lang durch die Stadt geführt hatte, um ihr positive Initiativen von Bürgern zu zeigen (die es auch gab), sie dafür kritisierte, dass nichts davon in ihren Artikel eingeflossen sei, entschuldigte sie sich nur verhalten: „Es tut mir leid, dass der Teil rausgefallen ist“. Sie habe den Artikel leider kürzen müssen. Dazu der Geraer: „Mich ärgert, dass sie nicht gekürzt, sondern abgeschnitten haben“.

Leitmedien und die „einfache Welt“

Wie in einer Nussschale finden sich in dieser lokalen Affäre all die großen Kritikpunkte gegenüber den Leitmedien: die Voreingenommenheit, die Einseitigkeit, das Weglassen von „Unpassendem“, sowie, thronend über allem: die Überheblichkeit. In einem resümierenden Abschnitt ihres Artikels schreibt Hülsen zur Medienkritik der Gebildeten:

„Muss man das ernst nehmen? Medien können die Welt nicht so einfach machen, wie es sich manche Zuschauer oder Leser offenbar wünschen. Die Unübersichtlichkeit und die Unordnung, die Zeitungen und Fernsehsender jeden Tag in die Wohnzimmer ihrer Nutzer tragen, überfordern offenbar nicht bloß die Abgehängten in dieser Gesellschaft.“

So einfach ist die Welt dann also doch wieder: Die Kritiker, auch die klugen, sind bloß „überfordert“, verstehen das große Ganze, die komplexe Welt nicht. Dieses Argument kennt man von Politikern nach verlorenen Wahlen, wenn es heißt, man habe sein richtiges Anliegen nur nicht verständlich vermitteln können. Der Wähler habe es nicht begriffen. Dabei scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein: Etablierte Politiker wie Leitmedien selbst sind offenbar häufig überfordert von der Komplexität der Welt – 9/11, Syrien, Ukraine – und pressen sie in Frames und bequeme Klischees, die zudem auffällig oft zum Nutzen und im Sinne einflussreicher Eliten sind. Was natürlich bloß ein Zufall sein kann.

Linke Medienkritik fehlt

An dieser Stelle kommt eine linke Medienkritik ins Spiel, die im SPIEGEL-Artikel aber praktisch nicht existiert. Hülsen erweckt den Eindruck, als wäre Kritik an den Leitmedien meist rechts und als sei die Frage eigentlich bloß, wie weit sich der Mainstream den rechtskonservativen Kritikern öffnen solle oder dürfe, um den Anschluss an die Etablierten nicht zu verlieren.

Die breite linke Medienkritik, gerade auch aus der Wissenschaft, blendet der Artikel nahezu vollständig aus. Keine Erwähnung von Dr. Uwe Krüger und seinen vieldiskutierten Büchern „Meinungsmacht“ und „Mainstream“, beide in renommierten Verlagen erschienen, kein Wort von Prof. Ulrich Teusch und seinem Buch „Lückenpresse“, in dem die wesentlichen Argumente zum Thema in der gebotenen Breite und Seriosität durchdekliniert werden. Allein der Sammelband „Lügen die Medien?“, immerhin ein SPIEGEL-Bestseller, wird im Artikel erwähnt, ohne aber in irgendeiner Form auf den Inhalt einzugehen, etwa auf die darin enthaltenen Beiträge von Fachleuten wie Rainer Mausfeld, Noam Chomsky, Eckart Spoo oder Daniela Dahn.

Hülsen ist, ob nun mit Vorsatz oder nicht, auf diesem Auge konsequent blind. Sie besucht zwar den NZZ-Chef (unter dessen Ägide das Blatt nach rechts gerückt ist), räumt seinen Thesen großzügig Platz ein, und lässt sich vom Transatlantiker Claus Kleber (neuestes Buch: „Rettet die Wahrheit“) ausführlich dessen Welt erklären, doch namhafte Fachleute mit linker Tendenz wie Krüger oder Mausfeld sind im SPIEGEL-Universum offenbar unbekannt. Oder doch bloß unerwünscht?

Auf Nachfrage meint Hülsen dazu, sie kenne diese Autoren und Bücher „selbstverständlich“: „Aber Protagonisten im Text sollten Zeitungsleser und Medienmacher sein“. Spätestens an dieser Stelle beginnt man, sich verschaukelt zu fühlen. Buchautor Ulrich Teusch ist Journalist und Medienmacher, Daniela Dahn ebenso, auch Uwe Krüger ein gelernter Journalist. Deren kollektive Ausgrenzung wird Gründe haben, sofern das Weglassen dieser Positionen – nicht bloß im SPIEGEL, sondern auch in anderen Leitmedien – nicht bloß ein „dummer Zufall“ sein soll. Will man intelligenten linken Kritikern kein Forum bieten? Hülsen wehrt ab. Die Kategorien rechts und links seien für sie an dieser Stelle einfach „nicht maßgeblich“ gewesen: „Aus den Grabenkämpfen rechts gegen links halte ich mich heraus.“

Doch wie soll das, bitte, gehen? Niemand dürfte bestreiten, dass es eine Medienkritik von rechts gibt und eine andersartige von links. Die rechte Medienkritik, der im SPIEGEL-Artikel viel Platz eingeräumt wird, unterstellt Alpha-Journalisten eine vermeintlich linke Agenda im Sinne einer informellen schwarz-rot-grünen Koalition. Die Rechten bemängeln, dass ihre eigenen konservativen Sichtweisen nicht angemessen in den Medien dargestellt oder diffamiert werden.

Linke Medienkritiker hingegen (die im Artikel nicht vorkommen), meinen, dass der herrschende Mainstream keineswegs links sei, sondern oft auf Seiten der Reichen. Die Leitmedien werden von ihnen nicht bloß als regierungsnah eingeordnet, sondern, grundsätzlicher, als elitennah. Die Berichterstattung folge, ebenso wie das Regierungshandeln, den Zielen und Wünschen einflussreicher Kreise aus der Oberschicht. Linke Medienkritik ist ihrem Wesen nach eine grundsätzliche Elitenkritik. Linke fordern demokratische Medien, die nicht die Ansichten reicher Eigentümer und mächtiger Hintergrundkreise propagieren sollen. Rechte äußern diese scharfe und an die Wurzel gehende Kritik an den Eliten nicht.

Der SPIEGEL hält solche Unterschiede nun für „nicht maßgeblich“, für „Grabenkämpfe“, aus denen man sich „heraushalte“. Das ist bezeichnend. Die der Vertrauenskrise zugrunde liegende politische Ebene, insbesondere der Deutungskampf um die Macht der Eliten im Lande, soll offenbar auch weiterhin ausgeblendet bleiben. Doch das dürfte kaum gelingen. Denn der Streit um die Medien ist im Kern ein Streit um die Demokratie: Wer entscheidet – und wessen Meinung zählt?

(Dieser Artikel erschien im Magazin Rubikon.)

(Photo credit: Screenshot SPIEGEL-Video auf Facebook, 24. Februar 2018)

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7 Gedanken zu „Die „einfache Welt“ der Leitmedien

  1. MarcoM

    „Rechte äußern diese scharfe und an die Wurzel gehende Kritik an den Eliten nicht.“ ~~~ Ist das nicht auch etwas zu pauschal? Ich kann Ihnen Rechte nennen, die genau diese „scharfe und an die Wurzel gehende Kritik an den Eliten“ äußern. (Sind das dann vielleicht linke Rechte?) Und ich kann Ihnen Linke nennen, die „Alpha-Journalisten eine vermeintlich linke Agenda im Sinne einer informellen schwarz-rot-grünen Koalition“ unterstellen. (Die dann vielleicht rechte Linke sind?) Und vielleicht sollte man sich erst einmal klar machen, was man unter rechts und was man unter links versteht, und dann – was noch wichtiger ist – muss man sich klar machen, von WELCHEN BEREICHEN man spricht.

    So äußern Rechte (tatsächliche oder vermeintliche) häufiger, die CDU habe sich nach links bewegt. Aber ebenso häufig verneinen dieses Linke (tatsächliche oder vermeintliche) und äußern umgekehrt, die SPD & GRÜNEN haben sich nach rechts bewegt. Wer hat nun recht? Ich behaupte: beide! Wenigstens die tatsächlich Linken und Rechten (rechts bitte nicht mit Nazi gleichsetzen): Das was die tatsächlich Rechten an der CDU bemängeln, ist eine Öffnung hin zu einem Kulturliberalismus. Während das, was die tatsächlich Linken an der SPD und den GRÜNEN bemängeln, die Neoliberalisierung dieser Parteien ist, d.h. die Öffnung dieser Parteien hin zu einem Wirtschaftsliberalismus. Und ein gewisser Teil dieser Rechten (das sind dann wohl die ominösen „bösen Querfrontler“) lehnt ebenso den (überzogenen, radikalen) Wirtschaftsliberalismus ab. (Weil diesen Rechten bewußt ist, dass der Kapitalismus in Hinblick auf das, was Konservative bewahren wollen, mindestens ebenso zerstörerisch ist wie der (überzogene, radikale) Kulturliberalismus.)

    Und ein gewisser Teil dieser Linken lehnt ebenso ab, dass andere (vermeintliche) Linke sich nur noch auf abgehobene Gender- und Diversity-Diskurse fokkusieren, anstatt das originär linke Themen, wie z.B. Arbeiterrechte oder Verteilungsgerechtigkeit, im Vordergrund stehen würden. (Das sind dann wohl ebenso welche dieser ominösen „bösen Querfrontler“. Diese angebliche ominöse Querfront besteht wohl darin, dass ein Teil der Rechten ebenso die Machtfrage stellt und ebenso die Herrschaft des Geldes ablehnt wie ein teil der Linken. Den tatsächlich Linken geht es dabei aber in erster Linie um soziale Gerechtigkeit, während bei den tatsächlich Rechten hier stärker das Primat der Politik über die Wirtschaft (eigentlich: über das Geld) im Vordergrund steht.)

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    1. MarcoM

      Übrigens, zum: „Linke Medienkritiker hingegen (die im Artikel nicht vorkommen), meinen, dass der herrschende Mainstream keineswegs links sei, sondern oft auf Seiten der Reichen“, und dass solche Kritik nur von links und nicht von rechts komme, dazu (um dem zu widersprechen) reicht es schon, was Oswald Spengler vor mehr als 100 Jahren schon in seinem Hauptwerk („Der Untergang des Abendlandes“) zur (abendländischen) Presse schrieb. Z.B.

      „Zu den Standesidealen des Nichtstandes gehört […] auch die Freiheit der öffentlichen Meinung, vor allem die Pressefreiheit. Das sind Ideale, aber in Wirklichkeit gehört zur Freiheit der öffentlichen Meinung die Bearbeitung dieser Meinung, die Geld kostet, zur Pressefreiheit der Besitz der Presse, der eine Geldfrage ist, und zum Wahlrecht die Wahlagitation, die von den Wünschen des Geldgebers abhängig bleibt. Die Vertreter der Ideen erblicken nur die eine Seite, die Vertreter des Geldes arbeiten mit der andern.“

      Oder

      „Die Ausnützung der bürgerlichen Schlagworte für den politischen Erfolg setzt […] aber ebenso die rücksichtslose Anwendung des Geldes in der Politik [voraus], nicht jene Bestechung einzelner Persönlichkeiten von Rang, wie sie dem spanischen und venezianischen Stil geläufig war, sondern die Bearbeitung der demokratischen Mächte selbst. Hier [in England] sind während des 18. Jahrhunderts erst die Parlamentswahlen und dann die Entschließungen des Unterhauses planmäßig durch Geld geleitet worden, und hier hat man mit dem Ideal der Pressefreiheit zugleich auch die Tatsache entdeckt, daß die Presse dem dient, der sie besitzt. Sie verbreitet nicht, sondern sie erzeugt die ‚freie Meinung‘.“

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    2. Illen

      Die Dichotomie Neoliberalismus – Kulturliberalismus scheint mir auch der Schlüssel zum Verständnis des Phänomens, dass sowohl linke wie auch rechts-konservative Kräfte dem Medienmainstream vorwerfen, zum jeweils anderen Lager zu tendieren. Dass ist mE keinesfalls ein Zeichen dafür, dass dieser Mainstream seine Sache gut macht und in einer sachlichen Mitte navigiert, sondern dass es genau dieses Auseinanderfallen von Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik gibt.

      Die immer wieder gern zitierten Umfragen, nach denen eine deutliche Mehrheit der Journalisten sich als eher links begreift schlägt sich heutzutage hauptsächlich in gesellschaftspolitischen Fragen nieder; Identitätspolitik, Gender, die Asylpolitik, intersektionaler Feminismus, der Kampf gegen rechts, usw. Die gleichen Leute haben ganz im Sinne der sich als modern-realistisch empfindenden SPD-Eliten entweder kein vertieftes Verständnis mehr von Wirtschaftspolitik, oder haben sich in die neoliberale Erzählung von der Alternativlosigkeit ergeben, halten diese Aufgabe für rational geboten und Widerspruch dagegen für ewig-gestrig romantisierende Realitätsleugnung.

      Im Ergebnis stützt der Mainstream einerseits die bestehende Wirtschaftspolitik und engagiert sich andererseits mehrheitlich für als links verstandene Gesellschaftspolitiken.

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  2. marie

    danke – alles sehr klug und umfassend auf den punkt gebracht.

    doch genau wie dieser artikel im spiegel – gibt es „plötzlich“ zunehmend kritische äußerungen – besonders im kulturteil der medien:

    http://www.sueddeutsche.de/politik/prominente-ostdeutsche-warnen-dieses-land-wird-vom-westen-dominiert-1.3887286-5

    https://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=15099:kolumne-aus-dem-buergerlichen-heldenleben-esther-slevogt-fragt-nach-dem-westwall-in-den-deutschen-einheits-koepfen&catid=1506&Itemid=100389

    http://www.zeit.de/freitext/2018/03/06/reue-poesie-grigorcea/

    jedoch befürchte ich genau, wie auch sie andeuten, dass an wirklich klugen linken stimmen kein bedarf besteht – die vielleicht sogar noch massiver bekämpft werden, in dem sie als entweder nicht vorhanden, verschwörungstheorie oder als superraffiniertes „eigentliche rechtes irrlicht“ abgetan werden.

    ich erwarte keine politische einsicht – eher einen weiteren rechtsruck – denn von linken gedanken ist die mehrheit weit entfernt und soll dieses wohl auch bleiben. die „allianz“, die sich das wünscht ist sehr groß und breit und nicht an argumenten interessiert – seit galileii hat sich da nicht viel an den mustern geändert

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  3. Pingback: Paul Schreyer und Isabell Hülsen – MEDIENREALITÄT

  4. Georg

    Beim Lesen des Artikels musste ich mehrfach über die Arroganz und dumme Überheblichkeit der Autorin lachen. Unfassbar, dieses „Nachrichtenmagazin“, und vermutlich nicht mehr reformierbar … In ein paar Jahren zahlen wir GEZ-Gebühren auch für solche „Qualitätsmedien“.
    Auch wenn viele daran festhalten- eine Unterscheidung zwischen rechts und links ist nicht mehr zielführend, da diese der globalen Elite hilft, die Menschheit in Scheindiskussionen und -kämpfen gegeneinander auszuspielen. ALLE Mainstreammedien sind transatlantisch vernetzt und verlassen sich ausschließlich auf die 3 (ebenso transatlantischen) Nachrichtenagenturen. Nur so ist es möglich, dass jahrelang die gleichen Falschmeldungen durch alle Kanäle flimmern (z.B. Kriegspropaganda).
    Um es mit Volker Pispers zu sagen: „Wir befinden uns im Krieg arm gegen reich.“

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  5. Tom Hess

    Da hängt deutlich mehr schief. Meiner Meinung nach lassen sich die Hintergründe weder mit dem Intellekt, noch über den Vermögensstand von Menschen erklären.

    Zunächst einmal: ich lese sehr viel. Von den Nachdenkseiten über Rubikon bis Broder und Tichy. Dazu sehr viel internationale Medien (da ich selber in Asien lebe). Ich schreibe das bewusst, um (zunächst) einer Einteilung in links oder rechts zu entgehen.

    Über das Internet hat sich ein Meinungskartell gebildet. Im Zentrum steht die politische Wikipedia, die es geschafft hat, aus Kahane eine Menschenrechtsaktivistin zu machen, deren Stasi-Vergangenheit kaum noch zu finden ist. In dieses Umfeld eingebunden und dick vernetzt sind auch die AA-Stiftung der Kahane oder Psiram (die bei ihren Gauklern hätten bleiben sollen).

    Wer heute Medien intensiv verfolgt, sollte sich mal die Mühe machen, die Inhalte der Medien (Mainstream) mit den genannten Internetseiten abzugleichen. Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass Wikipedia die einzige Recherchequelle zu sein scheint für viele „Journalisten“. Übrigens bei Kahane eingebunden sind die Antideutschen (siehe Schramm). Das ist wichtig.

    Vielleicht kann sich noch jemand an die TTIP-Demo in Berlin erinnern. Genau aus dem Umfeld der genannten Websites wurde versucht, diese Demo nach rechts zu verordnen. Das ist auch mit Montagsdemos und Menschen passiert, die gegen Ramstein demonstrieren. Nicht zu vergessen, dass Kritik an der (aggressiven militärischen) Politik der USA inzwischen auch das Label „rechts“ einbringt.

    Im Großen und Ganzen sitzt für mich die Meinungsquelle an den Seiten im Netz, die ich genannt habe. Psiram wird von der Pharmaindustrie gesponsert. Oder gehen wir in die Gegenwart mit der DUH (Deutsche Umwelthilfe), die auch Verbindungen zu dem Betrieb hat, der den „VW-Skandal“ in den USA aufdeckte. Ganz im Hintergrund steht Toyota als Haupt- oder sehr großer Sponsor. Toyota, ein Hersteller, der mit VW den Platz tauschte und zur Nr. 2 wurde, nachdem VW die attraktiven und spritzigen Diesel in den USA etablieren konnte. Und Toyota auch zurückfiel, weil sie auf Hybriden setzten (Benziner-E-Motor) im traditionellen Benziner-Land, weil sie wohl nicht glaubten, dass VW das schaffen würde. Toyota hat inzwischen angekündigt, auch in der EU ab 2019 keine Diesel mehr zu verkaufen. Und alles läuft mit der Dieselentwertung mächtig rund für die Japaner. Und Grün-Links ist hierzulande Hauptsponsor der DUH, die die Diesel der Menschen entwertet.

    Diese beiden Beispiele zeigen, dass das, was die als links verkaufen, nicht mehr links, sondern zutiefst neoliberal ist. Die Linken wurden im Netz so schön eingewickelt von den neoliberalen Strategen. Gegen US-Politik ist plötzlich rechts? Das ist ein tief linkes Thema (Frieden). Pro TTIP soll links sein? Das exzessive Ausbeuten beteiligter Entwicklungsländer zugunsten der großen Industrienationen (Stichwort EU-Tiefkühlhähnchen in Westafrika und das Leerfischen der afrikanischen Meere durch den Westen)?

    Das, was uns quasi als links verkauft wird, ist eigentlich neoliberal. Nur einige, die von sich behaupten, links zu sein, haben anscheinend nicht ausreichend Intellekt, das festzustellen. Oder sie sind neoliberal und merken es aber nicht, weil die Kasse stimmt. Auch dem neoliberalen Milieu (das mit dem linken massiv vermischt ist und was eben viele Linke nicht kapieren) ist es klar, dass gut bezahlte oder vermögende Menschen ruhigzustellen sind. Aber da zeigt sich halt doch ein gewisser „linker Restcharakter“.

    Hat sich schon mal jemand gefragt, warum so viele „echte“ linke und grüne Politiker bei Grün oder SPD aussteigen? Immer kommt als Antwort, sich nicht mehr mit deren komischen Zielen identifizieren zu können. Die fast schon perfekte Ironie daran: Neoliberalismus bedient sich derselben Struktur wie der Faschismus (siehe Prof. Mausfeld). Nur die rassistische Note wird ausgeklammert. Aber das holen ja die Antideutschen und die gegen Weiße erstklassig nach.

    Damit sind den Linken die klassischen Themen abhanden gekommen (Frieden). Gender-Gaga bietet ein Ersatzbetätigungsfeld, in dem man wenigstens sein Auskommen hat (die Bildungsstandards sind dermaßen gesenkt, dass es die meisten Abiturienten nicht in Studienbereiche wie Recht oder Medizin schaffen können. Dann bleibt nur noch das einfache Gendern).

    Wenn ich mir nun die Kommentare bei Tichy oder der Achse ansehe (auch bei anderen), fällt mir eins auf: mindestens zwei Gruppen. Die einen so extrem der AfD verhaftet, dass sie keinerlei (berechtigte!) Kritik hinnehmen können. Also dasselbe Trauerspiel wie links. Aber das ist eher ein kleiner Teil. Und dann sehr viele sehr gute Schreiber. Wo man bereits am Schreibstil erkennt, dass es keine Menschen ohne Schulabschluss oder mit niedrigem Schulabschluss sind, die da schreiben.

    Ich denke, der Großteil dieser Menschen ließe sich unter normalen Umständen (in Deutschland ist rechts ja das ultimative Böse) als sozial-konservativ bis sozial-liberal einordnen (nicht im verdrehenden Sinne, wie ihn die US-Demokraten für Links anwenden und wie es nach Europa zu schwappen scheint, sondern im wirklich libertären Sinn).

    Und dann komme ich zu dem Schluss, die wahre linke Leserschaft haben Medien wie Der Spiegel schon vor Jahren verloren. Nur scheinen inzwischen immer mehr zu kapieren, dass viele Meinungen und Kommentare dieser linken Mainstream-Medien nicht links, sondern eben neoliberal sind. Was derzeit also stattfindet: Linke entdecken langsam links wieder und decken als links getarnten Neoliberalismus auf. Die herablassende Art dieser Pseudo-Journalistin macht es aber nicht besser.

    PS: Ich hoffe, so ein langer Kommentar klappt hier 🙂

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