Postfaktische Zustände bei der ARD

ARD

23. März 2018   —   Nachdem ich in dieser Woche den Artikel „ARD im Tiefschlaf: Das seltsame Desinteresse an einer Aufklärung der Maidan-Morde“ veröffentlichte und das auch auf Twitter bekannt machte, nahm dort zunächst die ARD-Faktenfinder-Redakteurin Silvia Stöber ausführlich Stellung. Daraus entwickelte sich eine Diskussion, an der sich schließlich auch die ARD-Moskau-Korrespondenten Udo Lielischkies und Golineh Atai mit teils haarsträubenden Aussagen beteiligten. Unter diesem Eindruck schrieb der Kollege Stefan Korinth nun eine Analyse, die ich dringend zur Lektüre empfehle. Man darf diese, nennen wir es beim Namen, „journalistische Verwahrlosung“ – Parteilichkeit, Hetze, Überheblichkeit, Weglassen von „Unpassendem“ – nicht mehr länger widerspruchslos hinnehmen, meine ich. Jeder sollte laut und deutlich sagen, was er davon hält.

Update 24. März: Udo Lielischkies legte heute nach und diskreditierte mir gegenüber auf Twitter die von ARD MONITOR und vielen anderen Kollegen (u.a. von der BBC) recherchierten Fakten zu den Maidan-Morden als „politisch motivierte Fakes“. Man kann das kaum noch seriös kommentieren.

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5 Gedanken zu „Postfaktische Zustände bei der ARD

  1. Reinhard Lange

    Die Polen zeigten während der 80-er Jahre sehr deutlich, was sie von der Hauptnachrichtensendung in ihrem staatlichen Fernsehen hielten. Pünktlich zu Beginn der Sendung traten die Familien auf die Straße und gingen spazieren. Schlagartig und für jeden offensichtlich waren die Straßen plötzlich bevölkert.

    Eine sehr schöne und gesunde Form des Widerstandes. Von den Polen kann man lernen.

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  2. hintermbusch

    Ich habe Ihre Auseinandersetzung mit störrischen ARD-Vertretern über angebliche Maidan-gewissheiten verfolgt und bewundert.
    Es wäre aber wichtig zu sehen, dass das Problem nicht nur bei solchen transatlantischen Themen auftritt, sondern zum Beispiel auch, wenn es um die für jeden Zeitungsleser spürbar zunehmende Messergewalt in Deutschland geht. Was die beiden ARD-Redakteure Patrick Gensing und Gabor Halasz da an postfaktischer und haarspalterischer Leugnung des Offensichtlichen bieten, spottet jeder Beschreibung. Ständig wurden sie gezwungen, falsche Behauptungen ihres ‚Faktenfinders‘ wieder zurückzuziehen. Mit dem Nebenresultat, dass Spötter bei Twitter gesperrt wurden, aber die beiden Faktenleugner weiter nicht von ihrer Grundaussage lassen wollen.

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  3. Reinhard Lange

    Noch schlimmer als die permanenten Versuche der Volkserziehung durch Vermittlung von Halbwahrheiten seitens der ARD und einiger anderer Medien ist die gegenwärtige Antirusslandkampagne etlicher NATO-Staaten im Zusammenhang mit dem Giftgasanschlag in Salisbury. Es braucht weder Beweise noch nachvollziehbare Gründe für etwas, was man wohl nur als Zusammenrottung keifender Kriegstreiber bezeichnen kann.

    Was mich bei all dem erstaunt, ist lediglich, dass die aktuellen Sympathieverluste für Union und die sogenannte sozialdemokratische Partei nicht noch wesentlich deutlicher ausfallen.

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  4. Tom Hess

    Erst mal sehr gut, dass sich Journalisten wie Sie in der Öffentlichkeit bemühen, diese Diskussion mit Mitarbeitern der ÖR zu führen. Aber einerseits denke ich, dass es kritische Journalisten, die ihren Job ernst nehmen, aus genau diesem Grund nicht schaffen, Karriere zu machen. Die Auslese-Filter für eine Karriere funktionieren viel zu gut.

    Andererseits ist die ÖR-Chronik zum Thema Ukraine wohl noch vor Syrien ein Beleg dafür, wie dermaßen ideologisch getrieben sie sind. Ich erinnere an diese Reportage vom ZDF über russische Soldaten, die angeblich rekrutiert wurden. Das wurde dermaßen plump inszeniert, dass man sich dafür schämen muss. Es müssen „Verbrechen“ und „Intrigen“ erfunden werden, um das böse Russland anprangern zu können (ja ja, seit 5 Uhr wird zurückgeschossen; kennen wir ja alles).

    Im Übrigen reicht auch ein Blick in frühe Monitor- oder Report-Beiträge, wo auf die Bodenschätze im Donbass eingegangen wurde und wie sehr große westliche Ölkonzerne involviert sind. Und Putin, der wurde spätestens zum Staatsfeind No 1 erklärt, als er dem Verramschen Russlands durch den Alkoholiker und US-Hampelmann Jelzin ein Ende setzte.

    Aber wie soll eine Regierung und deren Staatssender in Deutschland das verstehen, wenn sie vor dem Vernichten eines deutschen Industrieunternehmens wie VW sogar als Anteilseigner nicht zurückschrecken zugunsten eines japanischen Herstellers? Da kann man Putin nur noch abgrundtief hassen, wenn er sich für die Interessen seines Landes einsetzt. Ergo wird sich nichts ändern.

    Was ich nicht verstehe: die letzten Jahre lieferten Material ohne Ende für Skandale und Staatskrisen, wie man sie kaum erlebt hat zuvor. Wahre Journalisten mit Ressourcen könnten „blindlings in den Baum der verbotenen Früchte greifen“ und würden jedes Mal einen neuen riesigen Skandal bisher nicht erlebten Ausmaßes „pflücken“. Aber dieses dreiste Verbiegen von Regeln, Gesetzen, Geboten, Verträgen usw. ist wohl im Umkehrschluss eben der Ideologie geschuldet, die den Mainstream ausmacht. Ein geschlossener Kreislauf quasi. Daher kleben wohl auch alle so auf ihren Stühlen. Selbst wenn was rauskommt – es kümmert sie nicht mehr.

    Umso wichtiger, dass Journalisten wie Sie oder Herr Korinth darüber berichten. Vielen, vielen Dank dafür. Denn ansonsten wäre es zum Haare ausreißen und Verzweifeln.

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  5. draguspy

    Die Kritik an der Berichtserstattung der ARD teile ich, sie ist parteiisch. Bei Ereignissen wie dem Maydan kann man sich anhand von Indizien Meinungen bilden, dabei sollte man allerdings vermeiden, nun selbst seine Meinung zur Wahrheit zu erheben, in dem man nicht mehr zwischen plausibler Spekulation und erwiesenen Tatsachen unterscheidet.

    Erwiesene Tatsachen zu den Tätern des Maydan gibt es nicht. Damit bleibt die Urheberschaft im Dunkeln, man ist frei anhand von Indizien sich für verschiedene Versionen zu entscheiden, aber dabei äußerste Vorsicht walten lassen, denn Indizien zu Streuen um die Interpretation geheimdienstlicher Operationen in der Öffentlichkeit zum eigenen Vorteil zu steuern, gehört zum Handwerk von Geheimdiensten. Wer glaubt, hier ein fundiertes Urteil zu haben, geht dem auf dem Leim.

    Zur Außenpolitik im Allgemeinen: Die Attentate waren kein „Game-Changer“. Politisch instabile Staaten hangeln sich von Krise zu Krise, wann die Instabilität zur Krise wird, lässt sich mit Geheimdiensoperationen beeinflussen. Aber eben nur dann, wenn die Zustände entsprechend desolat sind. Die Morde, von wem auch immer geplant, haben die Instabilität nur offen gelegt, sie haben sie nicht verursacht. Zu glauben, die Ukraine wäre ohne diese Morde ein stablier Staat gewesen, der erfolgreich einen Ausgleich mit Russland gefunden hätte, der irrt sich. Dazu wäre eine andere Innen- und Außenpolitik nötig gewesen und zwar auf einem Niveau, zu dem keine der in der Ukraine herrschenden politischen Strömungen fähig war. Zu letzt steht dann die Frage, wer die Situation konsequent nutzte, vorbereitet war und erfolgreich für sich zu nutzen wusste. Das ist der eigentliche Sinn und Zweck von Geheimdienstoperationen, machtpolitischen Nutzen zu generieren. Da es auch hier zu Fehlentscheidungen kommen kann, ist aber nach wie vor alles offen. Mit neutralen Untersuchungen ist nicht zu rechnen, auch nicht damit, das Journalisten es schaffen, den inneren Kreis der politischen Entscheidungsträger hinter den Ereignissen zu infiltrieren, um Originaldokumente zu sichten. Nichts anderes aber wären unwiderlegbare Fakten. Der Rest ist eher dem eigenen Weltbild geschuldetes interpretieren unvollständiger Indizien mit erwartbarem politischen Urteil.

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