Offener Brief an Georg Restle

Restle

11. Mai 2018   —   Sehr geehrter Herr Restle, in den ARD Tagesthemen vom 7. Mai haben Sie Wladimir Putin zum Wahlsieg gratuliert und ihm zugleich ihr persönliches Misstrauen ausgesprochen. In Ihrem Kommentar, in dem Sie Putin direkt ansprechen, geht es Ihnen besonders um die Haltung der Deutschen zu Russland:

„55 Prozent der Deutschen fordern einen Abbau der Sanktionen gegen Russland. Fast 90 Prozent wollen, dass russische Interessen in der Außenpolitik stärker berücksichtigt werden. Fehlt nicht mehr viel, und Sie hätten sogar hier richtig gute Chancen auf Wahlerfolge. Die völkerrechtswidrige Annexion der Krim? Schnee von gestern! Die Unterdrückung der Opposition im eigenen Land? Egal. Keine freien Medien, keine Pressefreiheit? Alles unwichtig. Die Mehrheit der Deutschen scheint Ihnen zu vertrauen, träumt von einem neuen Frühling in den deutsch-russischen Beziehungen.“

Deutlich wird, dass Sie die positive Sicht vieler Deutscher auf Russland offenbar für naiv oder zumindest getrübt halten. Sie möchten die Bevölkerung aufklären und schließen Ihren Kommentar mit den mahnenden Worten: „Nur mich, mit Verlaub, mich haben Sie nicht überzeugt. Nein, ich traue Ihnen nicht, Herr Putin.“

Auf meine Frage an Sie, ob es mit Blick auf Frieden und Völkerverständigung nicht sehr positiv ist, wenn 90 Prozent der Deutschen russische Interessen stärker berücksichtigt sehen wollen, antworteten Sie mir:

„Grundsätzlich haben Sie Recht, soweit es um Völkerverständigung geht. Nur bin ich von den ‚russischen Interessen‘ nicht überzeugt.“

Diese Antwort hat mich, ehrlich gesagt, irritiert. Denn wer glaubt, dass die Interessen einer ausländischen Regierung nur dann legitim seien und Berücksichtigung finden dürften, wenn man selbst auch von ihnen überzeugt ist, der möchte im Grunde, dass andere sich den eigenen Vorstellungen unterordnen. Sprich: Wir sind die Guten, die Fortschrittlichen, das Vorbild. Eine solche – im Kern respektlose – Haltung führt am Ende zum Krieg.

Daher möchte ich Ihnen eine Frage stellen: Könnte es nicht sein, dass eine Mehrheit der Deutschen Putin keineswegs naiv anhimmelt, sondern einfach bloß nüchtern den Eindruck gewonnen hat, dass konkrete Kriegsgefahr heute viel eher vom Westen ausgeht? Und dass demokratische Defizite (die wir auch hierzulande wahrlich genug haben) in Russland zwar ein ernstes Problem sind, aber verglichen mit einer akuten Kriegsgefahr nachrangig?

Könnte es nicht also sein, dass eine große Mehrheit der Deutschen „aus dem Bauch heraus“ die Lage viel vernünftiger – und auch geschichtsbewusster – einschätzt, als große Teile von Politik und Leitmedien?

Ergänzung 14. Mai: Restle hat inzwischen geantwortet. Mein Replik darauf findet sich hier.

(Bild: ARD)

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10 Gedanken zu „Offener Brief an Georg Restle

  1. piquecritique

    Ich denke, Restle ist nicht nur nicht überzeugt von den russischen Interessen. Er ist – zusammen mit dem Großteil unseres Wertewestens – der Meinung, Russland hat überhaupt keine Interessen zu haben. (Wozu sonst die Anführungsstriche?)

    Ein Frühling in den deutsch-russischen Beziehungen als worst case, als Dystopie. Man fasst es nicht! Ich frage mich immer öfter, ob die Mainstream-Journalisten eigentlich begreifen, dass es hier um Krieg und Frieden geht? Denken die überhaupt ihre Haltung zu Ende? Rhetorisch gefragt, natürlich.

    Was war das für ein genialer Satz von Bahr: „Wandel durch Annäherung“. Der einzig humanistische Weg zu Frieden und guter Nachbarschaft. Und damals gab es einen wesentlich größeren Graben zwischen den Systemen.

    Die Geschichte hat gezeigt, dass die Annäherung einen Systemwechsel bewirkt hat. (Mit allen auch nicht optimalen Folgen, das sei gerne konzediert). Hat Herr Restle das vergessen? Meint er, dass eine Konfrontation mit Russland dort die Pressefreiheit befördert? Wie bescheuert muss man sein…?

    Und wie kann man auf dieser Krim-„Annexion“ herumreiten, (die übrigens das große Blutvergießen à la Donbas verhindert hat) ohne den US-Putsch in Kiew auch nur mitzudenken? (Gerade Restle, der den einzigen guten deutschen MSM-Beitrag zum Maidan bei Monitor zumindest anmoderiert hat!) Während unsere amerikanischen Freunde ein arabisches Land nach dem anderen und das Völkerrecht platt machen?

    Danke, jedenfalls, lieber Paul Schreyer, dass Sie Ihre Fragen gestellt haben. Hoffnung auf eine befriedigende Antwort habe ich nicht. Die besserwisserische Arroganz und die Unfähigkeit, dem großen Ganzen ins Gesicht zu blicken, wird Restles Denken blockieren.

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  2. In Sachen Putin-Kommentar von Hr. Restle

    Mir scheint: Herr Restles unseliger Putin-Kommentar war ein Gruß an den Gesslerhut. Ein öffentlicher Kotau vor den MSM-Granden.

    Freiwillig? Oder ultimativ von ihm abgepresst? Herr Restles Botschaft: „Wenn es hart auf hart kommt halte ich mich selbstverständlich an den vorgegebenen Meinungskorridor.“ (Ja, ja, ich weiß: den gibt’s angeblich nicht. Geschenkt.)

    Aus meiner Sicht war Herr Restle – jedenfalls bis jetzt – unter den Mainstream-Journalisten einer der ganz wenigen, die das immer enger geschnürte westliche Groupthink-Korsett mitunter noch ein kleines bisschen zu dehnen versuchten. Dazu gehört Mut (Ja, ja, ich weiß: angeblich nicht. Auch das geschenkt.), und davor hatte ich Respekt. Jetzt ist auch Herr Restle eingeknickt. Mit einem Paukenschlag. Mittels dieses Grußes an den Gesslerhut hat er den MSM-Granden öffentlich seine Loyalität versichert.

    Kann man ihm das vorwerfen? Mit dieser Frage tue ich mich schwer. Noch immer habe ich vor ihm mehr Respekt als vor den notorischen Dauerhetzern (Ja, ich könnte Namen nennen…). Hätte ich es mir von Herrn Restle anders gewünscht? Oh ja! UND WIE!!

    Die Zeiten sind schlimm. Die Gefahr eines ultimativen letzten Krieges ist höher denn je in der Geschichte der Menschheit. Wir brauchen nichts dringender als Deeskalation! Kommentare wie die von Herrn Restle tun das Gegenteil.

    Lieber Herr Restle,
    auch wenn meine obigen Einschätzung zutrifft, so werden Sie das nie zugeben können. Jedenfalls nicht gegenüber Dritten, und schon gar nicht öffentlich. Aber vielleicht gegenüber sich selbst? Zumindest manchmal, in den stillen Stunden… Lieber Herr Restle, DIESEN Georg Restle, den brauchen wir (=die Menschheit, die überleben will)!

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  3. marie

    herr restle möchte seinen job gern behalten – das ist ja zu verstehen, zumal der eventuelle „nächste“ ja dann nicht der „bessere“ sein wird …

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    1. steinwolke

      Das wollten in den verschiedensten Diktaturen auch viele und wurden so zu Stützen des jeweiligen Systems, ohne die so manche Verbrechen mit hoher Wahrscheinlichkeit gar nicht erst begangen worden wären. Ein selbstkritischer Blick zurück in die deutsche Geschichte täte so manchem systemgefälligen Journalisten gut. Wir wollen doch schließlich alle nicht, dass dank solcher Kommentare irgendwann die Bomben fallen! Oder, Herr Restle?

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  4. Bernd Schmidt

    Der Herr Restle ist ein gutes Beispiel dafür, dass man Medienschaffende über einen längeren Zeitraum beobachten sollte, ehe man ihnen Vertrauen schenkt. Ein paar gute Kommentare sind keine Garantie dafür, dass derjenige sich jederzeit für Frieden und Völkerverständigung einsetzt. Warum derjenige das macht, und seine Reputation damit zerstört, ist dabei nebensächlich, ob aus Überzeugung oder aus Opportunität. Leider ist in unserem Land derzeit Russland-Bashing karriereförderlich.

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  5. mainshitmedien

    Unterstellt man das Herr Restle das eigene Geblubber auch noch glaubt, muß man an der intellektuellen Befähigung dieses Herrn zweifeln. Das würde dann gerade noch zum eigene-Schuhe-zubinden reichen. Armes Deutschland…

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  6. Simplicissimus

    Danke Paul. Ich habe Herrn Restle soeben Ihren Offenen Brief zugesendet – samt Kommentaren. Hilft nicht, aber befreit. Etwas.

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  7. dr0mabuse

    Das Piepsen der Küken, um nicht von der großen Mutter ARD weggebissen zu werden bzw. in Ungnade zu fallen. Das ist schon das 2. Mal, dass Herr Restle damit auffällt. Aber dabei kann man auch Oliver Welke bei der heute-show erwischen und die meisten, die im Sold der Leim-Medien stehen. Nota bene – dafür sind unbewusste Unterwerfungswünsche verantwortlich, die tiefer sitzen als die bewusste Reflektion im Großhirn. Ich erinnere an das Milgram-Experiment – wer hier Karriere macht, kann das kaum, wenn er nicht an der Deformation des autoritären Chrakters leidet, wie von Erich Fromm beschrieben. Es scheint andererseits tatsächlich so zu sein, dass jemand, der diese Piepsignale nicht von sich gibt, innerhalb kurzer Zeit „draußen vor der Tür“ steht.

    Wir brauchen keine anderen Herren, sondern KEINE.

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  8. Rainer Pauli

    Ich denke, eines der Hauptprobleme unserer russophoben Journalisten liegt darin, dass sie keinerlei eigene Erinnerung an den „Wandel durch Annäherung“ haben. Das schien seinerzeit völlig unmöglich, ja sogar völlig undenkbar, als Egon Bahr und Willy Brandt nur zwei Jahre nach dem Berliner Mauerbau in ihren Vorträgen z.B. an der Evangelischen Akademie in Tutzing begannen, für eine neue Verständigungspolitik zu werben. Da war ein Restle noch gar nicht geboren; bei Willy Brandts Warschauer Kniefall war er noch nicht einmal eingeschult. Etwas weniger Überheblichkeit täte unseren Propagandajournalisten gut.

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    1. Karl

      Ich nehme an, dass die Journalisten alle gar nicht russophob sind. Sie schreiben überwiegend in stillem Gehorsam ihrem Brötchengeber gegenüber. Sie wollen ihren Job nicht verlieren. Wenn sie müssten, schrieben sie das genaue Gegenteil. Und das täten viele bestimmt schon, wenn sie nur dürften. Allerdings ist die Verführung groß, sich das Gefühl von Freiheit zu gönnen, indem man denkt, was man denken soll. Ketten spürt man erst dann, wenn man sich bewegt. Unsere Journalisten befinden sich längst in einer Art Angststarre.

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