Zur neuen Sammlungsbewegung „Aufstehen“

Aufstehen

7. August 2018   —   Seit Monaten kursiert die von Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine lancierte Idee einer gesellschaftlichen Sammlungsbewegung, die dem herrschenden politischen Konsens etwas anderes entgegensetzt, als es die „Alternative für Deutschland“ sein will. Nun wird es konkret: Am 4. September soll die Bewegung starten.

Seit dem vergangenen Wochenende gibt es dafür den Namen „Aufstehen“ und eine gleichnamige Webseite. In einem gemeinsamen Aufruf unter der Überschrift „Raus aus der Wagenburg“ schreiben die frühere Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer (Grüne) und die beiden Bundestagsabgeordneten Marco Bülow (SPD) und Sevim Dağdelen (Linke):

„Der Hauptgrund, warum es eine solche Sammlungsbewegung geben muss, ist die Krise des gesamten Parteiensystems am Ende einer Ära, die 1989/90 begann und sich jetzt ihrem Ende zuneigt. Es war faktisch eine Epoche ohne wirkungsmächtige Gegenkonzepte gegen die ungebremste, ungerechte und aggressive Neuordnung der Welt unter der Ägide der neoliberalen und neokonservativen Oligarchen in West und Ost. Diese haben im Schwung ihres Aufstiegs durch die Methode der globalen Deregulierung und Privatisierung enorme innenpolitische Destabilisierungen und außenpolitisches Chaos, Kriege und Massenmigration produziert. Was dabei als Naturgesetz der Globalisierung dargestellt wurde, war reine Macht- und Interessenpolitik. Die Gewinner dieses Prozesses stehen heute ebenso fest wie die Millionen Verlierer, die kein beliebiges Glücks- und Freiheitsversprechen mehr täuschen kann. (…)

Die Ausplünderungspolitik der reichen Industrienationen und die nicht enden wollenden Stellvertreterkriege der US-geleiteten Militärbündnisse sind neben den Klimaveränderungen die Hauptursache der weltweiten Massenmigration. Eine solidarische Linke muss zwingend und zuerst diese Ursachen und den anwachsenden Rüstungsexport bekämpfen, sie kann sich nicht mit dem verdienstvollen, praktizierten Mitgefühl und der Sozialarbeiterrolle für jene Migranten begnügen, die unseren Kontinent überhaupt erreichen. (…)

Der Kampf für die Menschenrechte, ursprünglich ein pazifistisches Postulat, wird zunehmend willkürlich zur kriegsbegründenden Moral pervertiert. Schon vor 100 Jahren hat diese Frage die damals so hoffnungsvolle europäische Sozialdemokratie gespalten. Damals begann die unselige Debatte der Linken in einen staatstragenden großkoalitionären Flügel einerseits, in linksradikales Sektierertum unter Führung der dritten Internationale anderseits.“

Diese Einordnung einer Sammlungsbewegung in den historischen Rahmen halte ich für wichtig und teile auch die sonstige Analyse. Überdies halte ich die bislang in Erscheinung getretenen Unterstützer für überaus integre und couragierte Persönlichkeiten. Die mittlerweile 75-jährige Pastorin und Politikerin Antje Vollmer und den Theaterdramaturgen und Buchautoren Bernd Stegemann (er ist nun im Vorstand des Trägervereins der Sammlungsbewegung), darf man ohne Übertreibung zu den führenden Intellektuellen des Landes zählen.

Antje Vollmer versucht immer wieder mit großer Ausdauer, Debatten anzustoßen, etwa zur „Arroganz des Westens“ oder „für eine vernünftige Russlandpolitik“. Bernd Stegemann hat seinerseits eine im linken Lager überfällige Debatte zur Heuchelei bei der Flüchtlingspolitik in Gang gesetzt und veröffentlichte 2017 das Buch „Das Gespenst des Populismus“, in dem er analysiert, wie große Teile der Linken einer Rhetorik der „liberalen“ Geld-Eliten auf den Leim gegangen sind und wie das Wort „Populismus“ zur Waffe, zur Ausgrenzung alles Störenden benutzt wird. Der Soziologe Prof. Wolfgang Streeck, der ebenfalls mit Wagenknechts Bewegung sympathisiert, meinte dazu jüngst, der Begriff sei „inhaltsleer“ und „nicht wahrheitsfähig“.

Eine Sammlungsbewegung, die bei solch kluger Sprachkritik ansetzt und historisches Wissen und klare Analysen mit Courage und Aktion vereint, verdient jede denkbare Unterstützung – allein schon, um das vordemokratische „Schweigen der Lämmer“ (Prof. Rainer Mausfeld) überwinden zu helfen.

In einem heute erschienenen Zeitungsbeitrag meinen Wagenknecht und Stegemann:

„Wir glauben nicht länger dem Märchen, dass es allen besser geht, wenn zuerst die Reichen noch reicher geworden sind. Die Gesellschaft driftet auseinander, denn das Versprechen eines solidarischen Wohlfahrtsstaates wird von immer weniger Menschen als Realität erfahren. Damit die Wut nicht die Falschen trifft, sondern zu einer Änderung der sozialen Verhältnisse führt, finden sich in der Sammlungsbewegung viele Stimmen aus den unterschiedlichen Milieus.“

Wie es scheint, trifft die Bewegung einen Nerv: Von Samstag bis Montag haben sich bereits mehr als 30.000 Unterstützer angemeldet.

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6 Gedanken zu „Zur neuen Sammlungsbewegung „Aufstehen“

  1. Gianni Porcospino

    „Damit die Wut nicht die Falschen trifft, sondern zu einer Änderung der sozialen Verhältnisse führt, finden sich in der Sammlungsbewegung viele Stimmen aus den unterschiedlichen Milieus.“

    Als ich dieses Zitat aus dem Stegemann/Wagenknecht Artikel las fiel mir spontan B Traven ein, dessen Bücher ich als Jugendlicher verschlungen hatte und der mir durch dieses Zitat wieder präsent wurde.

    Wikipedia schreibt zu Traven:

    „Travens Werke lassen sich wohl am besten als „proletarische Abenteuerromane“ beschreiben. Sie handeln von Seeräubern, Indianern und Gesetzlosen und teilen daher viele Motive mit Autoren wie Karl May oder auch Jack London. Anders jedoch als die meisten Vertreter des Western- oder Abenteuer-Genres zeichnet sich Traven nicht nur durch eine sehr detaillierte Charakterisierung des sozialen Milieus seiner Protagonisten aus, sondern er schrieb seine Bücher vor allem konsequent aus der Perspektive der „Unterdrückten“ und „Ausgebeuteten“. Seine Figuren stehen am Rande der Gesellschaft, entstammen dem proletarischen und lumpenproletarischen Milieu. Stets mehr Antihelden als Heroen, haben sie dennoch eine urtümliche Lebenskraft, die sie immer wieder zum Aufbegehren zwingt. Die „gerechte Ordnung“ oder die christliche Moral, die in vielen Abenteuerromanen durchscheint, gilt Traven und seinen Helden nichts.

    Stattdessen steht stets das anarchische Element des Aufbegehrens im Mittelpunkt. Immer erfolgt es aus der unmittelbaren Ablehnung der entwürdigenden Lebensumstände der Helden, stets sind es die Entrechteten selbst, die ihre Befreiung oder aber zumindest eine rebellische Geste vollbringen. Politische Programme kommen nicht vor, das vage anarchistische „¡Tierra y Libertad!“ des Caoba-Zyklus ist wohl noch eines der dezidiertesten Manifeste in Travens Romanen. Berufspolitiker, auch auf Seiten der Linken, kommen bei Traven, falls er sie überhaupt erwähnt, besonders schlecht weg und sind das Ziel diverser Beschimpfungen.

    Dennoch gelten Travens Romane als politische Bücher. Obwohl er ein positives Programm verweigert, scheut er sich doch niemals, die Ursache des Leidens seiner Protagonisten zu nennen. Dieser Quell von Qual, Entwürdigung, Elend und Tod ist für ihn „Cäsar Augustus Imperator“, wie das Diktat des Kapitals in Das Totenschiff genannt wird.[10] Traven gelingt es, seine Kapitalismuskritik ohne belehrenden Zeigefinger zu artikulieren und durch die Anknüpfung an Western- und Seemannsmotive auch tatsächlich das proletarische Zielpublikum zu erreichen.“

    Ich sehe für uns alle eine große Chance in dieser Bewegung, die wir nutzen sollten, um etwas zu verändern.

    In diesem Sinn: „Arsch huh, Zäng ussenander“

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  2. Hans Dietrich

    In dem zum Schluss zitierten Artikel, einem Gastbeitrag von Sahra Wagenknecht und Bernd Stegemann, heißt es auch:

    „Die Grundlage einer solchen Bewegung ist die klassisch sozialdemokratische Tradition, dass sich Politik um die materiellen Lebensbedingungen kümmert und dafür Sorge trägt, dass sie für alle Menschen gut und die Chancen gleich verteilt sind.“

    Wie weit sich die SPD von dieser Tradition und dem selbst definierten Ziel, angeblich für soziale Gerechtigkeit eintreten zu wollen, entfernt hat, das wird durch die Tatsache belegt, dass es vor allen Dingen SPD-Politiker sind, die dazu beitragen, dass angezeigte Wirtschaftskriminalität zu Gunsten des zweitgrößten Gütersloher Konzerns verschleiert wird.

    Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen. Einflussreiche Politiker der SPD und gleichzeitig Gewerkschaftsmitglieder, die angeblich die Interessen der Arbeitnehmer vertreten, helfen durch Vertuschung tatkräftig mit, dass sich ein kapitalkräftiger Konzern durch kriminelle Machenschaften noch weiter bereichern kann. Dient das etwa der Einflussnahme?

    Ich, inzwischen Rentner, referiere seit einiger Zeit über diese kriminellen Machenschaften und weise sie überwiegend an im Internet einsehbaren Dokumenten nach – auch um andere zu warnen. Denn uns, meiner Frau und mir, wurde damit die Grundlage unserer beruflichen Selbstständigkeit vernichtet. Die bisherige Resonanz zeigt mir, wie notwendig das ist.

    Mit freundlichen Grüßen

    Hans Dietrich

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  3. Pohlmann

    … eine gefährliche Entwicklung in der westlichen Welt ist in vollem Umfang erzeugt worden, weil die Gier des Kapitals und des politischen Establishment ungebremst und allgegenwärtig zu- und zerschlägt. Es gibt Lösungsmöglichkeiten: Eine Weltregierung nach Vorschlägen von Albert Einstein und/oder die Entwicklung einer neuen Gesellschaftsordnung – noch bevor die angehäuften Quantitäten sich entladen.

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  4. Josch

    Hoffen wir, dass diese ‚Sammlungsbewegung‘ nicht der Nasenring ist, an dem das inzwischen beachtliche, bürgerliche Protestpotential zurück in den Käfig geführt werden soll.

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