Warum eine bargeldlose Welt alles andere als erstrebenswert ist

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17. August 2018   —  Diese Woche erscheint das Buch „Schönes neues Geld“ von Norbert Häring. Es ist ein Warnruf zu einer Entwicklung, die sich weitgehend im Verborgenen abspielt, jedenfalls ohne größeres Medieninteresse. Häring schreibt: „Mit diesem Buch möchte ich die Öffentlichkeit überzeugen, dass Bargeld nicht einfach so verschwindet, sondern als Teil einer durchdachten globalen Strategie verdrängt wird“. Dass diese Strategie keine Verschwörungstheorie ist, sondern höchst real und dazu selbstverständlich genommene Freiheiten bedroht, schildert er anschaulich und faktenreich. Ich veröffentliche hier mit freundlicher Genehmigung des Autors einen Auszug aus der Einleitung des Buches. Es folgt der Text von Norbert Häring.


Die Zukunft des Bezahlens ist Anfang 2018 in der Gegenwart angekommen. In Seattle, an der Westküste der USA, eröffnete das erste Amazon Go-Ladengeschäft für die allgemeine Öffentlichkeit. Wer dort einkauft, braucht dank „modernster Einkaufstechnologie“ nicht mehr Schlange zu stehen. Kunden müssen nur einmal die zugehörige App kostenlos auf ihr Smartphone herunterladen. Danach können sie sich nach Belieben im Laden bedienen, ihre Auswahl an Produkten aus dem Regal holen, in ihre Tasche packen und wieder gehen. Alles Weitere macht die Technik für die Kunden. Wenn sie Marmelade in die Tasche getan haben und dann feststellen, dass sie lieber Honig hätten, legen sie die Marmelade einfach zurück. Die Amazon-Überwachungstechnik registriert das und streicht die Ware wieder von der Rechnung. Kurz nachdem die Kunden den Laden verlassen haben, ohne von irgendwelchen Kassierern oder Ladendetektiven aufgehalten worden zu sein, bekommen sie eine Rechnung auf das Smartphone und das Geld wird vom Amazon-Konto abgebucht.

Bequemer geht es kaum. Das aktive Bezahlen ist in dieser Konsumutopie, die gerade Realität wird, abgeschafft. Das Abkassieren geht automatisch ohne unsere Beteiligung. Wir müssen nicht einmal mehr eine Karte zücken oder eine Unterschrift leisten. Der Verkäufer und der, der unser Geld verwaltet, werden eins. Wohin die Reise gehen soll, ist klar, weit über die Amazon-Welt hinaus: Alle Bequemlichkeit ist auf unserer Seite, alle Macht auf der anderen.

In China wird gerade eine andere Utopie Realität. Geld als Haupttriebfeder und Belohnung des wirtschaftlichen Handelns wird abgelöst von gemessener Tugendhaftigkeit. Die Regierung führt ein umfassendes System zur Bewertung ihrer Bürger ein. Wer von den Kameras mit Gesichtserkennung dabei ertappt wird, dass er bei Rot über die Ampel geht, bekommt Punkte vom Sozialpunktekonto abgezogen. Wer Kunden besonders freundlich bedient, bekommt welche dazu. Wer zu wenige Sozialpunkte auf dem Konto hat, kann sich kein Ticket für einen Flug oder Schnellzug mehr kaufen und keine schöne Wohnung mehr mieten oder gar erwerben. Bezahlt wird mit den Allround-Apps WeChat oder Alipay, die man sich wie eine Kombination von Facebook, Google, WhatsApp und Amazon vorstellen kann. Da WeChat mit Gesichtserkennung und weiteren biometrischen Merkmalen operiert, und eng mit der Regierung zusammenarbeitet, fungiert die App inzwischen sogar als amtlicher Identitätsnachweis. WeChat registriert und speichert alles, was die Teilnehmer mit ihrem Geld machen, und kooperiert mit den Sozialpunktebehörden. Wer den halben Tag Computerspiele spielt oder eine Rechnung nicht bezahlt, hat schlechte Karten. So schön die Vorstellung ist, dass tugendhaftes Verhalten mehr gewürdigt wird als der schnöde Mammon: aber wenn eine kommunistische Einheitspartei verbindlich für alle vorschreibt, was gutes und was schlechtes Verhalten ist, und das auch noch überwachen und sanktionieren kann, dann ist das eine totalitäre Gesellschaft ohne individuelle Freiheit.

Ganz anders die schöne neue Bezahlwelt der Amazon Go-Gesellschaft – zumindest auf den ersten Blick. Darin schreibt uns keine Obrigkeit vor, wie wir uns verhalten sollen, solange wir uns im Rahmen der Gesetze bewegen. Aber auf den zweiten Blick ist die Schnittmenge mit dem chinesischen Sozialpunktesystem unangenehm groß: Grundlage von beiden Systemen ist die zuverlässige automatische Identifizierung der Handelnden und die lückenlose automatische Überwachung ihres Handelns. In den chinesischen Städten erfassen Kameras mit Gesichtserkennungssoftware die Passanten auf Schritt und Tritt, so wie im Amazon-Go-Laden.

Amazon Go ist nur ein besonders fortschrittliches Beispiel der Pay As You Go-Bezahlwelt, bei der immer stärker einzelne Handlungen und Nutzungen überwacht und automatisch abgerechnet werden. Bei Amazon Go ist jeder Griff ins Regal eine Kaufhandlung und muss entsprechend überwacht und abgerechnet werden. Das ist ganz klar der Weg auf den wir als Gesellschaft geschickt werden. Man verkauft uns kein Computerprogramm mehr, über das wir frei verfügen können, sondern wir sollen Programme mieten, die in der Cloud, also auf fremden Computern, laufen. Entsprechend wird alles, was man damit macht, gespeichert und überwacht. Bei Bedarf kann unser Zugang blockiert werden. Man kauft kein Fahrrad mehr, sondern nutzt Leihfahrräder und zahlt automatisch pro Kilometer oder Stunde. Man zahlt nicht mehr Steuern für Autobahnen, sondern bekommt für jeden gefahrenen Kilometer Geld abgezogen. Man besitzt kein Auto mehr, sondern mietet Autos, mit oder ohne Fahrer, minuten- oder kilometerweise.

Die Beispiele werden monatlich mehr. Bald löst man auf Schritt und Klick kleine Bezahlvorgänge aus. Diese Pay as you go-Bezahlwelt braucht und bewirkt die gleiche totale Überwachung wie sie in China vorangetrieben wird. Sie macht das Individuum, das nichts mehr körperlich besitzt und uneingeschränkt darüber verfügen kann, abhängig von denen, die die Kontrolle über seine Bücher haben. Wenn sie entscheiden, dass jemand nicht mehr genug finanzielle Ansprüche hat, oder auf andere Weise das Recht verwirkt hat, sein digitales Geld für die Miete von Dingen einzusetzen, die andere besitzen, wird das Individuum völlig handlungsunfähig. So wie Joe Chip in Philip Dicks Zukunftsroman Ubik aus dem Jahr 1966, der seine Wohnung nicht mehr verlassen kann, bis jemand die Tür dafür bezahlt, sich zu öffnen. Die geniale Vorstellungskraft von Dick, der mit der Romanvorlage für den Film Blade Runner berühmt wurde, lässt sich daran ermessen, dass, damals das Bezahlen mit Buchgeld noch bei weitem nicht die Norm war, und der Begriff Sharing Economy erst ein halbes Jahrhundert später auftauchte.

Dank automatischer Gesichtserkennung und ähnlichen Techniken zur Umsetzung des Pay as you go-Systems verschmilzt die reale, analoge Welt mit der digitalen. Jeder unserer Schritte in der realen Welt wird mit digitalen Daten nachgebildet und gespeichert. Diese Daten werden zu umfassenden Persönlichkeitsprofilen zusammengeführt, die sich jeder kaufen kann, der das Geld dafür hat, vom potentiellen Arbeitgeber, bis zum potentiellen Kreditgeber oder Vermieter. Anders als in China werden bei uns die Daten und die Beeinflussungsmöglichkeiten (noch) nicht so sehr genutzt, um die Menschen zu gesellschaftlich erwünschtem Verhalten zu erziehen, sondern vor allem, um sie zu noch besseren Konsumenten zu machen. Aber es gibt auch schon einige Anwendungen in Richtung des chinesischen Modells.

Dass die neuen digitalen Bezahlverfahren so viele Daten produzieren und so viele sensible Daten von uns verlangen, ist die Hauptattraktion für diejenigen, die sie einführen wollen. Hier ziehen Regierungen, die ihre Bevölkerungen überwachen wollen, mit Konzernen an einem Strang, die zuverlässige Daten haben wollen. Beides setzt voraus, dass sie uns in der digitalen Welt jederzeit genau identifizieren können. Hier trifft es sich gut, dass man für die Pay as you go-Welt genau diese Totalüberwachung aus vermeintlich harmlosen Gründen braucht. So werden die neuen Bezahlverfahren genutzt als einer der Haupttreiber für die Einführung und Ausweitung biometrischer Identifizierung im Alltag, durch Fingerabdrücke, Gesichtserkennung und künftig vielleicht DNA. Das geschieht absichtsvoll, systematisch und weltweit, wie ich in diesem Buch zeigen will.

Dem einen sin Uhl, dem anderen sin Nachtigall

Solange jede zweite Transaktion mit Bargeld ausgeführt wird, ist ein umfassendes digitales Abbild davon, was die Bevölkerung tut, bisher kaum möglich. Die hartnäckige Vorliebe der Menschen für Bares hält den Weg in die Pay as you go-Welt auf. Die Vorliebe ist gut begründet. Denn auch wenn die Gegner des Bargelds viel Mühe darauf verwenden, es anachronistisch scheinen zu lassen, hat es viele Vorteile für seine Nutzer. Diese Vorteile werden mit zunehmender Digitalisierung von immer mehr Lebensbereichen, immer größer. Transaktionen mit Bargeld sind anonym. Außer denen, die die Transaktion vor Ort beobachten, kann niemand nachverfolgen, was ich wann, wo bei wem gekauft habe. Mit Bargeld muss weder der Verkäufer, noch der Käufer in Vorleistung treten. Barzahlungen ermöglichen außerdem eine gute Kontrolle der Ausgaben. Das ist vor allem für diejenigen wichtig, die sehr darauf achten müssen, dass am Ende des Budgets nicht zu viel vom Monat übrig ist. Wer alles digital bezahlt, auch Kleinbeträge, der wird mit elektronischen Belegen so überschwemmt, dass eine wirksame Kontrolle der Rechnungen und der Ausgaben nicht mehr realistisch ist.

Bargeld ist ein krisenfestes Zahlungsmittel. Es benötigt keine technische Infrastruktur. Es kann auch bei größeren technischen Störungen als Zahlungsmittel verwendet werden. Bargeld ermächtigt. Wenn uns aufgrund eines Irrtums oder aus einem sonstigen Grund plötzlich die Konten gesperrt werden, sind wir ohne Bargeld hilflos. Bargeld ist ein inklusives Zahlungsmittel. Es kann praktisch ohne Zugangsbeschränkungen verwendet werden. Kinder und Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen, können mit Bargeld erheblich leichter und sicherer umgehen als mit digitalem Geld. Bargeld ist außerdem fast unsere einzige Möglichkeit, Geld so zu halten, dass es nicht bei einer Bankenpleite weg sein kann. Auch vor Negativzinsen, als mildere Form der Enteignung im Fall von Problemen der Banken, schützt Bargeld. Bargeld ist für die Nutzer das kostengünstigste Bezahlverfahren. Den Kreditkartenunternehmen und Banken müssen wir entweder direkt oder indirekt etwas dafür bezahlen, dass sie Zahlungen für uns abwickeln.

Was dem einen sin Uhl ist dem andern sin Nachtigall, heißt ein plattdeutsches Sprichwort. Banken, Zahlungsverkehrsabwickler, IT-Unternehmer, der Staat und zum Teil die Händler empfinden das, was die Nutzer als Vorteile sehen, als Nachteile.

Für diejenigen, die uns möglichst viel verkaufen und uns möglichst viel Kredit geben wollen, ist es von Nachteil, dass Bargeld uns hilft, unser Geldausgeben zu kontrollieren. Die Geheimdienste und Sicherheitsbehörden halten die Anonymität für einen großen Nachteil. Es lässt sich auch kaum bestreiten, dass die Verbrechensbekämpfung leichter fällt, wenn die Kommissare leichten Zugang zu umfassenden Kontodaten und Telekommunikationsdaten haben. Kein Krimi, in dem uns das nicht nahegebracht wird. Wenn man allerdings gänzlich verhindern wollte, dass auch Kriminelle sich die bürgerlichen Freiheiten zunutze machen, dann müsste man diese abschaffen. Damit würde man aber die Demokratie gleich mit abschaffen. Es kann immer nur um einen vernünftigen Ausgleich gehen. Der sollte im einem offenen, demokratischen Verfahren bestimmt werden. Wie wir jedoch noch sehen werden, wird die Abschaffung der Privatsphäre in Finanzdingen fernab der Parlamente in einem diffusen transnationalen Nirgendwo beschlossen, von Gruppen, die sich demokratischer Kontrolle gekonnt entziehen.

Auch für die Zahlungsabwickler und die IT-Branche, die unsere wertvollen Finanzdaten haben wollen, ist die Anonymität des Bargelds ein Ärgernis. Denn jede Transaktion, die wir ohne Datenspuren ausführen, verzerrt das Profil, das sie von uns erstellen, und entwertet es dadurch. Im Zweifel werden wir gerade besonders interessante Transaktionen, die etwa Rückschlüsse auf eingeschränkte statistische Kreditwürdigkeit, niedrige Attraktivität als Arbeitnehmer, schlechte Gesundheit oder Risikofreude signalisieren könnten, bar abwickeln. Je umfassender die Datenspeicherung und Auswertung wird, desto lästiger wird dieses Refugium für den Schutz unserer besonders sensiblen Daten für die Gegenseite. Der Arbeitgeber, der krankheitsanfällige oder politisch unangepasste Kandidaten aussortieren will, oder der Versicherer der nur Gesunde und vorsichtige Menschen versichern will, werden weniger für mein Profil zahlen, wenn es ihnen nicht zuverlässig verrät, ob ich rauche, viel Geld für Medikamente ausgebe oder eine radikale Zeitschrift lese.

Die Banken hätten es lieber, wenn unser Geld im Bankensystem eingesperrt bliebe, weil wir es nicht mehr als Bargeld abziehen können. Wenn dann das Bankensystem das nächste Mal kollektiv vor die Wand fährt, können einfach die eingesperrten Guthaben der Kunden entwertet werden, um die Banken zu sanieren. Die Kontoguthaben, auch Einlagen genannt, stehen nämlich auf der Sollseite der Bilanz der Bank. Sie sind eine Schuld den Einlegern gegenüber. Wenn auf der Habenseite der Bilanz nicht mehr genug steht, weil Verluste das Eigenkapital aufgezehrt haben, kann man die Bilanz sanieren, indem auch die Einlagen reduziert werden. Das kann entweder auf einen Streich geschehen, wie während der Finanzkrise in Zypern, oder allmählich, mit hohen Negativzinsen für ein paar Jahre. Wenn man minus 4 Prozent Zinsen auf sein Bankguthaben bekommt, ist es nach drei Jahren um gut ein Zehntel geschrumpft, und die Schuld der Banken entsprechend geringer. Dann brauchen die Banken sich nicht mehr darauf verlassen, dass der Staat einspringt, und sie rettet, und der Staat ist ein großes Problem los.

Und schließlich verdienen Unternehmen wie Visa, Microsoft und Vodafone, die die technische Infrastruktur bereitstellen, nichts an Bargeldtransaktionen. Jede Transaktion, die digitalisiert wird, ist für sie zusätzliches Geschäft. Wenn die alternative Bezahloption Bargeld wegfällt oder teurer wird, bedeutet dies für sie sie zudem die Chance, die eigenen Margen zu erhöhen.

Und so fahren Visa, MasterCard und Co. weltweit große Medienkampagnen, um uns klar zu machen, wie dumm und altmodisch das selbständige Bezahlen mit Bargeld ist, und wie modern und bequem das Bezahlen-lassen. Sie bezahlen Restaurants dafür, Bargeldannahme zu verweigern, und sorgen dafür, dass das groß durch die Medien geht. Sie statten Verkäufer von Obdachlosenzeitungen mit Lesegeräten aus, weil das unschlagbare PR bringt. Regierungen weltweit erlassen Gesetze und Regulierungen, die das Selber-Bezahlen verbieten, begrenzen, erschweren, teurer machen und in den Ruch des Kriminellen bringen.

Nicht nur die chinesische Regierung will alles über ihre Bürger wissen. Auch westliche Regierungen lieben den gläsernen Bürger. Die globale Führungsmacht USA will sogar nach Möglichkeit alle Erdenbürger zuverlässig digital erfasst und kontrolliert sehen. Das soll dem sogenannten Krieg gegen den Terror dienen aber auch die eigene Machtposition gegenüber Alliierten und Gegnern stärken. Und so kommt es, dass Regierungen aller Couleur, von Schweden bis Saudi Arabien, einträchtig in einer ganz großen, öffentlich-privaten „Partnerschaft“ gegen das Bargeld zusammenarbeiten, mit den global führenden amerikanischen Finanz- und IT-Konzernen als Partner.

Eine weltweit koordinierte Kampagne

Die überfallartige Entscheidung der indischen Regierung von November 2016, den größten Teil des umlaufenden Bargelds aus dem Verkehr zu ziehen, war nur das extremste Beispiel. Bei uns läuft das eleganter und indirekter ab. Geldautomaten werden abgebaut, und die Banken verlangen plötzlich Geld für Barabhebungen. Händlern wird verboten Kreditkartenkosten an Kunden weiterzugeben, Taxifahrern wird vorgeschrieben, Verträge mit Kreditkartenfirmen abzuschließen. Banken und Kaufleute, die mit Bargeld hantieren, werden mit schikanösen Regeln überzogen, die angeblich der Geldwäschebekämpfung dienen. Reisende, die mit wenigen Tausend Euro Bargeld über die Grenze wollen, muss inzwischen damit rechnen, dass ein Zöllner das Geld konfisziert.

Wenn es nach der Prognose des ehemaligen Deutsche-Bank-Chefs John Cryan von Anfang 2016 geht, wird es in gut sieben Jahren auch bei uns kein Bargeld mehr geben. Nach dem Willen führender Politiker von SPD und CDU im Bundestag würde uns bald verboten, größere Rechnungen ohne Einschaltung der Finanzbranche selbst zu begleichen. Einige andere europäische Länder haben bereits solche Barzahlungsobergrenzen. Parallel wird dafür gesorgt, dass nichts mehr von dem, was wir digital bezahlen, den Polizeibehörden, den Sozial- und Steuerbehörden und den Geheimdiensten verborgen bleibt. Die letzten Reste von Bankgeheimnis wurden beseitigt.

Weltweit beobachtet man in den letzten Jahren ähnliches. Das ist kein Zufall. Malawi, Nigeria, die Philippinen, Mexiko und Dutzende weiteren Länder haben sogar feierlich erklärt, bald bargeldfrei werden zu wollen. In all diesen Ländern werden parallel zum Kampf gegen das Bargeld zentrale Regierungsdatenbanken mit den biometrischen Merkmalen aller Einwohner aufgebaut.

All das ist Teil einer gut organisierten globalen Kampagne. Genauer gesagt sind es zwei Kampagnen, die eng miteinander verbunden sind. Die eine wird unter dem Schlagwort finanzielle Inklusion geführt. Das ist eine schönfärberische Umschreibung von Bargeldbeseitigung. Die zweite Kampagne versammelt sich hinter dem Schlachtruf digitale Identität. Unter dem Vorwand, jedem neu geborenen Erdenbürger einen Identitätsnachweis geben zu wollen, wie das die Entwicklungsziele der Vereinten Nationen fordern, betreibt diese Kampagne die zwangsweise biometrische Erfassung jedes Einzelnen – also auch der großen Mehrheit derer, die schon lange reichlich mit Identitätsnachweisen ausgestattet sind.

Betrieben werden diese Kampagnen von der G20-Gruppe der wichtigsten Wirtschaftsnationen, angeführt von der US-Regierung und im Konzert mit großen US-Konzernen und deren Stiftungen. Sie alle haben gemeinsam eine Globale Partnerschaft für finanzielle Inklusion gebildet. Ziel ist es, die Digitalisierung des Zahlungsverkehrs und die biometrisch-digitale Erfassung aller Bürger weltweit durchzusetzen. Einbezogen in diese Partnerschaft ist eine ganze Batterie öffentlich-privater Allianzen, darunter eine Besser-als-Bargeld-Allianz, mit MasterCard, Visa, der Stiftung von Microsoft-Gründer Bill Gates und dem US-Außenministerium als Kernmitglieder.

Hinter den Tarnbegriffen finanzielle Inklusion, Recht auf Identität und Überwindung der digitalen Kluft, verstecken die immer gleichen Unternehmen wie MasterCard, Visa, PayPal, Microsoft und Vodafone ihre kommerziellen Interessen. Einbezogen in die globale Anti-Bargeld-Kampagne sind die ebenso informellen wie mächtigen transnationalen Gremien, in denen Bankaufseher, Regulierer und Sicherheitsbehörden gemeinsame Standards für Finanzgeschäfte entwickeln. Diese Standards werden überall Gesetz, auch bei uns, ohne dass Volksvertreter oder Datenschützer etwas zu sagen hätten. Die Standardsetzer haben sich von der Globalen Partnerschaft für finanzielle Inklusion darauf verpflichten lassen, ihre Standards bargeldfeindlich und überwachungsfreundlich auszugestalten. Vertreter der Bundesbank und der deutschen Behörden machen mit.

Aus dem transnationalen Schattenreich dieser Standardsetzer kommen die Vorgaben, die dazu führen, dass die EU-Kommission laut über Bargeldobergrenzen nachdenkt, und dass sie dem Zoll die Kompetenz gibt, Bargeld jederzeit zu beschlagnahmen. Dort haben die schikanösen Regeln ihren Ursprung, mit denen Banken und Händler überzogen werden, um selbst bei Bargeld-Kleinbeträgen das letzte angebliche Geldwäscherisiko auszuschließen, während man die großen Fische weiter gewähren lässt. In diesem Schattenreich werden die Regeln verabredet, die dafür sorgen, dass man im Internet fast nicht mehr anonym einkaufen kann. Öffentlichkeit und Parlamente bekommen davon kaum etwas mit. So erklärt sich, dass die Totalüberwachung und langfristige Speicherung unserer digitalen Finanztransaktionen fast unbemerkt und unkommentiert bleibt, während über die weniger weitgehende Vorratsdatenspeicherung von Telekommunikationsdaten zu Recht heftig gestritten wird. Über letztere wird nämlich in Parlamenten diskutiert und entschieden, während erstere demokratiefern im transnationalen Nirgendwo ausgekungelt werden.

Deutlich ruppiger als in den Industrieländern treiben MasterCard und Co. die Bargeldabschaffung in den Entwicklungs und Schwellenländern voran. Wer sich den informellen Anti-Bargeld-Regeln der Standardsetzer nicht „freiwillig“ unterwirft, der bekommt Hilfsgelder gestrichen oder kommt gar auf eine schwarze Liste nicht-kooperativer Staaten. Wer nicht genug Eifer bei Bargeldbeseitigung und digital-biometrischer Erfassung der Bürger zeigt, wird bei den Überprüfungen durch Weltbank und Internationalen Währungsfonds schlecht bewertet, mit schlimmen wirtschaftlichen Folgen. Als Zuckerbrot finanziert die Stiftung von Bill Gates eine Allianz für Finanzielle Inklusion, die Zentralbanken von Entwicklungsländern mit Geld und mit technischer Hilfe von MasterCard und Visa beim Ausbau des digitalen Zahlungsverkehrs unterstützt. Das hat in mehreren großen Ländern schon zu MasterCard-Bezahlkarten geführt, die als staatliche Personalausweise fungieren. Die Inklusionsallianz von Gates ist auch mitverantwortlich dafür, dass arme Kenianer heute genötigt werden, einem britisch-kontrollierten Anbieter mobilen Geldes bis zu 40 Prozent Transaktionskosten abzudrücken.

(…)

Was die Möchtegern-Weltherrscher aus dem Silicon Valley uns an Vorteilen der neuen Bezahlwelt verheißen, ähnelt dem, was Aldous Huxley 1932 in seinem berühmten Zukunftsroman Schöne neue Welt beschrieben hat: Kriminalität ist ausgerottet, weil die Überwachung zu gut ist. Jeder zahlt seine Steuern. Sozialbetrug ist unmöglich. Selbstschädigung der Menschen durch Unvernunft wird wirksam unterbunden. Wer Bluthochdruck hat, wird sich keine Schweinshaxe mehr kaufen, weil er sonst seine Krankenversicherung verliert. Fast alle sind glücklich in Huxleys schöner neuen Welt, werden sie doch darauf konditioniert, mit ihrem Los und ihrem Platz in der Gesellschaft zufrieden zu sein und freizügig mit stimmungsaufhellenden Drogen versorgt. Und doch lesen die meisten das Buch Huxleys als eine Horrorvision. Denn eigenständiges Denken und Handeln ist darin nur noch für die oberste Schicht der Entscheidungsträger vorgesehen.

Huxley hat seinem Roman ein Zitat des russischen Philosophen Nikolai Bordjajev vorangestellt:

„Utopien sind verwirklichbar. Das Leben strebt ihnen entgegen. Aber vielleicht wird ein neues Jahrhundert kommen, in dem Intellektuelle darüber nachdenken, wie man Utopien verhindern kann, und zu einer nicht-utopischen Gesellschaft zurückkehren, weniger perfekt und dafür freier.“

Im Vorwort für eine Neuauflage schrieb Huxley 1949:

„Alles in allem sieht es ganz so aus, als wäre uns Utopia viel näher, als irgendjemand es sich vor nur fünfzehn Jahren hätte vorstellen können. Damals verlegte ich diese Utopie sechshundert Jahres in die Zukunft. Heute scheint es durchaus möglich, dass uns dieser Schrecken binnen eines einzigen Jahrhunderts auf den Hals kommt.“

Huxley hatte Recht. Ganz offenkundig ist das 21. Jahrhundert dasjenige, in dem wir verhindern müssen, dass bestimmte Utopien Wirklichkeit werden, die schon auf dem besten Weg dazu sind. Das können wir nur, wenn wir es schaffen, sie zu entzaubern, solange sie noch nicht die neue Normalität geworden sind, und die Menschen gar nicht mehr außerhalb dieser Utopien denken können.

In Anbetracht der mächtigen Phalanx, gegen die das Bargeld und die bürgerlichen Freiheiten zu verteidigen sind, kann man niemand den Wunsch nach einer technologischen Wunderwaffe verdenken. Kryptowährungen wie Bitcoin ziehen solche Hoffnungen auf sich. Sie verheißen, gute Eigenschaften des Bargelds in die digitale Zukunft zu überführen. Sie versprechen Anonymität und den Schutz des Geldvermögens vor Bankenpleiten. Andere begeistern sich stattdessen für die Möglichkeit, dass der Staat selbst, über seine Zentralbank, ein Kryptogeld als digitalen Nachfolger des Bargelds herausbringt. Ein Geld, das nicht von Konkursen der Geschäftsbanken gefährdet wird, weil die Zentralbank selbst dafür garantiert. Ein Geld, bei dem der Staat dafür sorgt, dass ein ausreichendes Maß an Privatsphäre gewahrt bleibt.

Doch die Hoffnung, gesellschaftlichen Problemen mit technischen Lösungen beizukommen, ist immer trügerisch. Technische Lösungen erfüllen diese Aufgabe, wenn die gesellschaftlichen Bedingungen und Machtverhältnisse dafür günstig sind. Wenn nicht, werden die Mächtigen jedes technische Mittel, das wir gegen sie wenden möchten, einfach gegen uns wenden, so wie es bei den Kryptowährungen bereits absehbar und bei staatlichem Kryptogeld kaum anders denkbar ist.

Schönes neues Geld CoverStattdessen müssen wir den Weg gesellschaftlicher Veränderung gehen. Wir müssen die Volksvertreter aus ihrem Tiefschlaf reißen. Wir müssen ihnen und unseren Mitbürgern erklären, was gespielt wird. Sie müssen wissen, dass der Rückgang des Barzahlens keine Entwicklung ist, die von selbst stattfindet, und schon gar nicht unausweichlich, sondern dass sie mit großem Nachdruck absichtsvoll betrieben wird. Regierungsvertreter, Bundesbanker und Vertreter der Europäischen Zentralbank müssen unter Rechtfertigungsdruck kommen, wenn sie bargeldfeindliche Standards mitbeschließen. Sie müssen gezwungen werden, sich dafür zu rechtfertigen, dass sie sich in einer globalen Partnerschaft mit Konzernen wie MasterCard und Visa zusammengetan haben, um uns das Bargeld zu verleiden. Wenn diese Partnerschaft gesprengt wird, so wird man bald sehen, dass das Bargeld eine Renaissance erlebt, anstatt zu verschwinden. Denn in einer Welt, in der immer mehr von dem was wir tun, digital erfasst und gespeichert wird, bietet das Barzahlen eine Oase der Selbstbestimmung und Privatsphäre, die immer wertvoller wird.

Näheres zum Buch und zu den Akteuren der beschriebenen Kampagne erfahren Sie hier.

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