Vollgeldreform und Banken: Weitere Machtkonzentration oder Dezentralisierung?

WRDG TB4. Dezember 2018   —   Heute ist im Piper-Verlag die Taschenbuchausgabe meines erstmals 2016 veröffentlichten Buches „Wer regiert das Geld?“ erschienen. Das Buch brachte es im ersten Jahr auf drei Auflagen und war seinerzeit erfreulicherweise sogar für einen internationalen Buchpreis nominiert. Da die Debatte rund um das Thema Geldsystem in der Zwischenzeit vorangeschritten ist, habe ich für die Taschenbuchausgabe ein zusätzliches Nachwort verfasst. Dort schildere ich einige Hintergründe des Scheiterns der Schweizer Vollgeldinitiative im Juni diesen Jahres und stelle außerdem die Position von Prof. Richard Werner vor, einem der weltweit führenden Experten zum Thema Geld und Banken. Im folgenden ein Auszug aus meinem Nachwort.


Prof. Werner von der Universität Southampton weist auf einen Schwachpunkt der Vollgeld-Reform hin, nämlich ihre Fokussierung auf eine mächtige Zentralbank. Werner zufolge ist gerade die Konzentration von Macht, wie sie sich in einer Zentralbank ausdrückt, das eigentliche Problem.

Die Vollgeld-Befürworter wünschen sich eine Zentralbank, die unparteiisch und sachkundig im Sinne der gesamten Bevölkerung entscheidet. Institutionen wie die Fed in den USA oder die EZB in Europa machen bislang aber gerade das Gegenteil und agieren immer wieder als Interessenvertreter der privaten Großbanken und ihrer Aktionäre. Wie ließe sich in einem Vollgeldsystem eine Rechenschaftspflicht und demokratische Kontrolle solcher mächtigen Mammutbehörden gewährleisten? Diese Frage bleibt offen. (1)

Prof. Werner schlägt einen anderen Weg vor. In einem Ende 2016 veröffentlichten Forschungspapier plädiert er für eine dezentralisierte Wirtschaft und stellt das Modell der Zentralbanken nachdrücklich in Frage. Dutzende Bankenkrisen und Rezessionen hätten in den vergangenen vier Jahrzehnten vor allem eines bewirkt: „eine beispiellose Umverteilung des Reichtums von der Masse zu den Wenigen“ und daraus folgend ein nie gesehenes Ausmaß an Ungleichheit. Werner weiter:

„Dieser Zeitabschnitt war auch eine Phase beispielloser Macht in den Händen der Zentralbanken. Unter dem Druck des IWF, und in Europa der Brüsseler Gesetzgebung, machte ein Land nach dem anderen seine Zentralbank unabhängig von der Regierung und in der Regel auch – überraschenderweise – unabhängig von Parlamenten, denen die Zentralbanken nicht länger Rechenschaft schulden. (…) Der übergreifende Trend des 20. Jahrhunderts war die Konzentration von Macht in den Händen weniger.“

Daher sieht Werner keine demokratische Zukunftsperspektive in einer Verlagerung von noch mehr Macht zu den Zentralbanken. Er lobt stattdessen das kleingliedrige und oft belächelte Modell der deutschen Sparkassen und Volksbanken, das weltweit einmalig sei und entscheidend zur Wirtschaftskraft Deutschlands beitrage. 1500 kleine Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken gebe es hierzulande, sie machten mehr als die Hälfte aller Banken in der EU aus und immerhin 70 Prozent aller Banken in Deutschland.

Dieser große Sektor hat gerade nicht den Profit einiger weniger Aktionäre im Blick, sondern das Wohlergehen der gesamten Gemeinschaft vor Ort. In diesen Regionalbanken, darauf weist Werner hin, gibt es bereits Geldschöpfung in öffentlicher Hand, und das seit langer Zeit. Das weitverzweigte System der Sparkassen und Genossenschaftsbanken habe die deutsche Wirtschaft über die letzten 200 Jahre entscheidend gestärkt:

„Ein Finanzsystem, das aus vielen kleinen Banken besteht, ist viel weniger anfällig für die Kreisläufe aus Boom und Krise. Es erzeugt auch mehr Arbeitsplätze pro Kreditsumme, als ein System aus großen Banken. Daher führen regionale Banken zu einer gerechteren Verteilung von Einkommen und Vermögen.“

Eine Zentralbank werde nicht gebraucht. Das erinnert an den – in Kapitel 9 geschilderten – Kampf von US-Präsident Andrew Jackson in den 1830er Jahren gegen die damalige „Second Bank of the United States“, als eine demokratisch gewählte Regierung eine mächtige private Zentralbank erfolgreich abwickelte. Prof. Werner betont in seinem Papier die Freiheit, die dem Geldschöpfen innewohnt:

„Die Tatsache der Geldschöpfung bedeutet, dass wir ohne rechtliche Hindernisse ein dezentrales System von Regionalwährungen schaffen können, ohne Beteiligung von Zentralbanken. Das Kernprinzip solch einer Dezentralisierung ist lokale Autonomie, Selbstbestimmung, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung – dies sind tatsächlich die Grundsätze des Genossenschaftswesens, wie sie Hermann Schulze-Delitzsch und Wilhelm Raiffeisen vor über 150 Jahren vorantrieben.“

Die Schlüsselfrage bleibt in jedem System, wer das neu geschöpfte Geld erhält und wofür es verwendet wird. In Großbritannien fließen heute nach Werners Berechnungen mehr als 80 Prozent des von Banken geschöpften Geldes in den Kauf von Wertpapieren und Immobilien. Dabei entsteht kein Wert für die Gemeinschaft. Kleine regionale Banken hingegen, von denen es in Deutschland noch zehn mal mehr gibt als in Großbritannien, vergeben Kredite vor allem für Investitionen vor Ort. Diese Banken müssten daher gestärkt werden. Kreditgeldschöpfung sollte ausschliesslich der Realwirtschaft zugute kommen. Geldanlagen hingegen sollten nur noch mit Spargeldern getätigt werden. Auf einer hochkarätig besetzten Tagung in der Schweiz im Vorfeld der Vollgeld-Abstimmung stellte Prof. Werner seine Überlegungen Anfang 2018 der Öffentlichkeit vor. Sie verdienen eine breite Diskussion.

Anmerkungen:

(1) Bereits 2012 hatte ich den Vordenker der Vollgeld-Idee, Prof. Joseph Huber, danach gefragt, wer die Zentralbank zukünftig kontrollieren solle. Seine Antwort:

„Die Zentralbank in einer Vollgeldordnung – als Monetative, in Anlehnung an Legislative, Exekutive und Judikative – soll unabhängig von den anderen Staatsgewalten sein, und natürlich auch unabhängig von Banken- und anderen Wirtschaftsinteressen. Sie soll, wie die Rechtsprechung, keinerlei Weisungen unterliegen und diskretionär handeln, das heißt je nach Lage nach ihrem besten professionellen Wissen – aber natürlich auf Grundlage der Gesetze, und auch dem Parlament, der Regierung und der Öffentlichkeit gegenüber berichts- und rechenschaftspflichtig. (…) Meines Erachtens soll möglichst wenig vorgegeben werden. Keine mechanischen Zwangsregeln. Im Übrigen wird das Führungspersonal der Zentralbank von der Regierung eingesetzt. Anders als Richter sollte die Führung der Zentralbank für 4-6 Jahre berufen werden, und vielleicht auch in bestimmten Sonderfällen von der Regierung abberufen werden können.“

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2 Gedanken zu „Vollgeldreform und Banken: Weitere Machtkonzentration oder Dezentralisierung?

  1. Hoffmann

    Sehen wir doch mal in die deutsche Geschichte. Wo hat Gleichverteilung, auch die der Arbeitsplätze dank regionaler Banken und dennoch mit einer Zentralbank und mit Vollgeld bestens funktioniert? In der DDR.
    Daher kann ich dem nicht folgen, eine mächtige Zentralbank ist nicht das Problem sondern ein kapitalistischer Staat mit seinen (also die der Oligarchen) Interessen.

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    1. Paul Schreyer Autor

      Danke für Ihren Einwand! Prof. Werners Argumentation fußt sicherlich darauf, dass wir aber HEUTE nun einmal in einem kapitalistischen Staat leben und Dezentralisierung daher ein näherliegendes Ziel ist, als der komplette Systemwechsel. So habe ich es zumindest verstanden.

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