Neue Studie: Verschwörungstheoretiker fahren bei Rot über die Ampel

5. März 2019   —   Eine Studie von britischen Psychologen versucht nachzuweisen, dass Anhänger von Verschwörungstheorien zu „antisozialem“ und „kriminellem“ Verhalten neigen.

Die Studie mit dem Titel „Glaube an Verschwörungstheorien und Bereitschaft zur Alltagskriminalität“ erschien im Januar 2019 im renommierten „British Journal of Social Psychology“. Eine der Autorinnen, Karen Douglas, Psychologieprofessorin an der University of Kent, fasst die Ergebnisse so zusammen:

„Unsere Forschung hat zum ersten Mal gezeigt, welchen Einfluss Verschwörungstheorien auf die persönliche Haltung zur Alltagskriminalität haben können. Menschen, die der Auffassung sind, dass andere sich verschworen haben, könnten unethischen Handlungen gegenüber aufgeschlossener sein.“

Was dabei mit Alltagskriminalität gemeint ist, beschreibt die Studie so:

„Zur Alltagskriminalität zählen allgemein übliche Delikte, die von den meisten Menschen irgendwann in ihrem Leben einmal begangen werden, wie etwa das Überfahren einer roten Ampel, eine Barzahlung mit dem Ziel, Steuern zu hinterziehen, oder das Verschweigen von Mängeln beim Verkauf von Waren.“

Von den Autoren werden solche Verhaltensweisen als „antisozial“ und „low level crime“ eingestuft. Als „Glaube an Verschwörungen“ gilt dabei bereits die Annahme, dass „Regierungen Informationen vor der Öffentlichkeit geheim halten“ – eine Mutmaßung, die wohl eher dem gesunden Menschenverstand entsprechen dürfte.

Grundlage der Studie ist eine Onlinebefragung von 250 Briten. Diesen wurden unter anderem 7 Verschwörungstheorien vorgelegt, von denen allerdings nur eine in der Untersuchung auch genannt wird („Es gab eine offizielle Operation des britischen Geheimdienstes MI6, Prinzessin Diana zu ermorden, die von Teilen des Establishments gebilligt wurde“). Dass die Anhänger solcher Sichtweisen selbst zu kriminellem Verhalten neigten, wird von den Autoren so erklärt:

„Verschwörungstheorien könnten Menschen zu unethischem Verhalten ermuntern, als Möglichkeit, mit einer Welt zurechtzukommen, in der sich Verschwörungen ereignen.“

Mit anderen Worten: Wenn im Großen betrogen wird, muss man sich im Kleinen auch nicht an die Regeln halten – eine Sichtweise, die sicherlich weit verbreitet ist. Die Autoren schreiben von einem „Gefühl des Mangels an sozialem Zusammenhalt und gemeinsamen Werten“. Die tieferliegende Frage, welche der ganz großen Betrügereien („Verschwörungstheorien“) womöglich real und welche nur Fantasie sind, blendet die Studie aus. Nahegelegt wird, dass Verschwörungstheorien generell falsch und „schädlich“ seien.

Beschäftigung mit Verschwörungstheorien erhöht „Desillusionierung“

Unfreiwillig komisch wirkt die Feststellung der Autoren, dass die Beschäftigung mit Verschwörungstheorien eine anschließende „Desillusionierung“ der Probanden „erhöhe“. Desillusionierung wird hier wiederum als etwas Unerwünschtes und Schädliches betrachtet – da sich damit ja die Bereitschaft zur Kriminalität vergrößere.

Auf der vorletzten Seite der Studie räumen die Autoren gleichwohl ein, dass die Kausalitäten auch ganz andere sein könnten: „Wir können nicht ausschließen, dass das kriminelle Verhalten der Teilnehmer Folge ihrer finanziellen Situation war und nicht ihres Glaubens an Verschwörungen.“ Von dieser Möglichkeit wurde freilich in der Pressemitteilung zur Studie nichts berichtet, auch nicht in den internationalen Medienberichten dazu, wie im Independent, bei Daily Beast oder in der New York Post.

Ebenfalls kein Thema in den Berichten ist der berufliche Hintergrund der Studienautoren. Zwei von ihnen, Karen Douglas von der University of Kent und Daniel Jolley von der Staffordshire University, sind Mitglieder von „COMPACT – Comparative Analysis of Conspiracy Theories“, einem seit über drei Jahren bestehenden internationalen Forschungsnetzwerk, das von der EU finanziert wird und Verschwörungstheorien untersuchen soll, wiederum unter der impliziten Vorgabe, diese seien generell falsch und gefährlich.

Vizechef dieses offiziellen europäischen Forschungsverbundes ist Prof. Michael Butter von der Universität Tübingen, der seine Karriere zum großen Teil darauf aufgebaut hat, den Leitmedien und dem Wissenschaftsbetrieb als Stichwortgeber dafür zu dienen, wer oder was als unseriös und Verschwörungstheorie einzuordnen ist. Jüngst war dies etwa in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung gegen das neueste Buch von Dirk Müller zu beobachten. Auch die Systemkritik eines Rainer Mausfeld weist Butter zufolge „stark populistische und mitunter auch verschwörungstheoretische Züge“ auf.

In diesen Rahmen passt nun auch die vorliegende Studie der britischen Psychologen – als Versuch, kritische Stimmen nicht nur als unseriös, sondern auch als gefährlich darzustellen. So heißt es im Fazit der Studie: „Verschwörungstheorien könnten Menschen dazu bringen, sich aktiv antisozial zu verhalten.“ Am Ende, soviel wird klar, geht es um Deutungshoheit: Kriminell sind nicht etwa etablierte Kreise an der Spitze der Gesellschaft, sondern vor allem diejenigen Zweifler, die den Etablierten Böses zutrauen.

(Dieser Artikel wurde im Online-Magazin Telepolis veröffentlicht.)

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Ein Gedanke zu „Neue Studie: Verschwörungstheoretiker fahren bei Rot über die Ampel

  1. L.Schaber

    Was merkwürdigerweise kaum jemand (öffentlich) argumentativ anführt, ist die Tatsache, dass ein wesentlicher Teil der demokratischen Grundordnung bzw. Regierungsformen auf einem Gedanken beruht, der „eigentlich“ doch auch eine „Verschwörungstheorie“ darstellt: Nämlich dem Prinzip der Gewaltenteilung bzw. auch dem der parlamentarischen Opposition. (Siehe Textauszug unten)

    Man geht dabei von der (Verschwörungs-)Theorie aus, dass eine Elite an der Regierungsmacht mehr (!) oder weniger heimlich (geputscht wird fast immer heimlich) das ihr vom Volk übertragende Mandat zur Exekutive missbraucht, um sich (mehr oder weniger) konspirativ dessen Kontrolle zu entziehen, um die Macht alleine und unkontrolliert (zu egoistischen Zwecken) ausüben zu können.

    Insofern fußt also jede „demokratische (institutionelle) Machtkontrolle“ zumindest überwiegend auf einer „Verschwörungstheorie“. Wozu würde sonst immer wieder auf die Bedeutung z. B. der Presse als „vierte Gewalt“ und deren Kontrollfunktion gegen Machtmissbrauch durch die anderen „Gewalten“ hingewiesen werden? Wie sollte man denn in Politik (und Wirtschaft) jemanden kontrollieren können, wenn man fest davon überzeugt wäre, dass es generell keine größer angelegten „Absprachen“ (ob geheim oder nicht) zu gruppenegoistischen, antidemokratischen oder anti-rechtstaatlichen Regelverletzungen geben KÖNNE? Dann wären ja zum Beispiel auch die Anti-Kartellgesetze eine Idee, die auf (verschwörungstheoretischen) Hirngespinsten beruhte.

    Wenn die Verschleierung und ideolgisch- propagandistische Verwischung von politischen bzw. politologischen Begriffen so weiter geht, steht zu befürchten, dass bald auch das Verfassungskonstrukt des parlamentarischen „konstruktiven Misstrauensvotums“ von gewissen „Wissenschaftlern“ unter esoterischen Generalverdacht gestellt wird. Und das nur, weil da das Wort „Misstrauen“ drinsteht. 🙂

    Aus einer Veröffentlichung der Bundeszentrale für politische Bildung:

    „… Die Rolle des Gegenspielers und im Wesentlichen auch die Rolle des Kontrolleurs der Regierung ist dadurch vom Parlament als Ganzem auf die Opposition übergegangen. Insofern ist diese ein unentbehrliches Element des demokratischen Systems. Über das bisher Beschriebene hinaus gibt es in Deutschland weitere Formen der Gewaltenteilung. Staatliche Aufgaben sind zwischen Bund und Ländern verteilt, die Länder sind an der Gesetzgebung des Bundes beteiligt. Im alltäglichen Leben kontrollieren sich konkurrierende Parteien und Verbände gegenseitig. Weil Pressefreiheit herrscht, können außerdem die Massenmedien auf Machtmissbrauch im Staat oder in der Gesellschaft aufmerksam machen – oft mit durchschlagendem Erfolg …“

    Quelle: Thurich, Eckart: pocket politik. Demokratie in Deutschland. überarb. Neuaufl. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2011.

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