Für Putinversteher gibt’s kein Recht auf Gegendarstellung

190208 Minicover WSIDG13. März 2019   —   In einer aktuellen Rezension von „Wir sind immer die Guten“ werden Mathias Bröckers und mir Aussagen unterstellt, die wir nicht getätigt haben – um uns auf dieser Grundlage um so heftiger kritisieren zu können. Eine Gegendarstellung wird verweigert.

Grundlage der Rezension des Nachrichtenportals Watson – mit 80 Millionen Klicks pro Monat eines der meistgelesenen Schweizer Online-Magazine – ist das seltsame Missverständnis, wir, die Buchautoren, seien so etwas ähnliches wie halboffizielle Sprecher des Kremls, die Putins Sicht auf die Welt als „die bessere“ verteidigten. Man nimmt den Titel „Wir sind die Guten“ also wörtlich und tut so, als bezögen die Autoren dieses Motto auf sich selbst – was man dann als „kindisch“ kritisiert.

Der Rezensent Philipp Löpfe spricht mehrfach von „den Putinverstehern“, einer vermeintlich homogenen politischen Gruppe, als deren Sprachrohr er uns ausmacht. Nun geht aus unserem Buch eigentlich klar hervor, dass wir mitnichten Parteigänger Putins sind, sondern schlicht und einfach versuchen, die Spielregeln der aktuellen Geopolitik – und zwar sowohl im Westen als auch in Russland – sachlich und transparent zu beleuchten. Schon diese Differenzierung scheint aber manchem Journalisten zu viel, vielleicht, weil sie das eigene Feindbild vom „bösen Putinversteher“ nachhaltig zu unterminieren droht.

Die Rezension baut dabei nicht allein auf dieser „Fehlinterpretation“ auf, sondern unterstellt uns mehrfach und an entscheidenden Stellen Aussagen, die wir nie gemacht haben. So heißt es, wir würden ohne jeden Beleg behaupten, die CIA, Brzezinski und Soros hätten den Putsch in der Ukraine eingefädelt. Richtig ist, dass wir deren Rolle im Land zwar intensiv beleuchten, und das auch mit zahlreichen Quellen belegen, eine direkte operative Verantwortung für den Staatsstreich aber nicht unterstellen – ganz einfach weil wir generell nichts behaupten, was wir nicht klar belegen können. Das ficht den Rezensenten jedoch nicht an, der weiter schreibt:

„Da erstaunt es nicht, dass für Bröckers und Schreyer der Abschuss des malaysischen Passagierjets MH17 – entgegen allen offiziellen Erkenntnissen – den ukrainischen Streitkräften in die Schuhe geschoben wird.“

Einmal abgesehen von der holprigen Sprache ist auch das eine Falschbehauptung. Nirgendwo im Buch schreiben wir, die Ukrainer seien für den Abschuss verantwortlich. Wir erläutern lediglich, weshalb der Fall MH17 bislang nicht abschließend geklärt ist und dass die Beweise für das gängige „Russland war´s“ bei gründlicher Prüfung eher fragwürdig erscheinen. Doch wiederum gilt: Soviel Differenzierung ist nicht drin. Wer eine Schuld Moskaus hinterfragt, der muss ein Parteigänger Putins sein. Anderes ist schlicht nicht vorstellbar. In dieses Raster passt auch folgende Unterstellung des Rezensenten:

„Zudem soll der russische Geheimdienst nichts, aber auch gar nichts, mit dem Attentat auf den ehemaligen Spion Sergei Skripal und dessen Tochter Julia zu tun gehabt haben.“

Wiederum: eine Falschbehauptung. Im Buch lassen wir bewusst offen, wer für den Anschlag verantwortlich ist, und erläutern mehrere Möglichkeiten, weisen insbesondere aber darauf hin, dass auch dieser Fall bislang ungeklärt ist.

Nun ist es eine beliebte Rhetorik-Methode, dem Gegenüber falsche Aussagen zu unterstellen, die sich dann um so schwungvoller kritisieren lassen. Doch geschieht so etwas in der Presse, dann muss sich das zumindest niemand gefallen lassen. Zeitungen und journalistische Onlineportale sind bei Falschbehauptungen auf Aufforderung zur Veröffentlichung einer Gegendarstellung verpflichtet.

Unsere Aufforderung an die Redaktion, eine solche Gegendarstellung zu veröffentlichen, zog nun eine aufschlussreiche Diskussion mit dem Chefredakteur des Portals, Maurice Thiriet, nach sich. Der Fall sei „knifflig“, so der der Watson-Chef in einer ersten Reaktion. Seiner Ansicht nach ist alles eine Frage der Interpretation:

„Dies deshalb, weil in Gegendarstellungen gemäss Rechten und Pflichten der Schweizer Journalistinnen und Journalisten nur falsche Tatsachendarstellungen richtig gestellt werden können. Ein Buch, beziehungsweise dessen Inhalt, ist jedoch keine reine Tatsache, sondern von Vornherein auch ein Interpretationsgegenstand für den Rezipienten. Ich würde deshalb von einer Gegendarstellung absehen mit der Begründung, dass die Interpretation eines Buchinhalts immer im Gesamtkontext des Werkes gesehen werden muss und deshalb eine den Autoren allenfalls missfallende oder nicht beabsichtigte Interpretation von Teilen des Inhaltes nicht als falsche Tatsachendarstellung gelten kann.“

Darauf erwiderten wir, dass es natürlich stimme, dass auf Tatsachen beruhende Interpretationen nicht gegendarstellungsfähig sind, der Fall hier allerdings anders liege:

„Die von uns bemängelten Aussagen des Rezensenten sind keine auf Tatsachen beruhenden Interpretationen, sondern gründen auf nachweislich falschen Unterstellungen. Konkret: Wir haben in unserem Buch eben NICHT behauptet, die Ukrainer seien für den Abschuss von MH17 verantwortlich. Herr Löpfe sagt an dieser Stelle die Unwahrheit. Und das ist keine irgendwie legitime Interpretation, sondern eine schlichte Falschdarstellung.“

Wir erinnerten daran, dass laut Impressum des Portals „die Journalistinnen und Journalisten von watson dem Ethik-Kodex des Schweizerischen Presserates verpflichtet“ seien. Darin aber heißt es klar:

„Keine Entstellung von Texten (…) und Meinungen – Kritisieren ja, aber aufgrund von Tatsachen“

In seiner Replik ging der Chefredakteur auf diese Argumente nicht weiter ein, sondern wechselte nun die Strategie und wurde politisch:

„Ich habe Ihr Buch leider nicht gelesen und ich werde zeitnah auch keine Zeit finden, mich vertieft mit ihrem Werk zu befassen. Ich möchte aber grundsätzlich davon absehen, eine Gegendarstellung zu veröffentlichen, in der suggeriert wird, dass irgendein anderer Akteur als Russland für den Tod von 298 Menschen verantwortlich ist. Das ist absurd.“

An dieser Stelle erscheint die Krise der Leitmedien wie in einer Nussschale komprimiert: Medienmacher wähnen sich im Besitz der Wahrheit, argumentieren politisch-moralisch und missachten journalistische Standards, weil es ja „gegen die Bösen“ geht. Eben davon handelt unser Buch.

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12 Gedanken zu „Für Putinversteher gibt’s kein Recht auf Gegendarstellung

  1. Mensch nach staatlich deutschem Recht

    Wer als ausgemachter „Systemfeind“ oder zumindest „Systemgegner“ eine Gegendarstellung von wem auch immer erwartet, hat die Funktionsweise des Regime noch nicht verstanden!

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    1. Wölfi

      Weißt du, bis jetzt machen sie ihre ganzen Terroraktionen ja selber, von Nizza bis Berlin über Madrid bis London! Das alles am Celler Loch begann, wisst ihr noch? Albrecht, Ministerpräsident von Niedersachsen, Vater von der von den Laien! Was glaubst du was los ist, wenn da mal echter Terror ist, wo kein Geheimdienst mit dem anderen das abgesprochen hat! Dann stehen die genauso im Dunkeln wie immer! Aber man bringt nicht wahllos irgendwelche Bürger um, sondern gezielt! Das ist Terror, und zwar für die Elite und nicht für die Ponte! Wäre ja alles kein Thema, wenn die uns nicht auf den Füßen stehen würden! Aber wer so kess ist, sollte auch mit Reaktionen rechnen!

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    2. marie

      dem schließe ich mich an … und trotzdem ist eine aufklärungsarbeit im sinne von snowden und assange U.V.A. (!!! natürlich auch von dem blogautor) eine hoffnung des widerstandes, die dringend unterstützung verdient hat.

      doch auch ich frage mich, WIE dies in zeiten, die an die hexenverbrennung erinnern, gelingen kann. wahrscheinlich muß dazu jeder seine eigene form finden – denn heute wie damals: das herrschende system will sich selbst erhalten und seine gegner und deren fragen und gedanken vernichten. dies allein könnte ja schon genug auskunft über die wirkungsweise des systems geben – zumindest mir erschließt sich dies relativ überzeugend – und vieleviele andere kommen zu dem gleichen ergebnis, wenn sie denn bereit sind ursachen- und hintergrundforschung zu betreiben.

      doch sie sollten sich auch schützen und mit gleichgesinnten im austausch ihren weg gehen und an die überzeugungskraft ihrer arbeit glauben – denn genau DIESE soll gebrochen und ins gegenteil verdreht werden.

      und ja („natürlich“) werden sie angegriffen und möchten sich verteidigen und die einsicht, dass dies nicht möglich ist, sollte detailliert von ihnen geschildert werden – doch auch paul schreyer erwartet wohl rehabilitation, faire betrachtung von fakten … so eine art kriminalistischer methoden bei der tätersuche und -ermittlung und am ende wohl eine (juristische) verhandlung mit einem fairen und begründeten urteil (doch wer wünscht sich das nicht als demokratisches rechtssystem???). >>> aber die verhältnisse sind nicht so … und dies hat schon brecht gewußt … er hat seine gedanken dazu geschildert und wurde weltberühmt und sogar reich damit

      es ist wohl der beste weg der aufklärung – aus ihm wäre wohl nix geworden, wenn er zu viel kraft an die dummheit und gemeinheit seiner feinde verschwendet hätte, statt einfach sein ding weiterzumachen = zum nachdenken anregen/unterhalten und provozieren und loben …

      ps. warum die feinde der aufklärung überhaupt ernst nehmen ??? warum versuchen augenhöhe herzustellen??? hat das nicht was von don quichotte???

      respekt für andersdenkende = ja, aber respekt für respektlose ist ein oxymoron

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      1. Paul Schreyer Autor

        Zitat: „doch auch paul schreyer erwartet wohl rehabilitation“
        Nein, das ist ein Missverständnis. Es geht einfach um das offenlegen und öffentlich machen von Falschdarstellungen, auch, damit niemand sich anderswo unwidersprochen darauf berufen kann. Das ignorieren öffentlicher Verleumdungen mag Energie sparen, kann auf mittlere Sicht aber auch ins Auge gehen.

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      2. marie

        lieber paul schreyer – danke für die klarstellung (uns beide vereint wohl eine hohe akribie – korrekturen und rückfragen inbegriffen – beim sprachgebrauch :-))

        ich vertraue voll ihrer individuellen art bei ihrer arbeit – es ist eine bereicherung – obwohl es nicht meine art ist – aber der inhalt bei ihnen trifft ins schwarze. das motiv meines kommentierens ist meine art der unterstützung für optimale erfolge dafür.

        doch zur sache: selbst wenn es eine pflicht zur antwort an sie gebe – stelle ich mir vor, wie winzig klein und versteckt diese dann platziert werden kann

        öffentliche verleumdung ist ja heute schon zu einem profitablen industriezweig angewachsen … und ja, ins „auge gehen“ kann immer etwas … aber bestimmt nicht ALLES … ich würde mir einfach nur wünschen, wenn auch SIE einen „profitablen industriezweig der aufklärung“ aufbauen … ich dieses „pro“ als allerbestes und wirksamen „kontra“ … zumindest den ernsthaften versuch … kenfm ist ein gutes beispiel dafür …

        nein, sie sollen es nicht ignorieren – gehen sie damit um, wie sie selbst meinen … so wie es sich für sie richtig und gut anfühlt … was denn sonst?:-)

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  2. Johannes Schya

    Das ist eine unverschämte Sauerei und macht deutlich, wie wir alle nicht nur fahrlässig sondern vorsätzlich und ganz bewusst indoktriniert und manipuliert werden sollen.

    Diesem sogenannten „Chefredakteur“ sollte man als Denkanstoß mal Christian Morgenstern’s Gedicht „Die unmögliche Tatsache“ zukommen lassen, mit dem schönen Schlussvers:
    „…
    Weil, so schließt er messerscharf,
    nicht sein kann, was nicht sein darf.“

    Hier nachzulesen: https://www.textlog.de/17451.html

    Danke Für Deinen Blog und Deine Bücher.

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  3. Simplicissimus

    Alles wird verständlich, wenn wir uns die nicht widerlegten und vom Bundesgerichtshof (bezüglich Josef Joffe) bestätigten Verbindungen der Medien zur NATO und zum militärisch-industriellen Komplex in Erinnerung rufen, wie sie in „Die Anstalt“ vom 29.04.2014 ebenso deutlich, wie verständlich, dargestellt wurden. In vorauseilendem Gehorsam gegenüber ihrem Arbeitgeber (dem Herausgeber oder dem Intendanten) berichten die Macher, wie es von Ihnen gewünscht ist. Sie wissen, dass sie sonst fliegen werden. Die Taktik „bestrafe einen, warne viele“ hat Journalisten zu Schoßhunden gemacht. Wir können keine wahrheitsgetreue Berichterstattung erwarten. Und besonders Rezensionen zeigen die Linie, die man zu vertreten hat. Wir haben es mit einer klaren Kriegsvorbereitung der USA/NATO gegen Russland zu tun. Wir sollten das realisieren, um einen klaren Blick zu erhalten oder zu bekommen. Anscheinend glaubt die Schweiz sich noch immer sicher, hinter ihren Bergen. Für radioaktive Strahlung sind sie allerdings nur ein bedingtes Hindernis.
    Anscheinend ist auch den Journalisten in der Schweiz nicht klar, dass sie nicht zu denen gehören werden, die ein Asyl in Paraguay oder Neuseeland erhalten werden. Sie schreiben (und rezensieren) auch ihren eigenen Untergang herbei. Die Nato glaubt, mit Mininukes einen Atomkrieg wieder führen zu können. Aber Putin hat, wie ich finde, glaubhaft versichert, dass er keine kleinen Atombomben besitzt. Wenn die USA wahrmachen, was sie vorhaben, wird es bei uns nur noch grauen Wind geben.

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  4. Andreas Budinger

    Lieber Herr Schreyer, vielen Dank für Ihre konstant gute Arbeit für die – und im Sinne der – Aufklärung. Wer die offensichtlichte Ironie im Titel Ihres Buches nicht versteht, ist allerdings nicht satisfaktionsfähig und gehört zu den „Relotiusmedien“.
    Liebe Grüße von einem Mitversteher

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  5. pertinger

    Was ist das eigentlich für ein abartiges „Nachrichtenportal Watson“? Es wird immer häufiger auf t-online zitiert und ist an Dummheit kaum zu überbieten.

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      1. pertinger

        Cerberus (CEO Stephen Feinberg) war Ströers Geldgeber (mind. 400 Mio. EUR) und ist mit angeblich 15% am börsennotierten Werbeflächenvermarkter Ströer beteiligt. Also haben die „Auserwählten“ mal wieder ganze Arbeit geleistet! Danke für den Hinweis!

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