Angst vor dem Einmarsch

Noble Jump 2015 a

14. August 2019   —   Das ZDF hat einen Film über „Deutschlands Rolle in der Nato und der Welt“ und die „Angst vor dem Einmarsch feindlicher Truppen“ produzieren lassen. Der Feind steht wie gewohnt im Osten – und die Filmemacher schwärmten während ihrer Recherche öffentlich von „tollen Tagen in Washington“. Soll man dazu noch irgendetwas sagen?

Derartige Dokumentationen gab es in den vergangenen Jahren bereits zur Genüge, die Kritik daran ist ebenfalls ausführlich dokumentiert. Zum vorliegenden Werk hat mein Kollege Stefan Korinth vor kurzem vieles Wichtige angemerkt. Was mich motiviert, darüber zu schreiben, ist vor allem die lässige Unbekümmertheit, mit der die Filmemacher Nick Golüke und Michael Mueller ihr Werk auch noch als cool und hip präsentieren.

So feiert man sich auf Instagram als angesagtes Reporterteam, dem in Washington alle Türen offenstanden:

„Great Days in Washington @ NATO Summit. With Latvian foreign minister Edgars Rinkēvičs and John Mueller, senior fellow at the Cato Institute. In search of solutions for a world that is becoming increasingly complex. Next Stop Amsterdam ✈️ #washingtondc #nato #nglowteam #selfie #documentary“

Nglow

Kann man den eigenen journalistischen Offenbarungseid noch klarer formulieren? Eine irgendwie geartete professionelle Distanz zu den Gesprächspartnern ist jedenfalls nicht erkennbar. Das Filmteam applaudiert unverhohlen dem Gegenstand seiner Recherchen (Nato-Aufrüstung) und identifiziert sich vollständig mit den Positionen, über die man angeblich nur berichtet. Der Film selbst macht das an vielen Stellen deutlich. Zitat:

„Deutschland wird mehr investieren und mehr leisten müssen. Nicht nur finanziell. Will Deutschland ein verlässlicher Partner sein, muss es Verantwortung übernehmen und Soldaten auch in Kampfeinsätze schicken. Denn die Aufgaben werden größer, und sie werden gefährlicher.“

Das klingt wie direkt aus der Nato-Pressestelle. Keinerlei Abstand, keine kritische Einordnung solcher Aussagen, keine einzige Gegenstimme. Es ist schlicht und einfach interessengeleitete Propaganda, und zwar mit dem Holzhammer.

Für das Team offenbar kein Problem. Kameramann und „Senior Creative Producer“ Martin Kießling veröffentlichte stolz Bilder von sich mit Bundeswehrsoldaten vor einem Panzer bei einem Manöver in Polen während der Dreharbeiten. Fasziniert berichtet er, die „Kumpel“ hätten ihn sogar „das Ding fahren lassen“.

Kießling

Ich fragte beim ZDF nach, inwiefern hier aus Sicht des Senders eine journalistische Unabhängigkeit der Filmemacher gegeben sei. In seiner Antwort betont ZDF-Sprecher Thomas Hagedorn, die Autoren verfügten „über die für solche investigativen Recherchen notwendigen Kontakte in die sicherheitspolitische Szene – und dies nicht nur auf NATO-Seite“.

Das mag sein. Möglicherweise kennen die Autoren tatsächlich auch Fachleute, die nicht die Sicht der NATO vertreten. Diesen Personen wird im Film allerdings kein Platz eingeräumt. Präsentiert und unterstützt wird allein das Narrativ der NATO.

„Verständigung unter den Völkern“

Der Journalismusforscher Dr. Florian Zollmann hat daher vollkommen recht, wenn er im Kontext dieser Dokumentation von „propagandistischer Informationsvermittlung“ spricht. Man möchte den Sender und die Filmautoren an § 5 des ZDF-Staatsvertrages erinnern, immerhin die rechtliche Grundlage der eigenen Arbeit:

„Die Angebote sollen (…) der gesamtgesellschaftlichen Integration in Frieden und Freiheit und der Verständigung unter den Völkern dienen und auf ein diskriminierungsfreies Miteinander hinwirken.“

Das ZDF selbst schreibt zum eigen Auftrag:

„Die Programme des ZDF sind den publizistischen, ethisch-moralischen und gesellschaftlichen Standards und rechtlichen Vorgaben der Sachlichkeit, Objektivität, Ausgewogenheit, Unabhängigkeit und Fairness verpflichtet. (…) Dazu muss die Vielfalt der in der Gesellschaft bestehenden Meinungen im Gesamtprogramm überparteilich, möglichst breit und vollständig dargestellt werden.“

Soweit die Theorie. Die Praxis sieht anders aus: Filme wie der vorliegende ermöglichen den für einen Krieg notwendigen Feindbildaufbau. Dies steht nicht nur in vollständigem Widerspruch zu den eigenen Leitlinien, sondern überhaupt zum Geist des Grundgesetzes (Präambel GG: „von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen“, Artikel 26 GG: „Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören (…) sind verfassungswidrig. Sie sind unter Strafe zu stellen.“

Allein, das scheint den Betreffenden herzlich egal zu sein. Der Rubel rollt, auf Instagram gibt es Likes, man ist gut im Geschäft und überhaupt voll im Trend. Kritik perlt ab und ist im Zweifel „prorussisch“. Beschwerden beim Rundfunkrat und ähnlichen Instanzen sind nutzlos. Es bleibt nur eines: abschalten.

Viele Gebührenzahler taten genau das bereits im Vorfeld. Laut Einschaltquote schauten lediglich 1,6 Millionen den Indoktrinationsbemühungen zu – trotz Claus Klebers eindringlicher Empfehlung für den Film im heute-journal.

Zur Einordnung dieser Zahl: die beiden Vorträge „Medial vermittelte Feindbilder und die Anschläge vom 11. September 2001“ von Dr. Daniele Ganser an der Universität Tübingen sowie „Die Angst der Machteliten vor dem Volk“ von Prof. Rainer Mausfeld kommen bei Youtube aktuell jeweils auf gut 1,1 Millionen Zuschauer.

Vor die Wahl gestellt, seine Zeit mit Bildung oder Propaganda zu verbringen, fällt die Entscheidung nicht schwer. Daher werden sich die Zensurbemühungen auf Youtube und anderswo zukünftig zweifellos noch verstärken.

Bild: NATO-Übung „Noble Jump“ 2015 in Polen, Foto: NATO / Public Domain

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4 Gedanken zu „Angst vor dem Einmarsch

  1. Clemens Siewert

    Mir fehlen einfach nur noch die Worte. Wie ist dies möglich? Wir Europäer schaufeln uns langsam aber sicher unser eigenes Grab. Die Kriegstreiber im Zentrum der Macht sind dabei weit weg, aber wir folgen willfähig den Führern der „werteorientierten“ USA. Wie informiert und desinteressiert die Massen sind, zeigt sich wieder an den Wahlurnen. Wetten?

    Mit freundlichen Grüßen
    Clemens Siewert

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  2. gunst01

    In der Hauptsache geht es hier doch darum, den Bürgern die Weiterproduktion völlig sinnloser Waffensysteme, wie Panzer, plausibel zu machen. Betrachtet man aber die Einsatzbereitschaft dieser unsinnigen Kolosse, wird rasch klar, dass es sich hier nur noch um eine Operettenarmee handelt, die bestenfalls für Kaisermanöver taugt. Aber die gibt es zum Glück ja nicht mehr.

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  3. MIke byke

    Hallo Gunst,

    wieso „Weltproduktion völlig sinnloser Waffensysteme“ … wenn die angewandt werden, wie z.B. Panzer, macht das doch Sinn – die relative Übervölkerung dieser Welt einzugrenzen.

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