Die Afghanistan-Pipeline

Kunduz-a

30. September 2019   —   Am vergangenen Wochenende fanden in Afghanistan Präsidentschaftswahlen statt, an denen allerdings bloß 20 Prozent der registrierten Wähler teilnahmen. Die politische Lage ist weiterhin so instabil wie seit Jahrzehnten. Abseits der Wahlen bleiben die Taliban ein bestimmender Faktor im Land, jüngst brach Donald Trump direkte Verhandlungen mit ihnen ab. Den folgenden Text, der die Vorgeschichte des Angriffs der USA und der Nato auf Afghanistan schildert, schrieb ich vor 15 Jahren, im Herbst 2004. Es war meine überhaupt erste journalistische Arbeit, entstanden und veröffentlicht damals im Rahmen eines Buchprojektes – eines Romans über 9/11, der auch einen 80-seitigen Faktenanhang enthielt. Das Buch ist lange vergriffen, der vorliegende Text aber, so scheint mir, weiterhin aktuell. Die Pipeline, um die es darin geht, wird derzeit gebaut.


„Der Triumph der Hoffnung über die Erfahrung“, so spottete Henry Kissinger Ende 1995 anlässlich eines Abkommens, das der turkmenische Alleinherrscher Niyazov in New York mit der Ölgesellschaft Unocal unterzeichnet hatte. Es ging um die sogenannte Afghanistan-Pipeline. Sie sollte das Erdgas aus der kaspischen Region, um das alle großen Mächte pokerten, quer durch das kriegsgeschüttelte Afghanistan an den Indischen Ozean leiten.

Die Pipeline war offensichtlich das große Hoffnungsprojekt für alle Beteiligten, insbesondere Turkmenistan. Dessen Dilemma war seine Lage: eingeklemmt zwischen dem Iran, der als Pipeline-Route für die USA tabu war, Afghanistan, wo der Bürgerkrieg tobte und Russland, dem eher an einer Beschränkung des turkmenischen Gasexports in den Westen gelegen war, da es sein eigenes Gas verkaufen wollte.

Der turkmenische Präsident hatte auf der Suche nach Partnern den ehemaligen US-Außenminister Alexander Haig als Berater engagiert. Öl-Multi Unocal behalf sich mit der Einstellung von ebenjenem Henry Kissinger, ebenfalls Ex-US-Außenminister. Die Affäre war offensichtlich zu einer Chefsache geworden.

Ursprünglich war es Mitte der 1990er Jahre das Ziel von Teilen des US-Außenministerums gewesen, Russland in die NATO aufzunehmen und keine Probleme durch Eingriffe in Russlands Hinterland zu schaffen. Doch Russland glitt ab ins Chaos, und die pro-russische Politik geriet unter Beschuss. Nicht nur innerhalb der Regierung, auch seitens der Öl-Konzerne, die eine „flexiblere“ Außenpolitik gegenüber der früheren Sowjetunion forderten. Was heißen sollte, dass man das Öl und Gas der kaspischen Region nutzte, und die neuen Staaten, wie Aserbaidschan, Kasachstan und Turkmenistan ins westliche Lager zog. Die Ölfirmen, die in der Region investierten, forderten mehr Mitspracherecht in der amerikanischen Außenpolitik.

Und es blieb nicht bei Worten. Anfang 1995 hatten die Großen der Branche in Washington die private Foreign-Oil-Companies-Gruppe gegründet, um ihre Interessen in der kaspischen Region zu fördern. Als Berater konnten die Multis eine ganze Reihe klangvoller Namen aus der großen Politik engagieren: neben Kissinger auch Präsident Carters alten Sicherheitsberater und Chefstrategen Zbigniew Brzezinski, sowie konservative Ex-Minister wie Richard Armitage oder Lawrence Eagleburger.

Die Kontakte trugen Früchte. Die Gruppe traf sich mit der Energieexpertin im nationalen Sicherheitsrat und später, im Sommer 1995, mit dem Nationalen Sicherheitsberater selbst. Der hatte bereits eine Arbeitsgruppe gebildet, um eine Studie über die Öl- und Gasinteressen der USA in der kaspischen Region anzufertigen. Mit dabei waren Leute vom Außenministerium, dem Sicherheitsrat sowie der CIA.

Die Taliban, die sich zu der Zeit in Afghanistan formierten und Stück für Stück das Land besetzten, genossen das vorsichtige Wohlwollen dieser Kreise, denn sie untergruben den iranischen Einfluss in der Region. Eine Afghanistan-Pipeline, sollte sie denn zustande kommen, würde iranische Pipeline-Projekte in Zentralasien dauerhaft verhindern und den Iran weiter isolieren, was im allgemeinen Interesse lag.

1996 verstärkten sich die Bemühungen. Der US-Botschafter in Pakistan drängte Premierministerin Bhutto, das Exklusivrecht für die Pipeline an Unocal zu vergeben. Auch die stellvertretende US-Außenministerin wies anlässlich eines Besuchs in der Region auf das nationale Interesse an der Unocal-Pipeline hin. Und die Ölgesellschaft selbst ließ verlauten, man wolle den afghanischen Kriegsherren humanitäre Hilfe zukommen lassen, sobald diese sich einverstanden erklärten, einen Aufsichtsrat für das Projekt zu bilden.

„Kein Parlament und jede Menge Scharia – damit können wir leben“

Im September 1996 kam man dem Ziel näher: Kabul fiel an die Taliban. Es vergingen nur wenige Stunden, bis das US-Aussenministerium erklärte, dass es bald wieder diplomatische Beziehungen zu Afghanistan aufnehmen würde (die Ankündigung wurde allerdings hastig zurückgezogen; soviel Parteilichkeit war nicht opportun). Aber auch der Vorsitzende des zuständigen Senats-Ausschusses ließ sich in diesem Sinne zitieren: „Das Gute an allem ist, dass endlich eine der Gruppierungen in Afghanistan imstande zu sein scheint, eine Regierung zu bilden.“ Damit traf er wohl die Stimmung in Regierungskreisen.

Im Nachbarland Pakistan standen die Dinge gleichfalls gut. Nach Ablösung der Bhutto-Regierung Ende 1996 wurde Unocal vom neugewählten Premierminister, dem Militär und dem mächtigen Geheimdienst ISI voll unterstützt. Ein erhellendes Statement zum neuen Regime gab ein US-Diplomat in Pakistan: „Wahrscheinlich werden sich die Taliban wie die Saudis entwickeln. Es wird Aramco, Pipelines, einen Emir, kein Parlament und jede Menge Scharia geben. Damit können wir leben.“ (Aramco war das Konsortium der amerikanischen Öl-Firmen, die den Abbau des saudischen Öls kontrollierten, bis es von der saudischen Regierung verstaatlicht wurde; Scharia ist das Gesetz des Koran.)

Und Anfang 1997 kam man sich persönlich näher. Eine Delegation der Taliban besuchte Washington. Ihr lag an einer offiziellen Anerkennung des isolierten Regimes; sie führte Pipeline-Gepräche mit Vertretern von Unocal.

Die Ölgesellschaft verstärkte in der Folge ihr Personal. Sie engagierte den ehemaligen US-Botschafter in Pakistan (der dort wegen seines arroganten Auftretens oft „der Vizekönig“ genannt worden war). Weiterhin wurde Zalmay Khalizad angestellt. Unter Reagan als Sonderberater für Afghanistan tätig, erarbeitete er nun für Unocal eine Risiko-Analyse der Afghanistan-Pipeline und vermittelte Gespräche mit den Taliban.

Die aber blieben schwierig. Nicht nur die Pacht für die Pipeline-Strecke war ihnen wichtig (man sprach von 100 Millionen US-Dollar), sie wollten auch, dass die Ölfirma Straßen baute und das rückständige, schwer zerstörte Land mit Wasser, Strom- und Telefonnetzen versah.

Anfang 1998 erklärte Unocal schließlich, dass das Projekt auf unbestimmte Zeit verschoben sei, da man es, solange der Krieg in Afghanistan anhalte, nicht finanzieren könne. Als dann auch noch Mitte des Jahres Bombenanschläge die amerikanischen Botschaften in Ostafrika erschütterten und die USA als Antwort Raketen auf Afghanistan feuerten, zog die Ölgesellschaft alle Mitarbeiter aus Islamabad und Kandahar ab.

Zur selben Zeit sanken die internationalen Ölpreise auf ein Rekordtief von 13 US-Dollar pro Barrel, im Vergleich zu 25 US-Dollar 1997. Grund war der Nachfragerückgang durch die Wirtschaftsflaute in Asien. Das machte die Nutzung des kaspischen Öls, das teuer zu fördern und zu transportieren ist, unrentabel.

Doch es sollte nur ein zeitweiliger Rückschlag sein. 1999 hatten die Lobby-Gruppen den US-Kongress soweit, dass er ein Gesetz mit dem flotten Titel „Silk Road Strategy Act“ verabschiedete. Der Name spielte auf die Tradition der alten Seidenstraße an. Dort hieß es: „Die Region des Süd-Kaukasus sowie Zentralasien könnten Öl und Gas in ausreichender Menge bereitstellen, um die Abhängigkeit der USA vom Persischen Golf zu verringern.“ Das „Seidenstraßen-Strategie-Gesetz“ stellte klar: „Es soll die Politik der USA in diesen Ländern sein, amerikanische Geschäftsinteressen und Investitionen zu unterstützen.“ Jetzt war es also offiziell.

Zum Thema Afghanistan wurde nun auch der UN-Sicherheitsrat tätig. Als Antwort auf die Anschläge in Ostafrika, die Al-Qaida angelastet wurden, verabschiedete er eine Resolution. Die forderte die Taliban auf, Bin Laden auszuliefern und drohte ihnen Sanktionen an.

Ölversorgung und Terrorismus

Von nun an wurden die Pipeline-Verhandlungen mehr und mehr vom Thema Terrorismus überschattet. „Geben Sie uns Bin Laden“ lautete die wiederholte Forderung des US-Außenministeriums an die Taliban. Der Gesuchte hatte sich im Land aber anscheinend unentbehrlich gemacht.

Den verschwiegenen Hintergrund der Pipeline-Planung erhellte schließlich im Mai 2000 eine Konferenz. Ort war das „James A. Baker III Institute for Public Policy“ in Houston, Texas. Dieses politische Institut (benannt nach dem Außenminister unter Bush senior) hatte Öl-Experten und politische Entscheidungsträger eingeladen, um zum Thema „Aussichten für die zukünftige Welt-Öl-Versorgung“ zu sprechen. Einige Passagen des Schlussberichts sind lesenswert:

„Nur zwei Jahre nach einem historischen Crash der Ölpreise ist die Welt in eine Öl-Versorgungs-Situation geraten, die prekärer ist als jemals zuvor seit dem Öl-Schock von 1973. Die Bestände der großen Ölfirmen schwanken um historische Tiefstände, und die Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) hat weniger Ersatz-Kapazitäten als in den letzten drei Jahrzehnten. In einem Markt mit so geringer Reserve, um unvorhergesehene Ereignisse abzudecken, werden die Ölpreise extrem anfällig für wahrgenommene Versorgungs-Risiken. Eine solche Marktsituation erhöht den möglichen Einfluss von ansonsten kleineren Produzenten, wie dem Irak, wo geopolitische Überlegungen – und Konflikte – zuvor die Produktions-Entscheidungen beeinflusst haben.

Das Rohöl aus dem Persischen Golf hat derzeit einen Anteil von 25 Prozent an der Ölversorgung der Welt, aber dieser Beitrag könnte im kommenden Jahrzehnt auf 30 bis 40 Prozent wachsen, da die Produzenten der Region mehr investieren wollen, um dem wachsenden Ölbedarf Asiens gerecht zu werden. Wenn politische Faktoren die Entwicklung neuer Ölfelder im Persischen Golf blockieren würden, könnten die Auswirkungen auf die weltweiten Ölmärkte schwerwiegend sein.

Bruce Riedel, Sonderberater des Präsidenten [Clinton] und Direktor für Nahost- und Südasien-Angelegenheiten im Nationalen Sicherheitsrat machte deutlich, dass die jetzige Regierung Sanktionen als ein bedeutendes und erfolgversprechendes politisches Mittel erachtet. ‚Der Mittlere Osten ist ein Gebiet von absoluter strategischer Bedeutung für die USA. Er ist lebenswichtig für die Zukunft unseres Landes.‘ Riedel erklärte: ‚Sanktionen sind Teil einer breiteren Politik, die von diplomatischen Bemühungen bis zur Präsenz amerikanischer Streitkräfte reicht.‘

James Bodner, Unterstaatssekretär im Verteidigungsministerium, führte aus, dass die USA heute besser als je zuvor darauf vorbereitet seien, Unterbrechungen in der Energie-Versorgung vorzubeugen. Er erwähnte, dass die Vereinigten Staaten im Jahr 1980 noch drei Monate gebraucht hatten, um eine Division an den Persischen Golf zu bringen, wo darüberhinaus nur drei Schiffe stationiert waren, von denen keines ein Flugzeugträger war. Heute würden die USA durchschnittlich 25.000 Soldaten und 30 Schiffe am Persischen Golf verfügbar haben. Ein bis zwei Flugzeugträger seien permanent vor Ort, und 175 Kampfflugzeugen wäre es möglich, Einrichtungen in allen sechs angrenzenden Ländern zu erreichen.

Stephen Grummon, Direktor für den Nahen Osten und Südasien im US-Außenministerium, ergänzte, dass die „Talibanisierung“ eine andere große Bedrohung für die Energie produzierenden Staaten des Persischen Golfs und der kaspischen Region sei. Dieses Phänomen habe bereits großen Einfluss auf Pakistan und drohe sich auf den Persischen Golf auszudehnen. Grummon warnte: Pakistans Situation müsse ‚aufmerksam beobachtet‘ werden. Es bleibe abzuwarten, ob die Taliban nur eine nationale Bewegung seien, die nach einem möglichen Sieg in Afghanistan zur Ruhe kommt und sich auf das Regieren beschränkt, oder ob sich die Taliban als religiöse Bewegung sehen, die an den Landesgrenzen nicht halt macht.“

Kriegsplanungen

So standen die Dinge im Mai 2000. Ein halbes Jahr später, im Dezember – es waren die letzten Tage der Regierung Clinton – berichtete dann die Washington Post, die Vereinigten Staaten hätten „still begonnen“, sich mit jenen Kräften in der russischen Regierung zu verständigen, die ein militärisches Vorgehen gegen Afghanistan forderten. „Bevor man unter lokalem Druck zurückwich, ging man so weit zu erkunden, ob ein zentralasiatisches Land sein Territorium für einen solchen Zweck zur Verfügung stellen würde“, so die Zeitung weiter. Russland und die USA diskutierten, „welche Art von Regierung die Taliban ersetzen sollte.“

Das Jahr 2001 sollte turbulent werden. Und der neue Präsident Bush ließ keine Zeit verstreichen. Eine seiner ersten Amtshandlungen noch im Januar war die Bildung einer Arbeitsgruppe zur „Entwicklung einer Nationalen Energiepolitik“. Treibende Kraft dieser Initiative war Vizepräsident Cheney gewesen. Und ihm übertrug der Präsident dann auch die Leitung. Die Arbeitsgruppe sollte Fakten sammeln und der Regierung Empfehlungen geben. Nach zwei Monaten wurde ein Zwischenbericht vorgelegt, der die Risiken und Herausforderungen der zukünftigen Energie-Versorgung hervorhob.

In der öffentlichen Diskussion wurde dieser Aspekt immer mehr betont. Führende Kreise in Amerika, wie der Council on Foreign Relations, sprachen sich im April für „militärische Intervention“ als Mittel zur Sicherung der Energie-Versorgung aus. Eine Beteiligung des Verteidigungsministeriums an der Energiepolitik-Arbeitsgruppe wurde angemahnt. Gleichzeitig sagte Tommy Franks, der Oberbefehlshaber über die Truppen am Persischen Golf und in Südasien, er betrachte den „Zugang zu den Energie-Ressourcen“ als eine der Kernaufgaben seines Kommandos.

Auch eine Übung zum Thema wurde abgehalten. Ein führender US-General wurde, allerdings erst 2002, von der Nachrichtenagentur AFP dazu zitiert:

„Die Details der Operation ‚Enduring Freedom‘ [der Krieg in Afghanistan nach dem 11. September 2001] waren zum großen Teil übernommen von einem Szenario, das die Streitkräfte im Mai 2001 trainiert hatten.“

Mitte Mai besuchte General Franks dann Tadschikistan, von ihm „ein strategisch wichtiges Land“ genannt, dem er bei dieser Gelegenheit Militärhilfe anbot. Zu dieser Zeit wurden nach Presseberichten auch Spezialeinheiten im benachbarten Kirgisien von US-Rangern trainiert; nach unbestätigten Meldungen auch tadschikische und usbekische Sondereinheiten in Alaska und Montana.

Ziviler ging es derweil in Washington zu. Dort legte Cheneys Arbeitsgruppe ihren Abschlussbericht zur nationalen Energiepolitik vor. Auch er beschrieb die Lage recht offen:

„Amerika steht im Jahr 2001 der ernstesten Energie-Knappheit seit den Öl-Embargos der 70er gegenüber. Ein grundsätzliches Missverhältnis zwischen Versorgung und Nachfrage kennzeichnet die Energie-Krise unserer Nation. Dieses Missverhältnis wird, wenn es weiterhin anhält, unsere Wirtschaft, unseren Lebensstandard und unsere nationale Sicherheit untergraben.

Die Schätzungen zeigen, dass der Öl-Verbrauch im Land in den nächsten 20 Jahren um 33 Prozent zunehmen wird, der Gas-Verbrauch sogar um 50 Prozent und die Nachfrage nach Elektrizität um 45 Prozent.

Unsere steigende Abhängigkeit von ausländischem Öl illustriert deutlich unser Versagen, eine effektive Energiepolitik aufzubauen. Zwischen 1991 und 2000 verbrauchten die Amerikaner 17 Prozent mehr Energie als im Jahrzehnt zuvor, während gleichzeitig die einheimische Energieproduktion nur um 2,3 Prozent wuchs. Während die Produktion von Kohle, Erdgas, Atom- und erneuerbarer Energie in den letzten Jahren etwas angestiegen ist, machte der Rückgang bei der einheimischen Ölproduktion diese Zuwächse zum Großteil wieder zunichte. In der Tat hat Amerika fast den gesamten Anstieg seines Energieverbrauchs in den letzten zehn Jahren mit steigenden Importen aufgefangen.

Öl ist die Hauptenergiequelle der Nation, sie liefert fast 40 Prozent des gesamten Energiebedarfs. Im Jahr 2000 verbrauchten die USA durchschnittlich 19,5 Millionen Barrel Öl am Tag. Kraftstoffe machen zwei Drittel des Verbrauchs aus, die Industrie benötigt weitere 25 Prozent.

Der Import von Energieträgern macht 11 Prozent aller US-Importe aus. Das Energiebilanzdefizit betrug im Jahr 2000 120 Milliarden Dollar, das meiste davon wurde für Öl-Importe ausgegeben.

Die amerikanischen Öl-Importe betragen 4 Milliarden Barrel im Jahr, was bedeutet, dass der Anstieg des Preises von importiertem Öl um nur einen Dollar die US-Ausgaben um 4 Milliarden Dollar in die Höhe schießen lässt.

Die Vereinigten Staaten verbrauchen mehr als 25 Prozent der weltweiten Öl-Produktion, wovon sie etwas mehr als die Hälfte importieren.

Im Jahr 2000 kamen gut 55 Prozent der US-Öl-Importe aus vier Ländern: 15 Prozent aus Kanada, je 14 Prozent aus Saudi Arabien und Venezuela und 12 Prozent aus Mexiko. Bis 2020 werden die Golf-Ölproduzenten wahrscheinlich zwischen 54 und 67 Prozent des Welt-Ölbedarfs liefern. Die Weltwirtschaft wird also weiterhin von der Versorgung durch die OPEC, besonders den Persischen Golf, abhängen. Diese Region bleibt lebenswichtig für die US-Interessen.

Die gesicherten Ölreserven von Aserbaidschan und Kasachstan betragen ungefähr 20 Milliarden Barrel, etwas mehr als die Nordsee und etwas weniger als die Vereinigten Staaten. Die Erforschung geht jedoch weiter und es wird damit gerechnet, dass die gesicherten Ölreserven noch bedeutend ansteigen werden. Die Exporte aus der Region betragen derzeit nur etwa 0,8 Millionen Barrel pro Tag, zum Teil wegen der begrenzten Transportkapazitäten. Die Exporte könnten jedoch bis 2005 auf 1,8 Millionen Barrel pro Tag ansteigen, da die USA eng mit Privatunternehmen und Ländern der Region zusammenarbeiten, um kommerziell nutzbare Exportrouten zu entwickeln, z.B. die Baku-Tiblissi-Ceyhan und Caspian-Pipeline-Consortium-Öl-Pipelines.

China ist ein Schlüsselland in Fragen der globalen Energiesicherheit, da man damit rechnet, dass seine Öl-Importe von gegenwärtig 1 Million Barrel Öl am Tag bis 2020 möglicherweise auf 5 bis 8 Millionen Barrel ansteigen mit einer über 70-prozentigen Abhängigkeit vom Mittleren Osten. China wurde Mitte der 90er von einem Öl-Exporteur zu einem Öl-Importeur.“

Soweit die Auszüge aus dem Abschlussbericht von Cheneys Kommission. Die Afghanistan-Politik nahm derweil bedrohliche Formen an. Im Juni 2001 berichtete ein indisches Magazin, dass Indien und der Iran die amerikanisch-russischen Pläne für „begrenzte militärische Maßnahmen“ gegen die Taliban unterstützten, falls die neuen Wirtschafts-Sanktionen nicht greifen sollten. Präsident Putin hatte sich auch schon so geäußert. Es könne zu militärischen Maßnahmen gegen die Taliban kommen, eventuell auch mit russischer Beteiligung, unter Nutzung von Stützpunkten in Usbekistan und Tadschikistan.

Drohung an die Taliban sieben Wochen vor 9/11

Ende Juli, sieben Wochen vor den Anschlägen, fand dann das denkwürdige und vielzitierte Treffen in einem Berliner Hotel statt. Es war das dritte in einer Reihe von Hintergrundgesprächen, die sich „Brainstorming zu Afghanistan“ nannten. Dabei waren die drei Amerikaner Tom Simmons (Ex-Botschafter in Pakistan), Karl Inderfurth (Ex-Staatssekretär im Außenministerium) und Lee Coldren (Ex-Außenministeriums-Experte für Südasien). Ihre Gesprächspartner waren russische und pakistanische Geheimdienstleute sowie der Ex-Außenminister Pakistans, Niaz Naik. Die Teilnehmer hatten langjährige diplomatische Erfahrung in der Region. Sie arbeiteten nicht mehr im Staatsdienst, standen aber mit ihren Regierungen in engem Kontakt. Vertreter der Taliban, die bisher teilgenommen hatten, boykottierten dieses Treffen. Der pakistanische Geheimdienst übermittelte ihnen jedoch später die Ergebnisse.

Während des Treffens erwähnte Lee Coldren, die Amerikaner seien derart frustriert über die Taliban, dass sie militärische Maßnahmen in Erwägung zögen. Ex-Außenminister Niaz Naik erinnerte sich später, bei dem Treffen von den Amerikanern gehört zu haben, dass eine Aktion zum Sturz der Taliban geplant sei, „bevor es in Afghanistan zu schneien beginnt, spätestens Mitte Oktober“. Ziel sei es, sowohl Bin Laden als auch Mullah Omar zu töten oder gefangenzunehmen, das Taliban-Regime zu stürzen und eine moderate Übergangsregierung zu installieren. Naik wurde mitgeteilt, dass Washington die Aktionen von Stützpunkten in Tadschikistan aus starten würde. Amerikanische Berater seien bereits dort. Auch Usbekistan würde teilnehmen, und 17.000 russische Soldaten stünden in Bereitschaft. Naik sagte später:

„Hätten die Taliban die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit akzeptiert, hätten sie sofort internationale Wirtschaftshilfe erhalten. Und die Pipelines aus Kasachstan und Usbekistan über Afghanistan wären gebaut worden.“

Kurze Zeit später erreichten die Kriegsvorbereitungen ihr Endstadium. Am 9. September, zwei Tage vor den Anschlägen, wurde Präsident Bush eine Nationale Sicherheits-Direktive zur Unterschrift vorgelegt. Ihr Inhalt war ein Plan, „Al-Qaida zu beseitigen“, der alle Aspekte von diplomatischen Initiativen bis zu Militäroperationen in Afghanistan enthielt. Die Bombardierungen begannen vier Wochen später.

Und ein Kreis schien sich zu schließen. 1995 hatte Henry Kissinger das Abkommen für die Afghanistan-Pipeline, das der turkmenische Präsident Niyazow damals mit Unocal geschlossen hatte, noch als „Triumph der Hoffnung über die Erfahrung“ verspottet. Damals hatte er recht behalten. Im Mai 2002 allerdings waren alle um eine Erfahrung reicher – und es gab wieder Hoffnung: Afghanistans neuer Übergangspräsident Karsai, Pakistans Putschgeneral Musharraf und der langlebige Alleinherrscher Niyazow unterzeichneten eine neue Vereinbarung über das 3-Milliarden-Dollar Projekt „Afghanistan-Pipeline“. Karsai nannte Unocal die „führende Firma“, um die Pipeline zu bauen.

Bild: Tal bei Kunduz, Foto: Dirk Haas / CC BY 2.0

14 Gedanken zu „Die Afghanistan-Pipeline

  1. Karl Zollmann

    Guter Text, aber die Pipeline-Theorie war nie wirklich plausibel. Die Taliban wollten sie ja bauen. Nur wegen des Kriegs konnte sie bis heute noch nicht gebaut werden.

    Der Krieg und Regime Change musse damals rasch erfolgen, weil die Nordallianz kurz vor dem endgültigen Aus stand. Ohne Nordallianz hätten die USA eigene Bodentruppen einsetzen müssen. Das wollte man vermeiden.

    Auch in Syrien hat sich die Pipeline-Theorie als ziemlicher Flop entpuppt. Assad wollte nichts verhindern, und Iran wollte nichts bauen. Escobar und andere Vertreter lagen damit letztlich einfach falsch.

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    1. Paul Schreyer Autor

      Aus welchen Fakten Sie Ihre These herleiten, ist mir unklar. Aus dem Artikel geht klar hervor, dass die Pipeline-Pläne in den Monaten vor 9/11 durch die Taliban stark gebremst wurden.

      Was Syrien angeht, gab es zwei konkurrierende Pipeline-Projekte und Routen: eine von Katar über Saudi-Arabien nach Syrien, die andere vom Iran über den Irak nach Syrien. Assad hatte sich 2010 für die Iran-Pipeline entschieden, was nicht im Interesse von Katar, Saudi-Arabien und den USA lag, die Assad fortan zu stürzen versuchten: https://www.counterpunch.org/2015/12/08/syria-ultimate-pipelineistan-war/

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      1. Karl Zollmann

        Natürlich gab es damals Verhandlungen und Verzögerungen, aber die Taliban waren sehr an der Pipeline (und den Transitgebühren) interessiert. Hätten die USA die Pipeline bauen wollen, hätten sie ganz sicher keinen Krieg angefangen. Der Krieg hatte und hat völlige andere Gründe.

        Die Syrien-Pipeline-Theorie ist ebenfalls ein Märchen. Weder der Iran noch Saudia-Arabien hatten je solche konkreten Pläne, und Assad hat auch nie etwas abgelehnt, das war ein völlig unbelegtes Gerücht. Recherchieren Sie das bitte nochmals sorgfältig. Der Iran wird auch jetzt keine Pipeline durchs Mittelmeer bauen, allein die Idee ist schon völlig abwegig.

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      2. Karl Zollmann

        Zu Syrien zum Beispiel hier: https://truthout.org/articles/the-war-against-the-assad-regime-is-not-a-pipeline-war/ und https://www.middleeasteye.net/big-story/pipelineistan-conspiracy-war-syria-has-never-been-about-gas

        Zu Afghanisten: „The Taliban in a statement issued Friday pledged to protect the TAPI pipeline, saying the project was negotiated and brought to Afghanistan when the Islamist group was ruling the country. But critics questioned the insurgency’s claims in the wake of latest attacks.“ http://www.warfare.today/2018/02/27/war-for-afghanistan-gas-pipeline-begins/

        Und: http://news.bbc.co.uk/2/hi/south_asia/1626889.stm
        https://slate.com/culture/2001/12/is-the-afghan-war-about-an-oil-pipeline.html

        In beiden Fällen, Syrien und Afghanistan, machte die Pipeline-Theorie wirklich nie Sinn.

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      3. Paul Schreyer Autor

        Vorsicht mit den Quellen! Ihre Quelle (https://www.middleeasteye.net/big-story/pipelineistan-conspiracy-war-syria-has-never-been-about-gas) stützt sich vor allem auf Aussagen von Justin Dargin, der etwa sagt:

        „There are no credible sources that show that Qatar even approached Syria in 2009 and was rebuffed in the process. I am not saying it definitely did not occur, rather there is no evidence supporting this claim.“

        Das ist in meinen Augen eine sehr wachsweiche Aussage. Wer ist eigentlich Justin Dargin? Laut eigener Aussage arbeitet er selbst für große Energiekonzerne:

        http://www.justindargin.com/about.html

        „Mr Dargin has advised some of the leading international and national energy companies, governments and multilateral organizations as to strategic investment and geopolitical issues in the energy sector.“

        Es ist immerhin denkbar, dass diese Verbindung seine Expertise einfärbt, sprich, dass er möglicherweise bewusst abwiegelt, um das Thema im Sinne seiner Auftraggeber klein zu halten.

        Ganz anders als Dargin urteilt Foreign Affairs, immerhin eines der international führenden außenpolitischen Blätter:

        https://www.foreignaffairs.com/articles/syria/2015-10-14/putins-gas-attack

        Volltext hier: https://www.antiwarblog.info/2015/10/14/syrian-war-explainer-it-is-about-russian-and-american-block-rivalary/

        Zur Einordnung: Ich gehe keineswegs davon aus, dass die Kriege in Afghanistan und Syrien „wegen“ der strittigen Pipelines geführt werden. Aber eine Rolle im Machtpoker und der komplexen Entscheidungsfindung bei (teuren) militärischen Einsätzen spielen sie zweifellos.

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      4. Karl Zollmann

        Die Artikel zeigen detailliert auf, dass es für die Pipeline-These in beiden Fällen gar nie Evidenz gab. Deshalb gibt es auch nichts abzuwiegeln. Dass Dargin sich im Energiebusiness auskennt spricht nicht gegen ihn, im Gegenteil: Allen Profis ist klar, dass es in Syrien nie um Pipelines ging, weil die genannten Projekte völlig unrealistisch sind.

        Die Autoren von Foreign Affairs sind auf die exakt gleiche Ente hereingefallen wie alle anderen Autoren auch, die in den obigen Artikeln bereits sorgfältig widerlegt wurde. Es war eine einzige anonyme Falschmeldung ohne Quellen und ohne nichts.

        Natürlich kann man vermuten, dass diese Falschmeldung absichtlich verbreitet wurde, um zu sagen, Putin geht es wieder nur ums Gas, er will Europa abhängig halten und erpressen. So gesehen würde diese Falschmeldung wenigstens etwas Sinn ergeben.

        In Afghanistan ist es denkbar, dass die USA den Taliban die Pipeline versprachen, die die Taliban unbedingt wollten, aber zusätzlich einen Militärstützpunkt im Land wollten, was die Taliban ganz sicher nicht wollten. Aber die Pipeline war unmöglich ein Kriegsgrund.

        Das soll jetzt aber keine Kritik an Ihnen sein! Das Pipeline-Märchen geistert ja schon lange durchs WWW.

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      5. Paul Schreyer Autor

        Ich habe heute beim Autor des Artikels in „Foreign Affairs“ nachgefragt, welche Quellen er für diese Aussage in seinem Text hat (Link siehe oben):

        „in 2009, Qatar proposed to build a pipeline to send its gas northwest via Saudi Arabia, Jordan, and Syria to Turkey, an investment of billions of dollars up front that would reduce transportation costs over the long term. However, Syrian President Bashar al Assad refused to sign the plan; Russia, which did not want to see its position in European gas markets undermined, put him under intense pressure not to.“

        Falls ich Antwort bekomme, werde ich es hier posten.

        Dass Pipeline-Pläne generell keine Rolle für Kriegsentscheidungen in der Region spielen, halte ich, unabhängig von diesem konkreten Fall, dennoch für unrealistisch – auch wenn hier letztlich viele Faktoren zusammenspielen.

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      6. Karl Zollmann

        Die Quelle ist diese eine anonyme Falschmeldung, die in den verlinkten Artikeln ausführlich zurückverfolgt und widerlegt wird. Eine andere Quelle gibt es nicht. Alle Pipeline-Autoren von Escobar bis Ganser bezogen sich immer auf diese eine Fake-Meldung.

        Die Quatar-Pläne wurden nicht von Assad ausgebremst, sondern von Saudi-Arabien, das keinen Konkurrenten will. Und Iran hatte nie vor, eine eigene Pipeline durchs Mittelmeer zu bauen, was auch völlig unrealistisch ist. Iran ist aber interessiert an einem Anschluss an die türkische Pipeline (Ex-Nabucco).

        Und natürlich sind die Kriegspläne gegen Assad und seinen Vater viel älter als die jüngsten Pipeline-Ideen. Bei den Pipelines geht es immer um Transitgebühren, aber Krieg ist in jedem Fall Gift für solche weiträumigen Infrastruktur-Projekte. Einige irakische Pipelines sind deshalb seit zwanzig Jahren nicht mehr in Bebtrieb.

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      7. Paul Schreyer Autor

        Vielleicht habe ich etwas übersehen, aber alles, was ich in den von Ihnen verlinkten Quellen finde, ist die Behauptung des (laut Eigendarstellung) „für internationale Energiekonzerne“ und ungenannte „Regierungen“ tätigen Experten Justin Dargin, dass die AFP-Meldung von 2013, wonach Assad 2009 die Pläne für die Katar-Pipeline zurückgewiesen habe, sich nicht weiter belegen ließe. Dargin streitet die Richtigkeit der AFP-Meldung also nicht etwa ab, wie Sie es unterstellen, sondern äußert lediglich Zweifel daran.

        Wie Sie angesichts dessen von einer „Fake-Meldung“, auf die viele Autoren sich seither fahrlässig stützen würden, sprechen können, ist mir nicht ersichtlich. Entweder Sie lesen Ihre eigenen Quellen nicht genau oder Sie verbreiten hier selbst Desinformation.

        Weiterhin: Das Wall Street Journal berichtete am 25. Juli 2011, dass die Ölminister von Irak, Iran und Syrien gerade eine Vereinbarung für eine Erdgas-Pipeline unterzeichnet hätten, die vom Iran durch den Irak nach Syrien verlaufen solle, 10 Mrd. Dollar kosten werde und innerhalb von drei Jahren (also 2014) fertiggestellt sein solle.

        https://www.wsj.com/articles/SB10001424053111903591104576467631289250392

        Der Bericht über diese Vereinbarung datiert wie gesagt vom 25. Juli 2011. Nur 4 Tage später, am 29. Juli 2011, wurde von desertierten syrischen Offizieren die „Freie Syrische Armee“ gegründet, um Assad militärisch zu stürzen. Damit begann der bewaffnete Kampf der Assad-Gegner.

        https://www.joshualandis.com/blog/free-syrian-army-established-to-fight-the-syrian-army/

        Sie schreiben: „Krieg ist in jedem Fall Gift für solche weiträumigen Infrastruktur-Projekte“. Natürlich – geplant war ja aber auch kein langjähriger Krieg, sondern ein rascher Regime Change, so dass man mit der neu eingesetzten Regierung dann schnell die favorisierten Geschäfte hätte einfädeln können.

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      8. Karl Zollmann

        Ich habe zu Syrien zwei Artikel verlinkt von zwei Autoren, nicht nur einen. Beide zeigen, dass an der AFP-Meldung nichts dran ist. Keine namentlichen Quellen, keine unabhängige Bestätigung, keine Belege, nichts. Und sie zeigen, dass die These chronologisch unsinnig ist, und weitere Argumente dagegensprechen. Wie eben, dass Quatar seit Jahren von Saudi-Arabien blockiert wurde. Das ist somit eine Fake-Meldung. Wahrscheinlich sogar Anti-Russland-Propaganda.

        Die Iran-Syrien-Libanon-Pipeline gibt es schon, sie ist seit langem nicht mehr in Betrieb und soll deshalb modernisiert bzw. neu gebaut werden. Dabei geht es aber um lokale Energieversorgung, nicht um die Versorgung Europas. Das sind ganz andere Dimensionen. Dies als Kriegsgrund herzuziehen ist völlig abwegig, und Escobar usw. beziehen sich ja auch nicht darauf.

        Der Syrienkrieg wurde auch nicht erst 2011 geplant, sondern lange davor, lange bevor es diesen oder andere Pipelinepläne gab. Die Wikileaks-Dokumente belegen solche Pläne seit den 80er Jahren, dann 2003, dann 2006, und dann im Zuge des Arabischen Frühlings. Sowas wird nicht innerhalb von drei Tagen entschieden.

        Wie gesagt, ein REgime Wechsel war aus Pipeline Sicht gar nicht erforderlich, ob kurz oder lang. Die These macht von Grund auf keinen Sinn. Assad hat ja übrigens auch nie gesagt, er werde wegen irgendeiner Pipeline angegriffen. Bei Afghanistan genau dasselbe. Die Taliban sagten damals und sagen heute immer noch, dass sie die Pipeline wollen.

        Dass die Oelfelder in Ostsyrien besetzt werden spricht ebenfalls nicht für die Pipeline-Theorie. Hier geht es darum, die Rebellen/Terroristen zu finanzieren und Assad in die Knie zu zwingen. Die syrischen Oelfelder sind viel zu klein um Europa zu versorgen.

        Es mag hart für Sie sein, nach zwanzig Jahren zu realisieren, dass die Pipeline-Theorie kompletter Unfug ist. Aber besser spät als nie.

        Die Theorie wird übrigens fast nur von Energie-Laien/Amateuren vertreten wie Escobar, Nafeez, Ganser usw. Leute aus dem Business können darüber nur lachen. Glauben sie in Libyen, Irak oder sonstwo lassen sich heute bessere Geschäfte machen als vorher?

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      9. Paul Schreyer Autor

        Immer langsam. 🙂 Sie schreiben: „Ich habe zu Syrien zwei Artikel verlinkt von zwei Autoren, nicht nur einen. Beide zeigen, dass an der AFP-Meldung nichts dran ist.“

        Das ist falsch. Im Truthout-Artikel von Gareth Porter, dem zweiten Artikel, den Sie verlinkt haben, heißt es:

        „That claim has no credibility for a very simple reason: there was no Qatari proposal for Syria to reject in 2009. It was not until October 2009 that Qatar and Turkey even agreed to form a working group to develop such a gas pipeline project.“

        Argumentiert wird also, Assad habe 2009 noch gar kein Angebot Katars zurückweisen können, da Katar erst im Oktober 2009 mit den Planungen für die Pipeline begonnen habe. Die Logik erschließt sich mir leider überhaupt nicht, noch weniger die Schlussfolgerung aus diesen Fakten, die These habe angesichts dessen „keinerlei Glaubwürdigkeit“.

        Weiter schreiben Sie: „Die Iran-Syrien-Libanon-Pipeline gibt es schon, sie ist seit langem nicht mehr in Betrieb und soll deshalb modernisiert bzw. neu gebaut werden.“

        Offenbar reden wir hier von verschiedenen Pipelines. Die Pipeline, die 2011 von den Ölministern Irans, Iraks und Syriens vereinbart wurde, ist bislang NICHT gebaut worden. Siehe hier:

        https://www.sourcewatch.org/index.php/Iran%E2%80%93Iraq%E2%80%93Syria_pipeline

        Weiter schreiben Sie: „Wie gesagt, ein Regime Wechsel war aus Pipeline Sicht gar nicht erforderlich, ob kurz oder lang.“

        Eben das steht weiterhin in Frage.

        Weiter schreiben Sie: „Die Taliban sagten damals (…), dass sie die Pipeline wollen.“

        So einfach ist es nicht. Wie in meinem Artikel beschrieben, drohten amerikanische Vertreter den Taliban in Zusammenhang mit den verzögerten Pipelineverhandlungen im Sommer 2001 mit Krieg.

        Ihr hartnäckiges Engagement hier im Forum in Ehren, aber die Annahme, Pipelines hätten bei den Kriegen in Afghanistan und in Syrien ÜBERHAUPT keine Rolle gespielt, erscheint mir doch als sehr steile These.

        Am Rande bemerkt: Ich erinnere mich, dass mir im Jahr 2003 ein Wissenschaftler, der damals für die CDU eine Studie zum Irakkonflikt verfasst hatte, lang und breit erklären wollte, dass der Krieg dort auf KEINEN Fall irgendetwas mit Öl zu tun habe. Das konnte er damals sehr wortreich erläutern. Daran erinnert mich Ihre Hartnäckigkeit jetzt etwas.

        Ich vertrete im Fall Afghanistan übrigens auch keine „Pipeline-Theorie“, wie Sie schreiben, sondern habe in meinem Artikel belegbare Fakten zusammengetragen, aus denen sich seriös schlussfolgern lässt, dass Pipelines für die Entscheidungsträger damals zwar nicht die einzige, aber doch eine wichtige Rolle gespielt haben.

        Und damit möchte ich es jetzt auch belassen. Es liegt mir fern, Sie hier persönlich von dieser Sicht überzeugen zu wollen. Behalten Sie gerne Ihre Sicht, damit habe ich kein Problem.

        Mit besten Grüßen,
        Paul Schreyer

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      10. Karl Zollmann

        Zusammengefasst:

        Für die Pipeline-Theorie in Syrien gibt es nicht einen einzigen Beleg, die Chronologie stimmt nicht, und es gab auch kein Iranisches Projekt nach Europa. Die alte Oelpipeline nach Irak und Syrien gibt es schon (die meinte ich), zusätzlich gab und gibt es Gasprojekte, aber nur zur regionalen Versorgung. Kein Kriegsgrund, wurde auch nie von jemandem behauptet.

        In Afghanistan wollten und wollen die Taliban die Pipeline. Das war kein Kriegsgrund. Die Verzögerungen ergaben sich aus zusätzlichen Forderungen der Amerikaner bezüglich Bin Laden und womöglich bezüglich eines Stützpunktes. Das lehnten die Taliban ab, deshalb gab es Krieg.

        Im Irak ging es auch nicht um Erdöl, wie Sie zu glauben scheinen. Das Oel gehört weiterhin dem Irak, die Lizenzen wurden weltweit fair verteilt, an die Russen, Chinesen, Franzosen usw., die alle gegen den Krieg waren. Die Förderbedingungen sind noch heute wesentlich schlechter als vor dem Krieg. Die Amerikaner oder Briten haben sich dort nichts „unter den Nagel gerissen“.

        Sie dürfen Ihre Meinung gerne behalten, aber Sie sollten einfach einsehen, dass es für diese Amateur-Theorie keinen einzigen Beleg gibt und dass sie aus Fachsicht auch nie Sinn machte. Wer solche Märchen dennoch weiterverbreitet macht sich unglaubwürdig. Und einfach zu sagen, „ok, es gibt zwar keine Belege und Argumente, aber ich glaube es trotzdem, es muss einfach so sein“, ist schlicht unprofessionell.

        Ich sehe auch gerade, dass Ihr eigener Beitrag die Pipeline-Theorie ja bereits widerlegt, denn sie zitieren Naik: „Hätten die Taliban die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit akzeptiert, hätten sie sofort internationale Wirtschaftshilfe erhalten. Und die Pipelines aus Kasachstan und Usbekistan über Afghanistan wären gebaut worden.“

        Genau wie ich sagte: Die Taliban wollten die Pipeline unbedingt, aber die USA knüpften sie an zusätzliche Bedingungen, politisch und sicher auch militärisch, das lehnten die Taliban ab, deshalb kam es zum Krieg. Für die Pipeline war das eine Katastrophe, nach 20 Jahren ist sie noch immer nicht in Betrieb.

        Einige Amateure drehten das Argument dann ja sogar um und sagten plötzlich, die Amerikaner wollten die Pipeline eben VERHINDERN! Es ist wirklich zum Lachen. Gegen alle Fakten wird an diesem Märchen festgehalten, wie ja auch in Syrien.

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  2. Fan

    Danke für diesen Beitrag. Ich war überrascht, zu sehen, wie offen und wie lange im Voraus über die militärischen Maßnahmen in Afghanistan von Seiten der USA nachgedacht wurde. Allerdings wäre es auch mekrwürdig, wenn so ein Einsatz ohne gründliche Planung angegangen würde.

    Was mich nach der Lektüre beschäftigt, ist, inwieweit Al-Qaida und die Taliban von den Angriffsplänen der USA wussten. Diese mehr oder weniger offene Bedrohung gibt Al-Qaida ein starkes Motiv, einen Schlag gegen die USA auszuführen. Und Al-Qaida deshalb als möglichen Verantwortlichen für die Anschläge vom 11.09.2001 in Betracht zu ziehen, halte ich, zumindest was das Motiv angeht, nicht für abwegig.

    Sind Ihnen von Al-Qaida Stellungnahmen vor dem 11.09.2001 bekannt, die auf einen Angriff gegen die USA hindeuten? Die USA wurden ja von mehreren Geheimdiensten vor dem 11.09. gewarnt, dass ein terroristischer Angriff bevorstünde. Ist auch bekannt, wen diese Geheimdienste als Angreifer benennen?

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    1. Paul Schreyer Autor

      Es gab in Afghanistan / Pakistan zumindest mit großer Wahrscheinlichkeit ein Vorwissen darüber, dass am 11. September 2001 etwas passieren würde, was die USA als Anlass für einen Krieg in der Region benutzen könnten – siehe der erfolgreiche Mordanschlag auf Schah Massud, den Führer der afghanischen Nordallianz am 9. September 2001.

      Meine eigene These zu den Hintergründen von 9/11 habe ich ausführlich hier dargelegt: https://paulschreyer.wordpress.com/2014/10/21/911-eine-andere-perspektive/

      Kurz gesagt: Ich halte es für denkbar, dass 9/11 von Al Qaida nicht als Selbstmordmission geplant war, sondern als konventionelle Flugzeugentführung, um einen Gefangenen in den USA freizupressen. Es existieren zahlreiche Indizien für diese Entführungspläne, die den Geheimdiensten der USA nicht verborgen blieben und von diesen, so die These, manipuliert wurden zu einer eigenen Mission, in der die Flugzeugentführer per Fernsteuerung selbst entführt wurden. Die Details dazu finden Sie im oben angegebenen Text.

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