Gegendarstellung zur Rezension im „Neuen Deutschland“

20. November 2018   —  Die Tageszeitung „Neues Deutschland“ hatte meine vorletzten beiden Bücher wohlwollend – und vor allem fair – rezensiert. Beim aktuellen Buch „Die Angst der Eliten“ ist es nun anders. Der Rezensent, Matthias Holland-Letz, ist Lesern dieses Blogs bereits bekannt. Es geht – mal wieder – darum, zu definieren was „links“ ist, nicht etwa links im Sinne der SPD der 1920er Jahre, sondern im Sinne des heutigen arrivierten Berliner Milieus, zwischen entkernter SPD, bürgerlichen Grünen und dem Kipping-Flügel der Linkspartei. Die Rezension verortet mich daher, wenig überraschend, auf der rechten Seite des Spektrums. Ich tarne mich quasi bloß als links, so die unterschwellige Botschaft. Solch ein Streit um Begriffe könnte fruchtbar sein, doch der Rezensent des „Neuen Deutschland“ verlegt sich leider von vornherein aufs Foul Play. Er zitiert mich ganz einfach sinnentstellend und falsch. Im Folgenden mein heutiges Schreiben dazu an die Redaktion.

Sehr geehrte Redaktion,

in der Ausgabe vom 20.11.2018 des „Neuen Deutschland“ ist auf Seite 14 eine Rezension meines Buches „Die Angst der Eliten“ veröffentlicht. In dem Text schreibt der Autor Matthias Holland-Letz, ich würde unter dem Mantel linker Thesen versuchen, „Anschlussfähigkeit für Rechte“ herzustellen. In der Überschrift behauptet er, ich verbreite „rechtspopulistische Sichtweisen“. Der Autor versucht, diese rufschädigende Bewertung durch Textstellen aus meinem Buch zu belegen, reißt dabei jedoch einzelne Zitate in sinnentstellender Weise aus dem Zusammenhang. Zum Teil zitiert er direkt falsch. Im Einzelnen stelle ich das weiter unten dar.

Ich möchte Sie hiermit auffordern, dieses Schreiben im Rahmen einer Gegendarstellung in Ihrer Zeitung zu veröffentlichen, sowohl in der Printausgabe als auch gut sichtbar in der Online-Version des Textes. Diese Aufforderung erhalten Sie hiermit vorab per E-Mail. Sie wird in Briefform nachgereicht.

Matthias Holland-Letz schreibt:

„Noch mehr ist ihm (Schreyer; Anmerkung P.S.) der (Applaus der neuen Rechten; Anmerkung P.S.) bei einer anderen Aussage sicher: ‚Zwar begingen nicht nur Deutsche im Zweiten Weltkrieg gigantische Kriegsverbrechen, sondern auch Churchills Briten, die Dresden bombardierten und dort im Februar 1945 innerhalb weniger Stunden zehntausende Einwohner und Flüchtlinge ermordeten, oder die USA mit ihren menschenverachtenden Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki, sowie den Brandbombenangriffen auf Tokio und weitere Städte, bei denen in geplanter Weise hunderttausende Zivilisten starben.’“

Der vom Rezensenten verschwiegene Kontext des Zitates in meinem Buch lautet so:

S. 102f: „Bei einigen Aussagen von AfD-Fraktionschef Alexander Gauland weht einem der Geist der damaligen Zeit (der 1930er Jahre; Anmerkung P.S.) noch heute entgegen. (…) Mit Blick auf die Geschichte beschwor Gauland (…) feierlich ‚die Dominanz deutscher Kultur und deutscher Sprache in Europa‘ sowie ‚das Recht, stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen‘. Schließlich seien die Briten ja auch ‚zu Recht‘ stolz auf Churchill, so Gauland.

Doch was ist das für eine Logik? Zwar begingen nicht nur Deutsche im Zweiten Weltkrieg gigantische Kriegsverbrechen, sondern auch Churchills Briten, die Dresden bombardierten und dort im Februar 1945 innerhalb weniger Stunden zehntausende Einwohner und Flüchtlinge ermordeten, oder die USA mit ihren menschenverachtenden Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki, sowie den Brandbombenangriffen auf Tokio und weitere Städte, bei denen in geplanter Weise hunderttausende Zivilisten starben. Doch was folgt daraus? Sollen Deutsche nun auf die ‚eigenen‘ Verbrecher genau so stolz sein, wie andere Nationen auf ‚ihre‘ Massenmörder?

Gauland und Weidel stehen für eine Partei, die sich zum Imperialismus nationaler Prägung bekennt. Den sechs Millionen AfD-Wählern nützt das nichts – im Gegenteil. Doch die Feindbilder Islam und Flüchtlinge überdecken diesen Widerspruch und schweißen zusammen.“

Wie sich mit dieser Passage Applaus bei der AfD oder Rechten überhaupt sammeln ließe, geschweige denn, was daran „rechtspopulistisch“ sei, ist sachlich nicht ersichtlich. Im Gegenteil wird insbesondere die AfD hier scharf kritisiert. Der Rezensent verzerrt meinen Text durch die Auslassung sinnentstellend.

Weiter schreibt Holland-Letz:

„Anschlussfähigkeit für Rechte herzustellen, das versucht Autor Schreyer offenbar auch bei seinen historischen Ausflügen. Stichwort Zweiter Weltkrieg. Paul Schreyer nennt ihn ‚Konkurrenzkampf zwischen den Eigentümereliten verschiedener Nationen‘. Die ‚politischen Kriegsziele‘ seien ’sowohl in den USA wie auch in Deutschland von kleinen privaten Gruppen aus der Oberschicht bestimmt‘ worden. (…) Applaus der neuen Rechten scheint da unausweichlich.“

Der von Holland-Letz verschwiegene Kontext des Zitates in meinem Buch macht deutlich, dass ich mich hier auf historische Fakten beziehe und keine reine Meinung äußere:

S. 112 f: „Die protokollierten internen Beratungen in den Gremien des Council on Foreign Relations und des US-Außenministeriums zeigen klar, dass man Hitler sehr wohl hätte gewähren lassen, wenn denn die wirtschaftlichen Kennzahlen aus Sicht der Wall Street passend gewesen wären und die US-Elite neben einem großem Nazi-Reich noch genügend ‚Ellenbogenfreiheit‘ (ein Originalbegriff aus den Council-Beratungen) für sich gesehen hätte, um auch ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Der Kriegseintritt wurde für Amerika erst durch die Maßlosigkeit der deutschen und der japanischen Expansion nötig, welche die eigene wirtschaftliche Ausdehnung in der Zukunft zu sehr behindert hätte – so die Analyse der Planer.

Der Zweite Weltkrieg erscheint in diesem Licht als Konkurrenzkampf zwischen Eigentümereliten verschiedener Nationen, der den jeweiligen Völkern auf allen Seiten als hochmoralische Notwendigkeit verkauft wurde, in dem die politischen Kriegsziele aber sowohl in den USA wie auch in Deutschland von kleinen privaten Gruppen aus der Oberschicht bestimmt wurden.“

Weiterhin zitiert Holland-Letz in seiner Rezension falsch, ich würde befürchten, dass Terrorangst und der Streit um die Zuwanderung das Potenzial hätten, eine Diskussion über Gleichheit und Gerechtigkeit „zu verderben“. Stattdessen hatte ich „zu verdecken“ geschrieben. Die Originalpassage lautet:

S. 158: „Die heutige Terrorangst und der Streit um die Zuwanderung haben ebenfalls das Potenzial, die Gesellschaft über Jahrzehnte zu beschäftigen, sie in neue, politisch lenkbare, ’nützliche‘ Fronten zu treiben und eine Diskussion über Gleichheit und Gerechtigkeit für lange Zeit zu verdecken und lahmzulegen.“

PS: Diese Aufforderung zur Gegendarstellung wird zeitgleich auf meinem Blog veröffentlicht.

Mit freundlichen Grüßen,
Paul Schreyer

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6 Gedanken zu „Gegendarstellung zur Rezension im „Neuen Deutschland“

  1. Yossarian

    Wow, das ist kein kleiner Ausrutscher, sondern tatsächlich eine absolute Frechheit. Da kann man tatsächlich nur Absicht unterstellen. Was ein Schmierenjournalismus, traurig! :/

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    Antwort
  2. marie

    in zeiten, wo die FAZ „erkennt“, dass bertold brecht eigentlich ein revanchist war

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/brecht-und-das-kaiserreich-war-er-nicht-vielmehr-antirevolutionaer-15894506.html

    + nicht „erkennen“ WILL, in welche richtung die syrer fahren

    https://www.rubikon.news/artikel/die-bild-lugner

    gibt es eine klartextansage aus österreich: die kritische intelligenz wird aus dem (linken) lager verbannt bzw. jede kritik freiwillig und (fast) ALLEIN den rechten überlassen. wer nicht als rechts diffamiert werden will, möge sich in unkritischen lobhudeleien üben (um ein guter mensch zu sein dürfen) … leider sitzt die intelligenz in deutschland rechts – entweder aus überzeugung oder durch diffamierung dorthin abgeschoben … immerhin hoffe ich mal, dass ihnen die geistige nähe zu bertold brecht oder auch sahra wagenknecht erträglicher ist, denn

    „dass Europa in nationale Missgunst abdriftete, fleißige Nordländer gegen faule Südländer und wie diese Karikaturen alle hießen, dafür, wir erinnern uns, brauchte es gar keine Rechtspopulisten. Und all das soll nicht mehr kritisiert werden? All das soll jetzt verteidigt werden, weil ja jetzt die Rechten Europa angreifen? “

    https://www.deutschlandfunkkultur.de/reaktion-auf-rechtspopulismus-zur-verteidigung-europas.1005.de.html?dram:article_id=433585

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  3. Karsten Montag

    Lieber Herr Schreyer,

    was ich an Ihrer Berichterstattung und Ihren Veröffentlichungen schätze, ist die Nähe zu den Fakten sowie Ihre neutrale und unabhängige Haltung. Im Gegensatz zu der überwiegenden Mehrheit der im Journalismus Tätigen basiert Ihre Arbeit auf Recherche und Nutzung des gesunden Menschenverstandes und nicht auf dem Abschreiben von Pressemitteilungen sowie Meldungen von Nachrichtenagenturen und auch nicht auf der Wiederholung von Meinungen, die andere bereits zuhauf formuliert haben und die sich der politischen Ausrichtung der Eigentümer eines Mediums anbiedern.

    Journalismus sollte Aufklärung mittels Darstellung der Fakten sein, so dass sich der Mediennutzer eine eigene Meinung bilden kann. Das gilt insbesondere für die Politik. Eine Vermittlung der eigenen politischen Überzeugung über Kommentare, in denen die Fakten verzerrt oder gar verdreht werden, ist politische Propaganda und kein Journalismus.

    Diese ethische Ausrichtung des Journalismusberufs findet man auch im deutschen Pressekodex wieder. Auszug aus der Präambel: „Verleger, Herausgeber und Journalisten müssen sich bei ihrer Arbeit der Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit und ihrer Verpflichtung für das Ansehen der Presse bewusst sein. Sie nehmen ihre publizistische Aufgabe fair, nach bestem Wissen und Gewissen, unbeeinflusst von persönlichen Interessen und sachfremden Beweggründen wahr.“ Auszug aus Ziffer 1: „Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse. Jede in der Presse tätige Person wahrt auf dieser Grundlage das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien.“

    Auf den Berufsethos bezugnehmend ist es richtig, dass Sie die Redaktion des Neuen Deutschland auf die Verfehlungen in der Rezension hinweisen.

    Freundliche Grüße

    Karsten Montag

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