Enthüllte Spiegel-Fakes: „Geschichten, die wenig Arbeit und viel Freude machen“

Spiegel-Gebäude

20. Dezember 2018   —   Der Spiegel-Reporter Claas Relotius hat jahrelang Reportagen verfasst, die, wie der Spiegel nun einräumt, zum großen Teil frei erfunden waren. Es ging um Syrien, um Trump-Wähler etc. Der Reporter ergänzte seine Geschichten dabei äußerst fantasievoll und sprachmächtig immer so, dass die Erwartungen der Redaktion erfüllt wurden und sich die gängige, „amtliche“ Sicht auf das jeweilige politische Thema bestätigte. Pointe dabei: Der Reporter sammelte mit diesen Fakes jahrelang die angesehensten Journalistenpreise ein. Für den Spiegel und die Leitmedien insgesamt ist der Fall damit ein Super-GAU.

Gestern äußerte sich Ulrich Fichtner aus der Spiegel-Chefredaktion zu dem Vorfall. Er versucht zu analysieren, weshalb die Fantasiegeschichten so lange kein Misstrauen in der Redaktion weckten und meint:

„Es gehört zur Grundausstattung des Menschen, im Umgang mit Wahrheit und Wahrscheinlichkeit erstaunlich großzügig zu sein, solange kein Grund zum Zweifeln besteht. Dann ist die Bereitschaft, noch die unglaublichsten Geschichten für wahr zu halten, solange sie nur plausibel wirken, ziemlich grenzenlos.“

„Plausibel“ ist hier zu übersetzen als „im Einklang mit den herrschenden Vorstellungen“. Und genau da liegt der Hund begraben. Der Spiegel beleuchtet unfreiwillig seine eigene bequeme Filterblase: Man will bestätigt werden, hat es ja sowieso immer schon gewusst. Trump-Wähler sind weltfremde Hinterwäldler, in Syrien opfert Assad rücksichtslos die Zivilbevölkerung und so weiter. Fichtner:

„Als Redakteur, als Ressortleiter, der solche Texte frisch bekommt, spürt man zuerst nicht Zweifeln nach, sondern freut sich über die gute Ware. Es geht um eine Beurteilung nach handwerklichen Kriterien, um Dramaturgie, um stimmige Sprachbilder, es geht nicht um die Frage: Stimmt das alles überhaupt? Und dieser Relotius liefert immer wieder hervorragende Geschichten, die wenig Arbeit und viel Freude machen.“

Der Spiegel-Chef spricht hier erfreulichen Klartext. Geschichten, die „wenig Arbeit und viel Freude machen“, das sind schlicht und einfach Stories, mit denen man in etablierten Kreisen nicht aneckt – also so ungefähr das Gegenteil von Journalismus.

Der Spiegel verdankt die Enttarnung der Lügenstories dabei dem eigenen Mitarbeiter Juan Moreno und es ist lehrreich, dass den Zweifeln dieses Mitarbeiters zunächst niemand im Haus glauben wollte. Fichtner:

„Es ist Juan Moreno, der gegen alle Widerstände nicht locker lässt, recherchiert, antreibt, und an seine Fakten glaubt. Leicht ist das nicht für ihn. Anfangs rennt er gegen Wände, wie ein Whistleblower, dem erst nicht geglaubt wird, weil seine Wahrheiten so unbequem sind.“

Spiegel-Chef Fichtner, der nun den Ruf des Blattes zu retten versucht, ist im Zusammenhang mit „unbequemen Wahrheiten“ selbst eine schillernde Schlüsselfigur. Im Oktober 2002 verfasste er im Spiegel die erste Abrechnung mit „9/11-Verschwörungstheorikern“, ein ebenso selbstgewisser wie ahnungsloser Text, dessen Tonfall und Argumente in den folgenden Jahren dutzendfach von den Leitmedien aufgegriffen wurden:

„Spinner? Aufklärer? Unbelehrbare? Verschwörungstheoretiker sehen die CIA, den Mossad oder andere Dienste in die Anschläge des 11. September verwickelt. Besonders deutschen Intellektuellen passen solche Theorien in die antiamerikanische Weltanschauung. (…)

Die Netzwerker, sie ahnen nichts von der Höllenkraft der Physik (…) Sie wollen es nicht wissen. Sie wollen an Legenden stricken. Wichtig sein im Cyberspace. Punkte sammeln im größten Computerspiel aller Zeiten, im verzwicktesten Rätselraten seit der Ermordung John F. Kennedys. Seit Pearl Harbor. Dabei bauen sie sich ihr eigenes Googlegate.

Widersprüche lösen sich auf in einem System endloser Querverweise, in dem alles mit allem zusammenhängt und in dem entweder alles stimmen muss – oder gar nichts stimmen kann. Unmöglich etwa, im Detail gegen eine These wie diese zu argumentieren: dass die ‚geopolitischen Schachmeister‘ im Weißen Haus und im Pentagon ‚zwei Türme‘ geopfert hätten, um auf lange Sicht besser dazustehen im Kampf um die ‚globale Vorherrschaft‘. So etwas glaubt man – oder man lässt es lieber.“

Fichtner entschied sich für Letzteres und hat mit dieser Entscheidung seiner weiteren Karriere nicht geschadet. In einem vom WDR moderierten Streitgespräch mit Mathias Bröckers bekräftigte er Ende 2002:

„Wer nicht zur Kenntnis nehmen will, dass eine terroristische Bande diese Anschläge ausgeführt hat, sondern dass es dahinter böse Mächte geben muß, (…) verweigert sich einem wesentlichen neuen Gedanken, der jetzt in der Welt ist, nämlich dass wir uns dieser Gefahr ausgesetzt sehen und verfehlt dann künftig die Wirklichkeit.“

Dass gerade über dem Spiegel, der sich, was 9/11 angeht, vor allem als unkritisches Verlautbarungsorgan von Regierungen und Geheimdiensten verdingte, nun das Kartenhaus solcher Art von fiktionaler „Wirklichkeit“ zusammenbricht, scheint nur gerecht.

(Bild: Dennis Siebert / CC BY-SA-3.0)

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4 Gedanken zu „Enthüllte Spiegel-Fakes: „Geschichten, die wenig Arbeit und viel Freude machen“

  1. stephangeue

    Die Buße des Spiegels war so wortreich und edel, dass man sicher sein kann: Das Magazin kann gegenwärtig gar nicht anders, als seinen beiden Widerstreitern Relotius und Moreno Kränze zu winden, Relotius natürlich nur im stillen Kämmerlein, aber der hat seine Preise ja ohnehin schon dahin.

    Was konnte dem Spiegel Besseres passieren als eine so schillernde Aufdeckung dessen, was unter Menschen unvermeidlich ist, weil doch immer mal wieder ein herausragend Eitler dabei ist? Da hat jemand nicht „gesagt, was ist“, und er hat es auf eine so harmlose Weise getan, hat seine Protagonisten traurige Lieder pfeifen lassen, dass man Augstein auferstehen lassen und den Augiasstell reinigen lassen konnte, auf dass man unbefleckter denn je strahlen könne.

    Soll doch künftig niemand mehr den Spiegel in die Nähe von Lücken- oder gar Lügenpresse rücken.

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  2. "Claas Relotius" als Synonym für weite Teile der Mainstream-Medien (MSM)

    Irgendwo hat heute jemand darauf hingewiesen, dass man im Grunde in all den Berichten über die Lügen und Betrügereien dieses (jetzt: ehemaligen) Spiegel-Reporters Claas Relotius dessen Name meist 1 : 1 austauschen könne gegen die Formulierung „Weite Teile der Mainstream-Medien.“

    Probieren Sie das ruhig mal aus. Und? Ist was dran? 😉

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  3. Tobi

    Nächste Spiegel-Coverstory: Relotius war Putin-Agent, der das Vertrauen ins deutsche Mediensystem zerstören sollte!!! Eine typische FSB „active measure“!! :-))

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  4. gunst01

    Herlich dieser Claas. Sein Name ist die Kurzform von Nikolaus und der hat ja immer allerlei Bescherungen in seinem Sack. Auch das französische reloger, unterbringen, das aus seinem Namen scheint, erinnert ja an seine famoses Arbeit Geschichten unterzujubeln. Wer glaubt da wohl noch an einen Zufall?.

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