Die Tagesschau und ihre „Faktenfinder“

4. Mai 2017   —   Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-aktuell, hat sich zum ersten Mal in diesem Jahr auf dem Redaktionsblog der Tagesschau zu Wort gemeldet. Der Anlass: „Ein Monat Faktenfinder bei der Tagesschau“.

Man erinnert sich: Die ARD startete Anfang April neben ihrem regulären Tagesschau-Webportal eine weitere Nachrichtenseite, die fortan „Fake News“ aufdecken wollte. Zur Gründung hieß es: „Wir wollen herausfinden, wie groß das Phänomen Fake News in Deutschland tatsächlich ist.“ Und weiter:

„Wenn wir mutmaßliche Fake News identifiziert haben, prüfen wir die Relevanz: Müssen wir die jeweilige Falschmeldung wirklich thematisieren? Oder tragen wir dazu erst zur Verbreitung bei? Dabei soll es aber nicht bleiben: Denn die Recherche, das Prüfen der Relevanz – das ist alles journalistisches Handwerk.“

Schon damals fragte man sich, wieso es für Relevanzprüfung und Recherche eigentlich eines separaten Portals bedurfte. Beides sollte doch der Standard für ein seriöses Medium sein. Gniffke meint dazu in seiner aktuellen Zwischenbilanz:

„Geschichten, die auf den ersten Blick falsch oder irrelevant erscheinen, landen bei uns normalerweise im Papierkorb. Nun aber klopfen wir solche Stories darauf ab, ob sie – verstärkt durch soziale Medien und/oder bots – das Potenzial haben, den öffentlichen Diskurs zu beeinflussen.“

Das Problem dabei: Offenbar sind vom Russen und anderen finsteren Mächten lancierte „Fake News“ doch weitaus seltener als gedacht. Womit nun also die neue Seite füllen? Ganz einfach: Mit allem, was aktuell im Netz kursiert und von der Mainstreamlinie abweicht. Natürlich lassen sich Abweichungen oder andere Perspektiven nicht automatisch als „Fake“ einstufen. Und genau da gerät der Faktenfinder denn auch ins Stolpern und wird eher zu einer grotesken Konformismusmaschine: „Störende“ Abweichler werden benannt und ausgesondert. Während die Kritik an den Leitmedien nicht abreißt, schließt der Mainstream seine Reihen nur noch enger und feuert aus der eigenen Wagenburg auf alles, was sich nähert. Nochmals Gniffke:

„Das bedeutet Mehraufwand. Deshalb gibt es bei ARD-aktuell täglich vier zusätzliche Schichten für die intensive Recherche von mutmaßlichen Falschinformationen.“

Klingt gut, wenn man denn tatsächlich unparteiisch und auch wirklich bloß gegen nachweisliche Falschmeldungen vorginge. Doch das ist leider nicht der Fall, wie zuletzt exemplarisch der Umgang mit den NachDenkSeiten oder Michael Lüders zeigte. In beiden Fällen werden abweichende, NATO-kritische Stimmen als tendenziell unseriös dargestellt. Es geht offenkundig ums Ausgrenzen. Nochmals Gniffke in seiner Zwischenbilanz zum Faktenfinder:

„Es erscheint fast zu banal, um wahr zu sein: Gib einem Redaktionsteam die Zeit und den Raum für gründliche Recherche, und du erntest verdammt guten Journalismus.“

In Puncto Eigenlob ist man auf jeden Fall schon Weltklasse. Ob das reicht? Wenn ein gebührenfinanziertes Nachrichtenportal, statt tatsächliche Falschmeldungen aufzudecken und einseitige Berichterstattung anzuprangern, vor allen Dingen auf Andersdenkende außerhalb der eigenen Filterblase „schießt“, dann wird es seltsam. Abschließend Gniffke:

„Ende des (Wahl-) Jahres wollen wir bilanzieren, ob sich die Faktenfinder bewährt haben oder ob wir mit Kanonen auf Spatzen geschossen haben.“

Wenn die Spatzen in diesem Bild für eine legitime Opposition und kritische Perspektiven stehen, dann sollte das Feuer dringend eingestellt werden – im Interesse der eigenen Glaubwürdigkeit.

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3 Gedanken zu „Die Tagesschau und ihre „Faktenfinder“

  1. marie

    alles gut auf den punkt gebracht. doch selbst wenn die kritik an den ör medien in alternativem medien zerlegt und sogar kriminalisiert werden soll, gibt es eine zunehmende wachsende anzahl der menschen im land, die auf kommentarspalten und als kaufverweigerer die tendenz des wachsenden mißtrauens ganz klar anzeigen. ebenso wächst diese bei menschen, die im abseits der medialen wahrnehmung sich sehr wohl ihre meinung bilden. mein eindruck ist, dass die lächerlichkeit immer zielgenauer an den nackten könig erinnert, also die chance in der arroganten selbstüberschätzung besteht und die wahrscheinlichkeit von fehlern so massiv zunimmt, das es zu einer selbstentarnung gar nicht mehr so weit ist …

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    1. Paul Schreyer Autor

      Ich habe den Eindruck, der Text träfe dort auf wenig Interesse. Vor einem Jahr sandte ich mal eine Anfrage an Herrn Gniffke wegen einer offenkundigen Falschdarstellung in der Tagesschau sowie eines von ihm persönlich geschriebenen Kommentars, der „Fake News“ enthielt. Die E-Mail wurde seinerzeit nicht beantwortet.

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