Auf dem Weg in die Kleptokratie

Machtbeben von Dirk Mueller

30. August 2018   —   Als Kleptokratie bezeichnet man eine Staatsform in der die Plünderer, die Diebe über die Gesellschaft herrschen. Es ist die Steigerungsform der Plutokratie, der Herrschaft der Reichen. Die Übergänge sind fließend und laut dem Börsenmakler und Buchautoren Dirk Müller („Mr. Dax“) sind wir inzwischen schon ein gutes Stück auf dem Weg vorangekommen. Müller, bekannt sowohl für seinen ökonomischen Sachverstand wie für seinen politischen Klartext, hat diese Woche ein neues Buch vorgelegt, in dem er diese These nicht nur anschaulich belegt, sondern zudem eine Fülle brisanter Informationen zusammenträgt.

Müller Machtbeben Cover 2Ich habe bislang die ersten hundert Seiten seines Buches „Machtbeben“ gelesen und nach dieser Lektüre kann ich das Werk, das dieser Tage auf Platz 7 der Spiegel-Bestsellerliste eingestiegen ist, nur jedem empfehlen. Von besonderem Interesse war für mich Kapitel 2, im Grunde ein 50-seitiges „Buch im Buch“, betitelt mit der Überschrift „Die Macht der Plutokraten“. Hier kommt der Autor zu ganz ähnlichen Analyseergebnissen wie ich in meinem Buch „Die Angst der Eliten“.

Bei einer so deprimierenden Diagnose stellt sich die Frage nach möglichen Auswegen und hier gibt der Autor eine fast schon philosophische Antwort: „Widerstand beginnt mit Achtsamkeit und Respekt, nur gemeinsam sind wir stark“. Müller betont, dass das derzeitige System seine Macht auf einer immer weiter vorangetriebenen Spaltung der Menschen begründe, wogegen jeder im Kleinen, in seinem persönlichen Umfeld eine ganze Menge ausrichten könne. Es ist dies für ihn auch eine der Lehren aus dem weitgehenden Scheitern von organisierten Widerstandsbewegungen wie Occupy.

Anonyme Einschüchterungsversuche

In diesem Zusammenhang erinnert er an Wolfram Siener. Der damals 20-jährige hatte im Oktober 2011, auf dem Höhepunkt der Occupy-Bewegung, medial Furore gemacht. In der ZDF-Talksendung von Maybrit Illner stahl er damals den versammelten Politprofis die Show und ging den anwesenden Vertreter des Bankenverbandes frontal an:

Danach stürzten sich die großen Medien auf ihn, durchaus mit Sympathie. Im Spiegel hieß es, Siener „bewege“ die Menschen, „weil seine Wut aufrichtig erscheint“. Er sei der „Hoffnungsträger der Generation Occupy“:

„Man kauft ihm die Rolle des Revolutionsführers gerne ab. Weil seine Wut ehrlich wirkt. Weil er sich so aufrichtig über die kaputte Welt empört, dass es plötzlich nicht mehr naiv wirkt, das zu tun. Weil man ihm abkauft, dass es ihm wirklich um die Sache geht und nicht nur darum, ins Fernsehen zu kommen. Am Samstag rissen sich die TV-Teams trotzdem um ihn: Tagesschau, Sat1, ZDF. Dutzende Male erklärt er ihnen in seinem schnellen, gepressten Duktus seine Vision. ‚Es geht um direkte Demokratie‘, sagt er, ‚darum, dass die Bürger sich das Wirtschaftssystem nach ihren Vorstellungen formen und nicht umgekehrt.‘ Verwirklichen sollen diese Vision nicht Parteien, sondern die Bürger selbst: im Internet.“

Viele waren voll des Lobes für den jungen Mann, der eloquent das aussprach, was die meisten fühlten: Das (Geld-)System lenkt die Bürger und nicht umgekehrt. Doch wenig später tauchte Siener ab, verschwand von der Bildfläche, äußerte sich nicht mehr öffentlich. Was war passiert, hatte sich ein junger Mann da vielleicht einfach übernommen?

An die beunruhigende, wenig bekannte Wahrheit erinnert nun Dirk Müller in seinem neuen Buch. Eine Mitarbeiterin Müllers hatte 2013, also zwei Jahre später, Siener erneut interviewt und dabei erfahren, dass der 20-jährige auf dem Höhepunkt seiner Popularität massive Todesdrohungen erhalten hatte, am Telefon, und zwar regelmäßig und über Wochen hinweg:

Solche Einschüchterungsversuche sind tatsächlich häufiger, als viele glauben mögen. Ein mir bekannter Geisteswissenschaftler, der kaum in der Öffentlichkeit steht, und vor einiger Zeit als Referent an einer wissenschaftlichen Tagung teilnahm, in der es auch um Herrschaftskritik ging, berichtete mir vertraulich, dass er am Tag seines Auftritts einen Anruf erhalten hatte, in dem ihm der Mitschnitts eines gerade von ihm geführten privates Telefongesprächs mit einem Familienmitglied nochmals abgespielt wurde. Die Botschaft war kaum misszuverstehen: Wir beobachten Dich, pass auf, was Du gerade tust. Diese Methode schilderte im vergangenen Jahr auch ein CIA-Whistleblower, dem das gleiche passiert war. So etwas scheint zum Standardrepertoire zu gehören.

Gegen solche Einschüchterungsversuche hilft nur Transparenz. Dass Dirk Müller diesen Vorgang nun noch einmal in einem Bestseller hervorhebt, kann daher nur dabei helfen, die wirkenden Kräfte und Methoden vielen Menschen noch bekannter zu machen.

Demokratie als Fassade

In seinem Kapitel über die Plutokraten zitiert Müller mehrfach den adligen Vordenker Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi (1894-1972), der bereits in den 1920er Jahren für eine europäische Einigung geworben hatte, mit erheblicher finanzieller Unterstützung durch die Großindustrie. Er gehörte zur obersten Elite der Gesellschaft und war 1950 der erste Träger des Karlspreises, welcher seither vor allem an Staatsführer und Spitzenpolitiker verliehen wird. In seinem 1925 erschienenen Buch „Praktischer Idealismus“ kam Coudenhove-Kalergi dabei zu Schlussfolgerungen (S. 39f), die zeitlos aktuell sind und die Dirk Müller nun zitiert:

„Heute ist Demokratie Fassade der Plutokratie: weil die Völker nackte Plutokratie nicht dulden würden, wird ihnen die nominelle Macht überlassen, während die faktische Macht in den Händen der Plutokraten ruht. In republikanischen wie in monarchischen Demokratien sind die Staatsmänner Marionetten, die Kapitalisten Drahtzieher: sie diktieren die Richtlinien der Politik, sie beherrschen durch Ankauf der öffentlichen Meinung die Wähler, durch geschäftliche und gesellschaftliche Beziehungen die Minister. An die Stelle der feudalen Gesellschaftsstruktur ist die plutokratische getreten: nicht mehr die Geburt ist maßgebend für die soziale Stellung, sondern das Einkommen. Die Plutokratie von heute ist mächtiger als die Aristokratie von gestern: denn niemand steht über ihr als der Staat, der ihr Werkzeug und Helfershelfer ist.“

„Die Klasse, die heute herrscht“, so Coudenhove-Kalergi, „ist bar allen Verantwortungsgefühles, aller Kultur und Tradition“. Ein Zufall, dass im selben Jahr, in dem diese Worte veröffentlicht wurden, 1925, die SPD ihr radikales Heidelberger Programm beschloss? In diesem Grundsatzprogramm, das über 30 Jahre lang, bis 1959 gelten sollte, hatte der Philosoph Karl Kautsky die entscheidenden Passagen formuliert:

„Die Beherrscher der entscheidenden Großbanken und der entscheidenden Monopole schweißen industrielles und Bankenkapital immer mehr zu einer höheren Einheit zusammen, dem sogenannten Finanzkapital. Dank ihm wird das ganze ökonomische und politische Getriebe im Staate der Botmäßigkeit einiger weniger Finanzmagnaten unterworfen. (…) Ihre Herrschaft ist weniger beschränkt als die der noch übrigbleibenden Monarchen in Europa. (…) Diesen Monopolen gegenüber gibt es nur eine Alternative: Entweder die Gesellschaft fügt sich ihnen und lässt sich von ihnen unterjochen, oder sie bemächtigt sich ihrer. Das letztere wird eine dringende Forderung nicht bloß der von ihnen beschäftigten Arbeiter, sondern der ganzen Gesellschaft.“

Womit wir wieder bei „Occupy“ wären, und den Versuchen, aus der Dunkelheit heraus solche Initiativen – und überhaupt jede ernsthafte Änderung am System – schon in ihren Ansätzen zu verhindern. Man darf gespannt sein, wie die „Aufstehen“-Bewegung, die kommende Woche, am 4. September, offiziell starten soll, noch medial und anderweitig in die Zange genommen werden wird.

(Foto: Verlag)

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3 Gedanken zu „Auf dem Weg in die Kleptokratie

  1. Hoffmann

    Es ist eigentlich traurig, daß selbst sog. Intellektuelle noch immer NICHTS verstanden haben. Mißstände werden seit Jahren aufgezeigt, doch keiner der Fans der sogenannten bürgerlichen „Demokratie“ (die doch in Wahrheit nur die Herrschaft der 0,1% ist), von Gemeinwohl-Utopisten u.a. erkennen das wahre Problem. Obwohl dies doch spätestens seit Marx bekannt ist. Warum dieser Autismus bei Mausfeld, Ganser, Dirk Müller, Schreyer, Albrecht Müller, Berger, Jebsen und wie sie alle heißen? Ist es die Unfähigkeit, zu verstehen? Die Angst vor Jobverlust? Noch größerer Hetze der MSM gegen sie? Oder hat die Gehirnwäsche gegen den Kommunismus u. Sozialismus, dem auch sie seit der Schule ausgesetzt waren so zugesetzt, daß diese Denkblockade so fest sitzt?

    Für all diejenigen die sich trauen weiter zu denken: Erich Honecker zur Diktatur des Proletariats, ab 0:40min Die arbeitende Klasse hat den historischen Auftrag die kommunistische/sozialistische Gesellschaft zu errichten und dafür MUSS sie ihre Macht fest in der Hand haben. Die Macht ist das ALLERERSTE…Die Diktatur des Proletariats ist die höchste Form der Demokratie.

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  2. Bernhard Meyer

    Danke für den Artikel! Werde das Buch lesen. Das zweite Video von 2013 hat mich sehr beeindruckt. Wie klarsichtig und eloquent! Eine Art me-too-Bewegung in der Psychoterror-Sache wäre … ? na, wohl eher unwahrscheinlich.

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  3. mottnick

    Die beklagten Zustände sind Referenzen des Systems, in dem wir uns aufhalten, das wir nutzen und das uns benutzt.
    Dieses System ist Repräsentant eines Paradigmas.
    Um also eine gewünschte Veränderung herbei zu führen ist es unerlässlich einen Paradigmenwechsel vorzunehmen.
    Aber keines der Bücher, Referate, Videos zum Thema greift ernsthaft und plausibel die Frage auf, wie so ein Paradigmenwechsel überhaupt vor sich geht, was dafür benötigt wird und wie das dafür Nötige beschafft werden kann, respektive wie dies alles sich organisiert angesichts einer zersplitterten Gesellschaft, die, solange sie eben in diesem Paradigma verharrt, weiterhin Opfer bleibt und keine Tatkraft entfalten kann?!
    Ein Paradigmenwechsel bedeutet ja weitaus mehr als nur ‚Reformen‘ oder ein Verschiebepuzzle der Macht innerhalb dieses Systems?
    Ein Paradigmenwechsel bedeutet die VÖLLIGE Aufgabe des alten Systems und fordert damit eine nicht geringe Opferbereitschaft auf Seiten der Veränderungswilligen.
    Aufklärung, Information, Transparenz und all dies macht ja grundsätzlich durchaus Sinn, ist aber kein Selbstläufer.
    Treibstoff macht auch grundsätzlich Sinn, nützt aber auf dem Fahrrad nichts.
    Das geistige Strampeln um Fortschritte zu erzeugen will gelernt sein, es will motiviert sein (extrinsisch oder intrinsisch ist dabei egal) und es braucht eine Streckenkarte zur Zielsetzung und Orientierung unterwegs.
    Damit also die Leute sich aufs geistige Fahrrad setzen und gen neue Gestade strampeln und alles Alte hinter sich lassen, braucht es einen verheißungsvolleren Zielort und eine plausible Streckenführung, die zu bewältigen sich auch genügend ‚Fahrrardfahrer‘ zutrauen!?
    Eine pauschalisiert feil gebotene ‚bessere‘ Welt etc. reicht da nicht, da sich darunter ja alles Mögliche vorstellen lässt, wovon das meiste aber untereinander nicht kompatibel ist.
    Und exakt da schweigen nicht nur die Lämmer, sondern auch die intellektuellen Wölfe…

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